Blue Jasmine von Woody Allen

Von Joanne Laurier
2. November 2013

Blue Jasmine, Buch und Regie: Woody Allen, 2013

In den letzten 44 Jahren drehte Woody Allen mehr als vierzig Filme. Nachdem er sich in der amerikanischen Filmindustrie eine Nische herausgearbeitet hatte, gelang es ihm, viele seiner Kollegen und Rivalen (Paul Mazursky, Mel Brooks, Carl Reiner, Hal Ashby, vielleicht Mike Nichols; Barry Levinson ist eine Ausnahme) zu überdauern oder zu überleben. Sein unerschöpfliches Arbeitsvermögen zieht nach wie vor ein bestimmtes Publikum an, welches aus jenen besteht, die entweder optimistisch genug sind, sich trotz der vielen zweitklassigen Werke der letzten Jahre nicht von ihm abzuwenden, oder aus jenen, die positiv auf sein selbstgefälliges, quasi-intellektuelles Empfindungsvermögen anspringen.

Bedauerlicherweise hat sich Allen, wie uns scheint, schon vor etwa zwanzig Jahren künstlerisch verbraucht. Diese Erkenntnis ist im Zusammenhang mit der Rechtswendung von Teilen der gehobenen, ehemals liberalen, Mittelklasse New Yorks zu sehen, die sich erheblich bereichern konnte. Seine jährlichen Produktionen gelangen heutzutage in die Kinos (und wieder heraus), ohne viel Wirkung zu entfalten – und das, obwohl sie üblicherweise von den Kritikern überschwänglich mit Lob überschüttet werden.

Authentische Kunst verträgt sich nicht mit Halbheiten, Halbgefühlen oder Halbgedanken. Allens Filmen fehlt, welchem Genre sie auch jeweils angehören mögen, jene Hingabe an die Fragen von Leben und Tod, die uns bewegen. Es scheint, als spule der Regisseur lediglich alles herunter und liefere dabei nur noch Filme ab, die grauenhaft seicht und hauptsächlich langweilig sind. Seit Mitte der 1990er Jahre ist es schwierig geworden, seine Filme voneinander zu unterscheiden; trotz unterschiedlicher Plots, Schauplätze und Schauspieler ist alles auf hartnäckige Weise der Eindringlichkeit, der Greifbarkeit und der Widerständigkeit beraubt. Wenn man Allens Fließbandproduktionen besprechen will, steht man vor der Aufgabe, neue Wörter und frische Gedanken aus seinem Gehirn herauszupressen, die Licht auf immer wiederkehrende Probleme werfen.

Nichtsdestoweniger hofft man mit jedem neuen Film, dass der Altmeister unter den Regisseuren etwas Objektives und Wahres über die Welt aufzeigen könnte, wie ihm das in der Vergangenheit gelang. Immer wieder hofft man, dass er endlich diese Tendenz hinter sich gebracht habe, seine verschleierte (oder kaum verschleierte), beschränkte und selbstrechtfertigende Autobiographie zu verfassen.

Cate Blanchett

Leider geht auch Blue Jasmine, seine jüngste Produktion, über diesen Rahmen nicht hinaus. Cate Blanchett spielt Jasmine, geborene Jeanette, einst eine wohlhabende Dame der New Yorker Gesellschaft, die sich, inzwischen mittellos geworden, nach San Francisco begibt, um mit ihrer Schwester (Sally Hawkins), einer Angestellten in einem Lebensmittelladen, und ihren beiden Kindern zusammenzuleben.

Jasmines Alkohol- und Medikamentenkonsum wirkt sich auf ihre Realitätswahrnehmung immer nachteiliger aus. In zahlreichen Rückblenden erfahren wir, dass sie einst ein schönes Leben führte, in dem sie mit dem Investmentmillionär Hal (Alec Baldwin) verheiratet war. Doch hinter dem Charme von Hal verbirgt sich ein notorisch untreuer und skrupelloser Unternehmer. Tatsächlich reißt er sich die Lotteriegewinne von Ginger und ihrem damaligen Ehemann Augie (Andrew Dice Clay) unter den Nagel. In einem Zornesausbruch über seine Liebschaften ruft Jasmine das FBI, worauf Hal schließlich im Gefängnis landet und Selbstmord begeht.

