SARS - Wissenschaft und Soziologie

Von Joseph Kay
22. Mai 2003

Viren und der Ursprung des gegenwärtigen Ausbruchs

Das Auftreten des neuartigen Virus, das für das Schwere Akute Atemwegssyndrom (SARS) verantwortlich ist, wirft eine Reihe von wissenschaftlichen, medizinischen und sozialen Fragen auf. Dank der schnellen Maßnahmen und der gemeinsamen Anstrengungen eines internationalen Wissenschaftlerteams konnte das Virus einigermaßen in Schach gehalten werden. Dennoch wurden über 7.000 Menschen weltweit infiziert, mehr als 500 starben. In China stellt das Virus ein enormes Gesundheitsrisiko dar, und immer noch besteht die Möglichkeit einer internationalen Epidemie mit verheerenden Folgen.

In diesem Artikel über Wissenschaft und Soziologie von SARS werden Teile der wissenschaftlichen und soziologischen Hintergründe erklärt, die zum Verständnis des derzeitigen Ausbruchs und seiner Ursachen notwendig sind. Zudem wird die soziale Bedeutung der Maßnahmen zur Eindämmung von SARS behandelt.

Viren und Virologie

Man weiß heute, dass SARS eine Virusinfektion darstellt, vermutlich tierischen Ursprungs. Um die besondere Natur von SARS zu verstehen, muss man zunächst verstehen, wie sich Viren verbreiten und welche Anstrengungen in der Vergangenheit unternommen wurden, um ihre Verbreitung aufzuhalten.

Viren haben eine einfache Struktur. Sie besteht aus dem genetischen Material (DNA oder RNA), einer Proteinhülle und, in einigen Fällen, einer zusätzlichen Membran. Noch heute ist es eine offene Frage, ob Viren als Lebewesen bezeichnet werden sollten oder nicht. Im Gegensatz zu Bakterien - wie E. coli und die verschiedenen Bakterien, die Typhus, Tuberkulose und zahlreiche andere Erkrankungen verursachen - sind Viren keine Zellen und besitzen nicht die chemische Ausstattung, um selbst ihren Lebensprozess aufrecht zu erhalten. Sie können sich daher nicht unabhängig von ihrem Wirt vermehren.

Viren sind also grundsätzlich von parasitärer Natur. Sie reproduzieren sich, indem sie eine pflanzliche oder tierische Wirtszelle befallen. Die zelleigenen Mechanismen werden dann benutzt, um das Genmaterial zu vervielfältigen und neue Viren zu produzieren, die daraufhin weitere Zellen befallen. Im Allgemeinen tötet dieser Prozess die Wirtszelle oder verletzt sie zumindest, was milde oder schwere Konsequenzen für den Wirtsorganismus haben kann. Eine gewöhnliche Erkältung ist normalerweise eine Virusinfektion. Die Symptome der Infektion - wie Husten oder Gliederschmerzen - entstehen, wenn das Virus Zellen verschiedener Körperregionen befällt.

Um eine Zelle zu befallen, muss ein Virus zunächst deren schützende Membran überwinden, die für jeden Zelltyp spezifisch ist. Im Wesentlichen löst das Virus diese Aufgabe, indem es sich äußerlich als Protein ausgibt, das von der Zelle und den molekularen Rezeptoren auf ihrer Membran angenommen wird. Auf diese Weise greifen verschiedene Viren verschiedene Zellen an, indem sie verschiedene Proteine nachahmen. Das Ebolavirus beispielsweise greift besonders diejenigen Zellen an, die Blutgefäße auskleiden. So verursacht es katastrophale, oft tödliche Blutungen.

Da Viren nicht unabhängig von ihrem Wirt bestehen können, werden sie in der Regel durch direkten Kontakt oder den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen, die das Virus enthalten. Beispielsweise werden durch Tröpfchen, die beim Husten ausgestoßen werden, Masern, die Hühnerpocken oder auch SARS verbreitet; über mit Stuhlresten verunreinigtes Wasser verbreitet sich das Rotavirus, das arme Regionen mit niedrigen sanitären Standards heimsucht; durch Geschlechtsverkehr oder Bluttransfusionen kann das Aids-Virus HIV verbreitet werden.

