Die historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party

Teil 8

31. Dezember 2008

Die US-amerikanische Socialist Equality Party (SEP) hat vom 3. bis 9. August 2008 ihren Gründungskongress durchgeführt. Der Kongress diskutierte und verabschiedete ein Dokument über die "historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party", das wir hier in deutscher Übersetzung in elf Teilen veröffentlichen. Bereits in deutscher Übersetzung erschienen sind ein Bericht über den Gründungskongress und die Grundsatzerklärung der SEP, die ebenfalls vom Gründungskongress verabschiedet wurde.

Wohlforths Bruch mit der Workers League

157. Die kapitalistische Weltkrise und die Eskalation im Klassenkonflikt brachten politische Probleme in der Workers League zum Vorschein. Das Wachstum der amerikanischen Sektion in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren beruhte zu einem Großteil auf der Radikalisierung von Studierenden und Jugendlichen aus Minderheitsgruppen.

Doch das politische Klima an den Universitäten änderte sich deutlich, als der Abzug von US-Truppen aus Vietnam begann und die Wehrpflicht endete. Die Workers League stand vor der Aufgabe, sich der Arbeiterklasse zuzuwenden. Diese Hinwendung erforderte nicht allein die Ausweitung praktischer Aktivitäten, sondern auch eine umfassende, marxistische Analyse der objektiven Situation. Zudem musste man die jungen und relativ unerfahrenen Parteikader mit den Lehren aus dem Kampf des IKVI gegen den pablistischen Revisionismus vertraut machen. Stattdessen nahm die Parteiarbeit unter Wohlforths Leitung einen vorwiegend aktivistischen Charakter an und ließ eine klare politische Perspektive vermissen. Wohlforths politisches und persönliches Verhalten nahm auf beunruhigende Weise immer mehr Zeichen von Orientierungslosigkeit an. Unter dem Einfluss seiner neuen Lebensgefährtin, Nancy Fields, wurde sein Vorgehen in der Partei sprunghaft, prinzipienlos und destruktiv. Im Zeitraum eines Jahres (1973/74) verlor die Workers League mehr als die Hälfte ihrer Mitgliedschaft.

158. Die Krise in der Workers League erreichte ihren Höhepunkt Ende August 1974. Das Internationale Komitee erfuhr, dass Nancy Fields - die ohne jede Erfahrung oder Qualifikation von Wohlforth in die Parteiführung gebracht worden und dort seine ständige Begleitung war - enge Familienbeziehungen zu Spitzenvertretern des Geheimdienstes CIA unterhielt. Dann kam heraus, dass Wohlforth sehr wohl von diesen familiären Verbindungen gewusst, sie aber vor allen anderen Führungsmitgliedern der Workers League geheim gehalten hatte. Wohlforth hatte auch nicht das Internationale Komitee über Nancy Fields Hintergrund aufgeklärt, obwohl er sie im Mai 1974 persönlich als seine Begleiterin zu einer IKVI-Konferenz ausgewählt hatte. Verschiedene Delegierte auf der Konferenz kamen aus Ländern mit diktatorischen Regierungen und mussten ihre politische Arbeit daher unter den Bedingungen der Illegalität durchführen. Das Zentralkomitee der Workers League wählte Wohlforth als Nationalen Sekretär ab und setzte die Mitgliedschaft von Nancy Fields aus, solange die Untersuchung zu ihrem Hintergrund nicht abgeschlossen war.[96] Einen Monat später trat Wohlforth aus der Workers League aus. Kurz danach begann er, das Internationale Komitee öffentlich zu beschimpfen und trat - allem widersprechend, was er über die letzten vierzehn Jahre hinweg geschrieben hatte - wieder in die Socialist Workers Party ein. Letztlich trennte sich Wohlforth gänzlich von sozialistischer Politik, verunglimpfte die trotzkistische Bewegung als "Kult" und forderte in den 1990er Jahren schließlich amerikanische Militäraktionen auf dem Balkan (in einem Artikel mit der Überschrift "Dem Krieg eine Chance").

