Globales Schneeballsystem vor dem Kollaps

25. August 2015

Die asiatischen Börsen eröffneten am Montag mit einer weiteren Verkaufswelle. Zum Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wurde, war der Schanghai Composite Index um mehr als acht Prozent abgestürzt. Gleichzeitig hatten der japanische Nikkei, der Hongkonger Hang Seng und der australische All Ordinaries jeweils mehr als drei Prozent verloren. Auch der Dax erlebte einen „Schwarzen Montag“, brach um fast fünf Prozent ein, und verabschiedete sich mit dem tiefsten Stand seit mehr als sieben Monaten aus dem Handel.

Die chinesische Zentralbank bereitete eine weitere Geldspritze für die Finanzmärkte des Landes vor.

Die globale Panik hat über eine Billion Dollar an Börsenwerten alleine in den USA vernichtet. Das widerlegt all die Behauptungen der vergangenen Wochen, die amerikanische Wirtschaft und die Volkswirtschaften in aller Welt steckten mitten in einer Belebung.

Der Absturz der Aktienpreise ist dabei nicht Ausdruck einer vorübergehenden Flaute. Das beweist die Tatsache, dass die Wachstumsschwäche in China mit einem Zusammenbruch der Finanz- und Währungsmärkte in den aufstrebenden Ökonomien zusammenkommt, während gleichzeitig der Ölpreis und andere Rohstoffpreise verfallen. Die Regierungen und Zentralbanken sind nicht mehr in der Lage, den grundlegenden Widersprüchen des kapitalistischen Systems beizukommen. Es sind die gleichen Widersprüche, die schon zum Wall Street Crash und der Rezession von 2008-2009 geführt haben.

Offenbar geht eine Periode zu Ende, in der massive Geldspritzen der Zentralbanken in die Finanzmärkte und rücksichtslose Angriffe auf den Lebensstandard der internationalen Arbeiterklasse den systemischen Charakter der Krise noch überdecken konnten. Dies alles konnte zwar noch einen Boom der Aktienpreise und Unternehmensprofite erzeugen und den Reichtum der Finanzaristokratie vermehren, aber die Realwirtschaft stagnierte.

Ein Artikel in der Sonntagsausgabe der New York Times mit dem Titel „Investors Race to Escape Risk in Global Bonds“ („Investoren flüchten, um dem Risiko an den globalen Börsen zu entgehen“) beleuchtet einen Faktor, der für die Krisenatmosphäre an den globalen Märkten eine Rolle spielt. Die Times schreibt, dass einige der größten Aktienfonds in den USA, darunter Black Rock, Franklin Templeton und Pimco, massiv in Staatsanleihen aufstrebender Länder investiert haben, deren Werte momentan massive Verluste erleiden.

Der Artikel erwägt die reale Möglichkeit, dass die Forderung der Investoren nach Rückzahlung ihrer Gelder eine oder mehrere dieser Firmen in den Bankrott treiben könnte. Ein solches Ereignis wäre vergleichbar mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 und könnte sogar noch schlimmere Folgen haben.

Das immense Engagement der Aktienfonds an solchen hochriskanten Wertpapieren enthüllt die verrotteten Grundlagen nicht nur des so genannten Wirtschaftswachstums, sondern des globalen kapitalistischen Systems selbst. Wie diese Investitionen zeigen, hat die Kapitalistenklasse auf den Wirtschaftszusammenbruch von 2008-2009 reagiert, indem sie die Praktiken, die zum Zusammenbruch geführt hatten, nicht nur fortsetzte, sondern noch ausweitete: Parasitismus und Finanzspekulation.

Dieser Modus Pperandi des Weltkapitalismus entspricht seiner Senilität und Fäulnis. Früher war es normal, dass Kapital investiert wurde, um Fabriken und Bergwerke zu bauen, Forschung und Entwicklung zu betreiben, Arbeiter einzustellen und aus dem von ihrer Arbeit geschaffenen Mehrwert Profite zu erzielen. Das ist heute höchstens noch ein zufälliges Nebenprodukt der fieberhaften Suche nach immer höheren Profiten durch alle möglichen Arten von Finanzmanipulation und offenem Betrug.

In den alten imperialistischen Zentren, besonders den Vereinigten Staaten, ist die industrielle Infrastruktur inzwischen größtenteils verschwunden. Arbeitsplätze wurden dezimiert, und der Lebensstandard der Arbeiterklasse zerstört, um aus Finanzblasen größeren Profit zu ziehen. Nach dem Wall Street Crash von 2008 nutzte die amerikanische herrschende Klasse als erste die endlos zur Verfügung stehenden kostenlosen Kredite der Zentralbanken, um die Aktienkurse auf Rekordhöhen zu treiben. Sie produzierte eine neue Spekulationsblase, während Arbeitsplätze, Löhne und Sozialleistungen dezimiert wurden.

