240 Jahre seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung

6. Juli 2016

Vor 240 Jahren, am 4. Juli 1776, unterzeichneten Repräsentanten der dreizehn britischen Kolonien Nordamerikas, die später die Vereinigten Staaten von Amerika gründen sollten, mit der Erklärung der Unabhängigkeit ihren Abfall vom britischen Empire und der Monarchie. Diese Handlung war, schrieb der Hauptverfasser der Erklärung, Thomas Jefferson, fünfzig Jahre später, das „Signal für die erwachende Menschheit, ihre Ketten zu sprengen […] Die Menschenmassen wurden nicht mit einem Sattel auf ihrem Rücken geboren, und auch nicht einige wenige Auserwählte mit Stiefeln und Sporen, um rechtmäßig, von Gottes Gnaden, auf ihnen zu reiten.“

Vor der amerikanischen Revolution war die Gesellschaft fast 2000 Jahre lang auf den Prinzipien der „großen Kette des Seins“ begründet, auf der Herrschaft der Aristokratie und den göttlichen Rechten der Könige. Die Revolution schuf eine Gesellschaft, in der erbliche Adelstitel verboten, die Monarchie ungesetzlich war und die Trennung von Kirche und Staat eingeführt wurde.

Der hervorragende Historiker Gordon Wood erläuterte die Veränderungen, die die Revolution einführte:

„Es stürzte nicht eine Klasse die andere; die Armen verdrängten nicht die Reichen. Aber die sozialen Beziehungen – die Weise, wie Menschen miteinander verbunden sind – wurden verändert, und zwar entscheidend. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hatte die Revolution eine Gesellschaft hervorgebracht, die sich fundamental von der kolonialen Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts unterschied. Tatsächlich war es eine neue Gesellschaft, die anders war als jede andere, die jemals irgendwo auf der Welt bestanden hatte.“

Die Revolution war, wie Wood betonte, „das radikalste und weitreichendste Ereignis in der amerikanischen Geschichte.“ Es „hat nicht nur die persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen radikal verändert, darunter die Position der Frauen, sondern zudem die Aristokratie zerstört, wie sie seit mindesten zwei Jahrtausenden in der westlichen Welt verstanden wurde.“

Es ist außerordentlich bemerkenswert, dass in den amerikanischen Kolonien, eigentlich einem Provinznest, extrem radikale und fortschrittliche Ideen, die in der Aufklärung wurzelten, begrüßt und auch erstmals in die Praxis umgesetzt wurden.

Die Amerikanische Revolution fiel nicht vom Himmel. Die Revolutionäre betrachteten sich selbst als Verteidiger der sozialen Errungenschaften der Englischen Revolution des siebzehnten Jahrhunderts. Doch die Auswirkungen der Amerikanischen Revolution reichten weit über das hinaus, was auf dem europäischen Kontinent erreicht wurde.

Der Sieg der Amerikanischen Revolution gab der Französischen Revolution und allen nachfolgenden demokratischen, egalitären und sozialistischen Bewegungen den ideologischen und politischen Anstoß. Karl Marx feierte die Amerikanische Revolution, weil sie „der europäischen Revolution des achtzehnten Jahrhunderts […] den ersten Impuls“ gab, sowie zur anschließenden Entwicklung der sozialistischen Bewegung der Arbeiterklasse.

Wie alle großen historischen Ereignisse, war auch diese Revolution von Widersprüchen geprägt. Es war eine bürgerliche Revolution, und diejenigen, die sie anführten, konnten den damals vorherrschenden sozialen Beziehungen nicht entkommen. Zu den größten Widersprüchen zählte die Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl von Delegierten des Kontinentalkongresses, die die Erklärung unterzeichneten, nach welcher alle Menschen gleich geschaffen wurden, aus Staaten kamen, deren Wirtschaft auf der Sklaverei basierte. Viele der größten Revolutionsführer waren selbst Sklavenbesitzer und sich des Konflikts zwischen der Institution der Sklaverei und den Prinzipien, zu denen sie sich bekannt hatten, sehr bewusst. Wood bemerkt hierzu:

„Sich auf dasjenige zu fokussieren, wie wir heute gern tun, was die Revolution nicht erreicht hatte – die anklagende Betonung, dass sie die Sklaverei nicht abschaffte und das Schicksal der Frauen nicht fundamental änderte – heißt, die große Bedeutung dessen zu übersehen, was die Revolution tatsächlich erreichte. Erst die Revolution machte die Feindschaft gegenüber der Sklaverei und die Frauenrechtsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts sowie das Faktum unseres gegenwärtigen egalitären Denkens möglich.“

Die Größe einer Revolution drückt sich nicht einfach darin aus, welche Probleme sie löst, sondern auch in den neuen Fragen, die sie aufwirft. Jeder, der die fortschrittlichen und revolutionären Implikationen des 4. Juli 1776 bezweifelt, sollte die Worte eines ihrer eloquentesten Verteidigers beherzigen, des Abolitionisten Frederick Douglass, der als entlaufener Sklave an keinem Mangel an Erfahrungen mit Unterdrückung litt.

