Fünfzig Jahre nach der Ermordung von John F. Kennedy

Von David North
3. Dezember 2013

Vor fünfzig Jahren, am 22. November 1963, wurde John Fitzgerald Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten, ermordet, als seine Autokolonne über die Dealey Plaza in Dalls, Texas, fuhr. Anders als so viele Clichés über die amerikanische Geschichte trifft es in diesem Fall zu, dass jeder, der alt genug und politisch bewusst war, sich bis heute erinnern kann, wo er gerade war oder was er gerade tat, als die Nachricht von den „drei Schüssen auf die Autokolonne des Präsidenten“ in den weltweit über die Bildschirme flimmerte. Selbst ein halbes Jahrhundert später sind die traumatischen Ereignisse an jenem Freitagnachmittag und in den folgenden Tagen immer noch im Gedächtnis von zig Millionen Menschen lebendig.

Als Erstes drängt sich bei diesem Jahrestag die Frage auf, warum der Tod von John F. Kennedy auch nach einem halben Jahrhundert immer noch so stark im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist. Er war nicht der erste amerikanische Präsident, der ermordet wurde, sondern der vierte. Natürlich lebt auch der Mord an Abraham Lincoln im April 1865 noch nach 150 Jahren als eines der tragischsten und traumatischsten Ereignisse der amerikanischen Geschichte im nationalen Bewusstsein fort. Aber das ist durchaus verständlich. Lincoln war schließlich der größte amerikanische Präsident und eine zu Recht geliebte Persönlichkeit der Weltgeschichte; er war der Führer der Vereinigten Staaten in einem Bürgerkrieg, der die Sklaverei beendete. Lincolns Platz in der Geschichte des Landes ist einzigartig, und seine Ermordung stellt ein wesentliches Ereignis in der amerikanischen geschichtlichen Erfahrung dar.

Die nächsten beiden Präsidenten, die durch Mörderhand starben, James Garfield 1881 und William McKinley 1901, wurden zu ihrer Zeit betrauert, dann aber schnell vergessen. Warum ist dann der Mord an Kennedy nicht dem nationalen Vergessen anheim gefallen? Ein offenkundiger Grund ist natürlich, dass es inzwischen das Fernsehen gab. Der Mord selbst wurde auf Film gebannt. Auch der Mord an seinem angeblichen Mörder, Lee Harvey Oswald, wurde landesweit live im Fernsehen übertragen, und die Beerdigung des Präsidenten konnte praktisch von der ganzen Nation im Fernsehen verfolgt werden. Die aufgezeichneten Bilder verliehen den Ereignissen vom November 1963 eine fast zeitlos scheinende Unmittelbarkeit.

Aber es gibt wichtigere Gründe für die andauernde politische Nachwirkung von Kennedys Tod. Der offensichtlichste ist, dass die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung die offizielle Version des Mordes, wie sie im Warren-Bericht präsentiert wird, nie akzeptiert hat. Dem Bericht zufolge war der Mord an dem Präsidenten die Tat eines Einzeltäters, Lee Harvey Oswald, und nicht Teil einer umfassenderen politischen Verschwörung.

Trotz aller Anstrengungen der Medien, die Kritiker des Warren-Berichts als „Verschwörungs­theoretiker" zu diskreditieren, hat das amerikanische Volk sein eigenes Urteil in der Sache gefällt. Der Warren-Bericht wurde praktisch vom Tag seines Erscheinens 1964 an als ein politisches Vertuschungsmanöver angesehen. Und das war mit Sicherheit gerechtfertigt. Den Bericht hatte Präsident Lyndon B. Johnson in Auftrag gegeben, um die zu Recht misstrauische Öffentlichkeit zu beruhigen. Er selbst hatte gegenüber seinen engen politischen Vertrauten die Meinung geäußert, dass Kennedy Opfer einer Verschwörung gewesen sei.

