UNICEF-Report: 250 Millionen Kinder erleben täglich Krieg und Flucht

Von Elisabeth Zimmermann
13. Juli 2016

Anfang Juli wurde der neue "UNICEF-Report 2016 - Flüchtlingskindern helfen" zur Situation von Kindern im Krieg und auf der Flucht vorgestellt. Die deutschsprachige Ausgabe ist als Buch beim Fischer-Verlag erschienen. Der Bericht beschreibt die erschreckenden Auswirkungen von jahre-, teilweise jahrzehntelangen Kriegen und Bürgerkriegen auf Kinder und Jugendliche weltweit.

Nach Einschätzung von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, das vor siebzig Jahren gegründet worden ist, haben noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Kinder unter den Folgen von Konflikten, Krisen und Naturkatastrophen gelitten wie heute. Laut dem Unicef-Bericht wachsen weltweit etwa 250 Millionen Mädchen und Jungen in Konfliktgebieten auf, das ist jedes neunte Kind auf der Welt.

Noch viel mehr Kinder sind von Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen oder Epidemien bedroht. Das Ausmaß und die Auswirkungen dieser Naturkatastrophen wird durch fehlende Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und effektive Hilfsmaßnahmen verstärkt.

Mit Konfliktgebieten sind die Länder und Regionen gemeint, die von Kriegen und Bürgerkriegen zerstört wurden, wie Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen und viele andere Länder, die nicht nachlassenden kriegerischen Auseinandersetzungen ausgesetzt sind. Allein im Jahr 2015 wurden 16 Millionen Babys in einer Konfliktregion geboren, heißt es in dem Unicef-Bericht.

Hier einige der im Unicef-Report 2016 dokumentierten Fakten zur Kindheit in Krisengebieten:

• Weltweit können rund 75 Millionen Kinder im Alter von drei bis 18 Jahren aufgrund von anhaltenden Krisen oder Katastrophen keinen Kindergarten besuchen, nicht zur Schule gehen oder nur unregelmäßig lernen.

• Jeden Tag werden im Durchschnitt vier Schulen oder Krankenhäuser zur Zielscheibe bewaffneter Angriffe. Im Jahr 2014 wurden allein in Afghanistan 164 Angriffe auf Schulen registriert, im Irak waren es im gleichen Zeitraum 67. In Nigeria zerstörte oder beschädigte die Terrorgruppe Boko Haram seit Beginn des Aufstandes mehr als 1.200 Schulen und tötete über 600 Lehrer.

• In Syrien hat Unicef allein im Jahr 2015 mehr als 1.500 schwerste Kinderrechtsverletzungen verifiziert – dies war nur die Spitze eines Eisbergs. In 60 Prozent der Fälle wurden Kinder durch Bomben in dicht besiedelten Wohngebieten getötet oder verstümmelt. Ein Drittel der Opfer wurde auf dem Schulweg getötet.

• Viele "Kriegskinder" gehen jahrelang nicht mehr zur Schule - weil die Schulen zerstört sind, der Schulweg zu gefährlich ist, es an Geld für Hefte und Stifte fehlt. In Syrien und der Region hat in den letzten Jahren gerade einmal die Hälfte der Flüchtlingskinder einen Platz in einer Schule bekommen.

Die verheerende Situation in Syrien und den Nachbarländern, in die Millionen syrische Familien vor Krieg und Bürgerkrieg geflüchtet sind, bildet einen besonderen Schwerpunkt der Arbeit von Unicef. In einem Bericht vom März diesen Jahres heißt es:

"Millionen syrische Mädchen und Jungen unter fünf Jahren kennen nichts als Krieg und Flucht." 3,7 Millionen syrische Kinde wurden während dieser Zeit geboren. Für zwei Millionen Kinder sei die Lage besonders dramatisch, da sie nur unregelmäßig humanitäre Hilfe erhalten. Weitere 2,4 Millionen Kinder sind in den vergangenen Jahren vor dem Bürgerkrieg in andere Länder geflüchtet, 300.000 seien auf der Flucht geboren.

Die Dokumentation der von Krieg, Bürgerkrieg und Flucht betroffenen Kinder auf der Welt ist schockierend und eine vernichtende Anklage gegen das kapitalistische System und die imperialistischen Mächte, die für diese Kriege und deren Folgen verantwortlich sind.

Die Situation für Millionen Kinder und Jugendliche im Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Jemen und in den Nachbarländern sind das direkte Ergebnis der seit eineinhalb Jahrzehnten geführten Kriege der US-Regierung, unterstützt von verschiedenen europäischen Mächten. Ganze Gesellschaften wurden und werden systematisch ruiniert und zerstört.