Der menschliche Körper schützt sich mit Hilfe des Immunsystems vor Viren. Doch um ein Virus anzugreifen, muss das Immunsystem es zunächst als Fremdkörper erkennen. Diese Erkennung wird nur für eine bestimmte Anzahl von Viren erreicht, darunter diejenigen, die den Wirtsorganismus bereits zu einem früheren Zeitpunkt infiziert hatten. Gebräuchliche Impfstoffe wirken auf diese Weise, indem sie eine kleine Anzahl oder eine abgeschwächte Variante des betreffenden Virus in den Körper einschleusen. So veranlassen sie eine Immunität des Wirtes und verhindern spätere Infektionen.

Ihre Spezialisierung bedingt, dass viele Viren in der Regel einer bestimmten Wirtsspezies zugeordnet bleiben. Dennoch geschieht es zuweilen, dass ein Virus von einer Spezies zu einer anderen wechselt. Man nimmt an, dass HIV seinen Ursprung in Primaten hatte, der Ausbruch eines Hantavirus in den USA 1993 ging auf Mäuse zurück. Wenn Menschen in engere Berührung mit der Natur kommen, steigt das Risiko eines derartigen Austausches, besonders unter Bedingungen der Unhygiene und der Übervölkerung.

Die moderne Virologie entwickelte sich in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, wie überhaupt das wissenschaftliche Verständnis von Viren im Unterschied zu Bakterien und anderen Krankheitserregern. Da sie sehr klein sind, wurde es erst mit der Erfindung des Elektronenmikroskops 1938 möglich, die Viren selbst zu beobachten. Diese Erfindung wiederum wurde erst ermöglicht durch die Entwicklung der Quantenphysik in den 20er Jahren. Nachdem in den 50er Jahren die Struktur der DNA entdeckt wurde, begannen Wissenschaftler, die physische Struktur und die Vermehrung der Viren zu verstehen.

Diese wissenschaftlichen Fortschritte erbrachten eine bedeutende Stärkung der menschlichen Fähigkeit, virale Epidemien einzudämmen. Dies zeigt sich zum Beispiel am fortdauernden Kampf gegen die Influenza, die eine der verbreitetsten viralen Infektionen ist. Grippewellen kommen jedes Jahr vor, Epidemien treten in etwa alle zehn Jahre auf. Diese Grippeepidemien können Hunderttausende von Toten kosten - Pandemien, die wesentlich weniger häufig auftreten, können wahre Verwüstungen anrichten.

Grippewellen treten deshalb wiederholt auf, weil die Viren andauernd mutieren und so die Immunität umgehen, die sich andernfalls nach einer Infektion entwickeln würde. Die Pandemie der so genannten "Spanischen Grippe" brach nach dem ersten Weltkrieg 1918 aus. Damals wurde die halbe Weltbevölkerung infiziert, jeder zwanzigste der Infizierten starb, insgesamt über 25 Millionen Menschen. Die "Asiatische Grippe" 1956 und die "Hongkong Grippe" 1968 brachten zusammen 4,5 Millionen Menschen um.

Zwar steht eine Grippeimpfung zur Verfügung, doch sie muss ständig aktualisiert werden, um mit der Mutation des Virus Schritt zu halten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO koordiniert internationale Bemühungen, die Entwicklung des Virus nachzuvollziehen und neue Impfstoffe zu fabrizieren, die dann vor jeder Grippesaison zur Verfügung gestellt werden. Diese Bemühungen halfen, das Grippevirus einzudämmen, und durch die Erfahrung mit der Grippe zeigten sich Wissenschaftler der Gefahr durch SARS gewachsen.

Eine weitere große Errungenschaft von Virusforschung und internationaler Zusammenarbeit während der letzten fünfzig Jahre war de Ausrottung des Pockenvirus - einer der bedeutendsten Gesundheitsbedrohungen der jüngeren menschlichen Geschichte. Allein während des zwanzigsten Jahrhunderts wurden durch die Pocken um die 300 Millionen Menschen getötet. Pockenimpfungen, erstmals Ende des achtzehnten Jahrhunderts entwickelt, wurden seit 1966 von der WHO im internationalen Rahmen durchgeführt. Im Laufe von 15 Jahren führten die intensiven Anstrengungen zur Ausrottung des Pockenvirus 1980.

