New York Times-Autor schürt Vorwürfe gegen Woody Allen im Namen von „Menschenrechten“

Von David Walsh
13. Februar 2014

Das Bündnis aus selbstzufriedenen Medienexperten, "Menschenrechts"aktivisten, Pseudolinken, Feministinnen und offen rechten Elementen, das die USA regelmäßig mit ihren Moralaposteleien im Dienste der politischen Reaktion überschwemmt, schlägt wieder zu. Dieser giftige Erguss ist so vorhersehbar wie das jährliche Hochwasser am Nil.

Der jüngste Anlass zu Empörung und Entrüstung ist der offene Brief von Dylan Farrow, die ihrem Stiefvater, Woody Allen, vorwirft, sie vor etwa zwanzig Jahren sexuell missbraucht zu haben. Der Brief wurde von Nicholas Kristof von der New York Times am 1. Februar in seiner Kolumne veröffentlicht und beworben.

Als erstes sollten wir darauf hinweisen, dass Allen etwas in der amerikanischen Kultur der Nachkriegszeit repräsentiert. Vom Beginn seiner Karriere an als Witzeschreiber für das amerikanische Fernsehen in den 1950ern, über seine Karriere als Stand-Up-Komiker in den 1960ern (laut Umfragen ist er einer der zehn erfolgreichsten derartigen Komiker der Geschichte), bis hin zu seiner Karriere als Filmemacher seit den 1970ern hat sich Allen einen bedeutenden Platz in der Popkultur erarbeitet. Einige seiner Nummern und Witze sind Teil des Kanons der amerikanischen Komik geworden, und das zurecht.

Sein Gesamtwerk als Filmemacher ist äußerst ungleichmäßig, und nach Meinung des Autors sind seine besten Tage als Drehbuchschreiber und Regisseur lange vorbei. Dennoch sind seine Frühwerke wie " Was gibt’s Neues, Pussy?" (für den Allen das Drehbuch schrieb) und "What’s Up, Tiger Lily?" noch immer amüsant, und "Der Stadtneurotiker“, "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" und "Ehemänner und Ehefrauen" sind bedeutende Werke, und auch in Filmen wie "Manhattan," "Stardust Memories," "Zelig“, "Broadway Danny Rose," "Alice“, "Geliebte Aphrodite“, "Celebrity" und anderen gibt es zweifellos aufschlussreiche oder angenehme Momente.

Der mittlerweile 78-jährige Allen wurde im Dezember bei der Golden Globe-Verleihung mit dem Cecil B. DeMille-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, außerdem ist damit zu rechnen, dass er bei der der Oscar-Verleihung 2014 weitere Auszeichnungen für seinen neuesten Film Blue Jasmine erhalten wird. Er hat eine treue Fangemeinde, die ihn für seine sympathische Persönlichkeit und seine menschliche, tolerante Haltung zum Leben und zu Menschen schätzt.

All das macht ihn zu einem passenden Ziel, das von dem besonders verwerflichen Kristof mit einer schmutzigen Kampagne "abgeschossen" werden kann.

Der Times-Kolumnist hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem der aktivsten Verfechter des "Menschenrechtsimperialismus" entwickelt und hat amerikanische Militärinterventionen im Sudan (Darfur), Libyen und Syrien gefordert. In allen diesen Gebieten geht es der amerikanischen herrschenden Elite um Energiereserven und geopolitische Erwägungen. Beispielsweise schrieb Kristof am 31. August 2011 aus Tripolis, Libyen müsse einem ins Gedächtnis rufen, dass es manchmal möglich sei, humanitäre Ziele mit militärischen Mitteln zu erreichen. Der Times-Journalist fiel in der Vergangenheit außerdem als Verteidiger asiatischer Sweatshops und Unterstützer von Bildungs-"Reformen" in den USA auf - d.h. von Angriffen auf öffentliche Schulen und die Löhne und Zusatzleistungen von Lehrern

Mia Farrow, Dylans Adoptivmutter und ehemalige Geliebte Allens, die sich von ihm entfremdet hat und ihm gegenüber äußerst nachtragend ist, war zusammen mit anderen Prominenten in der Kampagne für eine Intervention in Darfur aktiv.

