Thanksgiving im Zeichen der sozialen Krise in Amerika

25. November 2016

Am 3. Oktober 1863, mitten im amerikanischen Bürgerkrieg, unterschrieb Präsident Abraham Lincoln eine Proklamation, mit der er den letzten Donnerstag im November zum „Tag der Danksagung“ erklärte. Verfasst hatte sie sein Außenminister, William H. Seward.

Trotz seiner „unvergleichlichen Größe und Schwere“, hieß es in der Proklamation, habe der Bürgerkrieg „Pflug, Webstuhl und Schiff“ nicht zum Stillstand gebracht, und in den Bergwerken seien mehr Erz, Kohle und Edelmetalle gefördert worden als je zuvor. Im freudigen Bewusstsein seiner vermehrten Kraft, hieß es abschließend, sehe das Land weiteren Jahren immer größerer Freiheit entgegen.

Der Bürgerkrieg mit seinen Zerstörungen dauerte noch anderthalb Jahre. Doch zugleich brachten Eisenbahn, Dampfschiff und Telegrafie einen gesellschaftlichen Wandel und eine Ausweitung der Produktionskapazitäten mit sich, die sich mit der rasanten Industrialisierung, begünstigt durch die Zweite Amerikanische Revolution, noch beschleunigen sollten. Der Bürgerkrieg ebnete den Weg für den kapitalistischen Fortschritt und, durch die Abschaffung der Sklaverei, für das explosive Anwachsen des Klassenkampfs.

Wenn die Familien dieses Jahr überall in den Vereinigten Staaten zum Thanksgiving-Essen zusammenkommen, dürften nur wenige das einstige Gefühl Sewards teilen, dass dem Land Jahre immer größerer Freiheit bevorstehen. Stattdessen werden sie an Thanksgiving ihre wirtschaftliche Not und Bedrängnis besonders bitter empfinden.

Mehr als jeder achte Haushalt hatte im letzten Jahr Probleme, genug zu essen auf den Tisch zu bekommen, und Millionen Menschen werden ihr Thanksgiving-Mahl nur bekommen, wenn sie an einer Essenausgabe für Bedürftige oder einer Suppenküche anstehen.

Mehr als anderthalb Millionen Menschen waren letztes Jahr obdachlos, darunter 300.000 Kinder und 450.000 Behinderte. Millionen weitere leben in minderwertigen Unterkünften, die sie sich mit anderen Familien teilen, oder in Motels. Solche Bedingungen mögen nur eine Minderheit der amerikanischen Familien direkt betreffen. Aber die große Mehrheit der Bevölkerung befindet sich in einer wirtschaftlich unsicheren Lage.

Laut einer Studie, die in diesem Jahr von der US-Notenbank veröffentlicht wurde, sind 46 Prozent der Erwachsenen finanziell so klamm, dass sie „Ausgaben für einen Notfall, die über 400 Dollar liegen, nicht bewältigen können, oder das Geld aufbringen würden, indem sie etwas verkaufen oder es sich leihen“.

Unter diesen Umständen bedeutet die für nächstes Jahr angekündigte Anhebung der Krankenversicherungsbeiträge unter dem Affordable Care Act (Obamacare) um durchschnittlich 25 Prozent, dass Millionen Menschen entweder ihre Krankenversicherung verlieren oder zusätzliche Kosten in Höhe von Hunderten oder sogar Tausenden von Dollar tragen müssen. Ursprünglich hatte es geheißen, Obamas Gesetz werde Beziehern niedriger Einkommen eine Krankenversicherung ermöglichen.

Familien stehen unter gewaltigem Stress, weil ein einziger Unfall oder eine Krankheit den finanziellen Ruin bedeuten können. Junge Menschen häufen aufgrund horrender Studiengebühren riesige Schuldenberge an und ihre Zukunftsaussichten verdüstern sich. Die Älteren müssen für Medikamente immer mehr bezahlen, während ihre Renten sinken. All das erzeugt viel soziales Leid.