Auch in Afrika trägt die Hauptverantwortung für die Verschlimmerung der Situation für Millionen von Menschen, Kinder und Jugendliche einbegriffen, der Wettlauf der imperialistischen Mächte um die Vorherrschaft und Ausbeutung der Ressourcen in dieser Region. Auch Deutschland beteiligt sich wieder an einer stetig wachsenden Anzahl von militärischen Einsätzen unter anderem in Mali und vor der Küste von Libyen.

Unicef nutzte die Vorstellung des neuen Berichts zur Situation der Kinder im Krieg und auf der Flucht bei der Pressekonferenz in Berlin, um eine große Spendensammelaktion zu starten und gleichzeitig an die Krieg führenden Parteien und Regierungen zu appellieren, die Rechte von Kindern zu schützen, ihnen auch in Krisengebieten zu ermöglichen, in die Schule zu gehen und als dritte Forderung, direkt an die deutsche Regierung gerichtet: "Schutz und Bildung müssen auch für Flüchtlingskinder in Deutschland gesichert sein."

Mit auf dem Podium saß als Vertreter der Bundesregierung Gerd Müller (CSU), der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er erklärte: "In keiner Krisenregion der Welt dürfen wir es zulassen, dass Kinder und Jugendliche zu einer verlorenen Generation werden." Daher unterstützte die deutsche Regierung Unicef im Jahr 2015 mit 250 Millionen Euro, um in Flüchtlingscamps wie im Nordirak die Organisierung von Freizeitaktivitäten wie Fußballspielen und Theaterworkshops und die Einrichtung von Not-Schulen zu ermöglichen.

Nicht nur ist der Betrag von 250 Millionen Euro angesichts der Notsituation von Kindern und Jugendlichen weltweit lächerlich gering. Die Äußerung von Müller ist angesichts der tatsächlichen Politik der Bundesregierung extrem zynisch und eine Ausgeburt an Heuchelei.

Der deutsche Imperialismus und die Bundeswehr sind bereits wieder an einer Vielzahl der Kriege im Nahen Osten und in Afrika direkt oder indirekt beteiligt. Berlin und Washington waren auch führend an der Organisation des rechten Putsches in der Ukraine 2014 beteiligt, der fast zwei Millionen Menschen in die Flucht trieb. Inzwischen beteiligt sich die deutsche Regierung massiv an den Kriegsvorbereitungen gegen Russland.

Bei der Abwehr der Flüchtlinge, die versuchen den Grauen der Kriege und dem dadurch geschaffenen Elend zu entfliehen, spielt die deutsche Regierung eine führende Rolle, um die Grenzen Europas abzuschotten. Sie handelte den schmutzigen Deal mit der Türkei aus und treibt die militärische Abschottung der Fluchtrouten über die Ägeis und das Mittelmeer voran.

Und nicht zuletzt spielt die unmenschliche Behandlung der Flüchtlinge, die es bis nach Deutschland geschafft haben, eine wesentliche Rolle bei der Abschreckung von Flüchtlingen. Eine Forderung wie "Schutz und Bildung müssen auch für Flüchtlingskinder in Deutschland gesichert sein", die Unicef aufgestellt hat, wäre nicht notwendig, wenn Flüchtlinge und ihre Kinder menschenwürdig in Deutschland untergebracht würden und nicht monatelang in Turnhallen, Flugzeug-Hangars wie in Berlin-Tempelhof oder Traglufthallen unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht wären.

Nicht vergessen werden darf bei der Bilanz der Bundesregierung in Bezug auf ihr Verhalten gegenüber Flüchtlingen und Flüchtlingskinder auch die mehrmaligen Verschärfungen des Asylrechts in den letzten Monaten und die Erklärung der Balkanstaaten zu "sicheren Herkunftsländern".

Dies führte dazu, dass Tausende Kinder und Jugendliche zusammen mit ihren Familien, die großenteils schon lange in Deutschland leben und teilweise hier geboren sind, aus ihren Schulen und Wohnungen geholt, in Abschiebezentren gebracht und abgeschoben wurden.

Die schwierige und lebensgefährliche Situation von Hunderten Millionen Kindern auf der Welt unterstreicht die Dringlichkeit des Aufbaus einer internationalen Antikriegsbewegung, die sich auf die Arbeiterklasse stützt und sich gegen den Kapitalismus richtet, der Ursache von Krieg und den damit verbundenen Gefahren und Elend.