Kristofs Artikel über Dylan Farrows offenen Brief ist ekelhaft und prinzipienlos. Anfangs gibt er zu, dass "Allens Verteidiger zurecht anmerken, dass er die Vorwürfe abstreitet, nie verurteilt wurde und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelten solle" und dass er [Kristof] selbst ein persönlicher Freund von Farrow ist, dennoch behandelt der Times-Kolumnist die Vorwürfe der jungen Frau als in Stein gemeißelte Wahrheit.

Er schreibt, Dylan Farrow „erzählt mir, sie sei von dem, was passiert sei, mehr als zwanzig Jahre lang traumatisiert gewesen, erst letztes Jahr wurde bei ihr mit Verspätung eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Sie behauptet, als sie [2013] gehört habe, dass Allen den Golden Globe [für "herausragende Beiträge zur Welt der Unterhaltung"] erhalten habe, habe sie sich auf ihrem Bett zu einer Kugel zusammengerollt und habe hysterisch geweint." [Hervorhebung hinzugefügt].

Verzeihen Sie, Mister Kristof, aber Sie sprechen hier von etwas, von dem Dylan und Mia Farrow behaupten, dass es passiert ist!

Kristof berichtet von einem Gespräch mit Dylan Farrow, in dem sie ihm erzählte: "Für mich ist es schwarz und weiß, weil ich dabei war. Ich fragte, warum sie erst jetzt darüber spreche. Sie erklärte, sie wollte die Sache klären und Opfern Mut machen."

Kristof benutzt die Phrase "die Sache klären" wieder ohne Einschränkung.

Weiter heißt es in der Kolumne: "Keiner von uns kann mit Sicherheit sagen, was passiert ist."

Wenn Kristof einen Funken Anstand hätte, würde er an dieser Stelle natürlich den Mund halten. Wenn er nicht weiß was passiert ist, warum geht er dann weiter auf die Sache ein?

Aber er macht weiter: "Es ist üblich, dass jemand erst ins Gefängnis kommt, wenn seine Schuld ohne ernsthafte Zweifel erwiesen ist, aber sollte es, wenn jemand geehrt wird, nicht auch üblich sein, dass die Person unzweifelhaft, nun ja, ehrenhaft ist?"

Ehre! Kristof hat vor kurzem Raketenangriffe auf syrische Ziele gefordert und dazu erklärt, "100 Raketen würden [nur] ungefähr 70 Millionen Dollar kosten" – Wer ist er, dass er sich anmaßt, solche Urteile fällen zu können? Warum sollte Woody Allen diesem promilitaristischen Handlanger Rechenschaft schuldig sein? Kristofs Vorstellung von "Ehre" ist keine, nach der es einen wirklich ehrenwerten Menschen verlangen würde.

Kristof fährt fort: "Dennoch stellten sich die Golden Globe-Veranstalter auf Allens Seite und bezichtigen Dylan praktisch entweder der Lüge oder geben ihr zu verstehen, dass sie nicht von Interesse ist. Das ist die Botschaft, die Prominente aus Film, Musik und Sport Missbrauchsopfern allzu oft zu verstehen geben."

Man sollte darauf hinweisen, dass Allen nicht nur nicht verurteilt wurde, er wurde nicht einmal eines Verbrechens angeklagt.

Kristofs Argumente sind unglaubwürdig, fast schon verstört.

Niemand weiß mit Sicherheit, was geschehen ist oder nicht geschehen ist. Allen leugnet die Vorwürfe (zuletzt am 4. Februar als Reaktion auf Kristofs Kolumne und Dylan Farrows Brief). Es gibt keine physischen oder psychologischen Beweise. 1993 kam ein Team von Medizinern, das von der Polizei beauftragt wurde, zu dem Schluss, dass Dylan "nicht sexuell belästigt" worden war.