Die Zusammensetzung der Warren-Kommission schloss eine ernsthafte Untersuchung des Mordanschlags von vornherein aus. Sie bestand unter anderem aus solch hochrangigen Hütern der Staatsgeheimnisse wie dem ehemaligen CIA-Direktor Allen Dulles (den Kennedy nach dem Schweinebucht-Fiasko gefeuert hatte) und John McCloy, einem alten Freund von Dulles, der zu den einflussreichsten und mächtigsten Mitgliedern der „Wise men“ (weisen Männer) gehörte, die nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanische Außenpolitik lenkten. McCloy überredete die Mitglieder der Warren-Kommission, die Zweifel an der Alleintäterschaft hegten, ihre abweichende Meinung für sich zu behalten und sich dem einstimmigen Befund anzuschließen, Lee Harvey Oswald sei der einzige Täter bei der Ermordung des Präsidenten gewesen.

Eines der Kommissionsmitglieder, der Kongressabgeordnete und spätere Mehrheitsführer im Kongress Hale Boggs räumte später seine Zweifel an der berüchtigten „Eine-Kugel“-Theorie ein. (Die Theorie besagte, dieselbe Kugel habe sowohl Kennedy als auch den Gouverneur von Texas, John Connally, getroffen.) Boggs starb im Oktober 1972, als sein Privatflugzeug offenbar in Alaska abstürzte. Weder sein Leichnam noch das Flugzeug wurden jemals gefunden.

Die Verteidiger der Warren-Kommission haben jahrzehntelang den Begriff „Verschwörungstheorie“ als Schimpfwort benutzt, um alle Indizien und Argumente zu diskreditieren, die auf eine politische Ursache für den Mord an dem amerikanischen Präsidenten hinweisen. Vielmehr sollte der Mord als sinnloses, bedeutungsloses Ereignis gesehen werden, das in keinerlei Beziehung zu den Zuständen in der amerikanischen Gesellschaft und Politik stehe. Auf keinen Fall sollte man die Ermordung des Präsidenten als blutiges Ergebnis von Konflikten und einer Krise innerhalb der Regierung werten, als Ausdruck eines bedrohlichen und verkommenen Zustands des amerikanischen Staats. Das war der Zweck der offiziellen Vertuschung.

Die Vereinigten Staaten sind ein Land mit sehr vielen dunklen Geheimnissen. Möglicherweise wird das amerikanische Volk und die Weltbevölkerung nie erfahren, wer Kennedy ermordet hat. Aber die tieferen Ursachen für seinen Tod kann man erklären. Die Ermordung Kennedys konfrontierte die Amerikaner plötzlich, in einem einzigen schrecklichen Moment, mit den unerwarteten und explosiven Folgen einer Wechselwirkung der krassen sozialen Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft und der reaktionären, unheilvollen Rolle, die die USA als führende imperialistische Weltmacht nach dem Zweiten Weltkrieg spielten.

John F. Kennedy zog im Januar 1961 ins Weiße Haus ein. Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag erst sechzehn Jahre zurück. Im August 1945 hatte die Truman-Regierung in einer Vorwegnahme des nachfolgenden Kalten Kriegs gegen die Sowjetunion die kaltblütige Entscheidung getroffen, Atombomben auf zwei japanische Städte, Hiroshima und Nagasaki, zu werfen, um die Allmacht und Rücksichtslosigkeit der Vereinigten Staaten zu demonstrieren. Die Atombombe ging auf politische und weniger auf militärische Notwendigkeit zurück.

Der amerikanische Historiker Gabriel Jackson schrieb später: „Die besonderen Umstände des Atombombeneinsatzes im August 1945 machten deutlich, dass ein psychologisch gesehen völlig normaler und demokratisch gewählter Regierungschef diese Waffe genauso einsetzen konnte, wie es ein Nazi-Diktator getan hätte. Dadurch haben die Vereinigten Staaten – für jeden sichtbar, der sich mit den unterschiedlichen moralischen Verhaltensweisen verschiedener Regierungen beschäftigt – den Unterschied zwischen Faschismus und Demokratie verwischt.“ [Civilization and Barbarity in 20th-Century Europe (New York: Humanity Books, 1999), pp. 176-77; aus dem Engl.]

