Diese Woche in der Russischen Revolution

23.–29. Oktober: Zentralkomitee der Bolschewiki beschließt bewaffneten Aufstand

25. Oktober 2017

In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober trifft das bolschewistische Zentralkomitee die Entscheidung zum bewaffneten Aufstand. Auf der geheimen Sitzung, die die ganze Nacht dauert, gelingt es Lenin mit Trotzkis Unterstützung, die Mehrheit des Zentralkomitees dafür zu gewinnen.

23. (10.) Oktober: Bolschewistisches Zentralkomitee stimmt für bewaffneten Aufstand

Die erste Seite von Lenins handschriftlicher Resolution, vom ZK beschlossen am 23.Oktober

Dreizehn der 21 Mitglieder des bolschewistischen Zentralkomitees treffen um 22 Uhr an dem geheimen Tagungsort ein. Die Versammlung findet in der Wohnung des linken Menschewiken Nikolai Suchanow statt, der selbst nicht zu Hause ist, dessen Frau aber den Bolschewiki angehört.

Es ist seit Monaten das erste Zentralkomitee-Treffen, an dem Lenin teilnehmen kann. Lenin wird immer noch von der Provisorischen Regierung gesucht und erscheint in Verkleidung. Jakob Swerdlow hat die Versammlung einberufen und leitet sie.

Außer ihnen nehmen an dem Meeting teil: Leo Trotzki, Joseph Stalin, Grigori Sinowjew, Lew Kamenew, Felix Dserschinski, Alexandra Kollontai, Grigori Sokolnikow, Georgi Lomow, Andrej Bubnow, Moissei Urizki und Warwara Jakowlewa, die Protokoll führt.

Die Versammlung beginnt mit einem einstündigen Bericht Lenins, der für sofortiges Handeln plädiert.

In den zurückliegenden Wochen hat Lenin einen entschlossenen Kampf geführt, um das Zentralkomitee auf die bewaffnete Erhebung vorzubereiten. Er stößt auch jetzt noch auf den Widerstand des rechten Flügels, vertreten durch Sinowjew und Kamenew.

In der kurzen und unvollständigen protokollarischen Niederschrift der Sitzung heißt es:

Genosse Lenin konstatiert, dass seit Anfang September eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Frage des Aufstands zu beobachten ist. Indes können wir das nicht zulassen, wenn wir die Losung der Machtergreifung durch die Sowjets allen Ernstes aufstellen. Darum hätte man sich schon längst näher mit der technischen Seite der Frage befassen müssen … Die internationale Lage ist so, dass die Initiative bei uns liegen muss … Der Absentismus und die Gleichgültigkeit der Massen lassen sich damit erklären, dass die Massen der Worte und Resolutionen müde sind …

Auch die Agrarbewegung verläuft in derselben Richtung, denn es ist klar, dass Riesenkräfte notwendig wären, um diese Bewegung einzudämmen. Die Losung der Übergabe des gesamten Grund und Bodens ist zur allgemeinen Losung der Bauern geworden. Die politische Situation ist also reif. Es ist notwendig, von der technischen Seite zu sprechen. Das ist der Kern der ganzen Sache. Indes gibt es bei uns, wie bei den Vaterlandsverteidigern, die Neigung, die systematische Vorbereitung des Aufstands als eine Art politische Sünde zu betrachten. Es ist sinnlos, auf die Konstituierende Versammlung zu warten, die offenkundig nicht auf unserer Seite sein wird, denn das heißt unsere Aufgabe komplizieren.

Lenins Bericht folgt eine lange, intensive Diskussion, die bis zum nächsten Morgen dauert. Kamenew und Sinowjew sind nach wie vor gegen Lenins Aufruf zum Aufstand. Ihrer Meinung nach müsste die Partei eine „defensive Position“ einnehmen und sich darauf konzentrieren, eine möglichst große Delegation zur Konstituierenden Versammlung zu gewinnen. Für einen Aufstand ist es in ihren Augen noch zu früh. Damit provoziere man nur einen Angriff der Konterrevolution, der die Unterstützung der kleinbürgerlichen Demokratie gewinnen würde.

Abgesehen von den fortgesetzten Differenzen mit Sinowjew und Kamenew dreht sich die Diskussion der Zentralkomitee-Mitglieder jetzt weniger darum, ob man den Aufstand vorbereiten solle oder nicht, sondern mehr um das Wann und Wie. Im Gegensatz zu Lenin, der sicherstellen will, dass die Partei den richtigen Zeitpunkt für die Erhebung nicht verpasst, argumentiert Trotzki, der Aufstand solle von einem Gremium vorbereitet werden, das nicht der Partei angehört, und der Zeitplan solle so gewählt werden, dass der Zweite Allrussische Sowjetkongress, der Anfang November stattfinden wird, ihn sanktionieren könne.

