Koizumis Besuch des Yasukuni-Schreins legitimiert japanischen Militarismus

Von Peter Symonds
21. August 2001

Mit seinem Besuch des Yasukuni-Schreins für die Kriegstoten setzte der japanische Premierministers Junichiro Koizumi vor einer Woche ein eindeutiges Signal, auch wenn er sich bemühte, die Bedeutung der Zeremonie herunterzuspielen. Es war ein weiterer Schritt zur Rehabilitierung der Symbole der militaristischen japanischen Regime, die vor und während des Zweiten Weltkriegs in China und großen Teilen Südostasiens eingefallen waren und jede Opposition in diesen Ländern und in Japan brutal unterdrückt hatten.

Koizumis Besuch war für Mittwoch angesetzt worden - dem Jahrestag der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Er wurde dann im letzten Moment auf Montag vorgezogen, um Kritiker zu beschwichtigen. Der Premierminister erschien am Schrein im Zentrum von Tokio und wurde unter dem Jubel von rechten Nationalisten und den lauten Protesten von Koreanern und Studenten von einem Priester ins Innere geleitet. Dort lag ein großes Blumengebinde mit ein paar Zeilen, das Koizumi am Tag zuvor gesandt hatte. Er verbeugte sich einmal, signierte das Gästebuch und verließ den Schrein.

Koizumi gab sich Mühe, den Besuch als eine einfache Respektbezeugung gegenüber den japanischen Kriegstoten darzustellen. "Ich möchte denen Anerkennung zollen, die ihr Leben für das Land gegeben haben," sagte er. "Ich gehe dorthin, um zu geloben, dass Japan nie wieder in den Krieg zieht und als friedliebende Nation ihr Bestes geben wird, um Glück und Wohlstand in der Welt zu fördern." Er wies Kritik von sich, dass im Yasukuni-Schrein einer Reihe von erwiesenen Kriegsverbrechern gedacht wird, und sagte: "Warum müssen wir unter den Toten eine Auswahl treffen?"

Wäre es Koizumi tatsächlich darum gegangen, seinen Respekt gegenüber den im Zweiten Weltkrieg gefallenen gewöhnlichen Soldaten zu zeigen, hätte er sich auf den Besuch des Grabmals des unbekannten Soldaten beschränken können, den er am Mittwoch unternahm. Dieses Denkmal ruft keine der politischen oder religiösen Assoziationen hervor, die mit Yasukuni verbunden sind. Seine Hochachtung vor dem Yasukuni-Schrein zu bezeigen ist alles andere als ein unschuldiger politischer Akt.

Der Shinto-Schrein wurde im Jahre 1869 gebaut und soll die Seelen von 2,5 Millionen Soldaten beherbergen, die in Japans Kriegen gefallen sind. Während der 30-er und 40-er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stand er im Zentrum der offiziellen Staatsideologie - einer reaktionären Mischung aus Shintoismus, Kaiserverehrung und Militarismus. Obwohl die Nachkriegsverfassung den Shintoismus als Staatsreligion abschaffte und den Kaiser von seinem Status als Gott auf die Rolle eines konstitutionellen Monarchen reduzierte, blieb der Schrein durchgängig ein Bezugspunkt für extrem rechte und nationalistische Gruppen.

Im Jahre 1978 führten Priester eine geheime Zeremonie durch und nahmen in den Schrein eine neue Liste von Kriegstoten auf, unter ihnen 14 hochrangige Figuren, die vom Internationalen Militärtribunal für den Fernen Osten als Hauptverantwortliche für Kriegsverbrechen verurteilt worden waren. Sieben von ihnen, darunter der japanische Premierminister während des Krieges, Hideki Tojo, wurden von den Besatzungsmächten gehängt. Die Nachricht von der Aufnahme der Kriegsverbrecher in den Schrein sickerte sechs Monate später durch und provozierte große Empörung, aber die Priester verweigerten eine Rücknahme. Im Innern des Schreins verweisen Tafeln auf Tojo und die anderen als "Märtyrer", die "von den alliierten Mächten fälschlich beschuldigt" wurden.

Dem Schrein angegliedert ist ein kleines Militärmuseum, in dem Geschützteile, ein Panzer und eine Lokomotive der berüchtigten Burma-Bahn ausgestellt sind. Yasukuni wird von rechten Militaristen und Veteranen verehrt, die bei ihren Besuchen oft die Militäruniformen aus dem Krieg tragen. Mitglieder der regierenden konservativen Liberaldemokratischen Partei (LDP) haben regelmäßig Pilgerfahrten zum Yasukuni-Schrein gemacht - "in ihrer Eigenschaft als Privatperson". Der einzige andere Premierminister, der Yasukuni seit dem Krieg in seiner offiziellen Funktion besucht hat, war Yasuhiro Nakasone im Jahre 1985.

