Online-Musiktauschbörse Napster bildet strategische Allianz mit Mediengigant Bertelsmann

Von Mike Ingram
9. November 2000

Eine Ankündigung am 31. Oktober ließ Licht am Ende des Tunnels für die bedrängte Internet-Firma Napster erblicken. Während die gerichtlichen Verfahren gegen Napster noch laufen, hat die Firma eine strategische Allianz mit dem Medienkonzern Bertelsmann bekannt gegeben.

Einer Pressemeldung der Bertelsmann AG zufolge haben die neue Bertelsmann eCommerce Group (BeCG) und Napster ein neues Geschäftsmodell entwickelt, welches "einerseits den bekannten Bedienkomfort bei der Nutzung von Napster garantiert und gleichzeitig sicherstellt, dass Tantiemenzahlungen an Rechteinhaber wie Künstler, Autoren und Plattenlabels künftig gewährleistet werden".

Wenn Napster einen neuen Abonnement-basierten Musikservice eingerichtet hat, will die Musikabteilung des Medienriesen, die Bertelsmann Music Group (BMG) ihre Klage gegen Napster zurückziehen und dessen kompletten digitalisierten Musikkatalog zugänglich machen.

Eine Erklärung auf der Napster-Website versichert den Nutzern: "Es wird immer einen aus Werbezwecken freien Filesharing-Bereich bei Napster geben" (Filesharing = Dateiaustausch). Sie fährt dann aber fort: "Seit Monaten haben wir daran gearbeitet, ein System zu finden, dass die Künstler für ihre Arbeit entlohnt, wenn Mitglieder unserer Gemeinde ihre Musik über das Internet austauschen. Wir hatten versucht, eine faire und für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden - ohne die Zukunft Napsters vom Ausgang einer Gerichtsentscheidung abhängig zu machen." Napster schreibt, dass sie mit Bertelsmann "ein weitsichtiges Mitglied der Medien-Industrie gefunden haben, das mit uns arbeitet".

Napster, das Werk Shawn Fennings, eines 18-jährigen Erstsemesters der Northeastern University in Boston, steckt seit Monaten in gerichtlichen Auseinandersetzungen mit der amerikanischen Platten-Industrie, der Recording Industry Association of America (RIAA), die die fünf größten Platten-Label repräsentiert. Der Vorwurf der Konzerne gegen Napster ist, dass es Musikpiraterie, d. h. das Raubkopieren, fördert und damit Urheberrechte bricht, indem Napster seine Nutzer in die Lage versetzt, Musikdateien übers Internet auszutauschen. Napster argumentiert dagegen, dass der Tausch von Musik durch den Zugriff auf Festplatten von Computer-Nutzern unter die Definition des persönlichen Gebrauchs fällt, ähnlich wie das Aufnehmen einer CD auf eine Musikkassette.

Jenseits des Gerichtssaals gehen die Meinungen über Napster und über Online-Musik im Allgemeinen extrem weit auseinander. Die Band Metallica und andere Künstler schlossen sich der RIAA mit dem Vorwurf an, dass ihre Musik ohne ihre Zustimmung im Internet verbreitet wird und so intellektuelle Eigentumsrechte gebrochen werden. Die Meinungen sowohl berühmter als auch weniger bekannter Künstler sind zweigeteilt. Die einen meinen, dass die Filesharing-Technologie ein neues und begeisterndes Medium ist, mit dem ihre künstlerische Arbeit besser bekannt werden kann. Die anderen denken, Napster und ähnliche Musiktauschbörsen bedrohten ihr Einkommen und Lebensunterhalt.

Die Debatte über Napster hat die Aufmerksamkeit von Millionen erfasst, und zwar in- und außerhalb der 38 Millionen starken Napster-Nutzergemeinschaft. Einige schrecken auch vor Internet-Vandalismus nicht zurück: sie pflastern Websites mit Pro-Napster-Grafittis zu. Fenning wurde und wird entweder als "Robin Hood des Internet" oder als "Modern-day Gangster" dargestellt. Diskussionen über das Richtige oder das Falsche dieser Technologie wurden von Beginn an in den Kategorien "Für oder gegen Napster" und "Für oder gegen die Platten-Industrie" eingeordnet. Diejenigen, die diese Darstellung akzeptiert haben, wird die Ankündigung des 31. Oktobers mächtig überrascht haben.

In Wirklichkeit war eine Allianz mit Bertelsmann oder einem anderen Medienkonzern immer das angestrebte Ergebnis der gerichtlichen Verfahren gegen Napster. Man vermutet auch, dass solch ein Deal niemals außerhalb der Vorstellungen von Fenning oder seiner finanziellen Unterstützer war, als die Napster-Software entwickelt wurde.

Die Verbreitung von Napster hatte revolutionäre Implikationen für die Musikindustrie. Sie hat den Widerspruch zwischen dem Internet als Massenverbreitungsmedium und der Dominanz der Wirtschaft über die Gesellschaft ans Tageslicht gebracht. Mit der Filesharing-Technologie, wie sie von Napster entwickelt worden ist, ist es nun möglich, mit geringen oder keinen Kosten Musik-Aufnahmen mit Millionen von Nutzern simultan auszutauschen.

