Fünfzehn Jahre Krieg in Afghanistan

8. Oktober 2016

Am 7. Oktober 2001 begannen die Vereinigten Staaten einen militärischen Großangriff auf das islamistische Taliban-Regime in Afghanistan und auf die dortigen al-Qaida-Stützpunkte.

Die Invasion Afghanistans war weniger ein Krieg als eine Reihe von Massakern. Das US-Militär nutzte die Gelegenheit, um eine ganze Palette mörderischer Waffen und Taktiken zu testen. So wurden Bomben, die sieben Meter dicke Betonschichten durchschlagen können, gegen mutmaßliche Netzwerke aus Bunkern und Höhlen eingesetzt. Gebiete, in denen man Taliban-Kämpfer vermutete, wurden mit dem so genannten „Daisy Cutters“ in Schutt und Asche gelegt oder mit einem Teppich aus Streubomben überzogen. Die Fliegerbombe „Daisy Cutter“ verwandelt ein Gebiet mit einem Radius von bis zu 1700 Metern in ein Inferno.

Spezialeinheiten der USA, Großbritanniens und Australiens durchkämmten das ganze Land und ermordeten angebliche Mitglieder von al-Qaida und der Taliban. Tausende von Taliban-Häftlingen wurden von den Milizen der Nordallianz in Städten wie Masar-e Scharif und Kundus ermordet. Hunderte Menschen, von denen viele keinerlei Verbindungen zu al-Qaida hatten, wurden nach Guantanamo Bay, nach Kuba oder in die Geheimgefängnisse der CIA, die „black sites“, gebracht und gefoltert. Die Regierung unter Bush verteidigte diese Kriegsverbrechen mit der Behauptung, die Opfer seien „illegale feindliche Kämpfer“, die nicht unter dem Schutz der Genfer Konventionen stünden.

Auf das Blutvergießen in Afghanistan folgte die pakistanische Militäroffensive in den grenznahen Stammesgebieten im Nordwesten Pakistans, die Washington gefordert hatte. Tausende wurden getötet und Millionen aus ihrer Heimat vertrieben. In den darauffolgenden Jahren terrorisierte das US-Militär Afghanistan wie auch den Nordwesten Pakistans mit drohnengestützten Raketenangriffen.

Die Einwilligung der pakistanischen Regierung, die zuvor eine der Hauptstützen der Taliban war, wurde auf eine besonders dreiste Art und Weise durchgesetzt. Der amerikanische Vize-Außenminister Richard Armitage sagte im September zu den Vertretern Pakistans: „Wenn ihr gegen uns seid, dann werden wir euer kleines schäbiges Land in die Steinzeit zurückbomben – kapische?“

Die Vertreter und Apologeten des US-Imperialismus behaupten noch heute, der Grund für den Amoklauf in Afghanistan und Pakistan sei gewesen, al-Qaida wegen der terroristischen Gräueltaten vom 11. September 2001 zu bestrafen. Die Invasion war, wie Präsident George W. Bush erklärte, der erste Kampf im „Krieg gegen den Terror“. Die Regierung unter Bush fabrizierte als Vorwand für die Invasion den Vorwurf, die Taliban hätten al-Qaida Unterschlupf gewährt und sich geweigert, deren Anführer, Osama bin Laden, auszuliefern.

Diese Rechtfertigungen beruhten alle auf Lügen. Die Taliban und die überwiegende Mehrheit der al-Qaida-Mitglieder waren an den Anschlägen vom 11. September nicht beteiligt. Diese Anschläge wurden von einer Terroristenzelle in den Vereinigten Staaten verübt, die mit Unterstützung von Vertretern der herrschenden Elite Saudi-Arabiens agierten, dem neben Israel wichtigsten Verbündeten der USA im Nahen Osten. Die Anschläge waren erfolgreich, weil sich die Geheimdienste der USA de facto raushielten, obwohl ihnen die betreffenden Individuen mit al-Qaida-Verbindung bekannt waren und sie sie bereits überwachten. Sie unternahmen nichts, um sie am Kapern der Passagierflugzeuge zu hindern. Die mörderischen Gewaltakte vom 11. September wurden dann zum Vorwand für eine von langer Hand geplante Invasion Afghanistans und später, nur achtzehn Monate danach, für die Invasion des Irak.

