The Big Short: Die Kriminalität der Wall Street und der Zusammenbruch von 2008

Von Joanne Laurier
21. Januar 2016

Regie: Adam McKay; Drehbuch: McKay und Charles Randolph, nach dem Buch von Michael Lewis

Adam McKays neuer Film The Big Short ist eine hart austeilende Komödie über den historischen Zusammenbruch der amerikanischen Immobilienblase im Jahr 2008.

Der Film, der auf Michael Lewis’ Buch The Big Short: Inside The Doomsday Machine von 2010 basiert, liefert einen Eindruck von der wuchernden Kriminalität des Finanzestablishments und seiner Mitverschwörer in der Regierung, die, indem sie systematisch die amerikanische Wirtschaft plünderten, eine Finanzkatastrophe schufen.

Das Desaster wurde noch weiter verschärft, als hunderte Milliarden Dollar Steuergelder zur Rettung der größten Wall-Street-Firmen missbraucht wurden. Für Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten und weltweit war der Kollaps von 2008 eine soziale Tragödie, von der es keine ernsthafte Erholung gegeben hat. Die Banker und Spekulanten indessen, die dafür im Gefängnis sitzen müssten, sind – worauf The Big Short hinweist – reicher und mächtiger als jemals zuvor.

McKays The Big Short handelt von ein paar Wall-Street-„Außenseitern“, die, trotz der Bemühungen von Banken, staatlichen Aufsichtsbehörden und Medienlakaien, die Wahrheit über den explosiven, auf minderwertigen Hypotheken basierenden Anleihenmarkt entdecken: nämlich dass diese Hypotheken „Schrott“ und das kurz vor dem Zusammenbruch stehende Fundament des Wirtschaftsbooms sind.

The Big Short

Der Film setzt sich aus Charakterskizzen dieser Figuren zusammen, von denen einige sich in entscheidenden Momenten kreuzen.

Banker wurden einmal, teilt der Erzähler (Ryan Gosling) zu Beginn des Films mit, als seriös und konservativ wahrgenommen. Jetzt aber, da Verkäufe hypothekengestützter Wertpapiere wie Pilze aus dem Boden schießen und eine gigantische Immobilienblase entsteht, „feiern sie nicht im Country Club sondern im Strip Club“ – ein Bild für den Entwicklungsstand von Parasitismus und Degeneration des Systems.

Christian Bale spielt den aus dem wirklichen Leben gegriffenen Michael Burry aus San Jose in Kalifornien, der Neurochirurg war, bevor er Hedge-Fond-Manager wurde. Burry trägt ein Glasauge und hat eine Vorliebe für Heavy-Metal-Musik. Von Ende 2004 bis Anfang 2005 beschäftigt er sich exzessiv mit der Durchleuchtung von hunderten Baufinanzierungen, die in Hypothekenanleihen verpackt sind, und erkennt ein alarmierendes Muster. Obwohl die herrschende Meinung heißt: „der Immobilienmarkt ist grundsolide“, wird Burry klar, dass es sich dabei um ein Kartenhaus handelt, das kurz vor dem Einsturz steht.

Burry wendet sich an Goldman Sachs, wo er für hunderte Millionen Dollar Kreditausfall-Swaps (eine Versicherung gegen Kreditausfall und andere Kreditereignisse) kaufen will. Dies kommt einer Wette gegen den Immobilienmarkt gleich. Seine Hedge-Fond-Besitzer und Investoren stehen vor einem Herzinfarkt, doch der exzentrische und einzelgängerische Burry ist überzeugt, dass er sich nur noch in Geduld üben muss, bis der Boden wegbricht und seine Annahmen sich bestätigen. (In seinem Buch schreibt Lewis, dass Burry erklärt habe: „Ich wette nicht gegen die Anleihen, ich wette gegen das System.“)

Er mahnt seine Skeptiker: “[Der amerikanische Zentralbank-Vorsitzende] Alan Greenspan versichert uns, dass die Häuserpreise in keinem landesweiten Maßstab anfällig für Blasen oder große Deflation sind. Das ist natürlich lächerlich […] 1933, im vierten Jahr der Großen Depression, befanden sich die Vereinigten Staaten inmitten einer Immobilienkrise, die den Häuserbau auf zehn Prozent des Niveaus von 1925 zurückgeworfen hatte […]. In den dreißiger Jahren ist der amerikanische Häusermarkt landesweit um etwa achtzig Prozent zusammengebrochen.“

The Big Short

Jared “Hasenfuß” Vennett (Gosling, der einen fiktiven Greg Lippman spielt), ein Subprime-Hypothekenwertpapiermanager der Deutschen Bank, bekommt Wind von Burrys erstaunlichem Wettverhalten. Vennett, aalglatt, schmierig und bauernschlau, rechnet die Zahlen durch und wittert eine potentielle Goldmine.

