Zehn Jahre World Wide Web

Von Mike Ingram
23. Januar 2001

Zu Beginn des neuen Millennium gibt es zahlreiche Jahrestage, die man feiern könnte und die eine Feier wert sind. Das zwanzigste Jahrhundert war voller umwälzender Ereignisse, die die Welt verändert haben, darunter zwei Weltkriege und die russische Revolution. Neben solch epochalen Begebenheiten mag das Erinnern an die Erfindung eines Systems, das der Erleichterung des Lesens elektronischer Dokumente dient, ein wenig deplaziert erscheinen. Aber die Gründung des später so genannten World Wide Web im Jahre 1991 war eine technische Innovation, die tiefe gesellschaftliche, ökonomische und politische Auswirkungen hat.

Wie alle historischen Ereignisse hat auch das World Wide Web seine eigene Vorgeschichte - in der Herausbildung des Internets selbst. Obwohl diese beiden Begriffe beinahe zum Synonym geworden sind, sind sie in Wirklichkeit zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Die Ursprünge des Internet

Heute wird das Internet als ein positiver Schritt für den Fortschritt der Menschheit betrachtet, weil es die Völker aller Länder einander näher bringt und ganz allgemein die Welt näher zusammenrücken lässt. Paradoxerweise ist der Ursprung des Internet nicht in dem Wunsch zu finden, die Welt zu vereinen, sondern in der Suche nach einem Verteidigungsmechanismus der mächtigsten imperialistischen Macht, der USA, gegen ihren damals wichtigsten Rivalen, die Sowjetunion.

Der Vorgänger des Internet war das ARPANET, dass 1969 vom amerikanischen Verteidigungsministerium (DoD [Department of Defence]) aus der Taufe gehoben wurde. 1957 hatte die Sowjetunion mit dem Sputnik den ersten künstlichen Satelliten ins All geschossen. Aus Furcht, dass der Fortschritt der Sowjetunion in der Weltraumtechnologie auch zur Entwicklung eines militärischen Vorteils führen könnte, gründete das DoD die Agentur für hochentwickelte Forschungsprojekte (ARPA) mit der Aufgabe, die Führungsrolle der USA im Bereich von - auch militärisch anwendbarer - Wissenschaft und Technologie wieder herzustellen.

Ein großer Teil des erstens Jahrzehnts der Existenz von ARPA wurde für die Erforschung der Möglichkeiten umfangreichen Informationsaustauschs und internationaler Kommunikation benötigt. Erst 1967 fand die erste Diskussion über den Aufbau des ARPANET an der Ann Arbor Universität von Michigan statt. Im August des folgenden Jahres wurde ein Aufruf herausgegeben, Vorschläge für ARPANET zu machen, und im September trafen die Antworten ein. Die Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) erhielt den Auftrag für das Netzwerk-Kontrollzentrum, von wo das neue Netzwerk überwacht werden sollte. Eine private Firma, Bolt Beranak & Newman (BBN), erhielt den Auftrag, Interface Message Processors (IMPs) zu bauen, die dazu dienten, die Nachrichten zwischen den mit ARPANET verbundenen Computern zu übertragen.

Als das ARPANET 1969 in Auftrag gegeben wurde, hatte es gerade einmal vier Verbindungsknoten, die jeweils aus einem Computer mit lediglich zwölf K (Kilobytes - ein Kilobyte umfasst in etwa die Information einer Textseite) Speicherkapazität hatten. Sie waren über eine von AT&T gelieferte Leitung verbunden, die eine Geschwindigkeit von 50 KBS (Kilobytes pro Sekunde) erreichte.

(Zum Vergleich: ein heutiger Einstiegscomputer hat 128 MB [Megabytes oder tausend Kilobytes] Arbeitsspeicher. Heute sind Verbindungsgeschwindigkeiten von bis zu zwei MBS in amerikanischen Haushalten nicht ungewöhnlich; sie werden durch Kabelmodems oder Hochgeschwindigkeits-Glasfaserkabel wie DSL erreicht.)