Dr John M. Leventhal, der Leiter des Teams, der neunmal mit Dylan Farrow gesprochen hatte, erklärte in einer eidesstattlichen Erklärung: "Wir hatten zwei Hypothesen: die eine war, dass diese Aussagen von einem emotional gestörten Kind kamen [Dylan war damals sieben Jahre alt] und sich dann in ihrem Hirn festgesetzt haben. Die andere Hypothese war, dass sie von ihrer Mutter [Mia Farrow] angegeleitet oder beeinflusst wurde, das zu sagen. Wir sind nicht zu einem eindeutigen Schluss gekommen. Wir glauben, dass es vermutlich eine Kombination aus beidem ist."

Dennoch stellt Kristof seine Kolumne, ein mächtiges Werkzeug, zur Verfügung, um im Auftrag einer Freundin und Mitstreiterin in politischen Kampagnen den unbewiesenen und haltlosen Vorwürfen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dass dies ein ernsthafter Verstoß gegen grundlegende Prinzipien des journalistischen Ethos ist, ist nicht nur der World Socialist Web Site aufgefallen.

Chris Rasmussen, ein Leser der Times und Professor an der Fairleigh Dickinson-Universität, der sich als Bewunderer Kristofs darstellt, schrieb der Redakteurin für Öffentlichkeitsarbeit Margaret Sullivan, um "zu fragen, ob es richtig ist, größtenteils einseitige Kolumnen zu veröffentlichen, in denen eine Einzelperson angegriffen wird."

Rasmussen fuhr fort: "Die Autoren, denen es erlaubt ist, für die Times Kolumnen zu schreiben, haben eine äußerst einflussreiches Forum, und ich frage mich, ob sie dieses Forum dazu nutzen sollten, sich für persönliche Freunde einzusetzen, wie es Kristof gestern getan hat. Wenn Dylan Farrow einen offenen Brief über ihre Vorwürfe veröffentlichen will, gibt es dafür im Zeitalter des Internet ausreichend Foren. Sollten die Times und Kristof ihren Argumenten gegen Woody Allen ihre Glaubwürdigkeit ausleihen?"

Als Antwort deutete Sullivan an, sie beschäftige sich "mit den gleichen Fragen."

Die Kreise, in denen Kristof verkehrt - reich, zufrieden und dem amerikanischen freien Unternehmertum um jeden Preis verpflichtet - haben für demokratische Prinzipien nur Verachtung übrig. Die Unschuldsvermutung bedeutet diesen Menschen nichts. Sie betrachten sie als etwas lästiges oder unwichtiges, wenn sie sie überhaupt betrachten.

Eine der abstoßendsten Hysterikerinnen aus diesem Haufen ist Jessica Valenti von The Nation. Ihre Kolumne über den Fall Allen-Farrow hat etwas irrationalistisches. Sie beginnt: "Ich habe nie einen Film von Woody Allen gesehen. Meine Eltern weigerten sich, sie auszuleihen, nachdem er ein 'Verhältnis' mit Soon-Yi Previn begann, und ihre Erklärung ist mit noch heute im Gedächtnis... Meine Eltern setzten sich zu mir und sprachen mit mir über die 'Verantwortung', die Erwachsene gegenüber Kindern haben und bestimmte Grenzen, die Eltern und Elternfiguren respektieren müssen."

Um es ins Gedächtnis zu rufen: Allen begann seine Beziehung mit Soon-Yi Previn (mit der er immer noch verheiratet ist), als sie neunzehn oder zwanzig Jahre alt war. Sie war nicht seine adoptierte Tochter, und er verbrachte keine einzige Nacht in der Wohnung ihrer Mutter.

Valenti fährt fort: "Heute, als Erwachsene, weiß ich, dass wir, wenn wir uns für besonders mächtige Männer, die Frauen wehtun, Entschuldigungen ausdenken, wir es allen Missbrauchstätern leichter machen. Und dass diese kulturelle kognitive Dissonanz um sexuelle Übergriffe und Missbrauch ein Sicherheitsnetz für Täter aufbaut, für das wir uns alle schämen sollten."

Was für Beweise hat Valenti, dass Allen "Frauen wehgetan" hat?

