100 Jahre seit der Schlacht von Gallipoli: Türkische Eliten gedenken des imperialistischen Blutvergießens

Von Halil Celik
4. April 2015

Vor zwei Wochen beging die Türkei den hundertsten Jahrestag der Seeschlacht von Çanakkale. In dieser Schlacht, die auch als Schlacht von Gallipoli oder Dardanellen-Schlacht bezeichnet wird, hielt die osmanische Artillerie britische und französische Kriegsschiffe davon ab, Konstantinopel (das später in Istanbul umbenannt wurde), die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, einzunehmen. Wäre die Stadt gefallen, hätten die alliierten Mächte die Kontrolle über den Bosporus und Zugang zum Schwarzen Meer erhalten.

Die zentrale Feierlichkeit fand in der Stadt Çanakkale statt. An ihr nahmen türkische Politiker, darunter Premierminister Ahmet Davutoğlu, sowie militärische und zivile Vertreter aus Großbritannien, Australien und Neuseeland teil.

Es gab auch in weiteren Städten offizielle Zeremonien, darunter in Istanbul, Ankara und Diyarbakir, an denen türkische Offiziere, Repräsentanten politischer Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen teilnahmen. Das Präsidium für Religionsangelegenheiten organisierte in der gesamten Türkei Gebete für die Gefallenen, die als Märtyrer dargestellt wurden.

Außer jenen, die in der Schlacht fielen, starben Tausende an Typhus, Ruhr, Durchfall und Übertragungskrankheiten. Unkontrollierte Buschfeuer brachten weitere Menschen zu Tode. Einige ertranken in Abwasserkanälen, andere starben aufgrund verdorbener Nahrung und folgender Erkrankungen. Die genaue Zahl der Toten während der zehnmonatigen Schlacht von Gallipoli ist nicht bekannt; eine Schätzung geht von 250.000 Opfern auf osmanischer Seite und einer ähnlichen Zahl auf Seiten der Entente-Mächte aus. Dieses Blutbad war eine der grauenhaftesten Schlachten des Ersten Weltkriegs.

Richard Moore, der britische Botschafter in der Türkei, gratulierte am 18. März auf Twitter „den Türken zum Sieg“. Um die imperialistische Metzelei zu überspielen und zu rechtfertigen, schrieb er: „Beide Seiten kämpften mutig im Krieg und die Türken verdienten den Sieg. Çanakkale ist uneinnehmbar!”

Sein Beitrag unterschied sich nicht von der offiziellen Propaganda, die schon Wochen zuvor von den türkischen Medien betrieben wurde. Diese bezeichneten das imperialistische Gemetzel als Beginn des Unabhängigkeitskampfes des türkischen Volkes.

Premierminister Davutoğlu, der während der Zeremonie eine Ansprache hielt, segnete die Märtyrer und sagte: „Türkische Soldaten verschiedener Herkunft, darunter Kurden, Bosnier und Tscherkessen, begannen und gewannen vereint und brüderlich den Krieg der Türkei um Unabhängigkeit.“

Er nutzte seine Rede auch für allgemeinere und aktuelle politische Bemerkungen. Mit drohendem Unterton ließ er wissen: „Die Türkei ist kein Land, das sich inneren oder äußeren Bedrohungen beugt. Es ist in der Lage, jeder Art von Verrat unmittelbar entgegenzutreten.“

Davutoğlus Rede ging ein Akkreditierungsverbot für regierungskritische Medien voraus. Betroffen waren unter anderem die Nachrichtenagentur Cihan, eine der größten Nachrichtenagenturen der Türkei und die Tageszeitung Zaman. Ausgesprochen wurde das Verbot vom Generaldirektorat für Presse und Information, das dem Premierminister untersteht.

Der hundertste Jahrestag der Schlacht von Gallipoli lieferte der türkischen Regierung und den Medien eine willkommene Gelegenheit, den wachsenden Zorn der arbeitenden Bevölkerung von den brennenden sozialen und ökonomischen Problemen im Lande abzulenken und zugleich die Einbindung der Türkei in die imperialistischen Interventionen und die Bürgerkriege im Nahen Osten, in Nordafrika und (als Nato-Mitglied) potenziell in der Ukraine, zu legitimieren.

Dieser umfassenden Kampagne zur Ablenkung der Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse von den sich verschlechternden Lebensbedingungen und der Zurichtung der öffentlichen Meinung auf bevorstehende militärische Interventionen im Irak und in Syrien haben sich alle bürgerlichen Parteien und Medien angeschlossen. Sie sind Bestandteil der offiziellen Kampagne zur Umschreibung der Geschichte. Reihenweise finden Veranstaltungen statt, darunter Konferenzen, Vorträge, Film-, Sport- und Kulturereignisse, welche mit Millionen Euro staatlicher Finanzierung bedacht werden.

Ankara scheute keine Mühen, um die Geschichte der Schlacht von Gallipoli umzuschreiben und die nationalistischen türkischen Offiziere zu glorifizieren, die einige Jahre später den Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien und Griechenland führten. Angeführt wurden sie von Mustafa Kemal, später als Atatürk bekannt, dem Gründer und ersten Präsidenten der türkischen Republik. In der Schlacht von Gallipoli erlangte Atatürk als Kommandeur erstmals Bekanntheit.

Auf diese Art und Weise glorifizieren die türkischen Eliten das imperialistische Abschlachten von Gallipoli als „Verteidigung des Vaterlandes“.