Der Knotenpunkt eins von ARPANET, der am 2. September 1969 ans Netz ging, war die UCLA, die Universität von Los Angeles. Am 1. Oktober wurde der zweite Knotenpunkt am Stanford Research Institute (SRI) in Betrieb genommen, darauf folgte am 1. November die kalifornische Universität in Santa Barbara (UCSB) und im Dezember die Universität von Utah.

Mit dem Anschluss des SRI Computers (oder Hosts) an das Netzwerk im Oktober 1969 schickte die UCLA die erste Host-to-Host Nachricht der Welt über das Internet. Das Privileg, diese Nachricht zu schicken, hatte Leonard Kleinrock, dessen führende Rolle an der UCLA ein wesentlicher Faktor für ihre Auswahl als ersten ARPANET Knotenpunkt gewesen war. Kleinrock wird die Entwicklung des grundlegenden Prinzips der Datenpakete [1] zugeschrieben, das noch heute das bestimmende Arbeitsprinzip im Internet darstellt. Ein Kommentator beschrieb Kleinrock als "die wohl weltweit führende Autorität in der Forschung auf dem Gebiet von Computernetzwerkentwicklung, Analyse und Design, und als einen Vater des Internets." [2]

1971 waren 15 Knotenpunkte mit dem ARPANET verbunden. In diesem Jahr hatte BBN begonnen, die billigeren Honeywell 316 Computer als IMPs zu benutzen, aber die IMP Konfiguration selbst stieß bereits an ihre Grenzen, weil sie nur vier Host-Verbindungen erlaubte. Als Antwort darauf entwickelte BBN einen Terminal IMP oder TIP, der 64 Terminals unterstützte.

Die siebziger Jahre brachten sowohl in der Software wie auch in der Hardware, aus denen das heutige Internet entstand, technologische Fortschritte. Es ist nicht möglich, diese Entwicklung hier in allen Einzelheiten durchzugehen. Es gibt viele solcher Darstellungen im Internet [3]. Beschränken wir uns darauf, nur einige der Entwicklungsschritte zu nennen:

* 1972 - die Schaffung des ersten E-Mail Management Programms, um Nachrichten aufzulisten, selektiv zu lesen und zu beantworten. Im März wurde das E-Mail Programm für ARPANET modifiziert und das inzwischen allgegenwärtige @-Zeichen eingeführt.

* 1973 - Bob Metcalfe präsentierte in seiner Doktorarbeit an der Harvard Universität seine These, in der er seine Ideen des Ethernets präsentierte. Das Konzept wurde auf den PARC Computern von Xerox getestet und ist heute ein grundlegender Bestandteil der meisten Büro- oder Heimnetzwerke. Im gleichen Jahr wurde die Anzahl der ARPANET Nutzer auf 2000 geschätzt. 75 Prozent der Nutzung von ARPANET bestand aus E-Mails.

* 1975 - eine Satellitenverbindung wurde über zwei Ozeane hinweg hergestellt, nach Hawaii und nach Großbritannien, um die ersten Tests des TCP (Transmission Controll Protocol) von Stanford, BBN und UCL durchzuführen.

Gegen Ende des Jahrzehnts richteten Tom Trunscott, Jim Ellis und Steve Bellovin das USENET mit dem Unix to Unix Copy Protocol (UUCP) ein, das die Duke Universität (North Carolina) mit der North Carolina University verband. Was ursprünglich Diskussionsforen für technische Fragen waren, hat sich heute zu Hunderttausenden von Newsgroups entwickelt, die jedes nur vorstellbare Thema behandeln.

In den achtziger Jahren wurde eine Anzahl kommerzieller Netzwerke geschaffen und mit dem ARPANET verbunden. Hier liegen die Ursprünge der Entwicklung des Netzwerks von einem spezialisierten Medium des US Militärs zu einem breit genutzten, akademischen und kommerziellen Netzwerk.

Eine bedeutsame Entwicklung für die Ausweitung der Nutzerbasis von ARPANET war die Entwicklung des "Name Servers" an der Universität von Wisconsin. Damit war es für einen Nutzer nicht länger notwendig, den genauen Pfad zu kennen, den eine Nachricht nehmen musste, um ein anderes System zu erreichen. Durch das bloße Eintippen des registrierten Namens eines Systems fand der "Name Server" es im Netzwerk.

