Kapitalismus und das Weltraumprogramm

Von Don Barrett
19. November 2014

Während der letzten Oktoberwoche ereigneten sich sowohl ein kostspieliger Rückschlag als auch eine Tragödie, als zwei voneinander unabhängige privat finanzierte Unternehmungen im Bereich der Raumfahrt scheiterten. Die Antares-Rakete, von der Orbital Sciences Corporation für den Frachttransport zur Internationalen Raumstation (ISS) entwickelt, wurde aufgrund eines fatalen Motorschadens wenige Sekunden nach dem Start zerstört. Das Flaggschiff der Spaceship Company, das Touristenraumflugzeug SpaceShipTwo, stürzte während eines Testflugs ab. Der Testpilot Michael Alsbury kam dabei ums Leben. Die Spaceship Company ist ein Unternehmen, hinter dem der Milliardär Richard Branson steht.

Ursache der Katastrophe der Antares-Rakete war der Ausfall eines ihrer beiden Triebwerke der Ersten Stufe. Beide Triebwerke sind uralte russische Geräte aus den 1960er Jahren, die fast ein halbes Jahrhundert auf Lager gelegen haben und für das abgebrochene sowjetische Mondprogramm hergestellt wurden. Diese Motoren, die einstigen NK-33, haben nach wie vor die zweitgrößte Schubkraft aller Raketenantriebe, die je gebaut wurden, doch dies geschah noch vor Einführung der Floppydisk, des Mikroprozessors und der Videokassette. Das SpaceShipTwo ist ein Flugzeug, das kurzzeitig als Rakete genutzt wird, um zahlungskräftigen Touristen ein knappgehaltenes Erlebnis von Schwerelosigkeit zu vermitteln. Sein Energieaufwand beträgt lediglich zwei Prozent dessen, was Raumfahrzeuge in der Erdumlaufbahn verausgaben. Zu seinem Absturz trug eine Technologie bei, die noch hinter derjenigen zurücksteht, die beim ersten Flug des raketengetriebenen Flugzeugs X-15 im Jahr 1959 verwendet wurde, das erstmals bemannt in den Weltraum vorstieß.

Siebenundfünfzig Jahre nach dem Start von Sputnik I, dem ersten künstlichen Satelliten, und dreiundfünfzig Jahre nachdem Juri Gagarin erstmals die Erde umkreiste, bleibt es teuer und keine Alltagskunst, in den Weltraum vorzustoßen. Zwischen 1969 und 1972 besuchten Menschen sechsmal den Mond und sind seitdem nicht mehr dort gewesen. Bis 1976 gab es zusätzlich vier unbemannte Landungen der Sowjets, darunter befanden sich ein Mondrover, der 37 km auf der Mondoberfläche zurücklegte, und ein Lander, der mit 170 g Mondgestein zurück zur Erde flog. Siebenunddreißig Jahre verflossen bis zur nächsten Landung: Im Jahr 2013 erreichte der chinesische Rover Yutu den Mond.

Gegenwärtig haben neun Länder Zugang zum Weltraum, aber nur Russland und China sind momentan in der Lage, bemannte Missionen in die erdnahe Umlaufbahn zu entsenden. Seit der letzten Apollo-Mission von 1972 hat es keine bemannte Mission mehr gegeben, die ein paar hundert Kilometer über die niedrige Erdumlaufbahn hinausging.

Regelmäßig wurden Erkundungsobjekte und Lander zum terrestrischen Zwilling der Erde, dem Mars, entsandt, doch auf der Venus gab es seit 1984 keine Landung mehr. Die äußeren Planeten Uranus und Neptun wurden einmal von einem Raumflugkörper besucht, der 1977 auf den Weg gebracht worden ist, indessen stehen beinahe vier Jahrzehnte später keine zusätzlichen Missionen auf dem Plan. Höchst fruchtbare Missionen wurden in die Orbits des Jupiters und des Saturns unternommen. Die Cassini-Sonde, die zum Saturn entsandt wurde, wird den Planten wahrscheinlich noch weiterhin einige Jahre umkreisen.

