Insolvenz von Chiphersteller Qimonda bedroht 12.000 Arbeitsplätze

Von Elisabeth Zimmermann
27. Januar 2009

Am Freitag den 23. Januar 2009 meldete der Speicherchip-Hersteller Qimonda beim Amtsgericht München Insolvenz an. Dadurch sind weltweit 12.200 Arbeitsplätze gefährdet, darunter 3.200 in Dresden, 1.400 in München und 1.800 im portugiesischen Porto.

Am heutigen Dienstag will der vom Amtsgericht München eingesetzte Insolvenzverwalter Michael Jaffé die Mitarbeiter des Qimonda-Werks Dresden auf einer Betriebsversammlung über das eingeleitete Insolvenzverfahren informieren. Damit solle, wie die Medien berichten, "wieder Ruhe in die Belegschaft" gebracht werden. Es ist aber mehr als zweifelhaft, ob der Insolvenzverwalter irgendwelche Perspektiven für die Zukunft anbieten kann.

Noch kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember 2008, hatten sich nach langen Auseinandersetzungen die sächsische Landesregierung, eine portugiesische Investitionsbank und der Mutterkonzern Infineon auf ein Rettungspaket in Höhe von 325 Millionen Euro geeinigt, um das drohende Aus für Qimonda abzuwenden. Das Land Sachsen sagte einen Kredit von 150 Millionen, Infineon 75 Millionen und die portugiesische Investitionsbank 100 Millionen Euro zu. Als Anfang letzter Woche die letzten Details für dieses Rettungspaket bei einem Gespräch im Kanzleramt abgeklärt werden sollten, schockierte das Qimonda-Management mit der Mitteilung, mittlerweile würden dringend zusätzliche 300 Millionen Euro benötigt.

Die Bundesregierung, die in die Verhandlungen einbezogen worden war, lehnte die Unterstützung weiterer Hilfsmaßnahmen mit der Begründung ab, das neue Loch sei "nicht zu stopfen". Auch die sächsische Landesregierung lehnte Hilfen über die im Dezember vereinbarten 150 Millionen Euro hinaus mit der Begründung ab, das Unternehmen habe bei den Gesprächen kein tragfähiges Konzept für die Zukunft vorweisen können.

Beschäftigte von Qimonda reagierten verärgert auf die Weigerung der Bundes- und Landesregierung, Qimonda finanziell unter die Arme zu greifen und die Arbeitsplätze zu sichern. "Wie könne es sein, dass den Banken mit Milliardenbürgschaften und Finanzspritzen, der Autobranche mit Kaufanreizen für die Verbraucher geholfen werde, ein Chiphersteller wie Qimonda aber einfach fallengelassen werde", zitierte sie Spiegel online.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete über die Reaktion junger Elektroingenieure aus München auf die Nachricht von der Pleite. Am Forschungsstandort von Infineon und Qimonda in München arbeiten seit 2005 rund 900 Ingenieure an der Entwicklung von Produkten für die Halbleitertechnologie. "Unsere Branche gibt’s nicht mehr", erklärten einige, die sich trotz qualifizierter Ausbildung auch keine Hoffnungen auf einen anderen Arbeitsplatz machen: "Bricht ja eh alles ein. Die Halbleiterindustrie ist ja in ganz Europa hinüber."

Qimonda ist ein Tochterunternehmen des Chip-Herstellers Infineon und produziert Speicherchips, wie sie in Handys und Computern eingesetzt werden. Neben den europäischen Werken beschäftigt der Konzern auch 2.500 Mitarbeiter in den USA.

Die Muttergesellschaft Infineon ist 1999 durch die Ausgliederung des Halbleitergeschäfts von Siemens entstanden und hat eine stürmische Geschichte hinter sich, in deren Verlauf Tausende Arbeitsplätze vernichtet wurden. Zurzeit beschäftigt der Konzern weltweit noch knapp 30.000 Menschen.