Zum Schluss nimmt die überwältigende Mehrheit des Zentralkomitees Lenins Resolutionsvorschlag mit zehn zu zwei Stimmen an, wobei die zwei Gegenstimmen von Kamenew und Sinowjew stammen.

Die historische Resolution lautet:

Das Zentralkomitee stellt fest, dass sowohl die internationale Lage der russischen Revolution (der Aufstand in der deutschen Flotte als höchster Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa, ferner die Gefahr eines Friedens der Imperialisten mit dem Ziel, die Revolution in Russland zu erdrosseln) als auch die militärische Lage (der nicht zu bezweifelnde Entschluss der russischen Bourgeoisie sowie Kerenskis und Co., Petrograd den Deutschen auszuliefern) und die Eroberung der Mehrheit in den Sowjets durch die proletarische Partei – dass all dies im Zusammenhang mit dem Bauernaufstand und mit der Tatsache, dass sich das Vertrauen des Volkes unserer Partei zugewandt hat (die Wahlen in Moskau), und endlich die offenkundige Vorbereitung eines zweiten Kornilow-Putsches (Abtransport von Truppen aus Petrograd, Zusammenziehung von Kosaken bei Petrograd, Umzingelung von Minsk durch Kosaken usw.) – dass all dies den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzt.

Das Zentralkomitee stellt somit fest, dass der bewaffnete Aufstand unumgänglich und völlig herangereift ist, und fordert alle Parteiorganisationen auf, sich hiervon leiten zu lassen und von diesem Gesichtspunkt aus alle praktischen Fragen zu behandeln und zu entscheiden (Sowjetkongress des Nordgebiets, Abtransport von Truppen aus Petrograd, die Aktionen der Moskauer und der Minsker usw.).

Allerdings wird kein konkretes Datum für den Aufstand festgelegt. Aber das Zentralkomitee bildet ein Politisches Büro (Politbüro), das aus Lenin, Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Stalin, Bubnow und Sokolnikow besteht und das ausdrücklich damit beauftragt ist, den Aufstand zu führen.

Italienisch-österreichische Front, 24. Oktober: Schlacht von Caporetto führt zum Zusammenbruch der italienischen Armee und Regierung

Italienische Kriegsgefangene nach der Schlacht von Caporetto

Um 2 Uhr früh eröffnen österreichische und deutsche Truppen die Schlacht von Caporetto (auch bekannt als Schlacht von Karfreit, heute Kobarid) mit heftigem Giftgas-Beschuss. Die italienische Armee bricht regelrecht in sich zusammen. Zwei Tage später stürzt die Regierung von Paolo Boselli.

Der Angriff macht im Lauf des Tages große Fortschritte. Die beiden Mittelmächte arbeiten zusammen, um Italien außer Gefecht zu setzen. Einige österreichisch-ungarische und deutsche Truppen rücken 25 Kilometer vor. Viele italienische Soldaten, die die Front halten sollen, fliehen, andere werden getötet oder durch heftiges Artilleriefeuer zurückgedrängt. Von sechs bis acht Uhr morgens detonieren starke Minen.

Die Niederlage verschärft die Krise der italienischen Armee. Etwa 265.000 italienische Soldaten werden gefangengenommen. Viele von ihnen sind demoralisiert und nicht mehr zum Kämpfen bereit. Dazu trägt auch die strenge Disziplin bei, die der Oberkommandierende der Armee, General Luigi Cadorna durchsetzt.

Die herrschenden Kreise Italiens sind äußerst besorgt über den zunehmenden Einfluss des Bolschewismus unter den Truppen. In Briefen an Premierminister Vittorio Emanuele Orlando betont Cadorna die Notwendigkeit, die „Defätisten“ zu unterdrücken. Damit spielt er direkt auf diejenigen an, die von Lenins Programm beeinflusst sind und den Krieg nicht weiterführen wollen. Der republikanische Politiker Napoleone Colajanni versucht, die sozialistische Opposition gegen Krieg zu diskreditieren, indem er sie mit Unterstützung für Deutschland gleichsetzt. Er schreibt: „Das Handeln der russischen Revolutionäre führt zum Sieg der deutschen Armeen, nicht zu ihrer Niederlage.“ Vittorio Emanuele verhängt eine strikte Pressezensur, weil er fürchtet, dass die Nachricht über die Niederlage die Anti-Kriegsstimmung in der Armee und in der gesamten Bevölkerung verstärkt.