In einer Ansprache, die er am 5. Juli 1852 unter dem Titel „Was bedeutet der 4. Juli für die Sklaven?“ hielt, erklärte Douglass seinem Publikum, dass „die Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung mutige Männer waren. Und sie waren große Männer – groß genug, um einem großen Zeitalter Ruhm zu verleihen […] Der Standpunkt, von dem aus ich gezwungen bin, sie anzusehen, ist selbstverständlich nicht der allergünstigste; aber dennoch kann ich ihre großen Taten nicht anders als mit Bewunderung betrachten.“

Douglass ergänzte: „Nimmt man die Verfassung und liest sie wörtlich, dann wird man keinen einzigen Satz in ihr finden, der sich für die Sklaverei ausspricht. Auf der anderen Seite wird man entdecken, dass sie Prinzipien und Bestimmungen enthält, die sich zur Existenz von Sklaverei vollständig feindlich verhalten.“

Die Sklaverei, argumentierte Douglass, war ein Affront gegen die Prinzipien, die in der Unabhängigkeitserklärung verkündet wurden. Die wirkliche Anwendung dieser Prinzipien erfordere die Abschaffung der Sklaverei. Dieser Widerspruch wurde auf Kosten von 600.000 Menschenleben aufgelöst, die der Bürgerkrieg, die „Zweite Amerikanische Revolution“, forderte.

Der bissige Kommentar von Douglass, dass das Erbe der Amerikanischen Revolution „sich umso mehr abhebt, wenn wir es mit diesen degenerierte Zeiten vergleichen“ kann mit gleicher Berechtigung über den Zustand der heutigen amerikanischen Gesellschaft und Politik ausgesprochen werden. Die Prinzipien, die die amerikanischen Revolutionäre inspirierten, stehen im Widerspruch zu der nachfolgenden sozialen und politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten, die zu der ungleichsten Gesellschaft in der entwickelten Welt wurden – zu einer Aristokratie, die lediglich einen anderen Namen trägt.

Diese alles durchdringende Reaktion wird von einem zunehmenden und immer dreisteren ideologischen Angriff auf das Erbe von 1776 begleitet. Die Mode, die Revolution zu verunglimpfen, wird von jenen meisterhaft beherrscht, deren Mangel an Erfahrung mit echten sozialen Kämpfen nur mit ihrer vollständigen Missachtung historischer Fakten konkurriert. Ein schlagendes Beispiel hierfür liefert ein Artikel des Vox.com-Kolumnisten Dylan Matthews vom Freitag voriger Woche.

Matthews schreibt: „Dieser 4. Juli – wir sollten nicht drum herum reden – die amerikanische Unabhängigkeit im Jahr 1776 war ein monumentaler Fehler. Wir sollten die Tatsache, dass wir das Vereinigte Königreich verlassen haben betrauern und nicht feiern.“ Er erklärt, dass im Vergleich zu der Regierungsform, die aus der Revolution hervorging, „die Monarchie, so paradox das vielleicht klingt, die demokratischere Option ist.“

Er präsentiert seine Apologie der Monarchie vom Standpunkt der Identitätspolitik aus. Wie diese beharrt er obsessiv und fälschlich darauf, dass die Hautfarbe und nicht die Klassenzugehörigkeit die fundamentale Kategorie in Geschichte und Politik sei und erklärt: „Der Hauptvorteil, den die Revolution den Kolonisten brachte, war, dass sie der amerikanischen männlich-weißen Minderheit mehr Macht verschaffte.“

Matthews übernimmt die Ansicht solcher Akademiker wie Simon Schama, die behaupten, dass in Wahrheit nicht die amerikanischen Revolutionäre, sondern die britische Monarchie der wahre Vorkämpfer für die Befreiung der Unterdrückten gewesen sei. In seinem Werk Rough Crossings [Raue Übergänge] erklärt Schama, ein Vertreter reaktionärer Historiker, die die Amerikanische Revolution verunglimpfen wollen, dass die Revolution „vor allen Dingen gemacht wurde, um die Sklaverei zu erhalten.“

Sowohl Schama als auch Matthews preisen die Anstrengungen des britischen Empires, Sklaven für ihre Zwecke zu rekrutieren, als ob diese Taktik die konterrevolutionären Ziele der britischen Monarchie ändern würde. (Schama widmet ein weiteres seiner Bücher, das sollte erwähnt werden, einem gehässigen Angriff auf die Französische Revolution.)