Die Brutalität dieser Gesellschaft, verstärkt durch Militarismus und Polizeigewalt, trifft die Jüngeren am schlimmsten. Laut einer Studie ist die Häufigkeit schwerer Depressionen unter Teenagern von 2005 bis 2014 um 37 Prozent gestiegen. Laut einer weiteren Studie sterben Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren erstmals mit größerer Wahrscheinlichkeit durch Selbstmord als durch einen Verkehrsunfall.

Der vielleicht schlimmste Ausdruck des sozialen Elends ist Amerikas Drogenepidemie. In diesem Jahr werden 28.000 Menschen an einer Opioid-Überdosis sterben, fast genauso viele wie bei Autounfällen – eine schockierende Zahl. Zehntausende Familien werden Thanksgiving um Angehörige trauern, die ihr Leben durch Heroin, Fentanyl oder verschreibungspflichtige Schmerzmittel verloren haben.

Besonders ausgeprägt ist die Drogenepidemie den Bundesstaten, welche die Arbeitslosigkeit und die Deindustrialisierung am schlimmsten getroffen hat. In Michigan, Ohio und Pennsylvania, den Staaten des „Rust Belt“ („Rostgürtel“), die 2008 und 2012 Obama unterstützt haben und in den Wahlen von 2016 zu Donald Trump gewechselt sind, ist die Zahl der Opiat-Überdosierungen zwischen 2013 und 2014 um mehr als 10 Prozent gestiegen.

Aufgrund der sozialen Krise in den Vereinigten Staaten breiten sich überall oppositionelle Stimmungen aus. Es gibt auch deutliche Anzeichen für ein erneutes Aufleben des Klassenkampfs und der politischen Radikalisierung, die in den Wahlen nur im Ansatz zum Ausdruck kamen. Sie zeigten sich bei den Vorwahlen der Demokraten in der breiten Unterstützung für den Senator von Vermont, Bernie Sanders, der sich einen Sozialisten nannte und die „Milliardärsklasse“ und die soziale Ungleichheit verurteilte.

Sanders „politische Revolution“ nahm mit der Unterstützung von Hillary Clinton ein unrühmliches Ende. Clinton führte ihren Wahlkampf auf der Grundlage des Anspruchs, dass es – in den Worten von Präsident Obama – Amerika „verdammt gut geht“. Auf der Grundlage dieser wahnhaften Vorstellung wurden diejenigen, die das anders sahen und sich von den demagogischen Appellen Donald Trumps an die soziale Unzufriedenheit verführen ließen, kurzerhand zur „weißen rassistischen Arbeiterklasse“ erklärt, die angeblich ihre „Privilegien“ gegen die Schwarzen und andere Minderheiten verteidigen wolle. Clinton basierte ihre Wahlkampagne auf diverse Formen der Identitätspolitik und richtete sich damit an die Vermögenden und Selbstzufriedenen. Das Ergebnis war ein starker Rückgang der Stimmen für die Kandidatin der Demokraten in allen Schichten der Arbeiterklasse.

Trump, der sein Amt im Weißen Haus mit dem Segen des scheidenden Präsidenten und beider Parteien antritt, wird Amerika nicht wie versprochen zu alter Größe führen. Weder er noch ein anderer Teil der herrschenden Klasse hat eine Lösung für die soziale Krise Amerikas. Sein wirtschaftlicher Nationalismus nach dem Motto „America first“ wird die globale kapitalistische Krise verschärfen und zu noch heftigeren Angriffen auf die Arbeiter in den Vereinigten Staaten führen. Sein Programm von Steuersenkungen für die Reichen, der Abschaffung gesetzlicher Auflagen für Unternehmen, der Kürzung von Sozialprogrammen und der gewaltigen Erhöhung der Militärausgaben wird die soziale Unzufriedenheit und Wut anfachen.

Trumps Wahl ist ein Wendepunkt in dem sich anbahnenden Entscheidungskampf zwischen den Finanzparasiten, die er verkörpert, und der großen Masse der Bevölkerung, der Arbeiterklasse.

Andre Damon