Fünfzig Jahre nach dem Marsch auf Washington

Von Fred Mazelis
30. August 2013

Fred Mazelis ist Gründungsmitglied der Workers League, der Vorgängerpartei der Socialist Equality Party (SEP). Seit über fünfzig Jahren spielt er in der trotzkistischen Bewegung eine führende Rolle. Mazelis, der 1963 selbst am Marsch auf Washington teilgenommen hat, legt hier seine Ansichten über die Bedeutung dieses Ereignisses und die soziale und politische Entwicklung in den USA seither dar.

Die Zeremonie vom Montag am Lincoln-Memorial und die Feierlichkeiten die ganze Woche über erinnern an den Marsch auf Washington vor fünfzig Jahren, am 28. April 1963.

Der grelle Kontrast zwischen den Gedenkfeiern und dem Ereignis selbst zeigt sich an den Hauptrednern: Im Jahr 1963 elektrisierte Martin Luther King Jr. eine Viertelmillion Menschen mit seiner Rede „I have a Dream“ (Ich habe einen Traum). Fünfzig Jahre danach hält Barack Obama am Mittwoch die Rede, und wäre er ehrlich, würde er Kings berühmte Worte durch „Ich habe eine Drohne“ ersetzen.

King sprach als mutiger Verteidiger demokratischer Rechte und Gegner von Ungleichheit und Krieg. Obama repräsentiert den amerikanischen Militär- und Geheimdienstapparat mit seinen Morden, militärischer Agression und den Polizeistaatsmaßnahmen im Innern. Er spricht nicht als Führer einer Bewegung von unten, sondern als Verteidiger der Konzerne, Wall Street-Banken und Superreichen.

Obwohl Obama als erster afroamerikanischer Präsident der USA als krönender Erfolg der Bürgerrechtsbewegung gefeiert wird, stellt seine Präsidentschaft eigentlich einen der letzten Nägel im Sarg dieser Bewegung dar.

Die Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag sind ein Hohn auf die Opfer der Massen, die Anfang der 1960er Jahre in der Bürgerrechtsbewegung aktiv waren. Sie werden von Opportunisten und Betrügern organisiert, die die meiste Zeit ihrer Karriere die Symbole der Bürgerrechtsbewegung und auch das Andenken an King nur ausbeuten, um politische Posten zu erlangen, und vor allem, um selbst Millionen Dollar zu verdienen.

Der Marsch auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit im Jahr 1963 war eine Episode der Massenbewegung, die sich vom Schulbusboykott in Montgomery 1955 bis hin zu Kings Ermordung im Jahr 1968 erstreckte. Die herrschende Kapitalistenklasse und ihre politischen Vertreter begegneten dieser Bewegung mit Angst und Misstrauen. Sie versuchten, die Demonstrationen und den zivilen Ungehorsam, die Studenten-Sit-Ins und Freedom Rides, die Registrierungskampagnen und Kämpfe für Arbeitsplätze und gegen Armut einzudämmen und zu integrieren.

Der ursprüngliche Marsch auf Washington hatte eine Art halboffiziellen Charakter. An ihm nahm zwar eine Viertelmillion Menschen teil, was zu dieser Zeit nahezu beispiellos für die Hauptstadt war. Der Marsch wurde jedoch auch von den wichtigsten Teilen des politischen Establishments unterstützt. Die Kennedy-Regierung versuchte die Demonstration erst hinter den Kulissen abzusagen, genehmigte sie dann jedoch widerwillig.

Der Marsch zeigte den Widerspruch zwischen der Masse der Bewegung – den schwarzen Arbeitern aus den Südstaaten und ihren Verbündeten in den Nordstaaten – und der konservativen afroamerikanischen Führung auf, die vor allem in der NAACP (North American Association of Colored People) und der Urban League organisiert war.

King versuchte mit seiner Southern Christian Leadership Conference, die Balance zwischen der konservativen Führung und der radikaleren Jugend und den jungen Arbeitern zu halten, die die Bewegung vorwärts trieben. Das Student Non-Violent Coordinating Committee und Malcolm X, boten im Kampf gegen die Rassentrennung keineswegs eine Klassenperspektive, sie drückten dennoch die Wut und Militanz aus, die von 1964-68 in den Ghetto-Aufständen in den Städten explodierte.

King versuchte, die herrschende Klasse und vor allem die Kennedy-Regierung dazu zu zwingen, die Rassentrennung im Süden zu beenden. Der Marsch 1963 sollte die Massenbewegung disziplinieren und sie zur Unterstützung der Demokraten einspannen. Die Verabschiedung des Voting Rights Act und des Civil Rights Act in den zwei Jahren nach Kennedys Ermordung gehörten zu den letzten amerikanischen Sozialreformen.

King war jedoch eine ernstzunehmende Persönlichkeit, und sein Anliegen ging weit über die Rassentrennung hinaus. Er verstand, dass die Bürgerrechtsgesetze die historischen Probleme der Ungleichheit nicht lösten, sondern tiefere Probleme offenlegten und weitere politische und soziale Fragen aufwarfen. In den letzten Jahren seines Lebens schlug der Bürgerrechtler einen neuen Weg ein, der ihn in Konflikt mit ehemaligen Verbündeten brachte, vor allem der NAACP und der Regierung von Lyndon Johnson.

King wurde zum erbitterten Gegner des Vietnamkrieges. Er befasste sich immer stärker mit den Klassenfragen von Armut und Ungleichheit. Nur wenige Monate vor seiner Ermordung im April 1968 initiierte er die Poor People’s Campaign. King wollte eine Bewegung aufbauen, in der weiße und schwarze Arbeiter gemeinsam für Arbeitsplätze und angemessenen Lebensstandard kämpften.