Anfang der achtziger Jahre wuchs das Internet sowohl zahlenmäßig wie geographisch. 1983 wurden Stuttgart und Korea angeschlossen. Das Movement Information Net (MINET) startete Anfang des Jahres in Europa und wurde im September an das ARPANET angeschlossen. 1983 kamen Tischcomputer auf, von denen viele das Berkeley Unix Betriebssystem nutzten, das die Internet Protocol (IP) Netzwerk Software beinhaltete. Folglich entwickelte sich der Netzwerkbedarf von der Verbindung einzelner großer Computer an einem Ort mit dem Internet hin zur Verbindung lokaler Netzwerke mit dem System. In dieser Zeit entstand die moderne Definition des Internets als eines "Netzwerks der Netzwerke".

Weil das US Militär sich wegen der weit verbreiteten Nutzung des APRANET Sorgen um die Sicherheit machte, spaltete es einen Teil des Netzwerks, das MILNET, ab und integrierte es mit dem im vorhergehenden Jahr geschaffenen Defense Data Network. MILNET übernahm 68 der 113 existierenden Knotenpunkte.

1984 hatte das ARPANET über tausend Hosts, 1987 stieg diese Zahl auf zehntausend an und 1989 auf 100.000, bevor es ein Jahr später aufhörte zu existieren.

Das Internet entwickelt sich zum Massenmedium

Waren die siebziger Jahre das Jahrzehnt, in dem die grundlegenden Technologien des Internet entwickelt wurden, und entwickelte es sich in den Achtzigern zu einem unverzichtbaren Werkzeug der akademischen Welt und der Forschung, dann wurde das Internet in den Neunzigern zu einem Mittel der Massenkommunikation.

Zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts gab es einige Entwicklungen, die das Internet als Massenmedium möglich machten. Eine der wesentlichsten war das Auftreten der kommerziellen Internet Service Providers (ISP). 1990 wurde world.sdt.com [4] der erste kommerzielle Anbieter für den Internetzugang. Das bedeutete, dass zum erstenmal auch andere Nutzer außerhalb von akademischen und kommerziellen Institutionen Zugang zum Internet bekamen.

Die globale Ausbreitung des Internet nahm weiter zu, 1990 wurden Argentinien, Österreich, Belgien, Chile, Griechenland, Indien, Irland, Korea, Spanien und die Schweiz angeschlossen. Im folgenden Jahr erhielt Brasilien den ersten Anschluss mit einer Geschwindigkeit von 9,6 KBS.

Neben der Ausweitung des öffentlichen Zugangs zum Internet und Verbesserung der Infrastruktur (der Internet Backbone wurde 1990 auf eine Leistung von 44.736 MBS aufgerüstet), gab es ebenso wichtige Fortschritte bei der Software, die viel dazu beitrugen, das Netz zu popularisieren.

1991 wurden zwei Software Standards eingeführt, die beide darauf abzielten, die Navigation im Internet zu erleichtern.

Der erste war Gopher [5], entwickelt von Paul Lindner und Mark P. McCahill von der Universität von Minnesota. Das Gopher System ermöglichte es, Dokumente in einer lesbaren, hierarchischen Weise aufzulisten, mit der das Navigieren relativ leicht fiel. Aber bei Gopher fehlte immer noch ein zentraler Teil, der das World Wide Web schließlich so populär machte - die Hyperlinks.

Die Idee, aktive Links in Dokumente einzufügen, um Informationen zu präsentieren, wurde zuerst von dem Wissenschaftler Vannevar Bush 1945 in einem Artikel im Atlantic Monthly dargelegt. [6] Er sprach über ein photomechanisches Gerät namens Memex, kurz für Memory Extention, das Verbindungen zwischen Dokumenten auf Mikrofilm erstellen und verfolgen konnte - "ein zukünftiges Mittel für die individuelle Anwendung, das eine Art mechanisierter, privater Akte und Bücherei ist ... indem ein Individuum alle seine Bücher, Dokumente und Schriftverkehr aufbewahrt und das mechanisiert ist, so dass es mit überragender Geschwindigkeit und Flexibilität durchsucht werden kann".

