Schließung von Opel-Antwerpen:

Opel-Betriebsräte wollen Streiks vermeiden

Von unseren Korrespondenten
28. Januar 2010
Opel-Werk an der Noorderlaan im Hafen von Antwerpen Opel-Werk an der Noorderlaan im Hafen von Antwerpen

Dienstag in Antwerpen: Krisensitzung der europäischen Opel-Betriebsräte. Es geht um die jüngsten Pläne der Konzern-Mutter General Motors in Europa. Erst wenige Tage zuvor hat Opel-Chef Nick Reilly angekündigt, dass mindestens 8.300 Stellen in Europa gestrichen werden. Das belgische Opel-Werk, in dem heute noch knapp 2.600 Arbeiter den Astra montieren, soll noch in diesem Sommer geschlossen werden.

Eine "Protestveranstaltung als Ausdruck europäischer Solidarität" hat der Betriebsratschef Klaus Franz aus Rüsselsheim für den heutigen Tag angekündigt. In Wirklichkeit dient das Meeting in Antwerpen, an dem führende Betriebsräte aus Belgien, Deutschland, Spanien, Großbritannien, Polen, Ungarn und Österreich teilnehmen, im Wesentlichen einem einzigen Zweck. Ein potentieller Arbeitskampf gegen die Schließung des Opel-Werks in Antwerpen soll rechtzeitig verhindert, eine mögliche Solidarisierung der Opel-Arbeiter über die Grenzen hinweg im Keim erstickt werden.

Klaus Franz, Betriebsratsvorsitzender Opel-Vauxhall Klaus Franz, Betriebsratsvorsitzender Opel-Vauxhall

"Um es ganz klar zu sagen: Wir wollen keine Streiks", erklärt Klaus Franz auf der Pressekonferenz. "Wir lassen uns nicht zu Kampfaktionen provozieren, egal von welcher Seite." Es seien keinerlei konkrete Aktionen geplant, versichert Franz. Seine Forderung: "Wir wollen mit dem Management sprechen!" Das Ziel von Klaus besteht darin, die Zusammenarbeit mit der Konzernleitung zu intensivieren, um den Arbeitsplatzabbau möglichst reibungslos durchzusetzen. Der aktuelle Entlassungsplan von Nick Reilly sei mit den Betriebsräten von Opel-Vauxhall nicht ausreichend abgesprochen, klagt Franz.

In einer Presseerklärung fordern die Betriebsräte, dass ein kleiner Geländewagen (SUV) vertragsgemäß in Antwerpen, und nicht, wie momentan von GM geplant, in Südkorea gebaut werden soll. Schon im Jahr 2007 habe GM in einem Vertrag zugesagt, dass das Werk in Antwerpen weiter in Betrieb bleibe. Die Betriebsräte brüsten sich damit, dass die belgischen Arbeiter seit zwei Jahren jährlich auf zwanzig Millionen Euro verzichtet haben(!), um das Werk zu erhalten.

Rudi Kennes, Betriebsratschef Opel-Antwerpen Rudi Kennes, Betriebsratschef Opel-Antwerpen

Die einzig konkrete Maßnahme des heutigen Tages besteht darin, dass Klaus Franz und Rudi Kennes, Betriebsratschef in Antwerpen, die Vertreter von General Motors am kommenden Montag zu einem außerordentlichen Meeting einladen, um einen neuen Zukunftsplan für Opel in Europa zu beschließen. Alle bisherigen "Zukunftspläne" bestanden darin, dass die Betriebsräte sehr weitgehende Zugeständnisse bei der Senkung der Löhne und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen angeboten haben. Das Ergebnis dieser Zugeständnisse war immer gleich. Auf die Lohnsenkungen folgte der Arbeitsplatzabbau.

Die Hauptsorge der Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre besteht darin, dass sie ihre Stellung als hoch bezahlte Junior-Partner des Managements verlieren könnten.

Noch im letzten Jahr haben der deutsche Betriebsrat und die IG Metall im Rahmen einer möglichen Übernahme durch den kanadischen Zulieferer Magna selbst massive Angriffe eingeplant. Sie haben sowohl mit einer Werksschließung in Antwerpen als auch mit bis zu 10.500 Stellenstreichungen gerechnet. Der Unterschied war, dass damals der Magna-Deal eine "Mitarbeiter-Kapitalbeteiligungsgesellschaft" vorsah, bestehend aus den Urlaubs- und Weihnachtsgeldern der Arbeiter. Die Betriebsräte und die IG Metall, die den Fond kontrollieren sollten, wären damit zu Verwaltern von zehn Prozent des Betriebskapitals geworden.

Nick Reilly jedoch, der von GM eingesetzte Opel-Chef für Europa, stellt die Betriebsräte vor vollendete Tatsachen. Er hat sie "nicht konsultiert" - wie Klaus Franz klagt - sondern gibt die Schließung von Antwerpen als Beschluss bekannt. Gleichzeitig verlangt Reilly ultimativ einen jährlichen Lohnverzicht von 265 Millionen Euro. Andernfalls sollen weitere Werke stillgelegt werden.

Die "Protestaktion" vom Dienstag beinhaltete keineswegs, dass die Arbeit bei Opel auch nur für einen Tag niedergelegt wurde, weder in Antwerpen, noch in einem andern Werk. Die "Solidaritätsdelegationen aus allen Opel-Standorten", die für diesen Tag angekündigt sind, entpuppen sich im Wesentlichen als zwei hessische Busse voller Gewerkschaftsfunktionäre, unter denen sich auch eine kleine Gruppe handverlesener "Opelaner" aus Rüsselsheim befindet.