Der Charakter des SARS-Virus

Die Geschichte der Viren zeigt die Gefahr durch neue Stämme auf, für die weder Immunität noch Impfstoffe existieren. Während des letzten Jahrzehnts wuchsen einige derartige Bedrohungen heran, die tödlichste von ihnen ist HIV. Über 13 Millionen Menschen starben an AIDS, und noch weit mehr sind derzeit mit HIV infiziert. Das Virus hat besonders in den unterentwickelten Ländern Afrikas und Asiens Verwüstungen angerichtet, sich jedoch bis in jedes Land der Erde ausgebreitet.

Wie der Fall von Aids demonstriert, wächst durch das globale Zusammenwachsen der Menschheit auch die Fähigkeit von Viren, große Abstände zu überwinden. Dasselbe gilt für SARS, das seinen Ursprung vermutlich in bäuerlichen Gebieten Chinas nahm und auf diese auch einige Monate begrenzt blieb. Doch nachdem es in das Geschäftszentrum Hongkong gelangt war, stellte es schnell eine globale Bedrohung dar und veranlasste die WHO zu einer weltweiten Gesundheitswarnung.

Jede Viruserkrankung hat eine bestimmte Inkubationszeit, einen Zeitraum zwischen der Aufnahme des Virus und dem Auftreten von Symptomen. Für SARS liegt sie zwischen zwei und zehn Tagen. Diese relativ lange Inkubationszeit erlaubt es Infizierten, zu reisen und andere Menschen anzustecken - ohne dass sie selbst wissen, dass sie infiziert sind. Dies erleichtert die weltweite Verbreitung. Ein Virus wie Ebola ist weitaus häufiger tödlich; doch bei den Infizierten schreitet die Erkrankung so rasch voran, dass das Virus selten an andere Menschen weitergegeben wird.

Die SARS-Erkrankung führt zu Fieber, Kopfschmerzen und Müdigkeit, im Allgemeinen gefolgt von trockenem Husten und Atemschwierigkeiten. Einer gewissen Prozentzahl der Patienten wird die eigene Atmung unmöglich, sie müssen künstlich beatmet werden. Ungefähr 15 Prozent der SARS-Patienten sterben an der Erkrankung, wobei diese Zahl während der letzten Wochen schnell anstieg, da ältere Fälle erst jetzt tödlich endeten.

Man weiß heute, dass SARS eine Infektion durch einen neuen Stamm der Coronaviren ist, einer Gruppe von membranumhüllten RNA-Viren. Coronaviren sind die größten RNA-Viren, ihr Genom besteht aus etwa 30.000 Nukleotiden (Bausteine von DNA und RNA).

Im Allgemeinen sind Coronaviren mit milden Infektionen der oberen Atemwege assoziiert, gewöhnlichen Erkältungen also. Bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem können sie Lungenentzündungen hervorrufen. Der SARS-Stamm ist weitaus virulenter, was Wissenschaftler zu der Vermutung veranlasste, dass der Ursprung des Virus bei Tieren lag, bei denen Coronaviren schwerere Auswirkungen haben können.

Die Gensequenz des Virus wurde von Forschern in Vancouver, Kanada entschlüsselt, separat von diesen auch durch die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Die beiden Sequenzen sind weitgehend identisch [die veröffentlichten Ergebnisse sind einsehbar unter www.sciencemag.org/feature/data/sars/].

Das Genmaterial des Virus unterscheidet sich von dem bekannter Viren. "Im Grunde ist das ganze Genom neu", bemerkt der Mikrobiologe Malik Peiris von der Universität Hongkong. "Das Virus existierte zuvor nicht im Menschen, es kommt definitiv von Tieren", erklärt Yuen Kwok-Yung von derselben Universität. Die Gensequenz liefert jedenfalls keinen genauen Hinweis darauf, von welchem Tier aus es auf den Menschen überging, da es keine klaren Ähnlichkeiten zu Coronaviren aufweist, die bekanntermaßen Tiere infizieren.