2006 wurde die Speicherchip-Tochter Qimonda an die Börse gebracht und in den letzten Monaten suchte Infineon, das noch 77,5 Prozent der Anteile hält, intensiv nach einem Käufer. Infineon wollte sich spätestens in diesem Jahr von Qimonda trennen, konnte aber bisher keinen interessierten Käufer oder Finanzinvestor für das angeschlagene Unternehmen finden.

Die Chip-Produktion ist international heftig umkämpft und leidet unter einem starken Preisverfall. So sind bei Qimonda allein von Januar bis September 2008 Verluste von 1,5 Milliarden Euro aufgelaufen. Verschärft wird die Situation durch die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die es den Unternehmen fast unmöglich macht, neue Kredite und Finanzierungsmöglichkeiten zu erhalten.

Als Grund für den zusätzlich aufgelaufenen Finanzbedarf von 300 Millionen Euro nannte das Qimonda-Management den ungebremsten Preisverfall auf dem weltweiten Markt für Speicherchips. "Er sei selbst unter jenen Betrag gesunken, den man bei der Zusammenstellung des seit Dezember verhandelten Rettungskonzepts für das Hightech-Unternehmen als,Worst-case´-Szenario angenommen hatte", berichtete die Süddeutsche Zeitung am 23. Januar. "Allein im Dezember waren Preise für Chips wie sie in Computern, Handys oder Digitalkameras Einsatz finden, um mehr als 60 Prozent eingebrochen."

Wenige Tage zuvor hatte der weltgrößte Chiphersteller Intel einen Umsatzrückgang von fast 25 Prozent und einen Gewinneinbruch von 90 Prozent im letzten Quartal 2008 gemeldet und die Schließung von insgesamt fünf Fabriken angekündigt, zwei in den USA (Hilsboro (Oregon) und Santa Clara) und drei in Malaysia und auf den Philippinen. Betroffen sind an die 6.000 Arbeitsplätze.

Die Insolvenz von Qimonda bedroht auch viele Tausende weitere Arbeitsplätze in der Halbleiterindustrie. So hängt in Sachsen neben den direkt betroffenen jeder fünfte der insgesamt 50.000 Arbeitsplätze in diesem Industriezweig indirekt von Qimonda ab, wie der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Ulrich Blum, erklärte. "Es wäre also ein schwerer Schlag für die Region."

Es wird befürchtet, das Ende von Qimonda und eventuell auch von Infineon könnte das Aus für "Silicon Saxony" einläuten, ein "Leuchtturm"-Projekt, das die sächsische Landesregierung mit hohen Summen gefördert hat. Zwei Milliarden Euro an staatlichen Fördermitteln wurden seit den 1990er Jahren in den Aufbau von Fabriken und Forschungsstandorten der Informationstechnologie-Industrie in Dresden und Umgebung gesteckt. Das Qimonda-Werk mit seinen 3.200 Beschäftigten war der größte Arbeitgeber in Dresden.

Auch dem Mutterkonzern Infineon drohen durch die Insolvenz von Qimonda zusätzliche Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe. Infineon muss mit kartell- und wertpapierrechtlichen Verfahren, der eventuellen Rückforderung von öffentlichen Fördermitteln sowie Forderungen von Qimonda-Mitarbeitern rechnen. Der Aktienwert beider Unternehmen fiel am Freitag, als Qimonda Insolvenz beantragte, unter einen Euro pro Aktie (Infineon 0,68 Euro, Qimonda 0,09 Euro).

Infineon befindet sich selbst in einer tiefen Krise. Im letzten Geschäftsjahr machte der zweigrößte Halbleiterproduzent Europas 3,1 Milliarden Euro Verlust bei einem Gesamtumsatz von 4,3 Milliarden Euro. Für das jetzt laufende Geschäftsjahr wird aufgrund der Wirtschaftskrise mit einem Umsatzrückgang von mindestens 15 Prozent gerechnet. Allein im ersten Quartal rechnet man mit einem Umsatzeinbruch von 30 Prozent.