Die darauf folgende „Erholung“ hatte den Charakter eines gigantischen Schneeballsystems, das auf einer stagnierenden Realwirtschaft und immer stärkerer sozialer Ungleichheit beruhte. Die zunehmend deflationären Tendenzen in der Weltwirtschaft unterhöhlen das finanzielle Kartenhaus. Sie zeigen sich vor allem an sinkenden Rohstoffpreisen und dem langsamen Wachstum in China, aber auch an dem schwachen Wachstum oder sogar direkter Rezession in Japan, Europa und den USA.

Im Januar 2008 schrieb die World Socialiat Web Site, damals noch in einem sehr frühen Stadium, die Krise sei „nicht einfach ein konjunktureller Abschwung, sondern eine grundlegende Fehlfunktion“ des kapitalistischen Systems.

Einen Tag nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers erklärte die WSWS am 16. September 2008: „In den USA und der Weltwirtschaft zeichnet sich eine Gezeitenwende ab, die zu einer Katastrophe von Ausmaßen führen kann, wie nicht mehr seit der Großen Depression der 1930er Jahre.“

Weiter heißt es in dem Artikel: „Diese Ereignisse sind Marksteine im historischen Scheitern des amerikanischen und des Weltkapitalismus. Für die Arbeiterklasse bedeuten sie eine schnelle Zunahme von Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit und sozialem Elend. Die Regierung, die Wall Street und die beiden großen Parteien werden versuchen, die Folgen ihrer eigenen Gier und Unfähigkeit der Arbeiterklasse aufzuladen.“

Diese Analyse wurde vollständig bestätigt. Sieben Jahre später liegt die Beschäftigungsquote in den Vereinigten Staaten so niedrig, wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. In der Eurozone befindet sich die Produktion immer noch unter dem Niveau von 2008.

Die Wirtschaftspolitik der letzten sieben Jahre hat die Krise noch verschlimmert. Die großen Zentralbanken der Welt haben ungeheure Schulden angehäuft und ihre Fähigkeit ausgehöhlt, auf eine neue Panik zu reagieren. Die Bilanz der US-Federal Reserve ist von 2008 bis heute von knapp einer Billion Dollar auf mehr als vier Billionen Dollar aufgeblasen worden. Der Leitzins liegt praktisch bei Null Prozent, was der Zentralbank in den Worten des Wall Street Journal kaum noch „Munition“ lässt, auf eine neue Finanzkrise zu reagieren.

„Die Weltwirtschaft ist heute ein Ozeandampfer ohne Rettungsboote“, erklärte Stephen King, Chefökonom bei HSBC, jüngst in einem Papier.

Alle Institutionen der kapitalistischen Herrschaft, allen voran die Europäische Union, wurden seit 2008 enorm geschwächt. Die Anzeichen von Chaos und Instabilität in Beijing inmitten einer Streik- und Protestwelle chinesischer Arbeiter schüren in den herrschenden Kreisen aller Welt die Befürchtung, dass das Regime, auf dass sie sich die ganze Zeit als Billiglohn-Werkstätte gestützt haben, womöglich vor dem Ende steht.

Eine Kolumne des ehemaligen US-Finanzministers Lawrence Summers in der Financial Times vom Wochenende hat die Ratlosigkeit und den Bankrott der Regierungen und Entscheidungsträger im Angesicht eines erneuten Abschwungs auf den Punkt gebracht. Er fordert die Federal Reserve auf, die Leitzinsen dauerhaft bei null Prozent zu halten.

Summers schreibt: „Zufriedenstellendes Wachstum, wenn es denn erreicht werden kann, erfordert sehr niedrige Leitzinsen, die wir historisch nur aus Krisenzeiten kennen. Daher sagt uns der Markt der langfristigen Staatsanleihen, dass die Realzinsen in der industrialisierten Welt die nächsten Zehn Jahre bei nahe Null stehen werden.“

Die Verschärfung der Wirtschaftskrise bereitet den Boden für enorme soziale Kämpfe. Die Arbeiterklasse wird eine Rückkehr zu den Bedingungen von Massenarmut und industrieller Sklaverei nicht akzeptieren.

Aber die gesamte Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, sowohl der Sieg der Arbeiterklasse in Russland 1917 als auch die darauf folgenden Niederlagen, und die Erfahrungen der ersten Massenkämpfe in diesem Jahrhundert, von Ägypten bis Griechenland, zeigen eins sehr klar: Der Widerstand der Arbeiterklasse kann nur erfolgreich sein, wenn er von einem sozialistischen und internationalistischen Programm inspiriert und von einer revolutionären Partei angeführt wird. Der Aufbau dieser Führung, des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, ist die entscheidende Aufgabe, die sich mit dem Zusammenbruch des Weltkapitalismus stellt.

Andre Damon