Die Vereinigten Staaten gingen aus dem Krieg als die beherrschende kapitalistische Weltmacht hervor. Großbritannien war durch den Krieg ruiniert worden. Der lange und schmachvolle Niedergang seiner ehemaligen imperialistischen Herrlichkeit war in vollem Gange und nicht mehr aufzuhalten. Der Versuch der französischen Bourgeoisie, an ihrem Imperium festzuhalten, steuerte auf eine Katastrophe zu – zunächst in Vietnam und, etwas später, in Algerien. Die amerikanische herrschende Klasse war überzeugt davon, dass ihre Zeit gekommen war. Sie glaubte, die Kombination aus scheinbar unbegrenzter Wirtschaftsmacht, der Hegemonie des Dollars im neuen internationalen Währungssystem und dem alleinigen Besitz der Atombombe werde ihre Vorherrschaft über die Welt auf Jahrzehnte sicherstellen. In einem Anfall von Überheblichkeit gab sie dem 20. Jahrhundert sogar einen neuen Namen – und nannte es das „amerikanische Jahrhundert“.

Zu der Zeit, als Kennedy sein Amt antrat, hatte jedoch die Nachkriegsgeschichte die Illusionen und das Selbstvertrauen der amerikanischen herrschenden Elite bereits untergraben. In den vorangegangenen 15 Jahren hatte eine Welle antiimperialistischer Volksrevolutionen ständig zugenommen. Das pro-imperialistische Regime von Chiang Kai-shek wurde entmachtet. Die Träume General MacArthurs und anderer Verrückter im Pentagon und im politischen Establishment der Vereinten Staaten, sie könnten die chinesische und sogar die sowjetische Regierung militärisch „zurückdrängen“, wurden mit der Katastrophe des Koreakriegs zunichte gemacht. Aber der Wechsel der Politik vom „Rollback“ [Zurückdrängen] zum „Containment“ [Eindämmung] änderte die grundlegenden konterrevolutionären Bestrebungen des amerikanischen Imperialismus nicht.

Statt einer frontalen Konfrontation mit der UdSSR und China verwickelte die antikommunistische „Containment“-Strategie die Vereinigten Staaten in eine endlose Reihe von repressiven, antidemokratischen und gegen Aufstände gerichtete Operationen, die darauf abzielten, verhasste pro-amerikanische Marionettenregime zu installieren. Jede ausländische Regierung auf der Welt, von den USA antiimperialistischer oder gar sozialistischer Sympathien verdächtigt, musste mit Destabilisierungsmaßnahmen und Mordanschlägen auf ihre Führer rechnen.

Die 1947 von der Truman-Regierung gegründete Central Intelligence Agency (CIA) lief in den 1950er Jahren unter Eisenhower zur Hochform auf. Das war das Jahrzehnt der von den USA unterstützten Staatsstreiche – darunter die berüchtigsten in Guatemala und Iran – und ununterbrochener Verschwörungen gegen Regierungen, von denen man glaubte, dass sie eine Gefahr für die globalen Interessen der Vereinigten Staaten darstellten. Was später der „Staat der nationalen Sicherheit“ genannt werden sollte – basierend auf einem Bündnis mächtiger Wirtschaftsinteressen, einem gewaltigen Militärapparat und einer ganzen Reihe streng geheim gehaltener Geheimdienste – nahm Ausmaße an, die unvereinbar wurden mit herkömmlichen Formen von Demokratie in den Vereinigten Staaten. Wenige Tage, bevor er aus dem Amt schied, hielt Präsident Eisenhower eine im Fernsehen übertragene „Abschiedsrede“. Möglicherweise war er erschrocken über das Ungeheuer, das er mit begünstigt hatte, denn er warnte das amerikanische Volk davor, dass das Anwachsen des „militärisch-industriellen Komplexes“ eine gewaltige Gefahr für die amerikanische Demokratie darstelle.