Weder in Rüsselsheim, noch in Bochum, Eisenach, Luton oder Gleiwitz hat die Gewerkschaft die Aktion auch nur bekannt gemacht. Eine solche Art von "Solidarität" kann die Arbeiter in Antwerpen nur frustrieren und entmutigen.

In Antwerpen werden die Kollegen der Frühschicht kurz vor Mittag, die der Spätschicht kurz nach zwei Uhr in der Cafeteria versammelt, wo Klaus Franz und Rudi Kennes, der belgische Betriebsratschef, jeweils wenige Minuten zu ihnen sprechen. Dann laufen die Fließbänder wieder an.

Während des Schichtwechsels sprechen Vertreter der World Socialist Web Site die Kollegen vor dem Werk an, fragen sie nach ihrer Meinung und verteilen die Erklärung der Partei für Soziale Gleichheit, die zum Aufbau unabhängiger Fabrikkomitees aufruft (siehe unten).

"Dreiviertel aller Kollegen gehen davon aus, dass das Werk schließt", sagt uns ein 47-jähriger Arbeiter, der seit 22 Jahren hier arbeitet. "1989 waren wir noch eine Belegschaft von 12.000 Arbeitern, jetzt sind wir keine dreitausend mehr. Wir müssen mit immer weniger Leuten immer härter schuften, und dann sollen wir noch auf Lohn verzichten. An uns kannst du sehen: Lohnverzicht rettet keinen Arbeitsplatz."

Anne, Jurgen und Robby Anne, Jurgen und Robby

Anne, Jurgen und Robby gehen auch davon aus, dass die Werkschließung beschlossene Sache ist. Viele Kollegen im Werk seien sauer und frustriert. "Die Zermürbungstaktik läuft schon lange Zeit; das geht bei uns schon seit zwei-drei Jahren hin und her", berichtet Anne. Die drei sagen, dass viele Arbeiter das Vertrauen in die Gewerkschaft verlieren. Jurgen meint: "Man muss selbst was tun, ihr habt recht. Aber was? Wir sind hier nur 2.600. Aber die Arbeiter in andern Werken haben ja die gleichen Probleme wie wir."

Die Schließung von Opel wird sich für das Industriegebiet der Region Antwerpen verheerend auswirken. In Flandern ist die offizielle Arbeitslosigkeit jetzt schon fast siebzehn Prozent. An jedem Opel-Arbeitsplatz hängen noch etwa drei weitere Stellen in der Zulieferindustrie.

Seit bekannt ist, dass das Werk geschlossen wird, kommen täglich Arbeiter der umliegenden Betriebe an die Noorderlaan im Antwerpener Hafen, wo sie an der Ostseite des Opel-Werks eine Mahnwache unterhalten. Hier treffen sich Kollegen nach der Schicht mit Arbeitern der Subunternehmer, von Zuliefererbetrieben und von andern Werken. Hier schildern uns Arbeiter, was eine Schließung des Antwerpener Opel-Werks für sie bedeuten würde.

Sarah Sarah

Sarah arbeitet seit zehn Jahren für eine Firma, die die Lohnbuchhaltung für Opel besorgt; ihr Mann ist Schichtarbeiter bei Opel. Wenn Opel schließt, verlieren beide ihren Arbeitsplatz. "Es ist klar, dass wir kämpfen müssen", sagt Sarah und erzählt, dass sie bald ein Kind bekommen wird. "Aber was soll man tun?" Sarah sagt, sie fände es vollkommen richtig, wenn sich die Arbeiter zusammenschließen und über die Grenzen hinweg gemeinsam kämpfen würden. "Es geht um unsere Zukunft", sagt Sarah.

Ibrahim Ibrahim

Ibrahim und sein Kollege Adama arbeiten für eine Reinigungskolonne im Opel-Werk. "Ich bin seit dreizehn Jahren bei Opel", berichtet Adama, "doch in der letzten Zeit macht es keinen Spaß mehr. Man weiß von heute auf morgen nicht, wie lange wir noch Arbeit haben". Ibrahim, der seit sechs Jahren im Werk sauber macht, ergänzt: "Im Moment ist die Situation schrecklich, weil keiner dir sagen kann, wie es weitergeht!" Die Kollegen machen sich große Sorgen, was aus ihren Familien wird, wenn das Werk schließt.

Abdel Abdel

Abdel B. ist mit Kollegen von Brüssel hierhergekommen, um die Opel-Arbeiter zu unterstützen. Er arbeitet seit zehn Jahren als Gabelstaplerfahrer für VW-Audi. "In den letzten Jahren haben wir viele Erfahrungen mit Werkschließungen und Stellenstreichungen gemacht", berichtet Abdel. "Erst wurde Renault-Vilvoorde geschlossen, dann bei Ford in Gent und Volkswagen in Brüssel-Forest massiv Arbeitsplätze abgebaut. Wir haben wirklich ein Recht, für unsere Arbeitsplätze auf die Straße zu gehen und zu kämpfen."

Eine Erklärung der Partei für Soziale Gleichheit, die in holländische Sprache übersetzt war und die Arbeiter dazu aufrief gegen die nationale Spalterpolitik der Gewerkschaften vorzugehen und Kontakt zu den anderen europäischen und amerikanischen GM-Arbeitern aufzunehmen, stieß auf großes Interesse.

Siehe auch:
General Motors schließt Opel-Werk in Antwerpen
(23. Januar 2010)
Das nationalistische Gift der Gewerkschaften
( 26. Januar 2010)