Ted Nelson prägte 1965 als erster den Begriff "Hypertext", der heute in der Sprache des Internet weit verbreitet ist. Lange bevor das World Wide Web entstand, verfolgte Nelson die Idee eines globalen Hypertext Systems unter dem Namen Xanadu Projekt. Aber dem Xanadu Projekt stand von Anfang an Nelsons Profitgier im Wege, und das System erblickte nie das Licht der Welt.

Die demokratischen Wurzeln des World Wide Web

Im Gegensatz dazu entstand das World Wide Web als ein freies und offenes Medium, das nicht durch die Fesseln intellektueller Eigentumsrechte behindert wurde.

Obwohl man das World Wide Web legitimer Weise als Realisierung von Vannevar Bushs Vision sehen kann, geht es doch weit darüber hinaus. Während Bush das Memex System als ein Mittel zur Verwaltung privater Akten, Bücher und Aufzeichnungen betrachtete, könnte man das, was Tim Berners-Lee entwickelte, korrekter als eine "virtuelle Memex" beschreiben. Auf der Grundlage des Internet ermöglicht es das World Wide Web, Daten auf jeder an das Internet angeschlossenen Maschine zu speichern und von jeder anderen darauf zuzugreifen.

Heute umfasst das World Wide Web über 34,7 Millionen registrierte Domäne-Namen in 190 Ländern, und der weltweite Zugang zum Internet erreichte im Dezember 2000 407,1 Millionen Nutzer. Es ist buchstäblich unmöglich geworden, die Anzahl individueller Websites noch zu zählen, weil die Nutzer zu sehr geringen Kosten ihre eigenen Inhalte einstellen können.

Die ursprünglichen Vorschläge für das World Wide Web wurden der europäischen Organisation für Nuklearforschung (CERN) 1989 von Berners-Lee vorgestellt und 1990 mit Unterstützung der Robert Cailliau weiterentwickelt. 1991 waren sie in der Lage, ein Software System zu veröffentlichen, das einen Browser / Editor, einen Informationsserver und eine Programmier-Datenbank umfasste, die alle wesentlichen Funktionen zur Verfügung stellte, die es Entwicklern erlaubte, ihre eigenen Software Programme zu schreiben.

Die Veröffentlichung von 1991 richtete sich an die Forscherteams der hochenergetischen Physik, die Zugang zu den Programmbibliotheken der CERN hatten. Das bedeutete, dass eine ganze Reihe von Universitäten und Forschungslaboratorien das System nutzen, und was noch wichtiger war, zu seiner Entwicklung beitragen konnten. Wenig später wurde es im Internet veröffentlicht, zuerst für die Entwickler der Hypertextsysteme und dann auch ganz allgemein. Anfang 1993 gab es ungefähr fünfzig bekannte Informationsserver.

Das von Berners-Lee und Cailliau veröffentlichte Softwaresystem lief anfänglich nur auf Computern, die das teure Profi-Betriebssystem NeXTStep nutzten. Obwohl dies eindeutig der Beginn des World Wide Web war, wird seine Geburt im allgemeinen eher auf 1995 datiert, als Marc Andreesen und Eric Bina den ersten öffentlich verfügbaren Browser für das National Center for Supercomputing Applications entwickelten. Andreesen gründete später die Firma Netscape, und der ursprüngliche Mosaic Browser wurde zum Netscape Navigator.

Berners-Lee hat sich durch das von ihm entwickelte System einen Platz in der Geschichte gesichert. Wahrscheinlich von noch größerer Bedeutung als das Software System, das er geschrieben hat, ist die Hingabe an den offenen Standard, die Berners-Lees Arbeit von Anfang an kennzeichnete.

