Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt:

Ein verlogener Film über WikiLeaks und Julian Assange

Von Robert Stevens
29. Oktober 2013

4/4

Der Film Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt von Regisseur Bill Condon ist der zweite bedeutsame Film in diesem Jahr, der sich der Whistleblower-Web Site WikiLeaks annimmt. Er stellt indessen keinen Fortschritt gegenüber dem ersten unernsthaften Fabrikat dar, dem Dokumentarfilm We Steal Secrets – Die Geschichte von WikiLeaks von Alex Gibney. Seine Mängel liegen nicht primär in Schwächen der Regie oder schlechter schauspielerischer Leistung. Der von DreamWorks nach einem Drehbuch von Josh Singer produzierte Film basiert vielmehr auf zwei höchst unseriösen Büchern, die selbst bereits eine feindselige Haltung gegen den WikiLeaks-Gründer Julian Assange und die Organisation einnehmen.

Damit wurde das ganze Projekt von Beginn an ein unheilbares und substanziell unaufrichtiges Werk, das auf politisch fragwürdigem und vorurteilsbeladenem Quellenmaterial beruht.

Entgegen der Behauptungen des Regisseurs sowie anderer Beteiligter, dass der Film nicht als Angriff auf Assange und WikiLeaks konzipiert gewesen sei, ist der Film ein tendenziöses Werk, das eine eindeutige Botschaft vermittelt.

Eine aufrichtige Arbeit über WikiLeaks, einer Organisation, gegen die sich Todfeinde in den höchsten Rängen des US-Establishments verschworen haben, würde sich gewaltigen Schwierigkeiten ausgesetzt sehen, auch nur zu einer bescheidenen Finanzierung zu gelangen oder überhaupt ein Bein auf die Erde zu bekommen. Die fünfte Gewalt hatte mit keinem dieser Probleme zu kämpfen. Dem Film stand dank DreamWorks ein Budget von geschätzten 30 Millionen Dollar zur Verfügung und Disney übernahm den Vertrieb.

Die Erzählung wird überwiegend aus der Perspektive einer Figur geschildert, die auf Daniel Domscheit-Berg basiert, einem ehemaligen deutschen Mitarbeiter von WikiLeaks, der im August 2010 aus der Organisation ausgeschlossen wurde. Er veröffentlichte 2011 in seinem Buch Inside WikiLeaks einen Erfahrungsbericht, der von den Medien gerühmt wurde, weil er einen Rufmord an Assange darstellt.

Die Begleitumstände zu Domscheit-Bergs Ausstieg aus WikiLeaks sind befremdend, um es höflich auszudrücken. Seine erste Handlung bestand in der Sabotage und Deaktivierung der Übermittlungsplattform von WikiLeaks, mit der Folge, dass sie für eine längere Zeitdauer nicht funktionierte. Seinen Abgang unternahm Domscheit-Berg außerdem mit einem Fundus unveröffentlichter Dokumente in Händen. Laut WikiLeaks waren „Beweisstücke darunter für Massaker von US-Truppen an über 60 Frauen und Kindern in Afghanistan.“

Später räumte Domscheit-Berg ein, 3.000 der übermittelten Dokumente, welche Aktivitäten der Bank of America betrafen, zerstört zu haben. Kurze Zeit später hob er sein eigenes Projekt, „OpenLeaks“ aus der Taufe, das indessen niemals auch nur ein einziges Dokument veröffentlichte.

Domscheit-Berg behauptet (ebenso der Film), dass er vor allem darum mit Assange gebrochen habe, weil dieser nicht bereit gewesen sei, als Teammitglied zu arbeiten und sich „rücksichtslos“ benommen habe, was den Quellenschutz betreffe. Das ist unredlich. In Wirklichkeit fand sein Ausstieg aus WikiLeaks statt, während eine beispiellose weltweite Hexenjagd auf Assange tobte, die Mitte 2010 ihren Anfang nahm.

