Japan: Wirtschaftskrise verursacht Anstieg der Selbstmordrate

Von Werner Albrecht und Dietmar Henning
20. März 2001

Die anhaltende wirtschaftliche Krise in Japan hat neben den Folgen, wie sie in vielen Ländern eintreten - Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, steigende Kriminalität - ein sehr spezifisches Resultat: einen drastischen Anstieg der Selbstmordraten. Hierbei verbindet sich die wirtschaftliche Krise mit verschiedenen japanischen Traditionen zu einer tragischen Mixtur.

Allein in der Zeit von April 1999 bis Ende März 2000, auf die sich die letzten offiziellen Angaben beziehen, zählte die japanische Polizei 33.000 Selbsttötungen - so viel wie nie zuvor. Die schockierende Suizidrate des Jahres 1998 wurde somit um 0,6 Prozent überstiegen, und es entstand gleichzeitig ein neuer Nachkriegsrekord. Jeder fünfte Selbstmord wird von der japanischen Polizei auf finanziellen Bankrott, Schulden oder Arbeitsplatzverlust zurückgeführt. Somit hat sich diese Motivation im Vergleich zu 1998 um weitere 11,6 Prozent erhöht. Damals hatten sich 6.058 Menschen aus wirtschaftlichen Gründen das Leben genommen.

Die überwiegende Anzahl der Opfer, nämlich 23.512, sind Männer, und hier im Besonderen die Gruppe im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Das sind vor allem diejenigen, die in der laufenden Restrukturierungswelle entlassen werden oder als Unternehmer und Selbständige bankrott gingen.

Die Wirtschaftsjournalistin Barbara Odrich, Tokio, schreibt dazu in Japan Exklusiv : "Die Rezession in Japan, der Verfall der Aktienpreise, der dramatische Wertverfall des Yen und die Zurückhaltung der Bevölkerung im Konsum führen dazu, dass Unternehmen immer mehr Mitarbeiter entlassen müssen. Regierung und Bevölkerung stehen bislang ratlos vor dem ungewohnten Anstieg der Arbeitslosigkeit."

Nicht wenige Japaner empfinden die Situation im Land als derart hoffnungslos, dass sie den Freitod als einzigen Ausweg sehen. Die Verdreifachung der Selbstmordraten seit 1990 ist für Japan ein neues Phänomen.

Bedingt durch die Rezession gehen mehr und mehr Unternehmen dazu über, dem Motto "Restra" - die japanische Abkürzung für Umstrukturierung - zu folgen und Mitarbeitern, die der Firma über Jahrzehnte hindurch treu gedient haben, zu kündigen.

Der dunkle Schleier des Pessimismus, der sich über die einst so hochgelobte japanische Wirtschaft gelegt hat, zeigt sich in seinen Auswirkungen in verschiedenster Form. Neben gesundheitlichen Problemen wie psychischen Leiden, Versagensängsten, Identitätskrisen und Depressionen kommen wirtschaftliche Faktoren wie Firmenzusammenbrüche und daraus resultierende Schulden in negativer Form zum Tragen. Hier einige Beispiele.

"Yukio Nakazawa bat seine Familie, ihn bis zum nächsten Morgen nicht zu stören. Er sei zu erschöpft, sagte der frühere Vizepräsident der japanischen Sogo-Warenhauskette zum Abschied. Als die Ehefrau am Vormittag schließlich nachschaute, fand sie ihren Mann in seinem Zimmer erhängt. Der 74-jährige Ex-Manager der heute praktisch bankrotten Kaufhausgruppe musste sich seit Wochen für Fehlentscheidungen verantworten und sollte für illegale Geldtransaktionen auch finanziell gerade stehen. Den Druck der neuen Konzernführung konnte Nakazawa Mitte Oktober offenbar nicht länger ertragen. Er folgte seinem 63-jährigen Kollegen Yasuhara Abe, der bei Sogo viele Jahre für Finanzfragen zuständig war." (Frankfurter Rundschau, 11. Dezember 2000)

"Traurige Berühmtheit erlangte der kollektive Selbstmord von drei Managern kleinerer Produktions- und Vertriebsfirmen für Autoteile, die von den Banken keine Darlehen mehr erhielten. Sie schlossen einen Suizid-Pakt und erhängten sich gleichzeitig in verschiedenen Zimmern eines Hotels in dem Tokioter Vorort Kunitatchi. Ihrem Beispiel folgten Hunderte Eigentümer klein- und mittelständischer Unternehmen, die den einzigen Ausweg aus der Misere im Selbstmord sahen - oft in der Hoffnung, wenigstens mit der Lebensversicherung die Schulden bezahlen zu können." (ebenda)

Nicht selten scheiden ganze Familien gemeinsam aus dem Leben. Auch hierfür gibt es in der japanischen Sprache einen Begriff: "Yonige", was soviel bedeutet wie "Flucht in der Nacht".

Der anerkannte Arbeitspsychologe Professor Hisata sorgt sich über eine "rasende Depressionswelle" und befürchtet, dass die Angst vor Schulden oder der Kündigung in unkontrollierte Stresshandlungen mit unvorhersehbaren Folgen ausarten könnte. Nicht wenige Psychologen sprechen in Japan bereits seit längerem von einem "Selbstmordsyndrom der mittleren Generation".

Selbstmorde ritueller Art wie der Harakiri unter Samurais haben in der japanischen Gesellschaft eine lange Tradition. Der Harakiri war sowohl der "ritterliche" ehrenhafte Ausweg, um sich vor Kriegsgefangenschaft zu bewahren, als auch ein Weg, seiner Familie die Ehre zu retten, indem man selbst die Schuld der vorangegangenen Schmach oder Schande auf sich nahm. Soziale Gründe hatten diese rituellen Selbstmorde aufgrund der gesellschaftlich hohen Stellung des Samurais allerdings nie. Selbstmorde aus sozialen Gründen seien "eigentlich erst aufgetaucht, seit es das Thema Arbeitslosigkeit bei uns gibt", beobachtete Mitsuru Hisata, Professor in der psychiatrischen Abteilung einer Tokioter Universitätsklinik.

Der soziale Status gilt als wichtigstes Kriterium, das Ansehen einer Familie zu beschreiben. Dementsprechend stellen sich nicht wenige Frauen insbesondere der Mittel- und Oberschichten erst mit Namen vor, nachdem sie zuvor die Schule ihrer Kinder und den Beruf ihrer Männer genannt haben. Verliert die Familie ihre soziale Stellung, sehen offensichtlich viele Männer Japans keinen anderen Ausweg als durch Selbstmord dieser "Schmach", die sie für die eigene halten, zu entgehen.

Das Problem hat solche Ausmaße angenommen, dass die Regierung in Tokio eine groß angelegte Untersuchung in die Wege geleitet hat. Wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mitteilte, sollen in einer umgerechnet 6,5 Millionen DM teuren Studie Angehörige und Kollegen von 300 Selbstmördern nach deren Motivation für ihren fatalen Schritt befragt werden. Die Regierung will gleichzeitig ein Beraterteam berufen, um Selbstmordgefährdete psychologisch zu unterstützen.