Die Grenzen der Technik können nicht die Erklärung dafür sein, warum die Menschheit nicht weltweit in den Orbit vorgestoßen ist und damit fortfährt, in einem konstanten Tempo immer ehrgeiziger das Sonnensystem und den Weltraum zu erforschen. Die jüngsten Rückschläge verdanken sich einem Griff in die Mottenkiste: in dem einen Fall war es antiquiertes und abgelagertes Material, in dem anderen technisch zurückgebliebenes Gerät. Bereits vor Jahrzehnten wurden die erforderlichen Konstruktionsprinzipien erfolgreich gemeistert. Weshalb ist es dem Menschen dennoch verwehrt, seine „letzte Grenze“ zu durchstoßen, wie dies einst genannt wurde?

Der erste, der ein wissenschaftliches Verständnis von dem Widerspruch zwischen den Bestrebungen des Menschen und der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft entwickelte, war Marx. Er bemerkte, die gewaltige Emanzipation der menschlichen Fähigkeit zur Arbeit in großem Maßstab, wie sie mittels der bürgerlichen Revolutionen im neunzehnten Jahrhundert freigesetzt wurde, sei an das Profitstreben unter dem Kapitalismus gekettet. Ein Jahrhundert später, nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war, nahm dies noch schärfere Formen an. Das einstige Kriegs-Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion verwandelte sich in den Kalten Krieg, der um strategischen Einfluss geführt wurde, selbst nachdem die stalinistische Bürokratie die revolutionären Bewegungen der Arbeiterklasse auf dem ganzen Erdball unterminiert hatte.

Alle bedeutsamen Raumfahrtinitiativen bis heute zeichneten sich durch einen doppelten Charakter aus. Juri Gagarin und Alan Shepard stießen als Insassen von Kapseln in den Weltraum vor, die an der Spitze leicht umgebauter ballistischer Interkontinentalraketen befestigt waren. In Universitätsplanetarien, die in den 1950er Jahren sehr verbreitet waren, wurden nicht allein die Grundlagen des Himmels gelehrt, sondern ebenso astronomische Navigation, die zukünftigen Militärnavigatoren zugute kam. Der für den Bau des Hubble-Weltraumteleskops beauftragte Optikgerätehersteller wurde aufgrund seiner Erfahrung bei der Anfertigung von Spiegeln für Spionagesatelliten ausgewählt; anschließend wurde ihm untersagt, dieses Know-how weiter zu nutzen. Das zivile Space Shuttle flog zehn Militärmissionen, von denen neunmal als Besatzung Militärastronauten eingesetzt wurden, die geheime Ladungen mit sich führten und sich verschlüsselter Kommunikation bedienten. Zwei der NASA-Direktoren seit 1989 kamen aus dem Militär.

Wissenschaftliche Forschung und Erkundung ist genötigt, um jene Nischen zu kämpfen, die von den größeren, die Gesellschaft organisierenden, Kräften offen gelassen werden. Die drei Hauptvertragspartner der amerikanischen wissenschaftlichen Raumfahrt, Lockheed Martin, Boeing und Ball, haben auch erhebliche finanzielle Zuflüsse vom Militär. Die Cassini-Mission zum Saturn, ein Aushängeschild von immenser wissenschaftlicher Bedeutung, wäre beinahe wegen Kommunikationsübertragungsproblemen gescheitert, nachdem die Huygens-Landesonde im Jahr 2005 auf dem Titanmond gelandet war. Der Grund für die Probleme war, dass der Radioempfänger der Cassini-Sonde, der von dem italienischen Luftfahrtunternehmen Alenia Spazio hergestellt worden war, sich aufgrund von urheberrechtlichen Gründen weigerte, die Spezifikationen des Empfängers an die NASA zu übermitteln, die ihrerseits aus Haushaltserwägungen auf diese zu verzichten bereit war. Nur dank der unermüdlichen Arbeit mehrerer Ingenieure wurde diese Panne überhaupt bemerkt. Diese entwickelten eine neue Landeprozedur unter vollständig anderen Bedingungen, was wichtigen Raketentreibstoff kostete.