Zu diesem Zeitpunkt hatte WikiLeaks bereits das Video “Collateral Murder” publik gemacht, das zeigt, wie amerikanisches Militär im Irak aus der Luft unschuldige Zivilisten tötet, sowie das „Kriegstagebuch des Afghanistan-Krieges“ veröffentlicht, das Morde an Zivilisten sowie brutale Überfälle amerikanischer und alliierter Spezialeinheiten dokumentiert. Die herrschende Elite ist einmütig in ihrer Entschlossenheit, WikiLeaks und seinen Begründer zu stoppen. Auf dieser Grundlage wurde ein politisches Komplott gegen Assange geschmiedet, bei welchem gefälschte Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens während seines Aufenthaltes im August 2010 in Schweden gegen ihn erhoben wurden.

Am 26. August 2010 wurde Domscheit-Berg von WikiLeaks suspendiert. Am 25. August hatten auf sein Betreiben hin die für die Aufrechterhaltung der Webseite verantwortlichen Techniker das System gestoppt, welches für Publikationen genutzt wurde und die Passwörter sowohl für das E-Mail-System als auch den Twitter-Zugang abgeändert. Das ereignete sich nur wenige Tage nachdem am 20. August zwei Frauen in Schweden Anzeige gegen Assange eingereicht hatten.

Am 27. September 2010 sagte Domscheit-Berg dem Spiegel, dass der gerichtliche Übergriff auf Assange „ein persönlicher Angriff auf ihn [ist], aber sie [die Ermittlungen] haben nichts mit WikiLeaks direkt zu tun.“

Domscheit-Berg reagierte betont feindselig auf WikiLeaks‘ Aufdeckung der Verbrechen, die von den Vereinigten Staaten und den anderen imperialistischen Großmächten verübt wurden. Einen Monat zuvor sagte er der Times: „Als die Plattform 2006 startete, war ihr Ziel, intelligente Menschen zu informieren und sie mit soliden Fakten zu versorgen, damit sie eine Grundlage für intelligente Entscheidungen haben. Doch sie wurde ein Problem, sobald wir begannen, Partei zu ergreifen.“

Die zweite Quelle, die der Film benutzt, wurde im Februar 2011 vom britischen Guardian veröffentlicht. Die Journalisten David Leigh und Luke Harding verfassten gemeinsam das Buch WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy. Dieses Buch bildete den abschließenden Höhepunkt der Kampagne, die der Guardian gegen Assange gefahren hatte, nachdem das Blatt ihm ursprünglich im November 2010 zugesichert hatte, ihm bei der Veröffentlichung geheimer diplomatischer Depeschen der USA zur Seite zu stehen.

Der Guardian unterstützte das Auslieferungsgesuch für Assange nach Schweden und stellte ihn als Egomanen dar. Das verschaffte dem Buch unverzüglich einen Status als „offizielle“ WikiLeaks-Geschichte.

Niemand von DreamWorks ist jemals an Assange herangetreten, damit dieser seine Sicht der Dinge vertreten könnte. Assange lehnte dann eine Anfrage des Schauspielers Benedict Cumberbatch, der ihn im Film spielt und sich auf seine Rolle vorbereiten wollte, nach einem Treffen ab. Wie er in einem längeren Brief an Cumberbatch erläuterte, „hat DreamWorks seine gesamte Produktion auf zwei der ihn am meisten diskreditierenden Bücher gegründet, die auf dem Markt zu haben sind (…) Zur Rechtfertigung wird das Unternehmen behaupten, dies sei Fiktion, doch es ist keine Fiktion. Es ist die entstellte Wahrheit über lebende Menschen, die den Kampf mit gigantischen Widersachern aufgenommen haben. Es ist ein Werk des politischen Opportunismus, der Beeinflussung, der Rache und vor allen Dingen der Feigheit.“

Wie Cumberbatch mitteilte, habe Assanges Brief ihn zumindest darüber nachdenken lassen, ob er die Rolle übernehme. Er sagte: „Ich wollte ein dreidimensionales Porträt eines Mannes erschaffen, der in der Regenbogenpresse weit übler geschmäht wird, als in unserem Film.“

Ein Artikel von Vogue berichtete, dass Cumberbatch, nachdem er ein erstes Skript gelesen hatte, „merkte, dass einige der Befürchtungen von Assange berechtigt waren. ‚Bei vielen der Regieanweisungen hatten wir Zusammenstöße, denn Bill [Condon] schien ihn als asozialen Größenwahnsinnigen zeichnen zu wollen’.“

Als dramatisches Werk fehlt der Fünften Gewalt die Stimmigkeit. Zu einem manchmal ohrenbetäubenden Soundtrack irrlichtert das Ganze mal hierhin, mal dorthin.