Die Behauptung, dass das Osmanische Reich in der Schlacht von Gallipoli „das Vaterland verteidigt“ habe, ist eine Lüge. Die Schlacht, die von März 1915 bis Januar 1916 andauerte, war nicht Bestandteil des nationalen türkischen Befreiungskriegs zwischen 1919 und 1922. Sie war eine tragische Episode im imperialistischen Gemetzel des Ersten Weltkriegs, der um Rohstoffe, Märkte und geostrategische Interessen geführt wurde und Millionen von Menschen in den Tod riss. In ihm nahm das Osmanische Reich, das selbst keine imperialistische Macht war, aktiv auf Seiten der Mittelmächte teil.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hatte das Osmanische Reich, welches Zar Nikolaus I. „den kranken Mann Europas“ nannte, Schwächungen durch eine Wirtschaftskrise und militärische Niederlagen durch die imperialistischen Mächte, konkurrierende Dynastien und nationale Befreiungsbewegungen erlitten. Es wurde zu einer Halbkolonie des deutschen Imperialismus, der seit 1908 voller Begeisterung das Regime der Jungtürken um das Komitee für Einheit und Fortschritt unterstützte.

Deutschland leistete erhebliche finanzielle Hilfe und Investitionen, bildete die Armee aus und versorgte sie mit Waffen. Im Dezember 1913 entsandte Deutschland eine Militärmission nach Istanbul, angeführt von General Otto Liman von Sanders, der dem Osmanischen Reich während des Krieges als Berater und Militärkommandeur dienen sollte und die Verteidigung der Dardanellen organisierte und leitete.

Am 30. Juli 1914, nur zwei Tage nach dem Kriegsausbruch in Europa, entschied das Komitee für Einheit und Fortschritt, Deutschlands Angebot eines „Geheimbündnisses“ gegen Russland zu akzeptieren. Am 27. Oktober trat das Bündnis in Aktion, als zwei deutsche Kriegsschiffe ins Schwarze Meer fuhren und die russische Flotte in Odessa bombardierten. Drei Tage darauf trat das Osmanische Reich offiziell an der Seite der Mittelmächte, die von Deutschland angeführt wurden, in den Krieg ein. Es beabsichtigte, jene Territorien wiederzuerlangen, die es in seinen letzten Kriegen auf dem Balkan, im Kaukasus und dem Nahen Osten verloren hatte.

Zu Beginn des Jahres 1915 rief das zaristische Russland, das sich zu diesem Zeitpunkt in Kampfhandlungen mit osmanischen Kräften und deutschem Militär im Kaukasus befand, Großbritannien zu Hilfe. Da die Westfront festgefahren war, entschied die britische Regierung, eine Flottenexpedition zu entsenden und die Gallipoli-Halbinsel an der Westküste der Dardanellen zu bombardieren und einzunehmen. Die Dardanellen sind eine schmale und strategisch bedeutsame Meerenge nahe Istanbul, die das Ägäische mit dem Schwarzen Meer verbindet. Ziel war die Eroberung Konstantinopels, das Ausscheiden der Türkei aus dem Krieg und die Herstellung einer Verbindung mit Englands zaristischem Verbündeten.

Der erste Angriff auf die Dardanellen erfolgte am 19. Februar 1915, als eine starke anglo-französische Einsatzgruppe mit dem Beschuss der osmanischen Artillerie entlang der Küste begann. Am 18. März 1915 folgte der Hauptangriff. Das Gemetzel erreichte seinen Höhepunkt, als die imperialistischen Truppen, nachdem die Flottenangriffe gescheitert waren, am 25. April landeten. Dieser Tag wird von Australiern und Neuseeländern als Gedenktag alljährlich begangen und heißt dort “Anzac Day” (ANZAC steht für Australisches und neuseeländisches Armeekorps).

In den folgenden Monaten konnten kaum Fortschritte erzielt werden und die osmanische Armee nutzte eine Kampfpause der Briten aus, um so viele Soldaten wie möglich auf die Halbinsel zu verlegen. In einer Ansprache vom April 1915 sagte Atatürk zu seinen Soldaten des 57. Regiments: „Ich befehle euch nicht, zu kämpfen, ich befehle euch zu sterben. In der Zeit, die vergehen wird, bis wir sterben, werden andere Truppen und Kommandeure vorrücken und unsere Plätze einnehmen.“

Nur Wenige aus diesem Regiment überlebten den Krieg.

Der Stillstand führte in London zu einer politischen Krise, in deren Verlauf die liberale Regierung von einer Koalition abgelöst wurde.

Das militärische Patt in den Dardanellen zog sich bis in den Sommer hinein, als die Bedingungen zu Krankheitsausbrüchen führten. Dessen ungeachtet setzte die britische Regierung ihre Angriffe fort. Erst nach der gescheiterten Landung Anfang August entschied sie schließlich, die Truppen zu evakuieren. Das geschah im Januar 1916.

Am 13. November 1918, fast drei Jahre später und nach dem Tod von hunderttausenden Soldaten auf beiden Seiten, besetzten die Streitkräfte der Entente Konstantinopel. Dies geschah in Übereinstimmung mit dem Waffenstillstand von Moudros, der die Feindseligkeiten zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten im Ersten Weltkrieg beendete. Die Sieger erhofften sich damit auch den Auftakt zur Zerstückelung des Osmanischen Reichs und der Türkei.

Die Schlacht von Gallipoli war eines der tragischsten Gefechte im imperialistischen Blutvergießen, ein Krieg der nicht glorifiziert, sondern verdammt werden muss. Er sollte in der Türkei und weltweit Ansporn sein, dem Militarismus und der permanenten Kriegshetze entgegenzutreten.