Die Workers League nach Wohlforth

159. Die politische Desertion von Wohlforth markierte einen Wendepunkt für die Workers League als trotzkistische Organisation. In Wohlforths Rückzug und seiner nachfolgenden Zurückweisung der eigenen politischen Geschichte drückten sich nicht nur persönliche Schwächen aus. Darin zeigten sich auch spezifische Eigenschaften des kleinbürgerlichen Radikalismus amerikanischer Prägung - insbesondere seine Verachtung gegenüber theoretischer Konsistenz und eine pragmatische Geringschätzung der Geschichte. Die Workers League verstand, dass die Krise, die sie in den Jahren 1973/74 erlebt hatte, mehr verlangte als eine Kritik an Wohlforths Fehlverhalten. Als Reaktion auf Wohlforths Rückzug und seine Tiraden gegen das IKVI begann die Workers League, die Geschichte der Vierten Internationale umfassend aufzuarbeiten. Eben diese Betonung der politischen Erfahrung der trotzkistischen Bewegung im Kontext der objektiven Entwicklung des Weltkapitalismus und internationalen Klassenkampfes wurde zum wesentlichen und herausragenden Merkmal der Workers League. Die Entwicklung einer marxistischen Perspektive und strategischen Orientierung für die Arbeiterklasse, erklärte die Workers League, war nur dann möglich, wenn das ganze Gewicht der historischen Erfahrung der marxistischen Bewegung in der Analyse des zeitgenössischen sozioökonomischen Prozesses zum Tragen kommt. In einer Perspektivresolution der Workers League vom November 1978 heißt es:

"Die Grundlage für eine revolutionäre Praxis, die unerlässliche Basis für jede wirkliche Orientierung auf die Arbeiterklasse vom Standpunkt des Kampfes um die Macht muss eine gründliche Aneignung aller historischen Erfahrungen des Internationalen Komitees seit 1953 sein. Die Ausbildung eines trotzkistischen Kaders ist nur möglich, wenn man darum ringt, jeden einzelnen Aspekt der politischen Arbeit der Partei auf die historischen Errungenschaften des Internationalen Komitees zu gründen, die im Kampf gegen den Revisionismus gewonnen wurden."[97]

160. Das Dokument erläuterte, wie dieses bewusste und beständige Aufarbeiten der historischen Erfahrung der trotzkistischen Bewegung mit dem theoretischen Kampf gegen den Pragmatismus, sowie mit der praktischen Orientierung der Partei auf die Arbeiterklasse zusammenhängt:

"Es kann keine bewusste Hinwendung zur Arbeiterklasse geben, ohne dass man bewusst dafür eintritt, die historische Kontinuität zwischen den heutigen Kämpfen der Arbeiterklasse und der revolutionären Partei als Einheit von Gegensätzen zu bewahren, wie auch den gesamten Gehalt der objektiven historischen Erfahrung der Klasse und der Entwicklung des Bolschewismus. Nur wenn man sich bemüht, die gesamte Arbeit der Partei auf die historischen Errungenschaften des Kampfs gegen den Revisionismus und auf das gewaltige politische und theoretische Kapital zu gründen, das Trotzki der Vierten Internationale hinterlassen hat, kann man in der Partei und damit in der Arbeiterklasse selbst ernsthaft gegen den Pragmatismus kämpfen. Sobald der Kampf gegen Pragmatismus vom direkten historischen Zusammenhang getrennt wird, der zwischen der täglichen Praxis der Kader und dem gesamten Schatz an historischen Erfahrungen der trotzkistischen Bewegung besteht, verkommt dieser Kampf zu verbalen Gefechten. Genauer gesagt, er wird selbst zu einer Form von Pragmatismus."[98]

Die Ursprünge der Untersuchung zu "Sicherheit und die Vierte Internationale"

