Britischer Wissenschaftler erhält Nobelpreis für In-Vitro-Fertilisation (IVF)

Von Chris Talbot
6. November 2010

Der pensionierte britische Professor Robert Edwards ist für seine Pionierarbeit bei der Entwicklung einer Methode der künstlichen Befruchtung, der In-vitro-Fertilisation (IVF) mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet worden. Edwards, der als Biologe an der Universität Cambridge wirkte, hat zusammen mit dem britischen Gynäkologen Patrick Steptoe die bahnbrechende Forschungsarbeit geleistet, die es inzwischen ermöglicht, weibliche Eizellen aus dem Körper zu entnehmen, sie mit Sperma zu befruchten und dann in die Gebärmutter einzupflanzen. Seit Louise Brown 1978 im Oldham and District General Hospital nahe Manchester als erstes „Retortenbaby“ zur Welt kam, sind durch diese Behandlungsmethode der Unfruchtbarkeit schätzungsweise mehr als vier Millionen Babys geboren worden.

Das Nobelpreis-Komitee mit Sitz in Stockholm begründete die Preisverleihung damit, dass Edwards’ Arbeiten „einen Meilenstein in der Entwicklung der modernen Medizin“ darstellten. Seine Vision der künstlichen Befruchtung, die er bereits am Beginn seiner Forschertätigkeit in den 1950er Jahren hatte, sei nun „Realität und beschert unfruchtbaren Menschen auf der ganzen Welt Glück.“

Der inzwischen 85-jährige Edwards kann aus gesundheitlichen Gründen den mit 10 Millionen schwedischen Kronen dotierten Preis nicht selbst entgegennehmen. Steptoe starb 1988; der Nobelpreis wird nicht posthum verliehen. Vor allem der weitverbreitete Widerstand des internationalen religiösen Establishments gegen seine Pionierleistung und die damit verbundene Scheu vieler Regierungen, IVF vorbehaltlos zu unterstützen, haben bewirkt, dass ihre Forschungen erst mehr als 30 Jahre später die verdiente Anerkennung erhalten. Die Meinung einiger Kommentatoren, das Nobelpreis-Komitee wollte abwarten, ob Louise Brown gesund bleibt und ein eigenes, auf natürlichem Weg gezeugtes Kind zur Welt bringt (was inzwischen geschehen ist), überzeugt nicht und ist angesichts des nachgewiesenen Erfolgs der Behandlungsmethode wissenschaftlich unhaltbar.

Der Präsident der vatikanischen Akademie für das Leben, Monsignore Ignacio Carrasco de Paula, nannte die Preisverleihung “vollkommen fehl am Platz”; die ethischen Fragen von Edwards’ Forschung blieben ausgeklammert. „Ohne Edwards würden menschliche Eizellen nicht vermarktet, ohne Edwards gäbe es keine Kühltruhen für Embryos, die einer Gebärmutter eingepflanzt werden sollen oder, was noch wahrscheinlicher ist, für Forschungszwecke genutzt oder abgetötet werden, ihrem Schicksal preisgegeben und von allen vergessen..“

Dass Edwards, der in seinem gesamten Berufsleben dafür eintrat, kinderlosen Paaren besser zu helfen, durch den Handel mit menschlichen Eizellen reich werden wollte, ist eine üble Verleumdung. Die katholische Kirche sieht in IVF eine Sünde und setzt das damit verbundene Töten von ungeborenen Embryonen – ein Vorgang, der sich in der Natur ständig abspielt -, mit dem Töten von bereits geborenen Menschen gleich. Ebenso betrachtet sie die Zeugung, anders als durch Geschlechtsverkehr, als „unnatürlich.“.

Robert Edwards entstammt einer Arbeiterfamilie. Er profitierte von einem Programm der britischen Regierung, das Soldaten nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg ein Universitätsstudium ermöglichte. Bis dahin hatte nur eine kleine Zahl von Kindern aus reichem Elternhaus diese Möglichkeit. An der Universität Bangor in Wales schrieb er sich für Landwirtschaft und Zoologie ein; anschließend ging er an die Universität Edinburgh, um in Genetik zu promovieren. In den 1950er Jahren erfuhr er von der Arbeit anderer Wissenschaftler, die Eizellen von Hasen durch Hinzufügen von Spermien erfolgreich im Reagenzglas befruchtet hatten. Hier erkannte er die Möglichkeiten für die menschliche Fortpflanzung und begann darüber zu forschen, wie sich menschliche Eizellen entwickeln; es sollte sich zeigen, dass dieser Vorgang beim Menschen anders abläuft als bei Kaninchen. Ab 1963 arbeitete er an der Abteilung Physiologie der Universität Cambridge. 1969 gelang es ihm schließlich, eine menschliche Eizelle im Reagenzglas zu befruchten.

Da die befruchtete Eizelle sich nur einmal teilte, nahm Edwards an, dass Eizellen, die vor ihrer Entnahme in den Eierstöcken herangereift waren, eine bessere Überlebenschance hätten. Er erfuhr, dass der Gynäkologe Patrick Steptoe die Laparoskopie entwickelt hatte, eine Methode, die die Inspektion der Eierstöcke mittels eines optischen Instruments erlaubt. Steptoe willigte ein, mit seiner Methode Eizellen zu gewinnen, denen Edwards Spermien hinzufügte. Es gelang dem Forscherpaar, Eizellen zu befruchten, die sich mehrfach teilten. Edwards berichtete später einmal, dass er Eizellen im Zug von Oldham nach Cambridge gebracht und sie mit seinem Körper gewärmt habe.

