„Zwischen Welten“: ein staatstragender Film

Von Bernd Reinhardt
9. Mai 2014

In den letzten Jahren wurden in Deutschland bereits zwei Fernsehspielfilme über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan gezeigt. Es waren Filme, die auf die Ablehnung der Kriegseinsätze in der Bevölkerung reagierten. Auslandseinsatz (2012, Regie: Till Endemann)rechtfertigte den Einsatz der Bundeswehr als Kriegseinsatz. Der Film Eine mörderische Entscheidung (2013, Regie: Raymond Ley) stellte klar, dass zur Normalität eines solchen Einsatzes auch Fehler und tragische Zivilopfer gehören.

Zwischen Welten, © Björn Kommerell/Majestic

Der Film Zwischen Welten von Feo Aladag (Die Fremde,2010), der seit einiger Zeit im Kino läuft und im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale vertreten war, stellt vor dem Hintergrund des geplanten Abzugs der Bundeswehr 2014 die kritische Frage, ob die propagierten humanitären Ziele erreicht wurden. Die Antwort des Films ist ein eindeutiges: Nein.

Hauptmann Jesper (Ronald Zehrfeld) ist bereits das zweite Mal in Afghanistan. Er kehrt zurück in das Gebiet, in dem sein Bruder von Taliban erschossen wurde. Jespers Kommando hat die Aufgabe, ein Dorf vor Taliban zu schützen und die dort agierenden Arbaki-Milizen zu unterstützen. Dort kommt es zum ersten Konflikt zwischen Jesper und dem Milizenführer (ein ehemaliger Talibankämpfer), der die deutschen Soldaten als unerwünschte Eindringlinge betrachtet. Nur das geschickte „Übersetzen“ des afghanischen Dolmetschers Tarik (Mohsin Ahmady) entschärft die Situation.

Tarik verehrt die westliche Kultur, besonders, so scheint es, die europäische. Wenn sein Handy klingelt, ertönt Musik von Franz Schubert. Er unterrichtet Kinder in englischer Sprache, während er selbst noch lernt. Seine Schwester Nala (Saida Barmaki) geht neben der Arbeit zur Universität. Das konservative Umfeld verachtet die Geschwister. Tarik gilt als Verräter, der für die Besatzer arbeitet. Als es für Nala zu Hause gefährlich wird, holt Tarik sie in das deutsche Armee-Camp. Unterwegs wird auf sie geschossen. Nala überlebt nur Dank Jesper. Entgegen dem ausdrücklichen Befehl bringt er die Schwerverletzte ins nächste Militärlazarett. Als auf dem Rückweg von dort Jespers Fahrzeug angegriffen und sein Stellvertreter getötet wird, kommt Jesper vor ein Militärgericht. Der Schluss des Films zeigt ihn als Zivilisten.

Der Film zieht eine ernüchternde Bilanz des bisherigen Bundeswehreinsatzes. Nichts hat sich für die Menschen im Land verbessert. Scheinbar aus dem Nichts kann die Situation jederzeit eskalieren. Neben afghanischen Kämpfern sind es oft Missverständnisse, mit denen die deutschen Soldaten konfrontiert sind. Warum ist kein Dolmetscher da, wenn er dringend gebraucht wird? Warum kann dem mittellosen Besitzer die einzige Kuh, die ein Soldat erschoss, nicht ohne großes Aufhebens ersetzt werden?

Die Kritik des Films erreicht ihren Höhepunkt mit der Verurteilung Jespers. Im Grunde genommen wird er bestraft, weil er sich gegenüber einer afghanischen Zivilistin menschlich verhalten hat. Zum offiziellen Anspruch der Bundeswehr als Befreiungsarmee passt das nicht. Diesen Widerspruch sowie die allgemein katastrophale Lage im Land konstatiert der Film als einen nicht hinzunehmenden Schwebezustand „zwischen Welten“.

Ihr Film, so Aladag, appelliere an die Solidarität der Weltgemeinschaft, Afghanistan nicht aus dem Augen zu verlieren, wenn die Truppen abziehen. Dabei stelle Zwischen Welten keine Generalkritik gegen oder ein Plädoyer für den bisherigen Bundeswehreinsatz dar.

Der Film entstand in der Zeit, in der die außenpolitische Wende vorbereitet wurde, mit der sich die Bundesregierung von der bisherigen „militärischen Zurückhaltung“ verabschiedete. Aufgabe der Armee, so Verteidigungsministerin von der Leyen, sei es, „diplomatische Initiativen, humanitäre Hilfe und Anstrengungen zum wirtschaftlichen Aufbau militärisch abzusichern“. Dieser Linie entspricht der Film, der mit Unterstützung der Bundeswehr und der afghanischen Behörden fast ausschließlich in Afghanistan an Originalschauplätzen gedreht wurde. Er bemängelt unzureichende humanitäre Hilfsmaßnahmen, ohne Zweifel daran zu lassen, dass diese des militärischen Schutzes bedürfen.

Zur Rechtfertigung zukünftiger „humanitärer“ Militäreinsätze präsentiert der Film den entsprechenden Soldatentyp: Jesper, ein „Bürger in Uniform“, stets das humanitäre Ziel vor Augen, setzt auf vertrauensbildende Maßnahmen statt Eskalation und sorgt sich um das Wohl der Zivilbevölkerung. Dies bringt ihn im Film in Konflikt mit der schwerfälligen, ineffektiv arbeitenden Militärbürokratie.

Ihr Film, so Aladag, solle beitragen, das negative öffentliche Bild des Soldaten zu beseitigen, dessen Einsatz von der Gesellschaft getragen, dessen gefährliche Arbeit aber nicht respektiert werde. Die Bundesregierung, so Aladag, habe großes Interesse an ihrem Vorhaben gezeigt, ein anderes Soldatenbild zu vermitteln. Die Bundeswehr habe ihr so sehr vertraut, dass sie sich nicht einmal für das konkrete Drehbuch interessiert habe.

Das pseudorealistische Konzept des Films schließt tiefer gehende Fragen von vornherein aus. Es gibt keine Figur mit grundlegenden Zweifeln an dem Einsatz. Aladags Soldaten agieren in einem „geschlossenen System“, dessen enger Handlungsrahmen sie sogar als Opfer erscheinen lässt. „Was bleibt im alltäglichen Kampf ums Überleben von den Idealen der Menschenwürde?“ – so die Presseerklärung zum Film. Kriegsbrutalitäten wird so eine gewisse, wenn auch nicht anstrebenswerte Notwendigkeit eingeräumt, für die der Zuschauer zumindest ein gewisses Verständnis aufbringen sollte.

Zwischen Welten ist kein plumper Kriegspropagandafilm, wie Till Schweigers Schutzengel (2012). Der Film will zum Nachdenken anregen, und es spricht eine gewisse Ratlosigkeit aus ihm. Das macht ihn aber nicht weniger staatstragend. Er setzt die Annahme voraus, das Ziel des Bundeswehreinsatzes sei wirklich der Sieg von Fortschritt und Demokratie in Afghanistan. Ganz offenbar kann sich Aladag eine Solidarität der „Weltgemeinschaft“ nicht anders vorstellen als im Rahmen offizieller imperialistischer Weltpolitik.

Die Ausrichtung des Films kommt den Anstrengungen von Regierung und Verteidigungsministerium, die weit verbreitete Opposition gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr aufzuweichen, stark entgegen. Aladags Behauptung, der Bundeswehreinsatz sei „von der Gesellschaft getragen“, sagt einiges über ihre ignorante Haltung gegenüber dieser Opposition.