Vietnamkrieg

Vierzig Jahre nach dem Fall von Saigon

Von Bill Van Auken
2. Mai 2015

Am 30. April jährte sich zum 40. Mal der Fall von Saigon im Jahre 1975. So endete der Vietnamkrieg, die größte amerikanische Militärintervention seit dem Zweiten Weltkrieg, mit einer entscheidenden Niederlage für die USA.

Die USA mussten bereits zwei Jahre zuvor ihre letzten Kampftruppen aus Vietnam abziehen und konnten nur noch untätig zusehen, wie das Marionettenregime von General Nguyen van Thieu und die 700.000 Mann starke südvietnamesische Armee, die von den USA ausgebildet und bewaffnet worden war, fast kampflos zusammenbrach.

Die Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die letzten Amerikaner vom Dach der Botschaft mit Hubschraubern aus der belagerten Stadt fliehen, sind zum Symbol für ein Debakel von historischem Ausmaß für Washingtons Außenpolitik und das amerikanische Militär geworden. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren.

Mehrere amerikanische Regierungen, unter Kennedy, Johnson und Nixon, haben einen kriminellen Angriffskrieg gegen Vietnam geführt und sind dabei gegen die ganze Bevölkerung mit einer solchen Brutalität vorgegangen, dass es an Völkermord grenzte.

Auf dem Höhepunkt des Krieges waren bis zu 536.000 US-Soldaten in Vietnam. Amerikanische Flugzeuge warfen etwa fünfzehn Millionen Tonnen Bomben über dem Land ab und legten ganze Landesteile in Schutt und Asche. Zudem wurden mehr als 75 Millionen Liter chemische Kampfstoffe eingesetzt, die große Teile des südostasiatischen Landes in Ödland verwandelten. Millionen Vietnamesen sind von den Auswirkungen betroffen, noch heute werden missgebildete Kinder geboren.

Insgesamt kostete die amerikanische Intervention drei Millionen Vietnamesen das Leben. Grauenhafte Verbrechen wie das Massaker an 500 Einwohnern des Dorfes My Lai - darunter Frauen, Kinder und Alte - waren an der Tagesordnung. Die Verantwortlichen für die Planung und Ausführung dieses Krieges – Demokraten wie Republikaner – sind für die schlimmsten Kriegsverbrechen seit dem Untergang des Dritten Reiches verantwortlich. Natürlich wurde keiner von ihnen je zur Rechenschaft gezogen.

Der Fall von Saigon war ein beeindruckender Sieg einer unterdrückten Bevölkerung gegen die mächtigste imperialistische Nation der Welt. Aber trotz allem Heldenmut und allen Opfern, die die vietnamesische Bevölkerung in 30 Jahren Krieg –zuerst gegen den französischen Kolonialismus, dann gegen den US-Imperialismus – gebracht hat, lässt sich nicht abstreiten, dass sie vierzig Jahre nach ihrem Sieg tragische Helden sind.

Vietnam konnte sich trotz seines tapferen Kampfes nicht aus dem Status als unterdrückte ehemalige Kolonie befreien. Vierzig Jahre nach dem Fall von Saigon hat sich Vietnam zu einem Billiglohnland für ausländische transnationale Konzerne entwickelt, die sich von der Ausbeutung vietnamesischer Arbeiter riesige Profite erhoffen.

Vierzig Jahre nachdem die letzten US-Truppen aus Vietnam vertrieben wurden, kehrt das amerikanische Militär zurück: Washington schickt Kriegsschiffe in das Land und liefert Waffen an die vietnamesische Armee, um das Land in seine imperialistische Strategie, die "Konzentration auf Asien", einzuspannen. Somit könnte Vietnam, das in einem der blutigsten Kriege der Region den Sieg über die amerikanischen Truppen errungen hat, zu einer Schachfigur der USA bei der Vorbereitung eines möglicherweise noch katastrophaleren Krieges werden - diesmal gegen die Atommacht China.

