Siebzig Jahre seit der Bombardierung von Hiroshima

7. August 2015

Vor siebzig Jahren warf ein amerikanischer B-29-Bomber über der japanischen Stadt Hiroshima eine Atombombe ab. Die ungeheure Explosion, die etwa 13.000 Tonnen TNT entspricht, tötete sofort oder innerhalb weniger Stunden 80.000 Menschen oder dreißig Prozent der Bevölkerung und zerstörte den größten Teil der Stadt. Drei Tage später, am 9. August 1945, warfen die USA eine weitere Atombombe über Nagasaki ab, die sofort 40.000 Menschen tötete.

Noch viel mehr Menschen starben im Laufe der Zeit an ihren Verletzungen und an der Strahlenkrankheit. Alleine für die ersten vier Monate wurde die Gesamtzahl der von den beiden Bomben getöteten Männer, Frauen und Kinder auf 200.000 bis 350.000 geschätzt. In den folgenden Jahren starben noch weit mehr Menschen an Leukämie, Krebs und der intensiven Verstrahlung, der sie ausgesetzt waren. Bei den Überlebenden hinterließen die schrecklichen Eindrücke der Toten und Sterbenden tiefe seelische Verletzungen.

Washingtons Einsatz von Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung war ein Verbrechen erster Güte. Er zerstörte ein für allemal den Mythos von den Vereinigten Staaten als einem Hort von Demokratie und Rechtschaffenheit. Der US-Imperialismus verfolgte im Kampf gegen Japan seine Kriegsziele und versuchte, seine Vorherrschaft über Asien zu sichern. Dabei ging er mit der gleichen Rücksichtslosigkeit und Verachtung für menschliches Leben vor wie sein japanischer Rivale. Mit den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki verkündeten die USA ihren Anspruch auf Weltherrschaft in der Ära, die auf den Zweiten Weltkrieg folgte.

Dem Ausmaß dieser Gräueltaten entsprach die Größe der Lügen, mit denen sie verteidigt wurden. Auch wenn sowohl Hiroshima wie Nagasaki über gewisse militärische und industrielle Anlagen verfügten, richtete sich der Einsatz so unterschiedslos wirkender Massenvernichtungswaffen offensichtlich darauf, nicht nur das militaristische Regime Japans, sondern die ganze Welt in Schockstarre zu versetzen.

Die Hauptrechtfertigung von US-Präsident Harry Truman, die bis heute nachgeplappert wird, besagte, die Atombomben seien abgeworfen worden, um „Leben zu retten“. Durch die Erzwingung von Japans sofortiger Kapitulation habe die Einäscherung der beiden Städte angeblich eine amerikanische Invasion Japans abgewendet, die noch viel mehr Amerikaner und Japaner getötet hätte.

Jeder Aspekt des Arguments ist mit Mängeln behaftet oder schlicht falsch. Die Schätzungen der Opferzahlen einer amerikanischen Invasion wurden absichtlich aufgebauscht, um so den Atombombenabwurf zu rechtfertigen. Die Truman-Regierung lehnte Vorschläge von Wissenschaftlern ab, die an dem Atomwaffenprojekt beteiligt waren und nun nahelegten, man solle dem japanischen Regime die Zerstörungskraft der Bombe durch einen Abwurf über unbewohntem Gebiet vor Augen führen.

Außerdem hatte Tokio bereits Friedensfühler ausgestreckt. Seine Marine und seine Luftwaffe waren praktisch zerstört, und ein großer Teil seiner Industrie war von der gnadenlosen Bombardierung der Amerikaner zerstört. Die Amerikaner hatten ihre Fähigkeit, japanische Städte dem Erdboden gleich zu machen, mit dem Einsatz von Brandbomben demonstriert, die Feuerstürme hervorriefen. Der Feuersturm vom Mai 1945 in Tokio, selbst ein schreckliches Kriegsverbrechen, führte zum Tod von schätzungsweise 87.000 Menschen in nur einer Nacht.

Die Potsdamer Konferenz vom Juli 1945, an der die USA, Großbritannien und die Sowjetunion teilnahmen, hatte die „bedingungslose Kapitulation“ Japans gefordert. Nach der Bombardierung Hiroshimas brachen der Eintritt der Sowjetunion in den Pazifikkrieg am 8. August und ihre Invasion der japanisch besetzten Mandschurei Tokio endgültig das Rückgrat. Mit dem Einsatz einer zweiten Bombe in Nagasaki einen Tag später wollte Truman sicherstellen, dass es die USA sein würden, die die Kapitulation Japans entgegennähmen. Am 15. August kapitulierte Japan mit der Rede von Kaiser Hirohito an die Nation.