Wie die meisten Erkältungsviren wird auch das Coronavirus, das SARS verursacht, durch Husten und Niesen oder engen persönlichen Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen. Jeder Husten stößt feine Speichel- oder Schleimtröpfchen aus, die das Virus übertragen können.

Forscher in Hongkong machten darauf aufmerksam, dass das Virus schnell mutieren könnte - eventuell zu Stämmen, die virulenter oder leichter übertragbar sein könnten. Sie weisen besonders auf einen Vorfall im März hin, bei dem 268 Menschen in einem einzigen Wohnhaus infiziert wurden, obwohl sie keinen direkten Kontakt zueinander gehabt hatten. Wie es zu dieser Ausbreitung kam, ist noch immer unklar, sie könnte durch verschmutztes Wasser oder auf anderem Wege zustande gekommen sein.

"Das Virus mutiert schnell. Eine derart schnelle Mutation bedeutet, dass sogar wenn es eine Heilmethode gäbe, diese uneffektiv werden könnte. Sogar diagnostische Tests würden vielleicht nicht mehr ausschlagen, wenn es sich verändert hat," sagt Dennis Lo, ein Mitglied eines Teams der Universität Hongkong zum Studium des Virus.

Julie Gerberding, Direktorin des CDC, meinte, dies sei wahrscheinlich nicht der Fall. Dennoch bemerkte sie: "Es ist ein einzelsträngiges RNA-Virus, und diese Art von Viren macht bei ihrer Reproduktion ... Fehler. Das HIV-Virus ist ein RNA-Virus und tut dasselbe. Deshalb ist es nicht überraschend, dass wir ständig neue Stämme auftreten sehen." Eine der größten Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen HIV ist gerade, dass es permanent mutiert.

Es sind noch zahlreiche Fragen über die Ausbreitung des Virus offen. Einige Patienten scheinen als "Superspreaders", Superverbreiter, zu agieren. Über 100 Patienten in Singapur gehen auf eine einzige Flugbegleiterin zurück, die die Krankheit aus Hongkong mitbrachte. Was einen "Superspreader" ausmacht, ist noch unklar, doch könnte es sich um biologische bzw. genetische Ursachen oder Umweltfaktoren handeln. "Vom klinischen Standpunkt haben wir keine klaren Hinweise darauf, wer SARS effektiver verbreitet als andere", sagt der Virologe Dr. Ling Ai Ee, Chef des SARS-Forschungsteams von Singapur.

Wissenschaft, Internationalismus und Profitstreben

Es ist offensichtlich, dass außerordentliche wissenschaftliche Bemühungen zur Bekämpfung von SARS unternommen wurden. Der Ausbruch der Krankheit wird rückblickend auf November letzten Jahres datiert. Ende Februar 2003 hatte sich das Virus von China aus nach Vietnam ausgebreitet, wo 22 Krankenhausangestellte infiziert wurden. Erst im März wurde internationalen Wissenschaftlern die Tragweite des Ausbruchs bewusst. Am 12. März gab die Weltgesundheitsorganisation WHO eine weltweite Warnung heraus, die sich auf eine Reihe von Fällen schwerer atypischer Lungenentzündungen in Asien bezog. Als SARS sich weiter ausbreitete, ohne dass eine Behandlung für die Erkrankten in Sicht gewesen wäre, erhöhte die WHO ihre Warnstufe und gab eine seltene Reisewarnung heraus.

Zu diesem Zeitpunkt war die Ursache noch unbekannt, man vermutete eine Variante der Virusgrippe. Nur zwei Wochen nach der weltweiten Gesundheitswarnung der WHO ging man von einem besonders virulenten Coronavirus-Stamm als Ursache der Erkrankung aus. Weitere zwei Wochen nach Isolation des Virus wurden die Gensequenz und die exakte Struktur des Virus festgestellt, die inzwischen öffentlich einsehbar sind.

Am 16. April wurde das Virus wissenschaftlich als Ursache von SARS bestätigt, nachdem Affen, die man mit dem Virus infiziert hatte, die mit der Krankheit verbundenen Symptome zeigten. Dies sah das dritte der so genannten "Kochschen Postulate" zur Feststellung der Ursache einer Infektion vor: Der Erreger muss in allen Fällen der Erkrankung gefunden werden; er muss aus dem Wirt isoliert und außerhalb von diesem angezüchtet werden; er muss die Krankheit in einem zuvor nicht infizierten Wirt auslösen; schließlich muss der Erreger aus dem neu infizierten Wirt wiederum isoliert werden.

