Vorstandswechsel bei Siemens leitet weitere Sparmaßnahmen ein

Von Elisabeth Zimmermann
13. August 2013

Der Siemens-Aufsichtsrat hat am 31. Juli 2013 einstimmig beschlossen, Vorstandschef Peter Löscher mit sofortiger Wirkung durch den bisherigen Finanzvorstand Joe Kaeser zu ersetzen. Der Entscheidung war ein wochenlanger Machtkampf in der Führung von Siemens, Deutschlands größtem international operierendem Technologiekonzern und drittgrößtem Industrieunternehmen, vorausgegangen.

Siemens beschäftigt zurzeit weltweit 370.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet fast 80 Milliarden Euro Umsatz. Im Geschäftsjahr 2010/2011 hatte der Konzern einen Rekordgewinn von 6,5 Milliarden Euro erzielt. 2011/2012 war es mit 4,46 Milliarden Euro immer noch der zweitbeste Erlös in der Unternehmensgeschichte. Für das laufende Geschäftsjahr 2012/2013 wird ein Gewinn von voraussichtlich 4 Milliarden Euro erwartet.

Löscher hatte im Herbst letzten Jahres ein Renditeziel von 12 Prozent ausgegeben und mit einem weiteren Sparprogramm „Siemens 2014“ verknüpft, hatte aber innerhalb kurzer Zeit einräumen müssen, dass die Gewinnziele für die Geschäftsjahre 2012/13 und 2014 nicht erreicht werden können. Eine operative Marge von 12 Prozent sei „aufgrund geringerer Markterwartungen“ – ein Hinweis auf die Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise und der Krise in Europa – nicht erreichbar.

Nach der Veröffentlichung der jüngsten Gewinnwarnung am 25. Juli fiel der Aktienkurs von Siemens zeitweise um mehr als sieben Prozent. Als kurz danach erste Spekulationen über Löschers Ablösung bekannt wurden, stieg die Aktie wieder an.

Viele Einzelheiten der Machtkämpfe, die sich im Hintergrund abspielten, bleiben im Dunkeln. Als sicher gilt aber, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme, der Löscher vor sechs Jahren zu Siemens geholt hatte, auch bei seiner Ablösung eine maßgebliche Rolle spielte. Cromme hatte kurz zuvor den Aufsichtsratsvorsitz beim Stahlkonzern ThyssenKrupp abgeben müssen, weil er nach Ansicht der Aktionäre trotz einer tiefen Krise zu lange an Konzernchef Ekkehard Schulz festgehalten hatte.

Entscheidend war auch die Unterstützung der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat. Laut einem Spiegel-Bericht hat Berthold Huber, Vorsitzender der IG Metall und Crommes Stellvertreter im Siemens-Aufsichtsrat, Löscher davon überzeugt, dass er im Aufsichtsrat keine Chance habe. Danach trennte man sich in gegenseitigem Einvernehmen.

Löscher, dessen Vertrag erst vor kurzem noch einmal um fünf Jahre verlängert wurde, kann mit einer Abfindung in Höhe von rund 9 Millionen Euro und Pensionsrückstellungen in Höhe von etwa 15 Millionen Euro rechnen.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Siemens, Lothar Adler, hatte bereits eine Woche vor Löschers Ablösung in der Süddeutschen Zeitung „eine nachhaltige und zukunftsorientierte Unternehmenspolitik“ und „einen Kurswechsel, bei dem wieder der Mensch im Mittelpunkt steht“, gefordert.

In den sechs Jahren, in denen Löscher an der Spitze von Siemens stand, senkte er die Mitarbeiterzahl von 475.000 auf 370.000, teils durch den Verkauf ganzer Bereiche und Abteilungen, teils durch Spar- und Kürzungsprogramme. IG Metall und Betriebsrat arbeiteten bei der Umstrukturierung und Gewinnmaximierung des Konzerns von Anfang an eng mit Cromme und Löscher zusammen. (Siehe: „Aufsichtsrat beschließt radikalen Konzernumbau“)

So sagte die IG Metall im Sommer 2008 eine Protestaktion gegen den Abbau von 17.200 Arbeitsplätzen kurzfristig mit der Begründung ab, Siemens habe sich verpflichtet, keine betriebsbedingten Kündigungen durchzuführen. Der größte Teil des Personalabbaus wurde dann mittels Abfindungen und Aufhebungsverträgen durchgesetzt. Betroffene Mitarbeiter wurden unter Druck gesetzt, zu unterschreiben und ihren Arbeitsplatz „freiwillig“ zu räumen.

Dank des Personalabbaus und der Rationalisierungsmaßnahmen erzielte Siemens 2010/2011 trotz internationaler Wirtschaftskrise einen Rekordgewinn. Außerdem profitierte der Konzern von der großen Nachfrage in China, wo die Regierung mit öffentlichen Konjunkturprogrammen auf die Krise reagierte. Das jüngst aufgelegte Sparprogramm „Siemens 2014“ kann mit keinem vergleichbaren Rückenwind rechnen. Als exportorientiertes Unternehmen ist Siemens stark von der Konjunktur der Weltwirtschaft abhängig, und da deuten die Indikatoren fast überall nach unten.