In seiner Ansprache zur Amtseinführung am 20. Januar 1961 bemühte sich Kennedy um einen forschen Ton. In einem besonders bombastischen Absatz seiner Rede verkündete er: „Die Fackel ist an eine neue Generation von Amerikanern übergeben worden“. Diese sei bereit, „jeden Preis zu zahlen, jede Bürde zu tragen, jede Not zu meistern, jeden Freund zu unterstützen und jeden Feind zu bekämpfen“, um die globalen Interessen der Vereinigten Staaten zu verteidigen. Trotz aller hochtrabender Rhetorik drückte Kennedys Rede dennoch die Herausforderungen aus, mit denen die herrschende Elite konfrontiert war. In einer der ehrlicheren Passagen warnte er die Vereinigten Staaten könnten die „wenigen,, die reich sind, nicht retten“, wenn sie „den vielen, die arm sind, nicht helfen“,

Kennedys Rede war der Versuch, mit gewandten Worten die demokratischen Ansprüche der Vereinigten Staaten – die in den Augen der Welt bereits durch die Unterdrückung der McCarthy-Ära und die fortdauernde, brutale Verweigerung grundlegender Bürgerrechte für Afro-Amerikaner diskreditiert worden war – mit den Bedürfnissen des amerikanischen Imperialismus zu versöhnen. Diese rhetorischen Kniffe prägten das öffentliche Erscheinungsbild der Kennedy-Regierung.

Aber unter der Oberfläche zeigte sich eine hässlichere Wirklichkeit. Weniger als drei Monate nach seinem Amtsantritt gab Kennedy seine Genehmigung für die konterrevolutionäre Invasion Kubas durch eine Anti-Castro-Armee, die von der CIA aufgebaut worden war. Man hatte dem neuen Präsidenten versichert, die Invasoren würden als Befreier empfangen werden, sobald sie auf Kuba landen. Die CIA wusste, dass nichts auf einen derartigen Aufstand hinwies. Sie nahm jedoch an, dass sich Kennedy, wenn die Invasion erst einmal begonnen hatte, gezwungen sehen würde, US-Streitkräfte einzusetzen, um die Niederlage einer US-gestützten Operation zu verhindern. Kennedy, der einen sowjetischen Vergeltungsschlag in Berlin befürchtete, weigerte sich jedoch einzugreifen, um die Anti-Castro-Söldner zu unterstützen. Die Invasion wurde in weniger als 72 Stunden zurückgeschlagen und mehr als 1000 Söldner gefangen genommen. Die CIA hat Kennedy diesen „Verrat“ nie verziehen.

Auch wenn das Desaster in der Schweinebucht Kennedy einen Dämpfer verpasst hatte – seine Verärgerung über die falschen Zusicherungen seitens der CIA und des US-Militärs war kein Geheimnis –, ließ ihn die Niederlage von April 1961 von seinem Engagement für Operationen zur Aufstandsbekämpfung kaum abhalten. Seine Begeisterung – und die seines Bruders Robert – für Attentatspläne speziell gegen Castro ist schon umfangreich dokumentiert. Letztlich erforderten diese Komplotte die Rekrutierung von Mafia-Gangstern und verwickelten die Kennedy-Regierung in selbstzerstörerische Beziehungen mit der kriminellen Unterwelt.

Schon zu Kennedys Zeiten waren die gesellschaftlichen Spannungen in den Vereinigten Staaten offenkundig, die später in den 1960er Jahren explodieren sollten. Die entschlossenen Versuche von Afroamerikanern, ihre Bürgerrechte wahrzunehmen, wurden von den bundesstaatlichen Regierungen gewaltsam unterdrückt. Sie missachteten ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1954 gegen die Rassentrennung an öffentlichen Schulen. Darüber hinaus drängte die Arbeiterklasse, ungeachtet der unermüdlichen antikommunistischen Propaganda des Staats und der Medien, die von der Gewerkschaftsbürokratie enthusiastisch unterstützt wurde, auf umfangreiche Verbesserungen des Lebensstandards und der Sozialleistungen. Kennedy, der sich selbst als Vertreter der Traditionen des New-Deal-Reformismus darstellte, entwickelte eine Gesetzesinitiative, die nach seiner Ermordung zur Verabschiedung des Gesetzes zur Einführung von Medicare führte.

Im letzten Jahr seiner Präsidentschaft verstärkten sich die politischen Differenzen innerhalb der herrschenden Klasse über entscheidende Fragen der internationalen Politik. Kennedys Entscheidung, in der Raketenkrise von Oktober 1962 eine Invasion Kubas zu vermeiden, wurde vom Joint Chiefs of Staff (vereinigter Generalstab) entschieden abgelehnt. Nach der Lösung dieser gefährlichen und heftigen Krise, welche die Vereinigten Staaten und die UdSSR an den Rand eines Atomkriegs brachten, setzte Kennedy die Verabschiedung des Abkommens zum Stopp von Atomtests durch.