Vennett wirbt um finanzielle Unterstützung von Mark Baum (Steve Carell, basierend auf Steve Eisman), dem Kopf von FrontPoint Partners, einer Morgan-Stanley-Abteilung, der ein scharfer Wall-Street-Kritiker ist. Vennett erläutert die Wahrscheinlichkeit einer Immobilienkatastrophe. Der cholerische Baum, der wegen des Selbstmords seines Bruders Schuldgefühle hat, durchlebt chronischen Ekel angesichts der Schwindeleien der Banken.

Um Vennetts Behauptungen zu überprüfen, schickt Baum seine Kollegen nach Florida, wo sie Häuser entdecken, die vor der Zwangsversteigerung stehen, illegale Hypotheken, die auf Haustiernamen gekauft wurden, sowie eine Stripperin, welche mehrere Objekte besitzt – alle mit variabel verzinsten Krediten –, der gesagt wurde, dass die ununterbrochene Refinanzierung immer zu ihren Gunsten funktionieren würde. In einem verlassenen Haus in Südflorida hat ein Alligator Einzug in den Swimmingpool gehalten. Einer von Baums Mitarbeitern stellt fest: „Das ist wie Tschernobyl. Da stehen an die hundert Häuser, aber es wohnen nur noch knapp vier Leute hier.“

Baum spricht auch mit übermütigen jungen Hypothekenhändlern, die ihm unter Lachen verraten, dass sie Millionen Dollar verdienten, indem sie Subprime-Hypotheken an arme Leute und Migranten verkauften. Abschließend trifft Baum sich mit einer Vertreterin von Standard & Poor’s (Melissa Leo), die Baum erklärt, dass sie alle Finanzkonstrukte der Banken mit AAA (der Bestbewertung) bewerten muss, um ihr Geschäft aufrecht zu erhalten.

Ein weiterer Erzählstrang von The Big Short umfasst die jungen, unerfahrenen Fondmanager Jamie Shipley (Finn Wittrock) und Charlie Geller (John Magaro), die 100.000 Dollar ihres eigenen Geldes in einen 30-Millionen-Fond einsetzen. Die beiden nehmen ebenfalls die düsteren Wolken wahr, die sich über dem Immobilienmarkt zusammenbrauen, und gewinnen die Hilfe des einstigen Guru-Managers und Aussteigers Ben Rickert (Brad Pitt, basierend auf Ben Hockett), dank dessen Verbindungen sie einen Vertrag mit den Banken abschließen, der eine direkte Zusammenarbeit mit ihnen bedeutet.

Die Filmemacher streuen in die Erzählung komische Zwischenspiele ein, die sie “prominente Erklärer“ nennen, mit deren Hilfe die komplizierte Terminologie verständlich gemacht werden soll. In seinen Anmerkungen zur Filmproduktion führt Regisseur McKay aus: „Banker tun alles, was sie können, um diese Transaktionen wirklich kompliziert aussehen zu lassen, also hatten wir die Idee, immer wieder während des Films Prominente auftauchen zu lassen, die dem Publikum die Dinge direkt erklären.“

Schauspielerin Margot Robbie erläutert champagnerschlürfend und in einem Schaumbad sitzend, hypothekenbesicherte Wertpapiere. Chefkoch Anthony Bourdain vergleicht eine „toxische Vermögensanlage“ mit einem Fischeintopf. (McKay warb Bourdain an, nachdem er dessen Empfehlung gelesen hatte, das niemand „Fischeintopf bestellen sollte, weil die Köche den ganzen Müll in ihn hineinwerfen, den sie nicht verkaufen konnten.“