Stark betroffen ist Siemens vom Rückgang der Nachfrage in Europa, insbesondere in den Ländern, die unter dem Spardiktat der Europäischen Union leiden. So ist der Umsatz in Spanien zwischen 2007 bis 2010 von 2,56 Milliarden Euro um die Hälfte gefallen. Auch der starke Rückgang des Wachstums in China wirkt sich auf deutsche und europäische Exporte aus.

Löschers Ablösung als Vorstandschef von Siemens steht im Zusammenhang mit dieser Entwicklung. Sein Nachfolger Joe Kaeser ist wie Löscher Finanzfachmann. Im Unterschied zu Löscher, der vom Vorstand des US-Pharmakonzerns Merck & Co. an die Spitze von Siemens wechselte und stets als Fremdkörper galt, ist Kaeser aber ein Insider. Er arbeitet seit 33 Jahren bei Siemens und kennt den Konzern in- und auswendig.

Kaeser verfügt über die nötigen Verbindungen – insbesondere zum Betriebsrat und zur IG Metall –, um noch schmerzhaftere Einriffe durchzusetzen und in einem schwierigen konjunkturellen Umfeld höhere Profite zu erzielen. Dies ist nur mit weiteren scharfen Angriffen auf die Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen der Arbeiter und Angestellten möglich.

Eine gemeinsame Presse-Erklärung der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat versucht, den Führungswechsel bei Siemens als Verbesserung für die Beschäftigten darzustellen. Demnach habe sich Löscher zunehmend auf die Steigerung der Rendite und den Abbau tausender Arbeitsplätze konzentriert, während unter Kaeser wieder die Beschäftigten und die technologische Entwicklung im Vordergrund stehen würden.

Das Motto heiße jetzt wieder „Mensch vor Marge“, behaupten die Vertreter der IG Metall und des Betriebsrats, und verweisen auf eine von ihnen ausgearbeitete Strategie „Siemens 2020“, die eine längerfristige Perspektive für das Unternehmen einfordert.

Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein. Aktionäre und große Investoren verlangen höhere Profite und erwarten genau das von dem neuen Vorstandschef.

So zitiert die Süddeutsche Zeitung vom 1. August Christoph Niesel von der Fondsgesellschaft Union Investment: „Aus unserer Sicht ist Siemens zu träge und zu langsam.“ Er erwarte ein stärkeres Durchgreifen und eine nachhaltige Profitabilität. Nach Meinung von Niesel „ist Kaeser in der jetzigen Situation die bessere Wahl“.

Ein anderer Analyst lobt Kaeser: „Wir schätzen seine breite Qualifikation und Erfahrung sowie seine Rolle bei den jüngsten erfolgreichen Trennungen von NSN und Osram.“

Bei NSN (Nokia Siemens Networks), einem 2007 gebildeten Gemeinschaftsunternehmen von Nokia und Siemens, wurden seit der Fusion Zehntausende Arbeitsplätze abgebaut. Anfang Juli verkaufte Siemens dann seinen 50 Prozent-Anteil für 1,7 Milliarden Euro an Nokia. Seither steht die Abkürzung NSN für Nokia Solutions Networks. Nach jüngsten Berichten der Nachrichtenagentur Bloomberg ist der Abbau von weiteren 8.500 Stellen geplant. Produktionsstätten in Finnland, Indien und China sollen verkauft oder geschlossen werden.

Auch der Leuchtmittelhersteller Osram, lange Zeit ein integraler Bestandteil von Siemens, ist jetzt eigenständig und wurde vor kurzem an die Börse gebracht. Auch bei Osram sind Tausende von Arbeitsplätzen gefährdet.

Joe Kaeser selbst hat an seinem ersten Tag an der Spitze von Siemens betont, das Programm „Siemens 2014“ werde auf jeden Fall weitergeführt, auch wenn das angestrebte Margenziel von 12 Prozent 2014 nicht erreicht werde. „Wir müssen nach wie vor effizienter werden. Daran hat sich nichts geändert. Und darum setzen wir die definierten Maßnahmen auch konsequent um.“ Bei den definierten Maßnahmen handelt es sich vor allem um den weiteren Abbau von Arbeitsplätzen.

Darüber hinaus wolle er sich um eine Neuausrichtung des Programms und mittelfristige Perspektiven kümmern, die er im Herbst näher erläutern werde. Hier trifft sich die Zielsetzung von Vorstandschef Kaeser mit der Strategie „Siemens 2020“ von Gesamtbetriebsrat und IG Metall. Diesen sogenannten Arbeitnehmervertretern geht es vor allem darum, dass sie selbst aufs engste in die Pläne des Unternehmens eingebunden sind und beim Arbeitsplatzabbau und der Steigerung der Produktivität eine aktive Rolle spielen.