Wie Nakasone machte Koizumi ein kleines Zugeständnis an die Trennung zwischen Staat und Kirche in der japanischen Verfassung. Er nahm während seines Besuches an keinem formalen Shinto-Ritus teil. Die Presse hat viel Aufhebens gemacht, weil Koizumi sich nur einmal verbeugte anstatt dem üblichen Ritual zu folgen, das aus zwei tiefen Verbeugungen, zweimaligem Händeklatschen an die Götter und einer weiteren tiefen Verbeugung besteht. Koizumi weigerte sich zu erklären, ob sein Besuch "offiziell" war oder nicht, aber im Gästebuch unterschrieb er dennoch mit seinem vollen offiziellen Titel. Unabhängig von allen Feinheiten der Etikette besteht die objektive politische Bedeutung des Besuches in einer Rechtfertigung des japanischen Militarismus während des Krieges.

Weitverbreitete Opposition

Koizumis Besuch des Yasukuni-Schreins hat weitverbreitete Proteste in und außerhalb Japans hervorgerufen. Die südkoreanische Regierung erklärte, sie finde "keine Worte, um unsere Besorgnis darüber auszudrücken, dass ein japanischer Premierminister Kriegsverbrechern seine Anerkennung zollt". Das chinesische Außenministerium rief umgehend den japanischen Botschafter in Peking ein, um ihm eine formale Protestnote zu übergeben, und gab später folgende Stellungnahme ab: "Bei der Frage des Yasukuni-Schreins geht es darum, ob die japanische Seite diese aggressive Periode der Geschichte aufrichtig bereut."

Während die Regierungen in Südkorea und China die Frage ausnutzen, um Opposition gegen ihre eigene Politik abzulenken, gibt es unter den gewöhnlichen Menschen in beiden Ländern, wo japanische Gräueltaten noch in bitterer Erinnerung sind, zweifellos eine tiefe und aufrichtige Feindschaft gegen den Besuch. Der Koreaner Kim Tae Sun, dessen Vater von der japanischen Armee zwangsweise eingezogen wurde, sagte gegenüber der britischen Zeitung Independent: "Ich möchte weinen, so zornig bin ich [...] Es ist eine Beleidigung der asiatischen Nationen, die Opfer des Kriegs im Pazifik waren, und ich verstehe es als Wiederbelebung des japanischen Militarismus."

In Seoul verbrannten etwa 80 ältere Koreaner ein Bild von Koizumi, Hunderte Studenten demonstrierten und ungefähr 20 junge Männer hackten sich ihre kleinen Finger ab. Zu Protesten kam es auch in Hongkong und auf den Philippinen. Frauen, die gezwungen worden waren, sich für japanische Soldaten zu prostituieren, sagten, dass Koizumis Besuch des Yasukuni-Schreins "Soldaten ehrt, die Frauen vergewaltigt haben". In Singapur wurden in den Fernsehnachrichten über den Besuch auch historische Filmausschnitte ausgestrahlt, die zeigten, wie japanische Soldaten asiatische Menschen durch Exekutionskommandos hinrichteten oder sie lebendig begruben.

Opposition war auch in Japan selbst zu vernehmen. Einosuki Akiya, der Vorsitzende der buddhistischen Organisation Soka Gakkai, die in den 1930-er Jahren verfolgt wurde, sagte, er fände den Besuch des Schreins "beunruhigend und erbärmlich". Die Organisation ist mit der Komeito Partei verbunden, die Teil der Regierungskoalition ist. Der Sprecher der oppositionellen Demokratischen Partei Japans sagte: "Yasukuni ist ein unangebrachter Ort für Japans Führer, um Respekt zu zollen. Er ist mit einer spezifischen Religion, dem Shintoismus verbunden. Es ist die ehemalige Stätte des staatlichen Shintoismus, des religiösen Credos hinter Japans Aggressionen im Krieg."

Eine Umfrage von NTV ergab eine gespaltene Meinung über die Frage, wobei fast 50 Prozent den Besuch Koizumis unterstützten und rund 40 Prozent dagegen waren. Shigenori Nishikawa, Vorsitzender einer Gruppe von Angehörigen von Kriegstoten, die sich gegen den Schrein wenden, sagte gegenüber der Financial Times: "Herr Koizumi versucht, dem Schrein Anerkennung zu verleihen." Er brachte seine Feindschaft gegenüber denjenigen zum Ausdruck, die für das japanische Kriegsregime verantwortlich waren: "Ich denke, es ist sehr merkwürdig, dass jene, die die Invasion [in Asien] befahlen und jene, die zum Kampf ausgeschickt wurden, alle in demselben Schrein eingeschlossen sind."