Als Direktor einer Organisation, die als das World Wide Web Consortium oder W3C bekannt ist, bringt Berners-Lee solche kommerzielle Giganten wie Microsoft, Netscape, Sun, Apple, IBM und 155 andere zusammen, um möglichst eine Übereinkunft über offene technische Standards zu erreichen, da die dem World Wide Web zugrunde liegende Software sich sehr schnell weiterentwickelt. In einem Interview mit dem Time Magazine vom Mai 1997 sagte Berners-Lee, sein Alptraum sei ein Web, das "zu mehr als einem Web wird, so dass man 16 verschiedene Browser bräuchte, abhängig davon, was man gerade sucht". Wie der Interviewer berichtete, "hasst er besonders Schriften auf Websites wie zum Beispiel: AM BESTEN ZU BETRACHTEN MIT DEM BROWSER VON ACME". [7]

Mit ein paar Abweichungen sind die offenen Standards des World Wide Web einigermaßen erhalten geblieben. Das hat sicher zu Konflikten mit den kommerziellen Interessen der Industriekapitäne geführt, wie der andauernde Browser-Krieg zwischen Microsoft und Netscape beweist (wir haben bereits über die Versuche besonders von Microsoft geschrieben, den offenen Charakter des Internet zu unterminieren, um ihre eigenen "Standards" durchzusetzen [8]).

Trotz solcher Versuche ist es heute jedoch für jedermann leichter denn je, nicht nur auf ganz unterschiedliches Material im Internet zuzugreifen, sondern auch seine eigenen Inhalte verfügbar zu machen.

Die Kommerzialisierung des Internets und staatliche Zensur

Am Beginn des 21. Jahrhunderts kann es keinen Zweifel geben, dass das Internet bereits die Art und Weise, wie wir leben, grundlegend verändert hat. Auf jeden Fall wird das Aufkommen eines Kommunikationssystems, welches den ungehinderten Austausch von Ideen zwischen den Menschen auf der ganzen Welt erleichtert, tiefgehende gesellschaftliche Auswirkungen haben.

Die Zahl der Menschen, die online gehen, nimmt wesentlich schneller zu als damals, als das Fernsehen als Massenmedium aufkam, oder vor diesem das Radio. Die Geschwindigkeit, mit der die Zahl der Internet-Nutzer zunimmt, hängt mit einem Faktor zusammen, der dieses Medium einzigartig macht. Das Aufkommen des Fernsehens hat damals ja nicht bedeutet, dass jedermann sein eigenes Fernsehprogramm kreieren konnte; es entwickelte sich unter strikter Kontrolle des Staates oder kommerzieller Medienkonzerne. Das World Wide Web jedoch hat sich dank offener Standards von Anfang an nicht als ein passives, sondern als interaktives Medium entwickelt. Der Personalcomputer war nicht einfach der Empfänger, durch den ein Nutzer Zugang zum Internet bekommen konnte, sondern ein Produktionsmittel, das es allen anderen Menschen, die online waren, ermöglichte, die kreativen Bestrebungen dieses Nutzers wahrzunehmen.

Ganz sicher gibt es im Internet vieles, das wenig taugt, oder sogar ausgesprochen Unerwünschtes, aber das kann man nicht dem Medium anlasten. Das Internet oder das World Wide Web existiert nicht in einem Vakuum. Es ist ein Produkt der Gesellschaft, in der es existiert, und kann nicht der Hohlheit und Oberflächlichkeit entgehen, die auch in andern Bereichen des Lebens herrscht.

Der Erfolg des World Socialist Web Site, das im Februar 1998 gegründet wurde, bezeugt, dass es ein Interesse an ernsthaftem und kritischem Material gibt. Dank des vor zehn Jahren entstandenen World Wide Web kann ein globales Publikum erreicht werden.

Das heißt nicht, dass es keinen Grund zur Sorge mehr gäbe. Sowie der Internet Zugang sich von denen, die hauptsächlich über einen Tischcomputer ins Internet gelangen, zu Mobiltelefonen und anderen tragbaren Endgeräten verlagert, wird sich auch der eigentliche Zweck des Internets verändern. Unter wirtschaftlichem Druck verwandelt sich das Internet von einer Datenautobahn für Informationen in eine gigantische Einkaufsmeile. Parallel zu dieser Entwicklung konzentrieren sich der Besitz und die Kontrolle des Internets in immer weniger Händen.