Er erklärte nun den Kapitalismus zur Ursache von Armut und Ungleichheit. In einer Rede, die er 1967 in Atlanta hielt, erklärte King seinen Widerstand gegen den Vietnamkrieg und forderte eine „Wende von einer an Sachen orientierten Gesellschaft zu einer an Menschen organisierten Gesellschaft“. Er warnte: „Wenn Maschinen und Computer, Profitstreben und Eigentumsrechte als wichtiger gelten als Menschen, ist es unmöglich, die riesigen Drillinge Rassismus, Militarismus und wirtschaftliche Ausbeutung zu besiegen.“

In einer anderen Rede von 1967 fragte er, warum im damals reichsten Land der Welt vierzig Millionen Menschen in Armut lebten. „Wenn man diese Frage stellt, stellt man das Wirtschaftssystem und die Art, wie der Reichtum verteilt wird, in Frage. Wenn man diese Frage stellt, beginnt man, die kapitalistische Wirtschaft zu hinterfragen. Und (...) befasst man sich erst einmal damit, wird man die Frage stellen: ‚Wer besitzt das Öl?‘ Man wird die Frage stellen: ‚Wer besitzt das Eisenerz?‘”

Zweifellos hat King mit dem Leben dafür bezahlt, dass er, wenn auch nicht durchgängig, das Profitsystem herausforderte. Millionen Menschen weltweit teilen diese Meinung.

Die Organisatoren der Washingtoner Events diese Woche sind die Antithese zu King.

Nach Kings Tod distanzierte sich die Bürgerrechtsbewegung von den radikaleren Zielen, die King vertreten hatte. Sie stellten sich hinter die Politik des „schwarzen Kapitalismus“ von Richard Nixon, wie auch der Affirmative Action, einer „linkeren“ Variante der gleichen Strategie. Viele ihrer Vertreter sind heute Multimillionäre.

Nach Kings Tod verfolgten sie nicht mehr das Ziel, Massenarmut abzuschaffen, sondern strebten nach Sonderprivilegien für eine sehr kleine Minderheit der afroamerikanischen Bevölkerung. Die Generation, die innerhalb des kapitalistischen Systems arbeitete, um persönlichen Reichtum und Privilegien zu erlangen, brachte zynische Manager in eigener Sache hervor (Jesse Jackson, Al Sharpton), korrupte Politiker (Coleman Young und Cory Brooker), skrupellose Lakaien des US-Imperialismus (Colin Powell und Condoleezza Rice) und erbitterte Gegner demokratischer Rechte und Unterstützer eines Polizeistaates (Clarence Thomas, Eric Holder und Barack Obama).

Für die Masse der schwarzen Arbeiter sanken die Reallöhne auf ein noch niedrigeres Niveau als zum Zeitpunkt von Kings Tod vor 45 Jahren, während die soziale Kluft zwischen Reichtum und Armut unter Afroamerikanern noch größer ist als in der Gesamtgesellschaft.

Nichts symbolisiert diesen Prozess deutlicher als das Schicksal von Detroit, das seit Jahrzehnten von schwarzen Bürgermeistern und Polizeichefs beherrscht wird, während Arbeitsplätze und Lebensstandards immer weiter zerstört werden. Heute treibt Notfallmanager Kevyn Orr, ein afroamerikanischen Finanzdiktator, die Stadt Detroit im Auftrag der Großbanken in die Insolvenz.

Die Achillesferse der Bürgerrechtsbewegung, auch ihrer radikaleren und ehrlicheren Vertreter wie King, war ihr Unvermögen, mit der Demokratischen Partei zu brechen und zu erkennen, dass die Ziele von sozialer Gleichheit und demokratischen Rechten nur durch einen Kampf für den Sozialismus erreichbar sind.

Neben Jackson, Andrew Young und anderen ehemaligen Bürgerrechtlern hat auch der Gewerkschaftsbund AFL-CIO eine wichtige Rolle gespielt. Auf dem Zenit ihrer Macht und ihres Einflusses im Jahr 1963 arbeitete die Gewerkschaftsbürokratie Tag und Nacht daran, die Arbeiterklasse an die Demokraten (und damit an die Bedürfnisse der amerikanischen Banken und Konzerne) zu ketten.

Heute sind Demagogen wie Jackson und Sharpton durch ihre Unterstützung für die Demokraten und vor allem für die Obama-Regierung zuverlässige Verteidiger der kapitalistischen Ausbeutung.

Die ganze Zeit vor den Feierlichkeiten von dieser Woche haben führende Journalisten darüber spekuliert, was Obama wohl sagen könnte, damit der Vergleich mit Kings Rede von 1963 nicht allzu ungünstig ausfallen werde. Aber es geht hier nicht um Eloquenz.

Vor seinem Tod erklärte King, die USA hätten mehr Kriegsverbrechen begangen als fast jede andere Nation der Welt, und sie seien der weltweit größte Verursacher von Gewalt. Zwischen Kings Kampf gegen imperialistischen Krieg und Obamas Rolle als Präsident besteht eine unüberbrückbare Kluft.

Die demokratischen und sozialen Kämpfe, die vor einem halben Jahrhundert mit der Bürgerrechtsbewegung identifiziert wurden, erfordern heute einen Kampf gegen genau jene Kräfte, die hinter den offiziellen Feierlichkeiten in Washington stecken. Sie erfordern eine neue Massenbewegung, die die Arbeiterklasse im Kampf für den Sozialismus vereint.