1971 beantragten sie beim britischen Medical Research Council (MRC) finanzielle Förderung, um ihre Forschungsarbeit voranzubringen. Öffentliche Gelder wurden aber nicht bewilligt. Eine neuere Auswertung der MRC-Archive förderte eine Reihe von Gründen dafür zutage. Unter anderem stieß die Diskussion in den Medien über ihre Forschung, die Edwards and Steptoe angestoßen hatten, und ihre Kampfansage an die ethische und religiöse Opposition gegen ihre Methode auf die „ausgeprägte Missbilligung“ des MRC, der außerdem geltend machte, dass die Politik der Regierung seinerzeit auf die Begrenzung des Bevölkerungswachstums abzielte, und dass Edwards und Steptoe nicht dem „medizinischen Establishment“ angehörten. Steptoe hatte in einem unbedeutenden Krankenhaus im Norden gearbeitet, während Edwards zwar in Cambridge studiert, aber keine medizinische Ausbildung absolviert hatte und auch keinen Professorentitel trug.

Edwards und Steptoe konnten ihre Forschungsarbeit mit privaten Spenden finanzieren. Als 1978 Lesley und John Brown zu ihnen kamen, weil sie neun Jahre lang kein Kind hatten bekommen können, führten Edwards and Steptoe erstmals erfolgreich die In-vitro-Befruchtung durch. Als Edwards 2008 zum 30. Jahrestag der ersten künstlichen Befruchtung sprach, berichtete er, dass Lesley, nachdem sie schwanger geworden war, keine Ruhe mehr vor der Presse hatte, und dass Steptoe sie an einem geheimen Ort unterbrachte, weil er fürchtete, sie würde das Baby verlieren.

“Kinder zu haben, ist das Wichtigste im Leben“, meinte Edwards über die gemeinsame Forschertätigkeit. „Nichts ist so besonders wie ein Kind. Steptoe und ich waren tief berührt von der Verzweiflung vieler Paare, die sich so sehr ein Kind wünschten. Viele kritisierten uns, aber wir kämpften wie Löwen um unsere Patienten.“

Trotz ihrer Erfolge erhielten Edwards und Steptoe keine Unterstützung seitens des staatlichen Gesundheitswesens. Sie gründeten die Bourn Hall Clinic nahe Cambridge, ein privat finanziertes Zentrum ihrer Tätigkeit. Steptoe leitete es bis zu seinem Tod; Edwards war bis zu seiner Pensionierung Forschungsleiter. Die Klinik wurde zu einem internationalen Zentrum für die Ausbildung von Gynäkologen und Biologen.

Die öffentliche Aufmerksamkeit um die frühen Erfolge der IVF hatte auch wachsende Kritik zur Folge. So versuchte eine Gruppe von Abtreibungsgegnern 1984, Edwards Forscherteam vor Gericht zu bringen, weil es „verantwortlich für den Tod eines Menschen“ sei und an befruchteten menschlichen Embryos forsche – obwohl diese im gesetzlich erlaubten Zeitraum gezüchtet worden waren.

Die Erforschung der Unfruchtbarkeit beim Menschen gehörte zu den Themen, die von Technikgegnern wie Jeremy Rifkin angegriffen wurden. Er warf Wissenschaftlern vor, ihre Arbeit nicht zu hinterfragen. Um „nicht wünschenswerte“ wissenschaftliche Forschung aufzuhalten, zimmerte er ein Bündnis aus Gewerkschaften, kirchlichen Gruppen und Tierschutzorganisationen. Doch Edwards und Steptoe hatten von Anfang an das Gesundheitsministerium dafür kritisiert, dass es keine Richtlinien für die IVF-Forschung festlegte, wohl wissend, wie leicht es sein würde, Ängste vor „Frankenstein“-Monstern zu schüren. Kampagnen gegen wissenschaftliche Forschung begegnete Edwards 1988 mit den Worten, „Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass Lobbyisten entscheiden, was in der Wissenschaft geschieht.

In den vergangenen 30 Jahren haben sich die Methoden der künstlichen Befruchtung in vieler Hinsicht weiterentwickelt und sind verbessert worden. So ist es heute möglich, bei geringer Spermienzahl ein einzelnes Spermium in die Eizelle einzubringen.

Diesen Möglichkeiten, und speziell Edwards’ Beitrag dazu ist es zu verdanken, dass heute schätzungsweise zwischen zwei und drei Prozent der Neugeborenen in vielen entwickelten Ländern durch künstliche Befruchtung gezeugt werden. Doch selbst in diesen Ländern können viele Paare die IVF nicht in Anspruch nehmen, weil der Staat sie nicht fördert. Nach einer neueren Studie kann die Nachfrage nach der IVF nur in Australien und den skandinavischen Ländern befriedigt werden, während in den USA dies nur zu 24 Prozent der Fall ist, weil die Bundesstaaten wenig Bereitschaft zeigen, Mittel dafür bereitzustellen..

Edwards wird es sicherlich freuen, dass die Verleihung des Nobelpreises die Aufmerksamkeit auf sein lebenslanges Forschen gelenkt und die religiöse Bigotterie sowie mangelnde staatliche Unterstützung für die IVF in den Fokus gerückt hat. Ehemalige Mitarbeiter schildern ihn als ruhigen und schüchternen Menschen, der nur für seine Arbeit öffentliche Aufmerksamkeit suchte, niemals für sich selbst. Er habe kein Interesse daran, für seine Forschung geadelt zu werden, soll er geäußert haben, und er betrachte sich als „einen sehr weit links stehenden Sozialisten“. Scherzhaft fügte er hinzu: „Aber wenn ihr dafür sorgen könnt, dass ich den Nobelpreis bekomme, nur zu“.