Mit ihrem Einzug bei Ginger muss sich Jasmine in die schwierige Existenz einer mittellosen Frau einleben. Ein „niederer Job“ als Arzthelferin bei einem Zahnarzt findet ein abruptes Ende, als ihr lüsterner Chef, Dr. Flicker (Michael Stuhlbarg – „Haben Sie sich jemals an Lachgas berauscht?“), sie zu betatschen versucht. Abschätzig bewertet Jasmine stets Gingers Freund, den Mechaniker Chili (Bobby Cannavale), den sie nur den „beschmierten Affen“ nennt.

Eine unerwartete Möglichkeit eröffnet sich Jasmine, als sie Dwight (Peter Sarsgaard) begegnet, einem Diplomaten mit verschwenderischem Lebensstil. Doch der Ehering geht an ihr vorüber, was ihrer zerbrechlichen Psyche noch weiter zusetzt.

Im Wesentlichen ist Blue Jasmine eine nachlässige und bornierte Arbeit. Der Plot ist im Ganzen kümmerlich und keine Figur vollständig entwickelt. Die Figuren aus der Arbeiterklasse hingegen sind besonders roh gezeichnet: Augie und Chili scheinen gerade eben die Evolution vom Affen zum Menschen zu vollziehen. Die von Hawkins gespielte Ginger ist ein wenig kultivierter, doch dessen ungeachtet ein goldiges aber geistloses Wesen. Ihre beiden übergewichtigen Söhne, polternd und unausstehlich, vervollständigen die Karikatur der arbeitenden Bevölkerung, die Allen vor Augen hatte.

Blanchett, die zugleich faszinierend und unerfreulich ist, strengt sich an, die wenigen Funken des Films zu entzünden. Baldwin als Hal schlafwandelt durch die Handlung. (Der Schauspieler zeigt weit mehr Lebendigkeit in seinen Werbespots für Kreditkarten.) Baldwins laue Darbietung steht nicht alleine da. Der talentierte Sarsgaard macht sich in diesem Film ebenfalls nur durch apathische Präsenz bemerkbar.

Blue Jasmine

Im Grunde beschäftigt Blue Jasmine sich nicht mit der Klassengesellschaft oder sozialer Verelendung, obwohl dies von einigen Kommentatoren behauptet wird, sondern mit den Problemen einer Protagonistin, die von allen und jedem schikaniert wird. (Ist dies vielleicht, wie Allen sich selbst sieht?) Jasmine wurde von ihrem Mann verlassen und in Mittellosigkeit geworfen (aber heutzutage stehen die Kriminellen von der Wall Street üblicherweise über dem Gesetz und sind im Übrigen nicht geneigt, sich ihm zu unterstellen), von einem wohlhabenden Liebhaber fallen gelassen und von ihrer Schwester zurückgesetzt. Es werden keine zwingenden Gründe geliefert, warum wir uns Gedanken machen oder besonders bewegt sein müssten.

Allen rühmt sich seines Mangels an Beschäftigung mit den Problemen der Welt, vermutlich zugunsten „wichtigerer“ Fragen der Psychologie und „ewiger“ Kunst. In einem Spiegel-Interview im Jahr 2005 wurde Allen gefragt, warum der 11. September 2001 in seine letzten Filme nicht einbezogen wurde. Er antwortete: „Ich finde einfach politische Themen oder das, was alles so Tag für Tag in der Welt passiert, nicht profund genug, um mich damit als Künstler auseinanderzusetzen. Als Filmemacher interessiert mich 9/11 nicht. Denn wenn man es im Großen, auf lange Sicht betrachtet, ist es zu klein, Die Geschichte geht darüber hinweg.

Die ganze Menschheitsgeschichte besteht doch aus gegenseitigem Morden, nur die Kosmetik, die Dekoration ändert sich: 2001 brachten einige Fanatiker Amerikaner um, und jetzt bringen Amerikaner ein paar Iraker um. Und in meiner Kindheit ermordeten die Nazis Juden. Jetzt schlachten Juden und Palästinenser sich gegenseitig ab. Politik ist, auf die Jahrtausende gesehen, eine zu flüchtige Angelegenheit, zu unbedeutend, denn alles wiederholt sich.“

Es ist nicht einfach, auf eine so oberflächliche und stupide Äußerung zu antworten. Auf solcher Grundlage ist noch niemals ein bedeutender Film entstanden.