Es ist dieser Schlag gegen ihre Kontrolle der Verbreitung, den die Musikindustrie-Konzerne mit ihren gerichtlichen Verfahren gegen Napster und ähnlichen Verfahren gegen andere zu unterdrücken suchten. Selbst wenn die Gerichte gegen Napster entscheiden und die Firma anweisen sollten, ihren Service einzustellen - die Technologie ist vorhanden und der Musikaustausch wird weitergehen.

Dies war ohne Zweifel der wichtigste Grund bei der Entscheidung der Bertelsmann AG, auf den Zug aufzuspringen und eine Allianz mit Napster einzugehen, während sie gleichzeitig ihre eigenen gerichtlichen Klagen aufrechterhält. Bertelsmanns Rivalen, von denen man sagt, dass sie darauf drängen, die gerichtlichen Klagen aufrecht zu erhalten, werden diese Entscheidung nicht gerade begrüßen. Obwohl die Bertelsmann AG ihr Angebot bekräftigt hat, gemeinsam mit anderen Konzernen einen Standard für die Online-Musikverbreitung zu entwickeln, war ihre Ankündigung der Allianz mit Napster zweifellos ein präventiver Schlag, um sicherzustellen, dass sie einen führenden Platz in der Neuen Ära der digitalen Musik einnehmen wird.

Universal Music treibt sein eigenes Online-Musik-System voran, bei dem den Nutzern durch die Zahlung einer monatlichen Abonnement-Gebühr erlaubt sein wird, unbegrenzte Mengen von Musik zu hören. Anders als bei Napster wird es den Nutzern aber nicht möglich sein, die Songs auf ihrer Festplatte zu speichern. Dieses Modell ist nicht nur weit weniger attraktiv als das der Bertelsmann-Napster-Allianz, sondern es fehlt ihm auch die gefestigte Basis von 38 Millionen Nutzern weltweit, die Napster für sich gewinnen konnte.

Trotz allem Gerede über den Schutz von Künstlerrechten ging es den großen Konzernen der Musikindustrie angesichts des Auftauchens dieses neuen Mediums immer um die Frage, wie sie ihr eigenes Monopol bei der Verbreitung von Musik verteidigen können. Während einige dabei bleiben, dies erfordere die Zerschlagung von Napster, entschied sich Bertelsmann dafür, dass es besser sei Napster einzubinden und es so unter Kontrolle zu bringen.

Die englische Financial Times pries den Medienkonzern für diese Entscheidung. Ein Editorial vom 2. November kommentiert: "Dies ist ein Kampf, in dem nur der Stärkste überleben kann. Aber Dinosaurier, die sich damit begnügen, dass sie sich auf ihre angeblichen legalen Anrechte berufen, werden feststellen, dass eine neue Spezies von jungen, geistig beweglichen Operatoren ihren gewohnten Platz übernehmen."

Die Entwicklung des Falls Napster sollte daran erinnern, dass man den demokratischen Charakter des Internets nicht als gegeben voraussetzen kann. Die Gefahr wächst, dass die derzeit grassierende Fusionswelle das Monopol der Wirtschaft über andere Medien wie das Fernsehen und die Presse auch auf das Internet ausdehnt.

Bertelsmanns neue eCommerce Gruppe wurde im Juni diesen Jahres gegründet und vereinte e-Commerce-Unternehmen wie Bol.com, BarnesandNoble.com und CDNOW. In einer Presseerklärung setzte die AG sich selbst das Ziel zum "global führenden e-Community und e-Commerce-Netzwerk mit dem exklusiven Zugang zur größten Auswahl an Medieninhalten" zu werden. Bezugnehmend auf strategische Allianzen mit American Online (AOL) und Terra Lycos, wirbt Bertelsmann damit, Zugang zu 200 Millionen Online-Kunden und monatlich 32 Millionen Besuchern (unique visitors) zu haben.

Ungeachtet der Allianz mit Bertelsmann arbeitet AOL an seinen eigenen Plänen für die Online-Verbreitung von Musik und anderen Inhalten. Indem AOL sich seine Milliarden-Fusion mit dem Mediengiganten Time Warner zu nutze macht, versucht das Unternehmen, das Geschäft mit Inhalten und mit Kunden zu verbinden. Es hat in der letzten Woche Pläne bekannt gegeben, seinen 24 Millionen Kunden Inhalte von Time Warner via Audio-Streaming zugänglich zu machen.

Datenschutz-Experten haben wiederholt ihre Befürchtungen über die Möglichkeiten der Konzerne geäußert, die Daten der Internet-Aktivitäten einer Person mit persönlichen Details aus eher traditionellem Konsumverhalten, wie Bestellungen über Versandhauskataloge, abzugleichen.

Siehe auch:
What is the significance of the delay in the Napster ruling?
(17. Oktober 2000)
Napster offers deal to recording industry
( 10. Oktober 2000)
Temporary injunction granted against Napster
( 28. Juli 2000)