Koizumi stieß in seinem eigenen Kabinett auf Opposition - am stärksten in die Öffentlichkeit getragen wurde sie von Außenminister Makiko Tanaka, der sich Sorgen über die möglichen Folgen für Japans Beziehungen in der Region machte. Ein Kommentar in der Japan Times befürchtete, dass der Besuch die Aufmerksamkeit der Regierung von dringlicheren Fragen ablenken würde, vor allem von der Umsetzung radikaler wirtschaftlicher Umstrukturierungsmaßnahmen. Die Zeitung erklärte, dass "Herr Koizumi eine Narrheit begangen" hat, und fügte hinzu: "Das nährt nur bei vielen Japanern den Verdacht, dass es den Spitzenvertretern der Nation an Integrität mangelt, einer wesentlichen Qualität, um die Nation in diesen schwierigen Zeiten zu lenken."

Koizumis Besuch war allerdings nicht ein Versehen oder Ausdruck einer persönlichen Eigenheit. Er war sich der Opposition zu Hause und im Ausland sehr wohl bewusst und verfolgte seinen Besuchsplan unbeeindruckt. Dies war keine Ablenkung von den bevorstehenden wirtschaftlichen Aufgaben, mächtige Teile der herrschenden Klasse Japans betrachten gerade die Wiederbelebung des rechten Nationalismus als wesentliche politische Zutat, um ihr Programm durchsetzen zu können. Das Anfachen patriotischer Leidenschaften dient einem doppelten Zweck: Es verschafft der Regierung eine soziale Basis gegen die Opposition, die sich angesichts der Folgen von wirtschaftlichen Umstrukturierungsmaßnahmen unvermeidlich entwickeln wird, und es dient auch einer aggressiveren Geltendmachung von Japans wirtschaftlichen und militärischen Interessen gegenüber ihren amerikanischen und europäischen Rivalen.

Trotz aller Beteuerungen von Seiten Koizumis, dass sein Besuch des Yasukuni-Schreins von friedlichen und unschuldigen Absichten geprägt war, verweist seine Haltung in anderen Fragen auf das Gegenteil. Während er gelobt, dass "Japan nie wieder Krieg führen wird", hat der Premierminister wiederholt seine Bereitschaft angezeigt, einen Weg zur Umgehung der sogenannten pazifistischen Klausel in der Nachkriegsverfassung zu finden, die die Rolle des japanischen Militärs einschränkt. Und während er einerseits sagt, dass Japan im Zweiten Weltkrieg in der Region "unermessliche Katastrophen und Schmerzen" verursacht habe, war Koizumi andererseits in eine Kontroverse mit China und Südkorea über ein Schullehrbuch verwickelt, das die schlimmsten Aspekte der Rolle Japans während des Kriegs in Asien vertuscht und rechtfertigt.

Unter der Oberfläche finden sich solche Haltungen in der LDP und den herrschenden Kreisen in Japan, wo es keinen grundsätzlichen Bruch mit den Traditionen gab, die den Militarismus vor dem Krieg förderten. Als besiegte Macht und vor allem aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von der Allianz mit den Vereinigten Staaten behielt die herrschende Klasse im Nachkriegsjapan ihre Gedanken vorwiegend für sich. Wenn ältere LDP-Politiker mit einer Rechtfertigung des japanischen Militarismus herausplatzten, wurden solche Bemerkungen als peinliche Fehltritte behandelt. Gerade erst vor einem Jahr wurde Premierminister Yoshiro Mori als Lachnummer dargestellt, weil er in einem "Fauxpas" auf den göttlichen Status des Kaisers angespielt hatte.

Koizumis Besuch des Yasukuni-Schreins und seine offenen Parteinahme für die Sache der Rechten markiert daher einen Bruch mit der Vergangenheit. Nachdem er zur Macht gelangt ist, indem er die LDP-Hierachie und ihre Fraktionssystem herausforderte, genießt er im Moment eine durch die japanischen Medien geförderte, hohe Popularität. Teile der herrschenden Elite kalkulieren, dass dieser "Außenseiter" benutzt werden kann - nicht nur, um ein Wirtschaftsprogramm durchzusetzen, dass sich als höchst unpopulär erweisen wird, sondern auch, um die Achse der offiziellen Politik scharf nach rechts zu verschieben.

Siehe auch:
Diskussion in Japan über Remilitarisierung weitet sich aus
(19. Januar 2001)