Die Schlacht endet für die Italiener mit einer katastrophalen Niederlage. 10.000 Soldaten sterben, 30.000 werden verwundet. Die italienischen Truppen ziehen sich über den Fluss Tagliamento zurück und werden von österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen verfolgt. Anfang November nehmen sie neue Positionen in der Nähe des Piave ein. Berichten zufolge soll die italienische Regierung sogar erwogen haben, sich nach Neapel zurückzuziehen, weil sie weitere Angriffe fürchtet. Ihre Armee wird nur dadurch vor der völligen Vernichtung bewahrt, dass Großbritannien und Frankreich über 200.000 Mann Verstärkung schicken. Deren Hauptaufgabe ist allerdings nicht, zu kämpfen, sondern die Auflösung der italienischen Armee zu verhindern.

Obwohl die österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen in dieser Schlacht einen Sieg erringen, sind sie in einer kaum besseren Lage. Ihr Vorrücken konfrontiert sie sofort mit dem Problem schwacher Nachschublinien. Schon vorher war der Nachschub an Lebensmitteln und anderen notwendigen Dingen prekär. Die österreichisch-ungarischen und deutschen Kräfte erleiden in der Schlacht ca. 70.000 Verluste und Kriegsgefangene.

Die Schlacht, auch als zwölfte Isonzoschlacht bekannt, bringt einen zweijährigen Kriegsabschnitt mit wechselnden Erfolgen und wenig Geländegewinn zum Abschluss. In diesem bergigen Gebiet sind auf beiden Seiten der Front hunderttausende Soldaten hingeschlachtet worden.

25. (12.) Oktober: Das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets unterstützt das Militärische Revolutionskomitee

Der linke Sozialrevolutionär Pawel Lasimir, Leiter der Soldatenabteilung des Petrograder Sowjets, jetzt Vorsitzender des Militärischen Revolutionskomitees. Er stirbt 1920.

Der Petrograder Sowjet unterstützt die Pläne, ein Militärisches Revolutionskomitee nach Leitlinien zu gründen, die es zum Instrument des Aufstands machen. Der Plan stammt vom linken Sozialrevolutionären Pawel Lasimir, der – wie viele linke Sozialrevolutionäre – stark mit den Bolschewiki sympathisiert.

Am 22. Oktober haben die Menschewiki und Sozialrevolutionäre das „Verteidigungskomitee“ als Instrument vorgeschlagen, um der Provisorischen Regierung bei der Verteidigung der Stadt gegen den drohenden deutschen Ansturm beizustehen. Jetzt ist das Komitee im Begriff, sich in das zentrale Werkzeug zum Sturz der Provisorischen Regierung zu verwandeln.

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sind über die Leitlinien bestürzt und sprachlos. Der linke Menschewik Suchanow wird später kommentieren: „Hier wurde eines gesprochen und ein anderes gemeint.“ Tatsächlich sehen die Leitsätze des Komitees vor, dass ihm Verteidigungs-, Ausrüstungs-, Verbindungs- und Informations-Abteilungen angeschlossen werden, die unter seiner Kontrolle arbeiten. Anders ausgedrückt, wird das Komitee, ein vom Petrograder Sowjet sanktioniertes überparteiliches Gremium, in ein Gegen-Hauptquartier oder in den Kern einer neuen Regierung verwandelt. Ein zentrales Ziel für die Arbeit des Komitees besteht darin, die Kampffähigkeit der Petrograder Garnison zu heben – nicht zur Verteidigung der Provisorischen Regierung, sondern für das genaue Gegenteil. Trotzki wird später in seiner „Geschichte der Russischen Revolution“ darüber schreiben:

In ohnmächtiger Wut erkannten die Menschewiki, dass der von ihnen zu patriotischen Zwecken aufgestellte Gedanke sich in eine Deckung des in Vorbereitung befindlichen Aufstandes verwandelte. Die Maskierung war nichts weniger als undurchsichtig: Alle erkannten klar, um was es sich handelte, doch gleichzeitig blieb sie unangreifbar: hatten doch die Versöhnler früher das gleiche Verfahren angewandt, indem sie in kritischen Momenten die Garnison um sich gruppierten und parallel zu den Staatsorganen Machtorgane schufen. Die Bolschewiki folgten gewissermaßen bloß den Traditionen der Doppelherrschaft. Doch trugen sie in die alten Formen neuen Inhalt hinein. Was früher der Verständigung diente, führte jetzt zum Bürgerkrieg. Die Menschewiki verlangten, ins Protokoll aufzunehmen, dass sie gegen das ganze Unternehmen seien. Dieser platonischen Bitte wurde entsprochen.

Das Militärische Revolutionskomitee von Petrograd wird als Vorbild für Dutzende ähnlicher Revolutionskomitees dienen, die in den nächsten Tagen in andern Städten und Regionen gegründet werden, und es wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Arbeitermacht auf das ganze Land auszudehnen.