Im Gegensatz zu diesem rapiden Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis hatte es in den 80er Jahren zwei Jahre gedauert, bis HIV als Ursache von Aids identifiziert wurde. Dies soll nicht die enormen Anstrengungen schmälern, die dem Verständnis von Aids gewidmet waren - es ist vielmehr ein Zeugnis für die Fähigkeiten der modernen Wissenschaft.

Mit der Identifizierung und der genetischen Sequenzierung des Coronavirus können sich die Anstrengungen nun darauf konzentrieren, Impfstoffe und spezifische Therapien gegen die Erkrankung zu entwickeln. Die Schnelligkeit, mit der die WHO der Krankheit begegnete, nachdem bekannt geworden war, dass es sich um eine ernste Bedrohung handelte, verhinderte - zumindest bislang - dass sie sich in der Masse der Bevölkerungen von Ländern wie Vietnam, Singapur oder Kanada ausbreiten konnte. Ursprünglich war SARS durch Reisende aus China in diese Länder getragen worden, doch die Zahl der Neuerkrankungen in diesen Ländern geht langsam zurück und ist in Vietnam gänzlich zum Stillstand gekommen.

Das Resultat internationaler Zusammenarbeit

Das Virus stellt eine sehr greifbare Gefahr dar. Immer noch breitet es sich über China aus. Zweifellos haben viele der Studenten und Arbeiter, die während der letzten Wochen aus Peking und anderen Großstädten nach Hause zurück fuhren, das Virus mit sich getragen. Solange es sich ausbreitet, wird das Virus weitere Todesopfer fordern - man geht jetzt von einer Sterblichkeitsrate von 15 Prozent aus. Besonders verheerende Auswirkungen hätte eine Ausbreitung auf die große Zahl von Aids-Erkrankten in China, die aufgrund ihres geschwächten Immunsystems noch weniger in der Lage wären, die Krankheit zu überleben.

Je weiter sich das Virus verbreitet, desto höher wird die Möglichkeit, dass es sich als weltweite Krankheit festigt. Wie David Heymann, Exekutivdirektor der WHO-Abteilung für Ansteckungskrankheiten sagt: "Wenn das SARS-Virus seine derzeitige Pathogenität und Übertragbarkeit behält, könnte es die erste neue Krankheit mit weltweitem epidemischem Potential im 21. Jahrhundert werden. Daher geben seine klinischen und epidemiologischen Merkmale, obwohl wir sie noch wenig verstehen, Anlass zu großer Sorge."

Während des vergangenen Jahrhunderts hatten die meisten neu aufgetretenen Krankheiten Eigenschaften, die ihre Verbreitungsfähigkeit begrenzten. "Im Gegensatz dazu breitet sich SARS auf Wegen aus, die ein großes Potential für rasche internationale Verbreitung vermuten lassen - unter den günstigen Bedingungen, die eine hoch mobile und eng zusammengewachsene Welt geschaffen hat", sagt Heymann. Wenn es sich zu einer weltweiten Erkrankung entwickelt, besteht die Möglichkeit, dass es zu einem Problem wie die Virusgrippe werden könnte; ein Problem, das permanente Überwachung erfordert, um mit den schnellen Mutationen Schritt zu halten und um neue Impfstoffe und Therapien zu entwickeln.

Wenn das Virus sich dank der Interaktionen der globalen Gesellschaft verbreiten konnte (wie die Zeitschrift Science am 2. Mai bemerkte: "Infektionskrankheiten respektieren keine nationalen Grenzen"), beruhte der Kampf gegen es auf den gleichen Kräften. Jeder Erfolg bei der Bekämpfung der Krankheit ging auf internationale Zusammenarbeit zurück, während jedes Hindernis daran mit nationalem Wettstreit und engstirnigen sozialen Interessen verbunden war.