Die vor kurzem abgeschlossene Fusion zwischen America Online (AOL) und Time Warner schafft den nach Aktienwert viertgrößten Konzern der USA. Mit einem Wert von 342 Mrd. Dollar rangiert er dicht hinter Microsoft, General Electric und dem Computernetzwerk-Hersteller Cisco Systems. Der neue Konzern vereinigt den weltgrößten Internet Provider mit dem umfangreichsten Medienmonopolisten der USA. Time Warner kontrolliert Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von 130 Millionen, den Sender CNN und andere Kabelkanäle, wie auch die Warner Brothers Studios und Warner Music. AOL besitzt Netscape, den Web Browser mit der zweitgrößten Zahl von Nutzern.

Sobald das Geschäft zwischen den Kabelkonzernen, Internetdienst-Providern und den Providern von Inhalten perfekt ist, werden immer mehr neue Nutzer zum Schluss kommen, dass sie über einen gesicherten Zugang ins Internet gelangen wollen. Nutzer, die nach Informationen suchen, werden eine Auswahl angeboten bekommen, die durch kommerzielle Abmachungen zwischen den Konzernen zustande kommt. Unabhängige Informationsquellen wird es zwar immer noch geben, aber sie werden immer schwerer aufzufinden sein.

Auch ist den Großmächten nicht verborgen geblieben, dass die vor kurzem erfolgten Proteste, zum Beispiel im letzten Jahr gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle, wesentlich global geworden sind und vor allem über Agitation im Internet organisiert wurden. Die Reaktion der Sicherheitskräfte der führenden kapitalistischen Nationen bestand darin, dass sie seither fast permanent Konferenzen organisieren, um neue Wege zu finden, wie der Zugang zu diesem Medium überwacht, zensiert und wenn möglich reduziert werden kann.

Es würde jedoch zu weit führen, zu behaupten, solche Gefahren bedeuteten das Ende des World Wide Web als demokratisches Medium. Allen verschlüsselten Zugängen zum Trotz wird es immer möglich, nur schwieriger sein, die gewünschten Informationen zu finden. Außerdem kann ein Computernetz, das entwickelt wurde, um eine Nuklearattacke abzuwehren, nicht allzu leicht geschlossen werden. Einzelne Computer oder Hosts mögen von der Zensur aufs Korn genommen und sogar verboten werden, aber das Internet wird weiter funktionieren und die Information wird anderswo auf parallelen Sites zugänglich sein.

Anmerkungen:

[1] Der Austausch von Datenpaketen bezieht sich auf die Art, wie Nachrichten in kurze Informationspakete aufgeteilt wurden, ehe sie über das Netz geschickt wurden. Jedes Paket wird dabei einzeln übermittelt und kann sogar auf unterschiedlichem Weg zu seinem Bestimmungsort gelangen, wo die Stücke wieder zur ursprünglichen Nachricht zusammengefügt werden.

[2] Leonard Kleinrock‘s Personal History / Biography: The Birth of the Internet, http://millennium.cs.ucla.edu/LK/Inet/birth.html

[3] Eine Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, findet man auf der Website von LinkScan unter Internet & World Wide Web History: http://www.elsop.com/wrc/h_web.htm

[4] Die Homepage des ersten öffentlichen Internet Service Provider (ISP) kann unter folgender Adresse gefunden werden: http://world.std.com/

[5] Ein Beispiel einer Gopher Site: gopher://gopher.quux.org/11/%09%09%2B

[6] As we may think, von Vannevar Bush, findet sich auf folgender Website: http://www.theatlantic.com/unbound/flashbks/computer/tech.htm

[7] Siehe The man who invented the Web, http://www.time.com/time/magazine/1997/dom/970519/tech.the_man_who_i.html

[8] Siehe dazu den WSWS -Artikel: Ein Blick hinter die Kulissen des Geschäftsgeheimnisses, Microsoft-Prozess entlarvt räuberische Geschäftspraxis des Konzerns, 3. Juni 2000, von Mike Ingram. http://www.wsws.org/de/2000/jun2000/micr-j03.shtml