Der Regisseur fährt fort: „Ich dachte, ‘Oh, mein Gott, das ist die perfekte Metapher für eine Collateralized Debt Obligation [CDO – Besicherte Schuldverpflichtung], in die die Banken einen Haufen zweifelhafter Hypotheken hineinpacken und es als dreifach-A gewertetes Finanzprodukt verkaufen.’“

Ökonom Dr. Richard Thaler und Schauspielerin Selena Gomez demonstrieren in einer Casino-Sequenz, wie synthetische CDOs – Gruppen zweifelhafter Hypotheken, die gebündelt werden, um die Wahrscheinlichkeit ihres Versagens zu verschleiern – als Werkzeuge zur Erschaffung zahlreicher Spekulationsebenen dienen. McKay dazu: „Es waren jene Investoren, welche diese Art von Nebenwetten auf hypothekenbasierte Wertpapiere durch CDOs abschlossen, die die gesamte Weltwirtschaft in den Zusammenbruch geritten haben.“

Der Wendepunkt des Films ereignet sich, als Vennett Baum dazu überredet, am American Securities Forum in Las Vegas teilzunehmen, eine Veranstaltung, deren unkontrollierte Ereignisse Baum davon überzeugen, dass der Immobilienmarkt ein gigantisches Schneeballsystem ist.

Als der Häusermarkt einzustürzen beginnt, aber der Wert der CDOs stabil bleibt, scheint die Rechtfertigung der Außenseiter auszubleiben. Erst jetzt wird den Hauptfiguren klar, in welch massivem Ausmaß die Banken die Toxizität ihrer Beteiligungen verschleiern.

Als der Zusammenbruch näher rückt, verdüstert sich die Stimmung von The Big Short beträchtlich. Baum glaubt, „die Party ist vorbei“ und dass „die Weltwirtschaft zusammenbrechen wird“. Er ist überzeugt, dass die Banker „Betrüger sind und hinter Gitter gehören“.

Dies wird wirksam durch eine Szene herausgestellt, in der Baum mit einem Vertreter von Bear Stearns debattiert. Dieser singt selbst dann noch ein Loblied auf den Immobilienmarkt, als der Aktienpreis der Firma bereits steil bergab rollt.

Die Herangehensweise von The Big Short an den Vorverlauf der größten Finanzkrise in der Geschichte ist trotz ihrer absurd-komischen Art seriös. Die Filmemacher geben ihr Bestes, um die Krise und ihre menschliche Dimension lebendig zu machen.

Der Film spricht den systemischen und weitreichenden Charakter des Zusammenbruchs von 2008 an. McKay und seine Mitarbeiter sind bestürzt über den Ausgang und die Konsequenzen, sie erfinden sogar einen alternativen Ausgang, in welchem die für den Crash verantwortlichen Banker ins Gefängnis gehen und die Banken reguliert werden. Sie richten den Finger nicht nur auf jene, die die Hypotheken ausgegeben haben, sondern auch auf jene, die sie scheibchenweise in verfaulte Produkte verstreuten sowie auf die Ratingagenturen, die ihnen Spitzenbewertungen vergaben. Sie schlussfolgern, dass das Finanzestablishment Superprofite an Land zog, indem es die Bevölkerung ins Elend stürzte. Die verschiedenen Schauspieler identifizierten sich vollständig mit dem Projekt, wie ihre Darbietungen klar zeigen.

Natürlich ist es ein immenses Unterfangen, etwas so komplexes wie den Finanzkollaps von 2008, dramatisieren zu wollen. Dies umfasst eine Fülle historischer und sozialer Fragen. Die Macher von The Big Short haben sich für eine Darstellungsweise entschieden. Dieser Film ist natürlich nicht das letzte Wort. Obwohl McKay und die anderen Beteiligten offensichtlich Sympathie für jene hegen, die von der Krise vernichtet wurden, kommt die große Masse der Bevölkerung nicht ins Spiel. Sie haben eine kritische Haltung gegenüber dem Kapitalismus, aber sie sind keine Gegner des Profitsystems.

McKay und die anderen haben dessen ungeachtet, in einer Zeit, in der die meisten Filmemacher mit unterschiedlichen Fragen der Identität (Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe etc.) und von sich selbst besessen sind, sich entschieden, eines der wichtigsten Ereignisse der jüngsten Zeit zu behandeln, und zwar mit Schärfe. Dafür gebührt ihnen wahre Anerkennung.