161. Die Verbindung von Geschichte und Politik drückte sich in den Umständen aus, die Wohlforths Rückzug aus der Workers League umgaben. Zwar hatte er ursprünglich zugegeben, dass er die Sicherheit der Bewegung ernsthaft gefährdet hatte, als er weder die Führung der Workers League noch das Internationale Komitee über Nancy Fields Familienverbindungen unterrichtete. Doch nachdem Wohlforth die Workers League verlassen hatte, erklärte er, dass die von der Partei erhobenen Bedenken vollkommen ungerechtfertigt waren. Gerry Healys Sorgfalt in Sicherheitsfragen, erklärte Wohlforth, sei ein Beweis für "Wahnsinn". Joseph Hansen, der wichtigste politische Vertreter der Socialist Workers Party und Herausgeber des pablistischen Magazins Intercontinental Press unterstützte Wohlforth mit einer wüsten Beschimpfung Healys: "Wohlforth nennt Healys Auftreten ‘Wahnsinn’. Sollte man nicht eher und zutreffender einen modernen Begriff dafür wählen, z.B. ‘Paranoia?’"[99]

162. Hansens Eingreifen auf Seiten Wohlforths zielte darauf ab, die Notwendigkeit der Sicherheit in der revolutionären sozialistischen Bewegung herunterzuspielen und jene zu diskreditieren, die solche Fragen ernst nahmen. Hieraus ergaben sich Fragen von größter politischer und historischer Bedeutung.

"i. Hansen verteidigte Wohlforths laxe Haltung gegenüber der Sicherheit seiner eigenen Organisation zu einem Zeitpunkt, als nach dem Rücktritt Nixons eine ungeheure Menge an Beweismaterial über massive staatliche Spionagetätigkeit gegen radikale und sozialistische Organisationen ans Licht kam. Hansens eigene Organisaton war über nahezu fünfzehn Jahre Zielobjekt einer Spionageoperation. Dokumente über die so genannte COINTELPRO-Operation, die das FBI unter J. Edgar Hoover ins Leben gerufen hatte, zeigten, dass die SWP zwischen 1961 und 1975 massiv von Polizeiagenten und Informanten unterwandert worden war.

ii. Der trotzkistischen Bewegung wurden durch die Infiltration der Vierten Internationale durch Agenten der Sowjetunion und der USA vernichtende Schläge zugefügt. Die Ermordung wichtiger Führer der Vierten Internationale zwischen 1937 und 1940 wurde von den stalinistischen Agenten, die in die Bewegung eingedrungen waren, vorbereitet und ausgeführt.

iii. Hansen, der Healys Sorge um die Sicherheit der internationalen trotzkistischen Bewegung als ‘Paranoia’ verunglimpfte, war Zeuge der Ermordung Leo Trotzkis durch Mercader gewesen. Niemand anderer als Hansen hatte dem GPU-Agenten am Tag des Mordes Einlass in Trotzkis Villa in Coyoacan gewährt. Hansen wusste auch, dass Mercader zu einem jungen Mitglied der SWP eine persönliche Beziehung aufgebaut hatte, um so an Trotzki heranzukommen. Nach Trotzkis Ermordung kritisierte James P. Cannon die ‘Sorglosigkeit’, die Trotzkis Sicherheit geschadet hatte: ‘Wir haben die Vergangenheit selbst führender Leute nicht genug geprüft - woher sie kamen, wie sie leben, mit wem sie verheiratet sind, etc. Wenn in der Vergangenheit solche Fragen aufkamen - die von größter Bedeutung für eine revolutionäre Organisation sind -, schrie die kleinbürgerliche Opposition regelmäßig: ‘Meine Güte, ihr dringt in das Privatleben der Leute ein!’ Ja, genau das tun wir, genauer gesagt, wir drohen es an - in der Vergangenheit war das nicht so. Hätten wir solche Dinge genauer unter die Lupe genommen, hätten wir vielleicht einige schlimme Dinge in der Vergangenheit verhindern können’."[100]