Die US-Regierung hat vor kurzem ein seit der Niederlage von 1975 bestehendes Verbot, das den Verkauf und die Weitergabe von tödlichen Waffen an Vietnam untersagt, teilweise aufgehoben, um Hanoi Waffen zur "Sicherung der Seewege" zu liefern. Die Absicht dahinter ist es, Spannungen zwischen Vietnam und China um umstrittene Inseln im Südchinesischen Meer zu schüren.

Washington versucht außerdem, Hanoi in die Transpazifische Partnerschaft (TPP) einzubeziehen, einen Handelsblock, der Chinas Aufstieg zur vorherrschenden Wirtschaftsmacht in der Region ausbremsen soll. Die Bedingungen des Vertrags würden Vietnam zur Zerschlagung von Staatsunternehmen zwingen und dem amerikanischen Kapital einen noch größeren Teil seiner Wirtschaft zur Ausbeutung eröffnen.

Zwar ist China der größte Handelspartner Vietnams, aber die USA sind sein größter Exportmarkt.

Der Grund für das Schicksal der vietnamesischen Revolution ist ihre Isolation, die wiederum durch die nationalistische Perspektive der vietnamesischen Führung gefördert wurde. Eine noch entscheidendere Rolle bei der Isolierung der vietnamesischen Revolution haben jedoch die Führungen der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaften gespielt, welche die Arbeiterklasse im gleichen Zeitraum in einem Land nach dem anderen bewusst vom Pfad der sozialen Revolution abgebracht hatten -1968 in Frankreich; 1969 in Italien; 1973 in Chile; 1974 in Portugal und Griechenland; 1975 in Spanien.

Auch der Chinesisch-Vietnamesische Krieg 1979, mit dem das maoistische Regime in China Hanoi für den Sturz des blutrünstigen Regimes von Pol Pot in Kambodscha bestrafen wollte, trug zur Schwächung und Isolation von Vietnam bei. Die USA, die zuvor Pol Pots Regime im Krieg gegen Vietnam unterstützt hatten, unterstützten auch Chinas Aggression, die 100.000 vietnamesische Zivilisten und etwa 125.000 Soldaten und Milizionäre das Leben kostete.

Die Erfahrung in Vietnam hatte Amerikas herrschende Eliten traumatisiert. Sie versuchten jahrzehntelang, das "Vietnam-Syndrom" zu überwinden, wie die Ablehnung des Militarismus in der amerikanischen Bevölkerung nach dieser Erfahrung genannt wurde. Der Krieg hatte fast 60.000 US-Soldaten das Leben gekostet und viele Zehntausend in geistige und körperliche Wracks verwandelt.

Allerdings hat die Führung der machtvollen Antikriegsbewegung in den USA gegen die Intervention in Vietnam alles in ihrer Macht stehende getan, um den Kampf gegen Krieg vom Kampf gegen den Kapitalismus zu trennen, während das Land gleichzeitig von einer massiven Streikwelle und einer Reihe von Rebellionen der am stärksten unterdrückten Schichten der Arbeiterklasse in den Innenstädten erschüttert wurde. Sie ordnete diese Bewegung der Demokratischen Partei unter. Nach dem Krieg rückten diese Schichten, genau wie die Demokratische Partei selbst, schnell nach rechts.

Die herrschende Klasse Amerikas nutzte diese politische Atempause, um sich von der verheerenden Niederlage in Vietnam und der Diskreditierung aller ihrer Institutionen – vom Präsidentenamt abwärts – zu erholen. So war es ihr möglich den amerikanischen Militarismus in noch aggressiverer und räuberischerer Form wiederzubeleben und eine lang anhaltende Offensive gegen die amerikanische Arbeiterklasse zu führen.

Auch vierzig Jahre nach der Niederlage des US-Imperialismus in Vietnam sind die Lehren aus dieser Erfahrung von entscheidender Bedeutung. Die wichtigste Lehre ist die, dass ein erfolgreicher Kampf gegen imperialistischen Krieg nur durch die unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse in einem internationalen Kampf für die Abschaffung des kapitalistischen Systems möglich ist.