Die gewaltigen Verbrechen, die WikiLeaks enthüllt hat, scheinen für die Macher der Fünften Gewalt weitestgehend ohne Belang zu sein. Stattdessen sehen wir Sequenzen von Assange bei seinen laufenden Aktivitäten an verschiedenen Orten nebst Rückblenden zu Assange als einsamem Kind. In einer Szene wird fälschlich behauptet, er sei als Kind an einem „Kult“ beteiligt gewesen, der „die Kinder dazu bringt, sich die Haare weiß zu färben.“

Die maßgeblichen von WikiLeaks veröffentlichten Enthüllungen, besonders von “Collateral Murder” an, werden nur kurz und zufällig gestreift. Eine Anzahl von Nebenhandlungen wurde eingeführt, die lediglich dazu dienen, gefälschte Beweise zu liefern, dass WikiLeaks durch seine Enthüllungen unnötigerweise Menschenleben in Gefahr bringe.

Gegen Ende des Films trifft sich die Domscheit-Berg-Figur mit dem Guardian-Journalisten Nick Davies (David Thewlis), dem ersten Kontaktmann der Zeitung zu Assange.

Davies, der außerdem als Berater beim Film fungierte, verbreitet sich in geschraubtem Ton über die freie Presse in Großbritannien und darüber, wie die „vierte Gewalt“ – die Massenmedien – sich auf den Knochen derer erhebe, die für sie gemartert wurden. Er erklärt Domscheit-Berg, dass die „Informationsrevolution“ in eine „fünfte Gewalt“ hineinführe, die wild entschlossen sei, „ihre Vorgängerin zu vernichten.“ Schließlich stimmt er einen Lobgesang an auf „verantwortungsvollen“ (das heißt politisch-kompromisslerischen und establishmentfreundlichen) Journalismus, den er bis zum Überdruss mit Warnungen vor dem gefährlichen „Typus Assange“ versieht, welchen man kaltstellen müsse.

“Daniel, du und Julian habt uns einen Einblick gegeben, wie die Zukunft aussehen könnte,” erklärt Davies. Das ist ekelerregend. Davies hat mit seinem skurrilen Artikel 10 days in Sweden: the full allegations against Julian Assange [Zehn Tage in Schweden: Die vollständigen Vorwürfe gegen Julian Assange], der im Dezember 2010 im Guardian erschien, nicht wenig dazu beigetragen, um die beispiellose Kampagne zu legitimieren, welche darauf aus ist, „Assange‘s habhaft zu werden“ und WikiLeaks zu zerschlagen.

Seit über drei Jahren werden Assange grundlegende demokratische Rechte verweigert und er ist gezwungen, Zuflucht in der ecuadorianischen Botschaft in London zu suchen. Sein Leben und seine Freiheit werden nach wie vor von ausnehmend machtvollen Kräften bedroht. Er ist das Opfer, der Verfolgte. Dies wird einfach vertuscht. Condon hat die drei letzten Jahre der WikiLeaks-Geschichte wegretuschiert. Die Geschehnisse nach Dezember 2010, als Assange ausgeliefert werden sollte, sind auf weniger als fünf Minuten komprimiert. Ein paar Schlagzeilen huschen an uns vorbei und werden von einer erfundenen Rede Assanges von der ecuadorianischen Botschaft aus unterbrochen. Die fünfte Gewalt ist eine Geschmacklosigkeit, derer sich jeder Beteiligte, ob finanziell oder künstlerisch, schämen sollte.