163. In diesem Zusammenhang war Hansens Attacke gegen Healy nicht nur ehrenrührig. Sie war nichts Geringeres als ein Versuch, den Kader der trotzkistischen Bewegung angesichts realer Gefahren von Seiten des kapitalistischen Staates und seiner Einrichtungen zu entwaffnen. Das Internationale Komitee entschied, dass die angemessene Antwort auf Hansen und Wohlforth darin bestand, die historischen Erfahrungen der Vierten Internationale im Hinblick auf Sicherheitsfragen aufzuarbeiten. Dies schloss insbesondere auch eine Untersuchung der Ereignisse ein, die zur Ermordung Leo Trotzkis führten. Auf seinem Sechsten Kongress im Mai 1975 beschloss das IKVI diese Untersuchung, deren Ergebnisse später unter dem Titel "Sicherheit und die Vierte Internationale" veröffentlicht wurden.

Die Rolle von Joseph Hansen

164. Zu Beginn der Untersuchung wurden erst kurz zuvor freigegebene Dokumente gesichtet, die das Ausmaß der Verschwörung, die Trotzkis Ermordung umgab, ebenso klar machten wie die üble Rolle von Agenten, die praktisch alle wichtigen politischen Zentren der Vierten Internationale infiltriert hatten. Das IKVI entdeckte Dokumente über die Agententätigkeit von Gestalten wie Mark Zborowski, der zur rechten Hand von Trotzkis Sohn Leo Sedow wurde. Zborowski spielte eine Schlüsselrolle bei der Ermordung von Sedow und anderen Führungsmitgliedern der Vierten Internationale in Europa. Eine andere wichtige stalinistische Agentin, die den Kreml mit wertvollen Informationen über Trotzkis Aktivitäten versorgte, war Sylvia Caldwell (geborene Callen), die persönliche Sekretärin von James P. Cannon. Doch die wichtigsten Informationen, die das IKVI aufdeckte, bezogen sich auf die Aktivitäten von Joseph Hansen. In US-amerikanischen Nationalarchiven und durch die Freigabe ehemals klassifizierter Informationen fanden sich Dokumente, aus denen hervorging, dass Joseph Hansen unmittelbar nach dem Mord an Trotzki eine verdeckte Verbindung zu hochrangigen US-Agenten suchte, herstellte und beibehielt. In einem der Dokumente, einem Brief des amerikanischen Konsuls in Mexiko-Stadt an einen Vertreter im US-Außenministerium vom 25. September 1940 heißt es über Hansen, dass er "mit einer Person Ihres Vertrauens in New York in Kontakt kommen möchte, der er gefahrlos vertrauliche Informationen übergeben kann."[101]

165. Das IKVI brachte schlüssige Beweise ans Licht, dass Joseph Hansen als Agent innerhalb der trotzkistischen Bewegung gearbeitet hatte. Eine Klage von Alan Gelfand gegen die Regierung der Vereinigten Staaten, die eine staatliche Kontrolle über die Socialist Workers Party unterstellte, erzwang die Herausgabe von offiziellen Dokumenten, die die Ergebnisse der Untersuchung zu "Sicherheit und die Vierte Internationale" bestätigten. Zu den wichtigsten Fakten, die durch die Klage herauskamen, zählte, dass das FBI spätestens seit Mitte der 1940er Jahre wusste, dass Joseph Hansen innerhalb der SWP für die GPU gearbeitet hatte. Er war vom ehemaligen Führer der Kommunistischen Partei Louis Budenz als stalinistischer Agent identifiziert worden; der gleiche Mann hatte auch Sylvia Caldwell öffentlich als Agentin benannt. Hieraus ergab sich klar, warum Hansen und die SWP-Führung so vehement gegen Budenz vorgegangen waren und Caldwell verteidigt hatten. Zuzugeben, dass Budenz’ Vorwürfe gegen Caldwell richtig waren, hätte seine Identifizierung Hansens als Agent um einiges glaubwürdiger gemacht. Daher verteidigte die SWP sie als "vorbildliche Genossin", bis das Gericht die Freigabe von Sylvia Caldwells Aussage vor der Grand Jury anordnete, in der sie zugibt, als GPU-Agentin innerhalb der SWP gearbeitet zu haben. Reba Hansen, die Frau von Joseph Hansen, log öffentlich über die Gründe für Caldwells plötzlichen Rückzug aus der Partei 1947 (dem Jahr, in dem Budenz’ Enthüllungen bekannt wurden). Reba Hansen beschrieb Caldwell als "warmherzigen Menschen" und behauptete: "Sylvia musste New York 1947 wegen familiärer Verpflichtungen verlassen."[102]. Der Nationale Sekretär der SWP, Jack Barnes, erklärte als Zeuge im Gelfand-Prozess, Caldwell sei "eine meiner Heldinnen, nach all den Belästigungen und dem, was sie in den letzten Jahren durchstehen musste".[103]

