Flughafenstreik: Gespräch mit streikenden Arbeitern

Von unseren Korrespondenten
15. März 2017

Viele streikende Arbeiter äußerten gegenüber WSWS-Reportern am Flughafen Tegel und in Schönefeld ihre Wut über die Lohndrückerei und Arbeitshetze seit der Privatisierung vor zehn Jahren.

Streikende in Schönefeld am Dienstagmorgen

Drei Arbeiter der Gepäckabfertigung, die schon länger als fünfundzwanzig Jahre im Bodendienst am Flughafen Tegel beschäftigt sind, haben den Niedergang der Bodendienste seitdem hautnah miterlebt.

„Die Privatisierung des Unternehmens im Jahr 2008 war ja gewollt, das war zielgerichtet, um die Löhne zu drücken“, sagt Karsten. Verantwortlich dafür sei damals die rot-rote Regierung unter Führung der SPD gewesen. „Der Regierende Bürgermeister Wowereit wollte den größten Low-Cost-Airport Europas haben. Und Low-Cost – das geht nur, wenn die Leute kein Geld mehr verdienen.“

Er und seine Kollegen verdienten heute weniger als vor zehn Jahren. „Wir waren mal 1700 Mitarbeiter in dem Unternehmen, die alle vernünftig verdient haben und sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren“, sagt Karsten. „Daraus wurden dann heute die siebzehn Firmen der WISAG und anderer Low-Cost-Anbieter. Ich bin seit siebenundzwanzig Jahren hier beschäftigt und verdiene heute weniger als vor fünfzehn Jahren.“

Die Löhne und Arbeitsbedingungen werden durch die Konkurrenz der verschiedenen Subunternehmen untereinander gedrückt. Unter den siebzehn heute aktiven Unternehmen an den Berliner Flughäfen sind neben WISAG noch mehrere WISAG-Tochterfirmen, dann die Aeroground Berlin GmbH und ihr Tochterunternehmen HSD, die Swissport/Gegenbauer, die Ground Solution Berlin GmbH mit ihrer Tochter und auch die Aviation Handling Service.

Hinzu kommt die gewollte direkte Konkurrenz der Arbeiter untereinander. Die Firmen stellen einen Teil der Beschäftigten als Leiharbeiter ein, die sie ganz leicht wieder entlassen können, und die zumeist nur einen Hungerlohn verdienen. Die drei Arbeiter berichten: „Der niedrigste Tarif für Vollbeschäftigte ist derzeit 9,30 Euro. Bei Leiharbeitern liegt der Lohn oft tiefer, die fallen unter den Tarifvertrag Leiharbeit, das sind dann 8,84 Euro pro Stunde.“

Es gebe Leiharbeiter aus Bulgarien und Kroatien, die für 7,05 arbeiten, sagt Andreas. „Wo sind wir hier eigentlich, in der Mongolei? Diese Leute bekommen eine Unterkunft gestellt, eine Gemeinschaftswohnung, wofür sie über 300 Euro zahlen müssen, da bleibt nicht einmal der Mindestlohn übrig. Das sieht nur so aus, als sei es noch im legalen Bereich.“

Überhaupt sind sehr viele Bedienstete nur befristet beschäftigt. „Diese Kollegen kommen nie in einen Festvertrag“, kommentiert Karsten. „Die Leute haben keine Planungssicherheit, keine Existenzsicherheit, können keine Familie planen, gar nichts. Gerade die jungen Leute, die am Anfang ihres beruflichen Lebens stehen, die werden so verschaukelt als Leiharbeiter. Manche sind bereits seit fünf Jahren hier im Unternehmen und arbeiten inzwischen in der sechsten Firma, machen aber immer die gleiche Arbeit.“

Er fährt fort: „Anstatt dass sie nach zwei Jahren in einen unbefristeten Arbeitsvertrag wechseln können, werden sie in eine andere Leiharbeitsfirma gesteckt, die der gleichen Holding (WISAG) gehört. Und dann sollen die Leute auch noch irgendwann nebenbei für ihr Alter vorsorgen, weil die Rente ja später nicht mehr ausreicht. Wie sollen die das denn machen?“

Die gesamte Arbeit ist nicht nur schlechter bezahlt als vor zehn Jahren, sie ist auch viel härter und anstrengender geworden, wie Karsten weiter erklärt: „In dieser Zeit haben sich die Passagierzahlen in Berlin verdreifacht. Wir arbeiten heute für weniger Geld als 2002.“

Wer schon länger dabei sei, verdiene ungefähr 1700 Euro netto, so Karsten. „Dafür arbeiten wir heute doppelt und dreifach mehr als vor fünfzehn Jahren! Man schleppt pro Schicht etwa fünf Tonnen Gepäck. Wir haben keine Möglichkeit mehr, uns vernünftig zu erholen. Wir rennen in der ganzen Schicht von einer Maschine zur nächsten, haben kein vernünftiges Equipment.“

Unter dieser wachsenden Arbeitshetze leide die Flugsicherheit. Sie hätten heute oftmals extrem kurze so genannte Turnaround-Zeiten, in denen das Flugzeug am Boden steht und alle Abfertigungstätigkeiten – Betanken, Be- und Entladung, Kontrolle und Reinigung – erledigt werden müssen, berichten die Arbeiter.