Der amerikanische Einsatz von Atomwaffen richtete sich nicht nur gegen das japanische Regime, sondern vor allem gegen die Sowjetunion. Sein Ziel war die Festigung der globalen Vorherrschaft der USA. Die Truman-Regierung wies den Vorschlag, die Bombe über unbewohntem Gebiet abzuwerfen, zurück, weil sie nicht nur die schreckliche Zerstörungskraft der Atombombe demonstrieren wollte, sondern auch Washingtons Bereitschaft, sie gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen.

Siebzig Jahre später nimmt die Gefahr eines dritten Weltkriegs rasch zu. Der Wirtschaftszusammenbruch nach der globalen Finanzkrise von 2008 hat zu scharfen geopolitischen Spannungen geführt. Die grundlegenden Widersprüche des Kapitalismus, der Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und dem veralteten Nationalstaatensystem, sowie jener zwischen der gesellschaftlichen Produktion und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, schaffen die Bedingungen für neue weltweite Konflikte. Diese Widersprüche haben im zwanzigsten Jahrhundert schon zu zwei Weltkriegen geführt.

Der Faktor, der die Weltpolitik heute am stärksten destabilisiert, sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 greift die Washingtoner Regierung immer wieder zu militärischen Mitteln, so im Nahen Osten, dem Balkan und in Zentralasien, um seinen wirtschaftlichen Niedergang zu kompensieren. Seit dem vergangenen Jahr werden die Intrigen und Interventionen Washingtons, besonders gegen Russland und China, immer gefährlicher.

Dem faschistischen Putsch in der Ukraine im vergangenen Jahr, der die USA und Deutschland angestiftet hatten, folgte eine provokative Aufrüstung der Nato in ganz Osteuropa gegen Russland. Sie hat das Risiko eines Konflikts zwischen Atommächten stark vergrößert. Am anderen Ende Eurasiens hat der amerikanische „Pivot to Asia“ regionale Konflikte gefährlich angeheizt, wie zum Beispiel im Südchinesischen Meer. Sie könnten einen Krieg zwischen den USA und China auslösen.

Alle imperialistischen Großmächte bereiten sich auf Krieg vor. Deutschland und Japan schütteln entschlossen die Einschränkungen der Nachkriegszeit ab, die ihren Streitkräften auferlegt waren, und treiben die Militarisierung voran. Momentan arbeiten Deutschland und Japan noch innerhalb des Rahmens einer von den USA geführten Allianz, aber beide Länder haben wirtschaftliche und strategische Interessen, die sie schnell mit den USA in Konflikt bringen können. Man sollte sich daran erinnern, dass der letzte Krieg zwischen den USA und Japan über die Frage geführt wurde, welche Macht China und Asien dominieren werde.

Der Zweite Weltkrieg endete mit dem Abwurf von Atombomben. Ein dritter Weltkrieg wird unvermeidlich mit Nuklearwaffen beginnen, die jene, die in Hiroshima und Nagaski zum Einsatz kamen, bei weitem in den Schatten stellen. Die Entschlossenheit des US-Imperialismus, seine nukleare Vorherrschaft zu verteidigen und zu vergrößern, wird von seinen Plänen unterstrichen, in den nächsten dreißig Jahren eine Billion Dollar in die Modernisierung seines riesigen Arsenals an Nuklearwaffen und Trägersystemen zu investieren.

Die Lehre aus dem Abwurf der Atombomben auf Japan vor siebzig Jahren lautet, dass die USA – und in Wirklichkeit alle imperialistischen Mächte – vor nichts zurückschrecken werden, um ihre Interessen zu verteidigen, selbst wenn dies die Existenz der ganzen Menschheit bedroht. Die einzige gesellschaftliche Kraft, die in der Lage ist, das Abgleiten in eine nukleare Katastrophe zu verhindern, ist die internationale Arbeiterklasse. Sie muss einen revolutionären Kampf zum Sturz des Profitsystems führen. Deshalb kämpfen das Internationale Komitee der Vierten Internationale und die ihm angeschlossenen Parteien in aller Welt darum, eine internationale Anti-Kriegsbewegung von Arbeitern auf der Grundlage von sozialistischem Internationalismus aufzubauen.

Peter Symonds

 

Siehe auch:

Sechzig Jahre seit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki
[7. August 2012]