Ein schändliches "Urteil": Die Pablisten unterstützen die Vertuschung stalinistischer Verbrechen

166. Trotz der Beweise, die das IKVI zusammengetragen und veröffentlicht hatte, stellten sich alle opportunistischen und pablistischen Organisationen gegen die Untersuchung "Sicherheit und die Vierte Internationale". Im September 1976 unterzeichnete praktisch jede Führungsgestalt in der pablistischen Bewegung ein so genanntes "Urteil", in dem die Untersuchung zu "Sicherheit und die Vierte Internationale" als "schamloses Konstrukt" verunglimpft wurde. Gelfand sammelte Aussagen von SWP-Vertretern, die für die Veröffentlichung des "Urteils" zuständig waren, und stellte fest, dass keiner der Unterzeichner die vom IKVI zusammengetragenen Beweise überhaupt geprüft hatte, bevor sie ihren Namen hergaben, um "Sicherheit und die Vierte Internationale" zu verurteilen. Wiederholte Forderungen des Internationalen Komitees, eine formelle Untersuchungskommission einzurichten, um die Beweise zu sichten, blieben unbeantwortet. Politische Interessen spielten bei der Reaktion der Pablisten die entscheidende Rolle. Sie waren nicht interessiert, die Frage der Ermordung Trotzkis wieder aufzubringen und eine neue Generation von Arbeitern auf die Geschichte der stalinistischen Verbrechen hinzuweisen. Sie hatten auch nichts auszusetzen, als sich die SWP 1982 vor Gericht für den GPU-Agenten und Mörder Mark Zborowski einsetzte, der auf Gelfands Betreiben hin Fragen in Bezug auf die Infiltration der Socialist Workers Party beantworten sollte. Zborowski, der seinen Ruhestand in nicht unbescheidenen Verhältnissen in San Fransisco genoss, wandte sich gegen die Zwangsvorladung mit dem Argument, dass seine Zeugenaussage, die zur Enthüllung von Agenten innerhalb der SWP beitrüge, eine Verletzung des kurz zuvor erlassenen Gesetzes zum Schutz von Geheimdienstmitarbeitern (Intelligence Identities Protection Act) darstellen würde. Das Gericht folgte Zborowskis Einwänden.

167. In dem Vierteljahrhundert, das seit Abschluss der Untersuchung "Sicherheit und die Vierte Internationale" vergangen ist, wurden zahlreiche Ergebnisse durch die Freigabe von offiziellen sowjetischen Dokumenten bestätigt. Die so genannten "Venona Papiere" -dechiffrierte Akten aus sowjetischen Geheimdienstbeständen - haben definitiv nicht nur Caldwell sondern auch Robert Sheldon Harte - ein SWP-Mitglied, das als Leibwächter nach Mexiko geschickt worden war - als stalinistischen Agenten enttarnt. Als das IKVI belastende Informationen über Harte veröffentlichte, wurden auch diese von der SWP und den Pablisten zunächst als Verleumdung angeprangert. Die Bestätigung der Vorwürfe, die das IKVI erhoben hatte, führten nicht dazu, dass irgendeine pablistische Organisation ihre Verunglimpfung von "Sicherheit und die Vierte Internationale" zurücknahm.