Wissenschaftler der ganzen Welt waren in der Lage, ihre jeweiligen Mittel und ihren Sachverstand zusammen auf das gemeinsame Ziel auszurichten, die Krankheit zu verstehen. Die von der WHO koordinierten Bemühungen beschreibt Heymann wie folgt: "Die Labordirektoren schoben Profit, sicherlich auch Prestige und Nationalstolz beiseite um zusammenzuarbeiten und jene Informationen der Öffentlichkeit zuzuführen, die so notwendig sind, um mehr über die Krankheit zu lernen. Und dies geschah in Rekordzeit."

Karl Stöhr, ein Virologe der WHO, der das globale WHO-Netzwerk koordiniert, bestätigte Heymanns Aussagen und fügte hinzu: "In unserer globalisierten Welt ist eine derartige Zusammenarbeit der einzige Weg, um sich ausbreitende Krankheiten anzugreifen."

Die Wichtigkeit weltweiter Bemühungen zur Bekämpfung der Erkrankung war derart augenscheinlich, dass sie eine pro-forma Anerkennung der Bush-Administration hervorriefen. Dies geschah in Aussagen vor dem Kongress durch Gesundheitsminister Tommy Thompson und Dr. Julie Gerberding, Direktorin des Zentrums für Kontrolle und Verhütung von Krankheiten (CDC).

Gerberding sagte in ihrer Stellungnahme: "SARS zeigt auch, dass die Gesundheit der Vereinigten Staaten und die der ganzen Welt untrennbar miteinander verbunden sind und dass die Erfüllung der inländischen Mission des CDC... globales Bewusstsein sowie Zusammenarbeit mit einheimischen und internationalen Partnern erfordert, um Wachstum und Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern... SARS stellt eine große Herausforderung dar, dient jedoch auch als hervorragendes Beispiel für den starken Geist der Zusammenarbeit in der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinschaft, um eine globale Epidemie zu bekämpfen."

Sie fuhr fort: "Die SARS-Erfahrung bekräftigt die Notwendigkeit, die internationale Überwachung zu verstärken, um sofortige Berichterstattung zu erhalten und diese Berichterstattung mit angemessenen, hochentwickelten Laborkapazitäten zu verbinden. Sie unterstreicht den Bedarf an starken globalen Gesundheitssystemen, robusten Infrastrukturen der gesundheitlichen Versorgung und an Sachverstand, der schnell über nationale Grenzen hinaus mobilisiert werden kann, um die Bewegungen einer Krankheit nachzuvollziehen."

Man muss auch auf die Rolle der modernen Kommunikationsmöglichkeiten hinweisen, besonders auf die des Internets. Wissenschaftler in weit voneinander entfernten Regionen der Welt waren in der Lage, unmittelbar zu kommunizieren, um Informationen und Ergebnisse zu teilen. Heymann merkt an: " Die Kommunikation verläuft virtuell. Mitglieder des [wissenschaftlichen] Netzwerkes tauschen sich in täglichen WHO-koordinierten Telekonferenzen aus und benutzen eine sichere Website. Über diese senden sie sich elektronenmikroskopische Bilder von in Frage kommenden Viren, Gensequenzen für die Identifizierung und Charakterisierung des Virus, Beschreibungen von Experimenten, Ergebnisse... Resultat dieser Zusammenarbeit war die Identifikation des vermutlich ursächlichen Agens’ und die Entwicklung dreier diagnostischer Tests, und das in ungekannter Geschwindigkeit."

Steven Jones von der British Columbia Cancer Agency merkte an, dass das von ihm geleitete kanadische Forschungsteam die Gensequenz, die sie ermittelt hätten, unmittelbar nach Vervollständigung ins Internet gestellt hätten. "Minuten danach waren Forscher in der Lage, die Sequenz herunter zu laden und sie in ihren eigenen Computern und Laboratorien zu analysieren. Das Internet hat einen bedeutenden Anteil an der Art, wie diese Daten mitgeteilt wurden und wie Wissenschaftler zusammenarbeiteten."

Die aktuellsten Informationen über die Verbreitung der Krankheit sowie über diagnostische Richtlinien und öffentliche Empfehlungen zur Eindämmung des Virus werden permanent auf Websites der WHO und des CDC auf den neuesten Stand gebracht.