In Absprache mit dem Betriebsrat hat Infineon das Werk Regensburg für ein halbes Jahr stillgelegt und die 2.400 Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt. Weitere Betriebsschließungen und der Abbau zusätzlicher Arbeitsplätze sind in Planung.

Als Mitte Dezember letzten Jahres Hunderte von Qimonda-Beschäftigten vor der Infineon-Zentrale demonstrierten und mehr Unterstützung für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze forderten, hatte Infineon-Chef Peter Bauer, geschützt von Sicherheitskräften, eine höhere finanzielle Unterstützung für Qimonda mit den Worten abgelehnt: "Unsere Liquidität schmilzt dahin. Wir sind in der Tendenz in einer ähnlichen Situation wie Qimonda."

Unmittelbar nach der Insolvenzankündigung von Qimonda begannen die öffentlichen Schuldzuweisungen. Die Landesregierung von Sachsen und die IG Metall warfen dem Management Konzeptlosigkeit vor. Das Qimonda-Management beklagte die unzureichende Unterstützung von Seiten der Landes- und Bundesregierung.

Der IG Metall-Bezirkschef von München, Werner Neugebauer, wies darauf hin, dass die IG Metall bereits bei der Ausgliederung von Qimonda aus dem Mutterkonzern Infineon darauf verwiesen habe, dass das Tochterunternehmen zu klein und nicht überlebensfähig sei. Dazu seien weitere gravierende Managementfehler gekommen.

Der Vizechef der IG Metall München machte die Qimonda-Beschäftigten selbst für die Probleme verantwortlich, weil nur sehr wenige von ihnen in der Gewerkschaft IG Metall organisiert seien. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung behauptete er: "Unsere Einflussmöglichkeiten sind gering." Die IG Metall habe den Qimonda-Mitarbeitern nahe gelegt, auf einem Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung zu bestehen, als das Unternehmen aus Infineon ausgegliedert worden sei. Jetzt gebe es den nicht und demzufolge könne man auch nichts machen.

Diese Schuldzuweisungen an die Belegschaft sind infam. Wo immer die Gewerkschaft über Einfluss verfügt, arbeitet sie Hand in Hand mit dem Management, um die Angriffe gegen die Belegschaft durchzusetzen. Tarifverträge zur "Beschäftigungssicherung" waren stets mit erzwungenen Zugeständnissen bei Löhnen und Arbeitsbedingungen verbunden. Und gingen Firmen dann Pleite, sorgte die Gewerkschaft für Ruhe und schickte die Belegschaften - wie im Fall von BenQ und Nokia - über eine Transfergesellschaft in die Arbeitslosigkeit.

Bei Qimonda wird es nicht anders sein. Sollte es im Verlauf des Insolvenzverfahrens zur teilweisen "Rettung" von Arbeitsplätzen kommen, wird dies mit weiteren Zugeständnissen von Seiten der Arbeiter verbunden sein. Der Abbau von Arbeitsplätzen, verstärkte Arbeitshetze und Einbußen bei Löhnen und sozialen Leistungen sind regelmäßig der Preis für solche "Rettungsmaßnahmen", während das Management ohne Einschränkungen und gut abgesichert davon kommt.

Angesichts der Rezession der gesamten Weltwirtschaft erfordert die Verteidigung der Arbeitsplätze eine internationale sozialistische Strategie. Es ist notwendig, Kontakte zu den Belegschaften anderer betroffener Betriebe und Unternehmen zu knüpfen. Die gesamte Gesellschaft muss grundlegend umorganisiert werden. Unternehmen wie Qimonda und Infineon müssen vergesellschaftet und die Produktion unter der demokratischen Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung weiter geführt werden. Die sozialen Bedürfnisse, sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und gutes Einkommen müssen Vorrang haben vor den Profit- und Renditeinteressen von Konzernen und Banken.

Siehe auch:
Infineon-Tochter Qimonda droht das Aus - über 13.000 Arbeitsplätze gefährdet
(18. November 2008)