168. Einige weitere Tatsachen ergaben sich als Nebenprodukt aus der Sicherheitsuntersuchung. Es kam heraus, dass buchstäblich die gesamte zentrale Führung der Socialist Workers Party - wie auch eine Mehrheit ihres Politischen Komitees - das Carlton College besucht hatte, eine kleine liberale Hochschule für Geisteswissenschaften im Mittleren Westen. Es gab keine Hinweise darauf, dass die SWP in den Jahren von 1960 bis 1964 irgendeine systematische Arbeit am Carlton Collge durchgeführt hatte, in denen so viele Studierende, darunter Jack Barnes, der Partei beitraten und schnell an ihre Spitze aufstiegen. Ihre Verwandlung aus konservativen Studenten aus dem Mittleren Westen (Jack Barnes war Anhänger der Republikaner) in Führer einer angeblich revolutionären Organisation geschah über das Fair Play for Cuba Committee, das von FBI-Agenten durchsetzt war und von ihnen kontrolliert wurde. Die SWP-Führung konnte keine glaubhafte Erklärung für das Carlton College-Phänomen liefern.

169. Als die Untersuchung des Internationalen Komitees immer mehr belastende Beweise zu Hansens Agententätigkeit zu Tage förderte, nahm die Gegenkampagne der SWP und der Pablisten einen immer provokativeren Charakter an. Am 14. Januar 1977 fand in London eine öffentliche Veranstaltung der Pablisten und ihrer Anhänger statt, um "Sicherheit und die Vierte Internationale" und insbesondere Gerry Healy zu verunglimpfen. Zur Versammlung sprachen unter anderem Ernest Mandel, Tariq Ali (Führer der britischen pablistischen Organisation), Pierre Lambert (Führer der OCI) und Tim Wohlforth. Vor dem Meeting sandte die Workers Revolutionary Party einen Brief an die Führer der pablistischen Organisationen und schlug die Einrichtung einer paritätischen Kommission vor, zusammengesetzt aus gleich vielen Mitgliedern des IKVI und des Vereinigten Sekretariats, um die durch die Untersuchung aufgedeckten Beweise zu sichten und zu bewerten. Der Brief blieb unbeantwortet und auf dem Treffen vom 14. Januar unerwähnt. Stattdessen nutzte man das Treffen gänzlich, um Schmähungen gegen Healy auszustoßen. Als Healy sich im Publikum erhob und das Wort verlangte, um auf die Angriffe zu antworten, wurde dies verweigert.