„Wir haben Turnaround-Zeiten von vierzig Minuten und stehen mit der Hälfte der Leute an den Maschinen“, sagt Karsten, und sein Kollege ergänzt: „Wir wollen die Maschinen endlich vernünftig abfertigen, mit ausreichendem Personal, mit Zeit zur Vorbereitung, mit Equipment, das funktioniert, und ein gutes Gewissen haben, dass die Passagiere gut behandelt werden und die Maschinen sicher ankommen.“

Die WSWS traf fünf jungen Frauen, die beim Check-in tätig sind. Keine von ihnen ist in der Gewerkschaft. Die Streiktage finanzieren sie mit dem Abbau von gesammelten Überstunden. Weil sie nur befristet angestellt sind und gegen Ende der Frist Angst haben müssen, wieder arbeitslos zu sein, haben wir ihre Namen geändert.

„Es kann nicht sein“, meinte Corinna, „dass man als junger Mensch, der zum ersten Mal in ein Arbeitsverhältnis geht, von einem befristeten Vertrag in den nächsten geschoben wird. Ich kann mein Leben gar nicht richtig planen.“ Viele Flughafenarbeiter müssten sogar mit Hartz IV aufstocken.

Selina berichtet von einer Kollegin, die als allein erziehende Mutter von ihrem Lohn als Leiharbeiterin nicht leben kann, obwohl sie 130 Stunden im Monat arbeitet, und zusätzlich aufstocken muss. „Dazu kommt die ständig wechselnde Arbeitszeit. Ein monatlicher Dienstplan verteilt die 130 Arbeitsstunden flexibel auf die Wochentage, wobei die tägliche Arbeitszeit zwischen 4:00 Uhr morgens und 22:30 schwanken kann.“

„Früher hieß es: Alle für Einen – und heute?“

Am Flughafen Schönefeld trafen wir Gerd Thiel, der seit dreißig Jahren auf dem Vorfeld arbeitet und inzwischen als sogenannte Ramp Agent für die Betankung und Beladung von Flugzeugen verantwortlich ist. Auch sein jüngerer Kollege Sven Schneider ist schon seit sechzehn Jahren Vorfeldarbeiter.

Gerd Thiel (links) und Sven Schneider (rechts)

Wie ihre Kollegen in Tegel beklagten sie sich über die extreme Aufspaltung der Arbeiter in befristet Beschäftigte, Leiharbeiter und ältere Festangestellte und die damit verbundene Zerstörung der Löhne, Arbeitsbedingungen und Sicherheitsstandards.

„Der große Wendepunkt war die Privatisierung für uns, mit der unsere Belegschaft zerstückelt wurde“, so Gerd Thiel. „Früher bei GlobeGround hieß es noch: Alle für Einen – und heute?“ bemerkte Stefan Schneider.

Kritisch bewerten die beiden Arbeiter vor allem die Rolle von Verdi. „Der Verkauf von GlobeGround 2008 und der Tarifvertrag 2010, mit dem unsere Löhne gesenkt wurden, hat die Glaubwürdigkeit von Verdi auf den Nullpunkt gebracht. Wir waren allesamt mit Verdi fertig. Verdi hatte keinen Mann mehr hier“, erklärte Gerd Thiel. Fast alle Beschäftigten der Bodendienste in Schönefeld seien damals aus der Gewerkschaft ausgetreten.

Verdi versuche jetzt, in der Belegschaft wieder Boden zu gewinnen, und habe offensichtlich auch ihr führendes Personal ausgetauscht. „Wir sind misstrauisch“, sagt Gerd Thiel, und er fügt schulterzuckend hinzu: „Was sollen wir machen, wir haben keine andere Organisation. Ich kann doch schlecht allein zum Chef gehen und ihn anschreien. Dann bist Du gleich raus.“

Auch Sven Schneider steht der Gewerkschaft äußerst kritisch gegenüber. Besonders schlecht zu sprechen ist er auf die Einführung des Flächentarifvertrags, der den früheren Tarif des öffentlichen Diensts abgelöst und massive Verschlechterungen vor allem für Neubeschäftigte eingeleitet hatte.

„Ich weiß noch, wie Holger Rößler [der damalige Verhandlungsführer und Aufsichtsratsmitglied] uns verkauft hat. Wir demonstrierten noch vor dem Flughafen-Eingang, da hatte die Verhandlungsleitung schon alles vorbereitet. Es war ein abgekartetes Spiel. Rößler hielt noch große Reden und wollte uns weißmachen, wie toll doch die letzte Lohnerhöhung sei. 0,89 Prozent wäre ein Riesenerfolg, sagte er.“

Als die WSWS darauf verweist, dass Arbeiter überall auf der Welt dieselben Probleme mit ihren alten Gewerkschaftsorganisationen haben, die Lohnsenkungen und Arbeitsplatzabbau unterstützen, um die „eigenen“ nationalen Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen, sind sich Gerd und Sven einig: „Wir müssen eigentlich weltweit gemeinsam streiken, um diese Entwicklung aufzuhalten.“

„Dann wäre ein solcher Streikbruch nicht möglich“, betont Gerd Thiel mit Blick auf einen Vorfall kurz vor dem Gespräch. Gerade eben hat die irische Fluggesellschaft Ryanair eigens Bodenpersonal aus Dublin eingeflogen und ein Flugzeug abfertigen lassen. „Unsere Leute hätten doch gleich die irischen Kollegen angesprochen, und sie hätten sich solidarisiert.“ Stattdessen würden die Arbeiter in Europa und weltweit gegeneinander ausgespielt. „So kommt es zu Lohndumping und moderner Sklaverei.“