Die Redaktionserklärung der World Socialist Web Site vom 10. Oktober 2001 mit dem Titel „Weshalb wir gegen den Krieg in Afghanistan sind“ beweist die Klarheit der marxistischen Herangehensweise an eine solche Entwicklung. Sie steht in krassem Gegensatz zu den oberflächlichen und blutrünstigen bürgerlichen Kommentaren, die auf die Ereignisse am 11. September folgten.

Die Erklärung betonte von Anfang an: „Die US-Regierung verfolgt mit diesem Krieg weit gefasste weltpolitische Interessen der amerikanischen herrschenden Klasse. Sein Hauptzweck ergibt sich aus folgenden Zusammenhängen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion vor zehn Jahren hat in Zentralasien ein Vakuum hinterlassen. Dieses Gebiet beherbergt die zweitgrößten nachgewiesenen Vorkommen an Erdöl und Erdgas weltweit.“

Diese Einschätzung der WSWS basierte auf der Analyse des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) darüber, welche welthistorischen Auswirkungen die Wiederherstellung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse durch die stalinistischen Regime in Osteuropa, der Sowjetunion und China hatte und was die Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 bewirkte.

Wie der Chefredakteur der WSWS David North in einer Rede anlässlich des fünften Jahrestags des 11. Septembers feststellte: „Breite Schichten der herrschenden Elite Amerikas betrachteten den Zusammenbruch der Sowjetunion als einmalige Gelegenheit, die unangefochtene geostrategische Vorherrschaft der Vereinigten Staaten auf Weltebene durchzusetzen. Ohne die Sowjetunion stand dem Vordringen der amerikanischen Militärmacht in jeden Winkel des Planeten effektiv nichts mehr im Wege. Tatsächlich glaubte die amerikanische Elite, sie könne die Überlegenheit der Vereinigten Staaten in Form roher Militärgewalt einsetzen, um den langfristigen wirtschaftlichen Niedergang des Landes im Weltmaßstab aufzufangen.“ [A Quarter Century of War: The US Drive for Global Hegemony 1990-2016. Eine deutsche Übersetzung ist in Vorbereitung.]

Die Invasion Afghanistans kann nur als Teil einer Reihe von miteinander verbundenen Entwicklungen verstanden werden. Sie reichen vom Golf-Krieg 1990–1991 gegen den Irak, über die Errichtung von festen Stützpunkten der USA im Nahen Osten, die US-Interventionen am Horn von Afrika und auf dem Balkan, sowie dem Krieg gegen Serbien 1999, bis hin zu den immer noch ungeklärten Ereignissen vom 11. September 2001.

Die Ursprünge von al-Qaida und den Taliban gehen auf frühere Intrigen des US-Imperialismus zurück, mit denen die Sowjetunion destabilisiert werden sollte. Diese wiederum haben die Entscheidung des stalinistischen Regimes beschleunigt, seine Position als bürokratische Kaste durch die Wiederherstellung des Kapitalismus zu erhalten. Seit 1978 finanzierte und bewaffnete die CIA, auf Befehl der Regierung Carter und in Zusammenarbeit mit Pakistan und Saudi-Arabien, islamistische Fundamentalisten. Diese sollten Krieg gegen die von der Sowjetunion gestützte Regierung in Kabul führen und die sowjetischen Truppen in einem langwierigen Krieg gegen die Rebellen aufreiben. Unter jenen, die damals von der US-Regierung unterstützt wurden, befanden sich auch der saudische Millionär bin Laden und mehrere wahabistische Extremisten aus der ganzen Welt. Sie wurden in pakistanischen Trainingslagern mit dem Namen al-Qaida („der Stützpunkt“) ausgebildet.

Während der gesamten 1980er-Jahre bejubelte die Regierung unter Reagan die islamistischen Mudschaheddin als „Freiheitskämpfer“ und verurteilte die sowjetische Invasion Afghanistans, die bewusst von Washington provoziert worden war, als ein Verbrechen gegen das afghanische Volk. Im Verlauf der letzten fünfzehn Jahre hat Washington dann in einem Ausmaß Gewalt gegen das afghanische Volk verübt, das weit über das hinausgeht, was die Sowjetunion jemals versucht hatte. Die USA waren die entscheidende Antriebskraft hinter der Tragödie in Afghanistan, die heute seit 38 Jahren andauert. Bisher hat sie weit über eine Million Tote und Verwundete gefordert. Mehr als sechs Millionen Menschen sind aus dem Land geflohen, was Afghanistan zu dem Land auf der Welt macht, aus dem die meisten Flüchtlinge stammen.

