Panikausbrüche in Einkaufszentren

Die US-Gesellschaft ist zum Zerreißen gespannt

30. Dezember 2016

In mindestens 15 Malls spielten sich überall in den USA am Montag Szenen von Chaos und Panik ab. Sichtbar wird dadurch, wie angespannt und explosiv das gesellschaftliche Lebens in Amerika gegen Ende des Jahres 2016 ist.

Der Tag begann als einer der umsatzstärksten für den Einzelhandel und endete mit großräumigen Evakuierungen, zahlreichen Verhaftungen, Verletzten und der polizeilichen Abriegelung ganzer Einkaufszentren.

Schwer bewaffnete Polizisten führten Gruppen von Jugendlichen aus mehrere Einkaufszentren ab, größtenteils aus eher nicht-wohlhabenden Stadtvierteln. Handyvideos von zufällig Anwesenden zeigen hysterisch weglaufende Einkäufer, als Polizisten mit Sturmgewehren und in Kampfmontur anrückten, um gegen größere Jugendgruppen vorzugehen.

Es gibt keinerlei Hinweise, dass das Zusammentreffen der Jugendlichen abgestimmt war. Doch wenn man die einzelnen Vorkommnissen zusammenfügt, lässt sich ein bestimmtes Muster erkennen.

In den frühen Abendstunden, als die Malls am vollsten sind, beginnen „Kämpfe“, wie es in Social- Media-Einträgen heißt, an denen sich Hunderte Jugendlichen beteiligen. Einzelne Jugendlichen, die sich derzeit zumeist in den Winterferien befinden, fangen Rangeleien an und die Menge der Beteiligten wächst kontinuierlich.

Schnell macht die Nachricht von der Schlägerei die Runde und Panik breitet sich aus. Rasch verbreiten sich Gerüchte über Schießereien. Nervöse Schaulustige interpretieren laute Geräusche als Schüsse. In vielen Berichten heißt es, Leute hätten gerufen, dass geschossen wird. Menschen werden verletzt, als Tausende versuchen, aus den überfüllten Einkaufszentren in ihre sicheren Autos zu fliehen.

Aus einem Einkaufszentrum in Elizabeth, New Jersey, berichtete ein lokales Nachrichtenprogramm von „chaotischer Panik, und alle rennen gleichzeitig“, nachdem das Geräusch von einem niederkrachenden Stuhl irrtümlich für Pistolenschüsse gehalten wurde. Ein Acht- und ein Zwölfjähriger wurden während der Evakuierung verletzt, als die Polizei die Mall umstellte und vorrückte.

In Garden City, New York, wo sieben Menschen verletzt wurden, berichteten Augenzeugen von einer „Massenflucht“, nachdem Dutzende Menschen die Polizei gerufen hatten, weil sie irrtümlicherweise von einer Schießerei ausgingen. In Newport News, Virginia, berichtete eine lokale Nachrichtenagentur, dass Menschen „schreiend aus dem Einkaufszentrum rannten; einige hatten Angst um ihr Leben, nachdem sie Gerüchte gehört hatten, jemand würde mit einer Schusswaffe durch das Einkaufszentrum laufen“.

Polizisten räumten zwei Einkaufszentren in Memphis, Tennessee, und verhafteten sieben Jugendliche nach Raufereien und falschen Berichten über Schießereien. In Chattanooga, Tennessee, zündeten Jugendliche Feuerwerkskörper und lösten damit laut einem CNN-Bericht „eine Panikwelle“ aus. In Brentwood, Ohio riegelte die Polizei ein Einkaufszentrum vollständig ab und verhaftete einen Jugendlichen „weil er versucht hatte, einen Polizisten zu schlagen, der mit einem weiteren Ruhestörer beschäftigt war“. Die Polizisten setzten Pfefferspray ein, um die Menge zu zerstreuen.

Fünf Jugendliche im Alter von 14 bis 16 aus dem verarmten Hartford, Connecticut wurden im Einkaufszentrum des nahe gelegenen Manchesters verhaftet. Polizisten hatten aus benachbarten Bezirken Verstärkung angefordert und drangen in die Mall ein, um Hunderte Jugendliche zu verjagen. Ähnliche Vorkommnisse gab es in Farmington, Connecticut; Aurora, Illinois; Fort Worth, Texas; Syracuse, New York; Monroeville, Pennsylvania; Tempe, Arizona; Indianapolis, Indiana und in Aurora, Colorado. Im letztgenannten Ort berichtete die Polizei von 500 Jugendlichen, die „einen Polizisten, der nicht dienstlich vor Ort war, umringten“. Der Polizist soll versucht haben, einen Jugendlichen zu verhaften.