Der Mars Climate Orbiter wurde 1999 verloren, nachdem die NASA durch Kongressbeschlüsse gezwungen war, einige Bereiche der Mission zu privatisieren. Darunter fielen die Planung der Ankunft zum Mars sowie der Eintritt in die Umlaufbahn mittels Hineingleiten in die Marsatmosphäre. Lockheed Martin, der Entwickler der Sonde, erhielt auch den Auftrag für die Missionsnavigation. Das Unternehmen lieferte der NASA (ohne darauf hinzuweisen) Navigationsinstrumente, die auf das angloamerikanische Maßsystem ausgelegt waren, aber nicht auf das von der NASA genutzte und bei allen Wissenschaftlern weltweit gebräuchliche Internationale Einheitensystem. Kostensenkungen, Profitinteressen und die enge Kontrolle politischer Prozesse durch Lobbyisten fuhren den Bemühungen der NASA-Beschäftigten, Ingenieure und Wissenschaftler in die Parade, jeden Aspekt der Mission gründlich zu untersuchen und den Fehler aufzudecken. Die anschließende Medienberichterstattung stellte die NASA als überwiegend Alleinschuldigen dar – für einen Fehler, den sie nicht begangenen hatte und der einer Situation geschuldet war, die sie nicht unter Kontrolle haben konnte.

In den dazwischenliegenden Jahrzehnten wurden nur kleine Fortschritte in Richtung einer fundamental neuen Raketentechnik gemacht, weder hinsichtlich des Erreichens des Weltraums, noch in puncto effizienter Antriebstechnik im Weltraum selbst. Eine Ausnahme stellen die Ionenraketen dar, deren Verbesserung in hohem Maße von Profitinteressen getrieben wurde, da diese bei lukrativen geosynchronen Kommunikationssatelliten eingesetzt werden. Die Entwicklung von atomar betriebenen Raketen kam größtenteils 1972 zum Stillstand, doch die Sowjetunion setzte bis 1988 die Weiterentwicklung von Satelliten mit Kernenergieantrieb fort.

Innerhalb der Vereinigten Staaten nahm die Nuklearisierung der Überwachungs- und Waffenebene im Erdorbit eine andere Form an. In den 1990er Jahren arbeitete das Energiebüro der Regierungsbehörde Naval Reactors, die für das Kernenergieprogramm der Marine verantwortlich ist, nicht unerhebliche Pläne für einen Weltraumreaktor aus, dessen friedliches Potential als Energiequelle für eine Wissenschaftsmission, den Jupiter-Eis-Monde-Orbiter (JIMO) beworben wurde, der fortwährend die Finanzmittel versagt und der schließlich eingestellt wurde. Das JIMO-Team produzierte irgendwann, offenbar nicht ohne Absicht, ein T-Shirt mit einem umfunktionierten Motto aus dem Film Dr. Strangelove: „Wir müssen nur WOLLEN, dorthin zu gehen.“

Wichtige Dienste, die aus dem Weltraum geliefert werden, wie globale Navigationssysteme, sind durch nationale Interessen voneinander getrennt. Gegenwärtig operieren sowohl Russland als auch die Vereinigen Staaten mit zwei separaten, voneinander unabhängigen Systemen, Glonass und GPS, wobei die USA Glonass nicht die Einrichtung von Kalibriererplätzen auf amerikanischem Territorium gestatten. Die Europäische Union, vom Misstrauen gegen die Abhängigkeit von anderen Netzwerken getrieben, entwickelt ihr eigenes 3-Milliarden-Euro-Äquivalent, das Galileo-System. Im Jahr 2003 schloss sich China diesem Unterfangen an. Ein Jahr später schrieb der amerikanische Luftwaffenstaatssekretär Peter Teets: „Was werden wir wohl in zehn Jahren ausrichten können, wenn amerikanische Leben bedroht sein werden, weil der Feind ein Satellitennavigationssystem nutzt, vielleicht das Galileo-System, um amerikanische Streitkräfte mit Präzision anzugreifen?“ Später wurde die Drohung ausgesprochen, dass die Vereinigten Staaten im Falle von Feinseligkeiten solche Satelliten sprengen könnten; im Jahr 2006 wurde China aus dem Galileo-Konsortium wieder ausgeladen und die Frequenzen der Konstellation wurden in solcher Weise abgeändert, dass sie von den Vereinigten Staaten blockiert werden können, ohne das amerikanische GPS-System zu stören, welches gemeinsame Betriebsparameter und Frequenzen nutzt.