Der „Krieg gegen den Terror“ hatte weitreichende Auswirkungen innerhalb der Vereinigten Staaten selbst. Er wurde zum Vorwand für zahlreiche Regierungsmaßnahmen: der die Bürgerrechte stark einschränkende „Patriot Act“ von 2001, eine faktisch unkontrollierte staatliche Bespitzelung, die unbefristete Inhaftierung, Militärgerichte, die beschleunigte Militarisierung der Polizeibehörden und die pauschale Verfolgung von Amerikanern mit muslimischem Hintergrund. Der wirkliche Zweck dieser Maßnahmen war nicht, Terroristen abzuschrecken, sondern den Staatsapparat auszubauen, um die wachsenden sozialen und Klassengegensätze zu unterdrücken. Der Angriff auf demokratische Rechte in den USA wurde zum Vorbild für eine ähnliche Politik auf der ganzen Welt.

Fünfzehn Jahre nach der Invasion ist die herrschende Klasse Amerikas damit konfrontiert, dass sie, wenn überhaupt, nur wenige ihrer räuberischen Ziele erreicht hat. Der Krieg in Afghanistan ist mit Abstand der längste, den die Vereinigten Staaten je geführt haben. Seine Kosten liegen weit über 800 Milliarden Dollar. Tausende von amerikanischen Soldaten sowie ihrer Verbündeten wurden getötet oder verwundet, und noch immer ist kein Ende in Sicht. Die Taliban und andere, den Besatzern feindliche Milizen sind bei weitem nicht besiegt. Im Gegenteil, sie setzen ihren Aufstand gegen die Marionettenregierung der USA und die ausländischen Truppen fort. Im Süden Afghanistans kontrollieren sie ganze Landstriche. In den letzten Wochen brachen erbitterte Kämpfe um die Kontrolle über die im Norden gelegene Stadt Kundus aus.

Die afghanische Regierung gehört zu den korruptesten auf der ganzen Welt. Die herrschende Schicht gründet ihre Privilegien auf ethnisch-sektiererische Spaltungen, die Veruntreuung internationaler Hilfe und den Handel mit Opium und Heroin. Man geht allgemein davon aus, dass das von den USA gestützte Regime, das von den Massen verachtet wird, zusammenbrechen würde, würde man ihm die Unterstützung der 15.000 Soldaten aus den USA und Europa entziehen.

Was das Öl und Gas Zentralasiens betrifft, so beherrscht noch immer Russland deren Förderung. Gleichzeitig wächst der Einfluss chinesischer Energiekonzerne beim Bau neuer Pipelines. Ein kürzlich erschienener Kommentar im Diplomat bemerkt: „Wenn der gegenwärtige Trend andauert, so schätzt die internationale Energieagentur, dass China im Jahr 2020 bis zu fünfzig Prozent der Öl- und Gasressourcen aus dieser Region importieren wird. Das bedeutet eine entscheidende Verschiebung des Energieflusses in Zentralasien von West nach Ost.“

Die amerikanische kapitalistische Klasse hat nicht die Absicht, die Kontrolle über Afghanistan aufzugeben, sie ist jedoch heute in wachsendem Maße damit beschäftigt, die vermeintliche Bedrohung ihrer globalen Vorherrschaft durch die Nuklear-Mächte China und Russland zu beenden. Die Strategen des US-Imperialismus sind zu folgendem Schluss gekommen: Wenn sie Eurasien kontrollieren wollen, dann müssen sie in den beiden Ländern, welche die riesigen Landmassen geografisch, politisch und militärisch kontrollieren, eigene Satellitenstaaten errichten. Weltweit nehmen die Spannungen zu, denn alle Mächte, ob groß oder klein, versuchen, die Interessen ihrer herrschenden Eliten durchzusetzen. Die Gefahr eines Dritten Weltkrieg bedroht die Menschheit.

Die Zukunft hängt davon ab, eine internationale Antikriegsbewegung aufzubauen, die sich auf die Arbeiterklasse stützt und eine revolutionäre sozialistische Perspektive vertritt. Die Socialist Equality Party (USA) organisiert am 5. November in Detroit die Konferenz „Sozialismus gegen Kapitalismus und Krieg“. Sie ist ein entscheidender Schritt, um eine solche Bewegung aufzubauen. Jeder, der gegen Krieg, Austerität und Unterdrückung kämpfen will, sollte daran teilnehmen.

James Cogan