In seinem Artikel auf Vox.com behauptet Matthews, die „Wut“ auf die britischen Versuche, Sklaven gegen die Revolution zu mobilisieren, „ging so weit, dass Thomas Jefferson sie als Beschwerde in einen Entwurf der Unabhängigkeitserklärung aufnahm.“ Dies ist ein Beispiel für die intellektuelle Unaufrichtigkeit, die solche Argumentationen durchdringt. Das Zitat, auf das Matthew anspielt, welches nachträglich auf Drängen von Befürwortern der Sklaverei im Kontinentalkongress wieder herausgenommen wurde, ist Bestandteil eines vernichtenden Angriffs auf die Sklaverei.

Jefferson schrieb, dass König Georg „einen erbitterten Krieg gegen die menschliche Natur selbst entfesselte, in welchem er die heiligsten Rechte des Lebens und der Freiheit bei Mitgliedern eines entfernten Volkes verletzte, das ihm niemals etwas zuleide getan hatte; die er ergriff und in die Sklaverei in einer anderen Hemisphäre schickte […] Jetzt reizt es ihn, dieselben Menschen gegen uns zu bewaffnen, um ihnen ihre von ihm geraubte Freiheit zu verkaufen, indem sie die Menschen morden sollen, denen er sie ebenfalls aufgedrängt hatte.“

Die reaktionäre Verunglimpfung der Unabhängigkeitserklärung, die Vox veröffentlichte, ist, wie zu erwarten war, mit praktisch identischen Argumenten gespickt, wie ein Gastkommentar in der New York Times vom 4. Juli, der den Titel trägt: „Hat Furcht vor einer Sklavenrevolte die amerikanische Unabhängigkeit verursacht?“ Sein Autor Robert F. Parkinson, Geschichtsdozent an der Universität von Binghamton, schreibt:

„Seit über zwei Jahrhunderten lesen wir die Unabhängigkeitserklärung falsch. Oder vielmehr, wir begehen die Unabhängigkeit in dem Sinne, wie es uns Menschen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts nahelegten, aber nicht so, wie die Erklärung von Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und John Adams verfasst wurde. Für sie war die Trennung von Großbritannien genauso, wenn nicht mehr, von Rassenangst und Rassenausschluss wie von unveräußerlichen Rechten getragen.“

Laut Parkinson herrschte unter den revolutionären Kolonisten eine teuflische rassistische Stimmung und Jefferson, Adams und Franklin hätten alles in ihren Kräften stehende getan, um einen indianer- und schwarzenfeindlichen Mob aufzuhetzen. Der Dozent schreibt:

„Wir entschuldigen den Gründervätern dies gern und lassen es durchgehen. Schließlich gibt es diese Kleinigkeit, wonach alle ‚gleich erschaffen‘ wurden, in diesem wichtigsten Text der amerikanischen Geschichte und Identität.“ [Hervorhebung hinzugefügt]

Für Parkinson sind die Worte, die den wohl berühmtesten und politisch bedeutendsten Satz enthalten, der jemals in der englischen Sprache verfasst wurde – „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit“ – lediglich „diese Kleinigkeit.“

Die Bemühungen, die erste Amerikanische Revolution zu diskreditieren und herabzusetzen, sind im Wesentlichen ideologische Rechtfertigungen für die immer weiter zunehmende soziale Ungleichheit, die auf Klassenausbeutung basiert.

Die sozialistische Bewegung hat die Amerikanische Revolution und ihre Erklärung der menschlichen Gleichheit immer begrüßt. In veränderter Form stellen die Prinzipien, die die Unabhängigkeitserklärung herausgearbeitet hat sowie ihre Erklärung der Menschenrechte das ideologische, politische und moralische Fundament der Ideen dar, die die sozialistische Bewegung beseelen.

Auch zweihundertvierzig Jahre später wird das Bewusstsein breiter Menschenmassen in den Vereinigten Staaten, einem weiten und vielschichtigen Land mit 320 Millionen Einwohnern, kraftvoll von den egalitären Prinzipien der Amerikanischen Revolution ergriffen.

Andre Damon