Die Stadt Chicago erlebte gleichzeitig das schlimmste Blutbad seit zwanzig Jahren, als bei Schießereien an Weihnachten 53 Menschen verwundet und 11 getötet wurden. Wie DNAInfo berichtete: „Hinter der Welle in diesem Jahr steht eine toxische Mischung aus Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit...“

Nur wenige Stunden vor den Ereignissen in den Malls und nach dem schrecklichen Wochenende in Chicago wurde Obama auf CNN von David Axelrod, seinem ehemaligen Wahlkampfmanager, interviewt. Unter viel Gelächter und gegenseitigem Schulterklopfen lobte sich Obama selbst für seine Zeit als Präsident und präsentierte sich als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Er erklärte: „Ich würde behaupten, das in den gesamten acht Jahren meiner Präsidentschaft der Geist Amerikas in vielerlei Hinsicht präsent war.“

In seiner Pressekonferenz zum Jahresende am 16. Dezember sprach Obama davon, „wie weit wir in den letzten acht Jahren gekommen sind“. Dann fügte er hinzu: „In vielerlei Hinsicht ist unser Land stärker und wohlhabender als zuvor. Das ist die Lage, die ich mit Stolz meinem Nachfolger übergebe.“

Die Ereignisse in den Einkaufszentren entlarven das zuckersüße Bild von Amerika als Lüge, das von den Leitmedien und Obama am Ende seiner Amtszeit gezeichnet wird. An fünfzehn verschiedenen Orten, die Hunderte von Kilometern voneinander entfernt liegen, brechen gleichzeitig kleine Unruhen aus – offensichtlich läuft etwas grundlegend schief in Amerika.

Die Massenschlägerei in Aurora, Colorado am Montag fand in demselben Einkaufszentrum statt, in dem James Holmes im Juli 2012 zwölf Menschen umbrachte und 70 weitere verletzte. Seit Obamas Amtsantritt wurden alleine bei Schießereien in Schulen 122 Menschen getötet. Die Regierung reagierte auf zweierlei Weise: mit leeren Banalitäten und Polizeiaufrüstung.

Sorge um ihre unmittelbare Sicherheit hat die Käufer zwar zur Flucht bewogen, die dahinter liegenden Ängste haben ihre Wurzeln aber in den sozialen Beziehungen. Und diese wiederum werden von der enormen Ungleichheit beherrscht, die jeden Aspekt des Lebens in den Vereinigten Staaten bestimmt.

Die Ausbrüche von Angst und Gewalt fanden an den Feiertagen statt. Gerade die Medien huldigen Weihnachten als Fest, um die brutale Tatsache zu vertuschen, dass alle menschlichen Beziehungen durch den Kauf und Verkauf von Waren vermittelt werden. Dies erreicht an Weihnachten – der entscheidenden Zeit für die Profite des Einzelhandels – zwar einen Höhepunkt; doch das „Zur-Ware-Werden“ menschlicher Beziehungen – mit all den Spannungen und Frustrationen, das es hervorbringt – liegt im Kapitalismus allen sozialen Beziehungen zugrunde.

Die Vereinigten Staaten werden sowohl wirtschaftlich als auch politisch von einer Finanzoligarchie beherrscht. Die große Mehrheit der Bevölkerung hat keine Möglichkeit, ihre eigenen sozialen Interessen zum Ausdruck zu bringen. Die Leitmedien ebenso wie die beiden großen Parteien und die Gewerkschaften arbeiten daran, jeden gesellschaftlichen Widerstand zu ersticken und steigende Unternehmensprofite zu sichern.

Die Hälfte aller Highschool-Schüler in den Vereinigten Staaten – alle, die 15 Jahre oder jünger sind – haben noch keinen Tag erlebt, an dem die USA keinen Krieg geführt haben. Die Jugendlichen sind völlig getrennt vom politischen Establishment und hassen die Kriege, die Armut, die staatliche Überwachung und die Polizeigewalt, die ihr gesamtes bewusstes Leben beherrscht haben. Diejenigen von ihnen, die bei den Vorwahlen der Demokraten ihre Stimme abgaben, haben zu 90 Prozent für den selbsternannten „Sozialisten“ Bernie Sanders und gegen Hillary Clinton gestimmt.

Trump wird in Kürze wohl die reaktionärste Regierung in der Geschichte Vereinigten Staaten anführen (in seinem Interview mit Axelrod hat Obama den Charakter der neuen Regierung nicht einmal erwähnt). In drei Wochen kontrollieren Trump und sein Kabinett aus Milliardären, Evangelikalen, Generälen, Faschisten und engen Verwandten die Exekutive. Die neue Regierung hat ein atomares Wettrüsten, Angriffe auf das Sozialversicherungssystem, die Krankenversicherung und das öffentliche Schulwesen sowie die Abschiebung von Millionen eingewanderter Arbeiter und ihrer Familien angekündigt.

Zum Jahresende 2016 teilt die große Mehrheit der Arbeiter weder den selbstgefälligen und zynischen Optimismus von Obama noch die blinde Sturheit der Börse. Die Ereignisse in den Einkaufszentren Amerikas von Montag vermitteln eine Ahnung von den tiefen sozialen Schocks, die sich für 2017 am Horizont abzeichnen.

Die Stimmung, die in Amerika zum Jahresende vorherrscht, wird dominiert von Nervosität und Frustration, kombiniert mit einer wachsenden Kampfbereitschaft, die erst noch einen progressiven politischen Ausdruck finden muss. Notwendig ist jetzt eine Bewegung der Arbeiterklasse, um die kommende soziale Explosion in eine revolutionäre und sozialistische Richtung zu lenken.

Eric London