Diese Maßnahmen bedeuteten nicht, dass Kennedy die Politik des Kalten Kriegs aufgegeben hatte. Tatsächlich waren die letzten drei Monate seiner Präsidentschaft der verschärften Lage in Vietnam gewidmet. Obwohl man nicht mit Sicherheit sagen kann, welchen Kurs Kennedy in Vietnam eingeschlagen hätte, wenn er nicht ermordet worden wäre, ist es aufgrund der historischen Umstände eher unwahrscheinlich, dass er einen Rückzug der US-Streitkräfte befürwortet hätte. Kennedy autorisierte den Sturz des südvietnamesischen Präsidenten Diem, der zu dessen Ermordung am 1. November führte. Ziel dieses Putschs war die Errichtung eines neuen antikommunistischen Regimes, mit dem der Krieg gegen die Nationale Befreiungsfront effektiver geführt werden konnte als mit Diem. Drei Wochen später wurde Kennedy in Dallas ermordet.

Die Ermordung von Präsident Kennedy kennzeichnet einen entscheidenden Wendepunkt in der neueren Geschichte der Vereinigten Staaten. 1913, ein halbes Jahrhundert vor Kennedys Tod, wurde Woodrow Wilson als 28. Präsident der Vereinigten Staaten in sein Amt eingeführt. Während seiner Regierungszeit traten die Vereinigten Staaten 1917 in den Ersten Weltkrieg ein und versprachen, „die Welt sicher und demokratisch zu machen“. Unter dem Banner von Wilsons verlogener Beschwörung einer globalen Demokratie traten die Vereinigten Staaten zum ersten Mal als die wichtigste imperialistische Macht hervor. Diese Stellung wurde während der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt (1933-45) gefestigt, der durch die Sozialreformen des New Deal innerhalb der Vereinigten Staaten versuchte, eine Basis im Volk für den Kapitalismus zu schaffen. Diese Reformen ermöglichten es der Regierung von Roosevelt, ihr Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg als Kampf für Demokratie gegen Faschismus darzustellen.

Die Kennedy-Regierung setzte dieser Ära ein Ende. Bezeichnenderweise kam die Kennedy-Regierung genau zu dem Zeitpunkt an die Macht, als Ökonomen die ersten bedeutsamen Anzeichen für eine Unterhöhlung der globalen Position des amerikanischen Kapitalismus registrierten. Nachdem sich zunächst der europäische und dann der japanische Kapitalismus von den verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs erholten, wurde die wirtschaftliche Vormachtstellung der Vereinigten Staaten infrage gestellt. Nur acht Jahre nach Kennedys Ermordung führten die dramatischen Veränderungen der internationalen Handels- und Zahlungsbilanzen zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems der Konvertierbarkeit von Dollar in Gold. Die Vereinigten Staaten waren endgültig in die Epoche eines langanhaltenden Niedergangs eingetreten.

John F. Kennedy war der letzte Präsident, der in der Lage war, seine Regierung im Bewusstsein der Öffentlichkeit mit den demokratischen Traditionen der Vereinigten Staaten in Verbindung zu bringen. Die politischen und moralischen Fundamente seiner Präsidentschaft waren jedoch bereits durch die Entwicklung des amerikanischen Imperialismus unwiderruflich unterhöhlt worden. Unabhängig von den aufrichtigen demokratischen Idealen und Bestrebungen der großen Masse der Bevölkerung waren die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, um die globalen Interessen des amerikanischen Kapitalismus sicherzustellen. In den Jahren nach dem Krieg nahm ihre Politik einen immer kriminelleren Charakter an. Die Kluft zwischen den rhetorischen Beschwörungen von Demokratie und der brutalen Realität der amerikanischen Politik konnte weder international noch innerhalb der Vereinigten Staaten weiterhin vertuscht werden. Enthusiastische Anhänger Kennedys verglichen seine Regierung, besonders nach seinem Tod, gerne mit dem tugendhaften Hof Camelot des mythischen britischen Königs Artus. Treffender wäre die Charakterisierung als eine Regierung der „großen Lüge“.