170. Obwohl die Pablisten mauerten, wurde die Untersuchung fortgesetzt. Im Mai 1977 fand das IKVI Sylvia Caldwell in einem Vorort von Chicago, wo sie ohne festen Wohnsitz auf einem Wohnwagenstellplatz lebte. Sie hatte nach ihrem Fortgang von der SWP wieder geheiratet (ihr erster Mann, der stalinistische Agent Zalmond Franklin, war 1958 gestorben) und hieß nun Sylvia Doxsee. Sie behauptete, sich nicht an ihre Zeit als SWP-Mitglied erinnern zu können, erklärte aber gleichzeitig, James P.Cannon sei kein besonders bedeutender Mann gewesen. Das IKVI veröffentlichte im Juni 1977Fotos von Doxsee und Teile des mit ihr geführten Interviews. Die SWP reagierte darauf mit einer öffentlichen Kampagne, die die Workers League als "gewalttätige" Organisation hinstellen sollte. An der Spitze der Kampagne stand Hansen selbst, der einerseits vor den "tödlichen Folgen" der Untersuchung für das Internationale Komitee warnte, andererseits schrieb: "Healys Anhänger sind durchaus in der Lage, physische Gewalt gegen andere Teile der Arbeiterbewegung auszuüben."[104] Lange Zeit war es das übliche Vorgehen von Stalinisten gewesen, die trotzkistische Bewegung auch dann noch als "gewalttätig" darzustellen, wenn sie selbst gewalttätige Angriffe gegen sie vorbereiteten. Vier Monate später, am 16. Oktober 1977, wurde Tom Henehan, ein führendes Mitglied der Workers League, in New York City erschossen, als er eine öffentliche Veranstaltung der Parteijugendorganisation Young Socialists beaufsichtigte. Er erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Der Mord an Henehan trug alle Züge eines professionellen Attentats: Er wurde von geübten Schützen durchgeführt, die die Räumlichkeiten der Veranstaltung betraten und ohne ersichtlichen Grund auf Henehan feuerten. Die New Yorker Presse stempelte den Angriff als "sinnlosen Mord" ab, und die Polizei verweigerte jede weitere Untersuchung. Obwohl die zwei Mörder von Augenzeugen identifiziert werden konnten, unternahm die Polizei nichts, um sie festzunehmen. Die Untätigkeit der Polizei fand die Unterstützung der Pablisten, die weder über den Mord an Tom Henehan berichteten noch ihn verurteilten. Die Workers League führte eine unabhängige politische Kampagne, um öffentlich Druck für die Festnahme der Mörder zu erzeugen. Im Zuge dieser Kampagne unterschrieben zehntausende Arbeiter und Vertreter von Gewerkschaftsorganisationen, die ihrerseits Millionen Arbeiter repräsentierten, eine Petition mit der Forderung der Workers League. Schließlich gab die Polizei im Oktober 1980 diesem öffentlichen Druck nach und verhaftete die Mörder Angelo Torres und Edwin Sequinot. Ihr Prozess fand im Juli 1981 statt. Sie wurden für schuldig befunden und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Doch die Angeklagten verweigerten die Aussage und gaben keine Erklärung zu ihrer Tat ab.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen
96 Der Bericht des IKVI stellte fest, dass "Nancy Fields seit dem 12. Lebensjahr bis zu ihrem Universitätsabschluss von ihrem Onkel und ihrer Tante, Albert und Gigs Morris aufgezogen, unterrichtet und finanziell unterstützt wurde. Albert Morris leitet die EDV-Abteilung der CIA in Washington und ist Großaktionär von IBM. Er gehörte der OSS an, dem Vorläufer der CIA, und arbeitete in Polen als Agent des Imperialismus. In den 1960er Jahren hatten sie in ihrem Haus oft Richard Helms zu Besuch, Ex-Direktor der CIA und jetzt amerikanischer Botschafter in Iran." [Documents of Security and the Fourth International, New York, Labor Publications 1985, S. 15 (Aus dem Englischen)]
97 The World Economic-Political Crisis of Capitalism and the Death Agony of US Imperialism, New York, Labor Publications 1979, S. 30 (Aus dem Englischen)
98 ebenda, S. 36
99 The Secret of Healy's Dialectics, Intercontinental Press, March 31, 1975 (Aus dem Englischen)
100 James P. Cannon, Writings and Speeches, 1940-43, "The Socialist Workers Party in World War II", New York, Pathfinder Press 1975, S. 81-82 (Aus dem Englischen)
101 Documents of Security and the Fourth International, S. 115 (Aus dem Englischen)
102 James P. Cannon As We Knew Him, New York, Pathfinder Press 1976, S. 233 (Aus dem Englischen)
103 The Gelfand Case, Volume II, New York, Labor Publications 1985, S. 635 (Aus dem Englischen)
104 Intercontinental Press, 20. Juni 1977 (Aus dem Englischen)