Das Profitstreben setzt sich durch

Der Geist der internationalen Zusammenarbeit, sogar der Altruismus der Wissenschaftler, die an der SARS-Forschung teilnehmen, ist zweifellos aufrichtig. Doch die Wissenschaft ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht fähig, die überkommenen Beschränkungen zu überschreiten, die ihr durch Profitstreben und nationalen Wettstreit auferlegt sind.

Tatsächlich behinderten nationale Interessen vom ersten Anfang der Erkrankung an den Fortschritt. Die stalinistische Bürokratie Chinas versuchte monatelang, das Ausmaß des Ausbruchs zu verheimlichen, um die Einbindung des Landes in die kapitalistische Weltwirtschaft nicht zu gefährden. Es besteht kein Zweifel, dass die chinesische Regierung einen Großteil der Verantwortung für das Ausmaß der Erkrankung in China und anderswo trägt.

Wo immer das Virus auftauchte, litt die Wirtschaft darunter, dass die Leute lieber zu Hause blieben, als Geld auszugeben, und dass der Tourismus stark zurückging. Die WHO schätzt, dass die ökonomischen Konsequenzen 30 Milliarden US-Dollar betragen, die Hauptlast hiervon trägt Asien. Mehr als alles andere bestimmte in den betroffenen Ländern die Bedrohung lokaler Geschäfte und nationaler Ökonomien das Handeln der Regierungen. In Kanada beispielsweise war die Regierung bitter verärgert über die Reisewarnungen der WHO in Bezug auf Toronto. Oberste Befürchtung hierbei waren die Auswirkungen auf die Tourismusbranche der Stadt. Regierungsangehörige taten ihr Bestes, um die Bedrohung herunterzuspielen - sogar als gesicherte Fälle auftraten, in denen Kanadier die Krankheit in andere Länder getragen hatten.

Mehr noch, obwohl die Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten erst begonnen hat, beeilen sich Biotechnologiefirmen, Regierungen und einige Universitäten schon, sich alles Mögliche patentieren zu lassen - von diagnostischen Tests bis hin zu dem neuartigen Coronavirus selbst.

Universitäten in Kanada und Hongkong haben eigene Patentanträge eingereicht, ebenso das amerikanische CDC. Das CDC behauptete zwar, es wolle das Patent nur, um sicherzustellen, dass das wissenschaftliche Material weiterhin für jedermann offen stünde, doch der zunehmende Kampf um die Eigentumsrechte erinnert an die harte Auseinandersetzung zwischen Frankreich und den USA um die Rechte an der Entdeckung und Sequenzierung von HIV. Auf dem Spiel stehen Lizenzgebühren und Profite aus dem Verkauf von Impfstoffen und diagnostischen Tests.

Forscher der Universität von Hongkong beobachteten das Virus als erste im Mikroskop. Laut Halison Yu, stellvertretender Manager von Versitech Ltd., der die Patentangelegenheiten der Universität innehat, macht dies die Universität zu dem "frühen Vogel" (der den Wurm fängt) und gibt ihr die Rechte an dem Virus. Eine Universität, die sich ein solches Patent sichern kann, hat die besten Voraussetzungen, um Investitionen biomedizinischer Firmen anzulocken, die aus der Krankheit Profit zu schlagen suchen. Laut Dr. Malik Peiris, Forscher an derselben Universität, wurde das Patent erst eingereicht, als klar wurde, dass andere Universitäten ebenfalls Anspruch darauf erheben wollten.

Die British Columbia Cancer Agency in Kanada, deren Wissenschaftler als erste das Genom des Virus entschlüsselten, reichten in den USA einen Patentantrag über die Handelsrechte an der Gensequenz ein. Zu ihrer Ehre muss gesagt werden, dass sich einige Wissenschaftler dem Wettlauf um Patente widersetzten. Marco Marra, Leiter des kanadischen Teams, das die Sequenzierung durchführte, sagte, er würde es nicht erlauben, dass sein Name auf den Patentantrag gesetzt würde. So verwirkte er alle Einkünfte, die die Firma hieraus bekäme. Dem Wall Street Journal sagte er, er sei nicht der Meinung, dass Gene patentiert werden sollten.