Die Kolumnistin der Nation zieht aus der allgemeinen Feststellung, dass viele Kinder sexuell missbraucht werden, dass "Missbrauchstäter manipulativ und oft charismatisch sind und ihre Verbrechen gut verbergen," und dass wir uns mitten in einer "Epidemie sexueller Gewalt" befinden, brillant den Schluss, dass Allen schuldig ist.

Sie schreibt: "Denn egal wie viel Wahrheiten wir kennen, das Patriarchat drängt unser gutes Urteilsvermögen beiseite - vor allem, wenn dieses gute Urteilsvermögen uns dazu drängt, schlechte Dinge von talentierten, weißen Männern anzunehmen." An anderen Stelle haut sie in die gleiche Kerbe: "Es ist einfacher zu ignorieren, wovon wir wissen, dass es die Wahrheit ist und uns darauf zu konzentrieren, was wir uns wünschen, dass es die Wahrheit wäre."

Wie "weiß" Valenti, trotz dem Fehlen von jeglichen rechtlich zulässigen Beweisen, dass es wahr ist? Das ist eine zutiefst üble, verschmutzte Denkweise.

Zahlreiche Kommentatoren am Ende von Valentis Artikel lehnen ihre demokratiefeindliche Haltung ab. Die Nation-Leserin Laurie Wilson bemerkte: "Ich weiß nicht, was Jessica Valenti für einen Hintergrund hat, oder welche Erfahrungen oder welches Wissen sie mitbringt. Aber: nach diesem Artikel bin ich mir sicher, dass sie nichts von dem grundlegenden verfassungmäßigen Prinzip der Unschuldsvermutung zu verstehen scheint: man gilt als unschuldig, bis die Schuld erwiesen ist. Sie steht damit natürlich nicht alleine da. Der Ansturm von bösartigen Annahmen, die man von einem Lynchmob erwarten könnte, hat begonnen. Aber sie sollte sich schämen, dass sie sich damit gemein macht.“

Es geht um größere Fragen als die mutmaßliche Misshandlung von Dylan Farrow. Die gleichen sozialen Elemente, die sich der Hetzkampagne gegen Allen und andere anschließen und die mit Geschlechterpolitik und einem postmodernen Desinteresse an geschichtlichen und gesellschaftlichen Fakten infiziert sind, haben sich in der Vergangenheit immer wieder für imperialistische Kriege ausgesprochen, die mit unbewiesenen Vorwürfen gerechtfertigt wurden

Seit mehr als zwanzig Jahren hat sich eine Welle von ehemaligen Radikalen und Liberalen nach der anderen zugunsten westlicher Interventionen einspannen lassen - auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak, in Darfur, Haiti, Mali, Sierra Leone, der Elfenbeinküste, Libyen, Syrien und anderen Ländern, um "Völkermord," "Massenmorde" oder den Einsatz von "Massenvernichtungswaffen" oder "Chemiewaffen" zu verhindern, die Ausbreitung des "Islamfaschismus" zu stoppen, verschiedenen weltweiten Krisenherden "Demokratie" und "Stabilität" zu bringen, usw. Diese gesellschaftlichen Kräfte, deren Aufgabe es ist, die Bevölkerung mit Argumenten zu verwirren und zu betäuben, die sich in betrügerischer Absicht "linker" Terminologie und Phrasen bedienen, sind zu wichtigen Sprachrohren imperialistischer Politik geworden.

Kristofs Kolumne hat unweigerlich die rückständigsten und schmutzigsten Elemente entfesselt, die nach Allens Blut lechzen und über "liberale Hollywood-Perverslinge" (oder, in manchen Fällen, flüsternd "liberale jüdische Hollywood-Perverslinge") herziehen und jeden anschwärzen, der zu einem Mindestmaß an Rücksicht auf verfassungsgemäße Normen mahnt. Die verdiente Fernsehjournalistin Barbara Walters provozierte "Twitter-Empörung", als sie Allen in der Fernsehtalkshow "The View" verteidigte.

Wirkliche politische Hygiene und Weisheit beginnen in den USA und der Welt momentan damit, sich so fest und deutlich wie möglich von den falschen "Menschenrechts"-Kämpfern, den feministischen Moralaposteln und der pro-imperialistischen "Linken" zu trennen und abzugrenzen.