Inzwischen mühen sich die Wissenschaftler mit einem Budget auf Wasser-und-Brot-Niveau ab, eine taugliche und funktionierende Raumfahrt aufrechtzuerhalten und kleine Zuschüsse einzuholen, um gelegentlich eine neue Mission unterstützen zu können. Nach dem Mars Science Laboratory und seinem Curiosity-Rover wurden keine NASA-Missionen von „Aushängeschild-Format“ mehr geplant.

Zum Schlagwort bei der Weltraumerforschung, ebenso wie bei allen anderen gesellschaftlichen Bestrebungen, wurde: „Es ist kein Geld da.“ Doch im Verlauf einiger Wochen während der Finanzkrise 2008 gaben die Vereinigten Staaten ohne öffentliche Debatte 400 Milliarden Dollar für den Ankauf von Wertpapieren aus. Billionen weitere Dollar wurden vorsichtshalber bereitgestellt. All dies wurde zukünftigen Erträgen der Arbeiterklasse gegengerechnet. Der Geldbetrag, der jährlich für Militäroperationen aufgewendet wird, würde das amerikanische Weltraumprogramm ein halbes Jahrhundert lang finanzieren. Umfragen in der Öffentlichkeit ergeben regelmäßig die „Annahme“, dass die Kosten für die NASA zwanzig Prozent des Haushalts ausmachen würden. Die wahre Ziffer beträgt ein halbes Prozent, fast zehnmal weniger als auf dem Höhepunkt der NASA während des Apollo-Programms.

Beträchtliche Summen dieses Geldes wandern in die Taschen privater Unternehmer. Die Manie, Unternehmer mit Geld zu mästen, führte zu Desastern wie der privat entwickelten Conestoga-Trägerrakete, basierend auf Minuteman-Interkontinentalraketen, die von der NASA finanziert wurde, um den „privaten“ Zugang zum Orbit zu demonstrieren. Orbital Sciences, Lieferant der Antares-Rakete, hat ein Konstruktionskonzept, das sich dem Aufkauf von Raketen aus russischen Lagerbeständen und Billiglohnarbeit aus Russland und der Ukraine verdankt. Das Unternehmen erhielt 1,9 Milliarden Dollar in Form von Verträgen, um die Internationale Raumstation (ISS) zu beliefern. Die altehrwürdige Raketenfamilie Lockheed Martin/Boeing Atlas unterscheidet sich nur darin, dass sie aktuelle, preisgünstige russische Maschinen verwendet, obwohl das Design einen ähnlichen Jahrgang verrät. Das Unternehmen SpaceX, das der Milliardär Elon Musk anführt, steht einzig da bei der Entwicklung aktuellen neuen Materials, allerdings zu Kosten, die den existierenden antiquierten Raketenmodellen wie etwa von Boeing Delta weit näher kommen, als den überschwänglichen Voraussagen, die gemacht worden sind, bevor die Aufträge vergeben wurden.

Die oftmals auf fünfzig Jahre alten Konstruktionsentwicklungen basierende Trägerkapazität, über die die Welt verfügt, ist ein vielsagender Ausdruck der Unfähigkeit des weltweiten Wirtschaftsystems, der schöpferischen Arbeit von Wissenschaftlern und Entwicklern, die sich den Herausforderungen des Weltraums widmen, zweckdienlich zu sein. Nationalstaaten geben für die Verdopplung der Infrastruktur, genauso viel aus, wie für die Erforschung des Weltalls. Hochwichtige und einzigartige wissenschaftliche Instrumente, wie das Hubble-Weltraumteleskop, werden im Weltraum zurückgelassen und arbeiten solange, bis ein entscheidender Bestandteil kaputt geht, weil ihnen keine regelmäßige Wartung zukommt.

Das ist kein Zufall. Dieselben Widersprüche, die die Ziele der Menschheit von ihren Errungenschaften getrennt haben, die wachsenden Hunger und Mangel in einer Welt erzeugen, die die technischen Mittel bereithält, beides aufzuheben, paralysieren auch die Bestrebungen der Menschheit, dem Sonnensystem näher zu kommen. Die Aufgabe, den Weltraum als Geburtsrecht des Menschen einzufordern, ist untrennbar mit der Notwendigkeit verbunden, sich dem Krieg entgegenzustellen und Mangel und Not zu bekämpfen. Mit anderen Worten: für den Sozialismus zu kämpfen.