Verschiedene Biotechnologiefirmen haben Patentanträge für spezielle Behandlungsmethoden eingereicht. Obwohl die meisten dieser Methoden niemals erfolgreich sein werden, haben diese Unternehmen die Hoffnung, wie ein Sprecher es ausdrückte, durch Patentierung der richtigen Behandlungsmethode "die Lotterie zu gewinnen".

Wie wird die Reaktion der Regierungen der Welt auf diese Krise ausfallen? Die Lehren aus SARS sind klar: Um die Bedrohungen durch virale Epidemien in einer modernen, globalisierten Gesellschaft zu bekämpfen, muss ein weltweites Gesundheitssystem entwickelt werden, das die ausgedehnte Finanzierung öffentlicher Systeme zur Gesundheitsüberwachung in unterentwickelten Gebieten und überall auf der Welt einschließen muss. Weiter muss der "unterentwickelte" Charakter dieser Regionen überwunden werden, die unhygienischen Bedingungen müssen gelindert werden, die zur Brutstätte neuer Erkrankungen wie auch zu einem fruchtbaren Boden für die Verbreitung alter Krankheiten werden können. Die Fortschritte von Wissenschaft und Telekommunikation haben die notwendigen technischen Grundlagen geschaffen, um dieser Bedrohung entgegen zu treten.

Doch diese Erfordernisse stehen in fundamentalem Widerspruch zu den Tendenzen des Weltkapitalismus, die alle Beschränkungen der privaten Anhäufung von Reichtum niederreißen, einschließlich der öffentlichen Gesundheitssysteme. Speziell die US-Regierung reagiert empört auf jede Unterordnung ihrer Politik unter internationale Bemühungen. Sie betrachtet dies als unerträgliche Beschränkung des Rechts der herrschenden amerikanischen Elite, ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Der Irakkrieg - der die komplette Zerstörung der grundlegendsten Infrastruktur der irakischen Gesellschaft mit sich gebracht hat, einschließlich des Gesundheitssystems - ist hierfür bezeichnend. Das irakische Volk sieht sich derzeit einer wachsenden Choleraepidemie ausgesetzt, einer Krankheit, deren Ausbreitung unmöglich ist, solange sanitäre Grundbedingungen erfüllt sind. Zur gleichen Zeit, da die Vereinigten Staaten das Gesundheitssystem im eigenen Lande demontieren, verwüsten sie die sozialen Bedingungen auf der ganzen Welt zugunsten der Interessen eines kleinen Teils der amerikanischen Bevölkerung.

Die verheerende Aids-Krise ist ebenfalls bezeichnend für die Unfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft, mit derartigen Problemen umzugehen. Private Firmen, die Patente an Aids-Medikamenten besitzen, haben mit der amerikanischen Regierung zusammengearbeitet, um die Produktion von sog. Generika (billigere Varianten eines bereits vorhandenen Medikamentes, das den gleichen Wirkstoff wie das Original enthält) zu verhindern. Diese Medikamente könnten für unterentwickelte Länder erschwinglich gemacht werden, insbesondere für afrikanische Länder, um bei der Bekämpfung der dortigen Aids-Katastrophe zu helfen. Die Unmöglichkeit für Aids-Patienten überall auf der Welt, notwendige Medikamente billig zu erhalten - wegen der Profitinteressen einer handvoll pharmazeutischer Konzerne - hat sich als Verbrechen gegen die Menschheit herausgestellt, mit dem Ergebnis des unnötigen Leidens und vorzeitigen Sterbens von Millionen.

Kann ein Zweifel daran bestehen, dass mit SARS, sollte es zu einer globalen Epidemie werden, ebenso verfahren würde - dass also die öffentliche Gesundheit privatem Profit untergeordnet würde? Die grundlegende Lehre aus dem SARS-Ausbruch ist - dargestellt sowohl im positiven Sinne durch die internationale Zusammenarbeit bei den Bemühungen, der Krankheit Einhalt zu gebieten, als auch im negativen Sinne durch den Wettlauf um Patente für ihre Behandlung -, dass die Gesundheit der Weltbevölkerung in der heutigen Gesellschaft unvereinbar ist mit einem System, das auf privatem Profit basiert.

Siehe auch:

China und die SARS-Epidemie (8. Mai 2003)