26. (13.) Oktober: Die Soldatensektion des Petrograder Sowjets befasst sich mit dem Militärischen Revolutionskomitee

Pawel Dybenko, Matrose und Vorsitzender der zentralbaltischen Flotte

Besonders bezeichnend für die scharfe Linkswende in Russland ist, dass sich schließlich die Soldatensektion des Petrograder Sowjets für den Aufbau des Militärischen Revolutionskomitees ausspricht. Monatelang war die Soldatensektion eine Hochburg der Menschewiki und Sozialrevolutionäre gewesen.

Der Matrose Pawel Dybenko von der zentralbaltischen Flotte (Zentrobalt) hält eine Rede, in der er die zunehmend revolutionäre Stimmung unter breiten Schichten der Soldaten und Matrosen schildert. Bei Trotzki heißt es über diese Rede:

Dybenko berichtete vom endgültigen Bruch der Flotte mit der Regierung und von den neuen Beziehungen zum Kommando. Vor Beginn der letzten Seeoperationen hatte sich der Admiral an den in jenen Tagen stattfindenden Kongress der Seeleute mit der Anfrage gewandt: Werden Kampfbefehle ausgeführt werden? „Wir antworteten: Sie werden es – unter unserer Kontrolle. Aber … sollten wir erkennen, dass der Flotte Untergang droht, dann wird der Kommandierende als erster an einem Mast aufgehängt werden.“ Für die Petrograder Garnison war dies eine neue Sprache. Sie war auch in der Flotte erst in den allerletzten Tagen zur Anwendung gekommen. Es war die Sprache des Aufstands. Ein Häuflein Menschewiki knurrte verwirrt in einem Winkel. Das Präsidium betrachtete nicht ohne Besorgnis die kompakte Masse der grauen Uniformen. Nicht eine Proteststimme aus den ganzen Reihen! Die Augen brennen in erregten Gesichtern. Ein Geist der Verwegenheit weht über der Versammlung.

Von der allgemeinen Sympathie angefeuert, erklärte Dybenko zum Schluss mit sicherer Stimme: „Man spricht von der Notwendigkeit, die Petrograder Garnison zum Schutze der Zugänge Petrograds, im besonderen Revals, zu versetzen. Glaubt dem nicht. Reval werden wir selbst verteidigen. Bleibt hier und verteidigt die Interessen der Revolution … Wenn wir eure Hilfe brauchen sollten, werden wir es euch selbst sagen, und ich bin überzeugt, dass ihr uns unterstützen werdet.“ Dieser Appell, den die Soldaten so gut begriffen, rief einen Sturm echter Begeisterung hervor, in dem die Proteste einzelner Menschewiki spurlos untergingen. Die Frage der Versetzung der Regimenter konnte man von nun an als entschieden betrachten.

Die Soldatensektion des Sowjets stimmt wenige Tage später, am 29. (16.) Oktober, dem Plan zur Schaffung des Militärischen Revolutionskomitees offiziell zu.

Irland, 25.–26. Oktober: Parteitag von Sinn Fein beschließt neue Satzung

Cathal Brugha auf einer Postkarte zu seinem Todestag

Die irisch-nationalistische Sinn Fein beschließt auf ihrem Ard Fheis (Parteitag) neue politische Ziele. Die Delegierten stimmen einer Formulierung zu, die den republikanischen Flügel der Partei mit der traditionellen Fraktion unter ihrem Gründer Arthur Griffith versöhnen soll. Dieser hat die Partei 1905 gegründet und strebt seitdem eine Art britisch-irische Doppelmonarchie nach dem Muster des österreichisch-ungarischen Reiches an.

Republikaner wie Cathal Brugha und Michael Collins verlangen eine ausdrückliche Verpflichtung auf eine republikanische Regierung. Das würde bedeuten, dass Sinn Fein, obwohl sie als Organisation nicht am Osteraufstand von 1916 teilgenommen hat, das Programm der Rebellen übernimmt. Die Republikaner sind seit dem Aufstand stärker geworden. Es entstehen Freiheitsclubs, und die Irischen Freiwilligen (Irish Volunteers) werden stärker.

Als Republikaner unter Führung von Brugha die Konferenz zu verlassen drohen, schlägt Eamon de Valera einen Kompromiss vor. De Valera hat bei dem Aufstand die Funktion eines Kommandanten innegehabt. Sein Vorschlag wird am Ende einstimmig von der Konferenz angenommen. Der Beschluss verpflichtet die Partei, „für die internationale Anerkennung Irlands als einer unabhängigen irischen Republik zu kämpfen“. „Wenn dieser Status erreicht ist, soll das irische Volk seine Regierungsform in einem Referendum frei wählen.“ Um diese Ziele zu erreichen, kommt der Parteitag überein, dem britischen Parlament und der britischen Krone oder anderen ausländischen Regierungen das Recht zu verweigern, Gesetze für Irland zu erlassen. „Wir werden jedes Mittel einsetzen, um England daran zu hindern, Irland in Unterwerfung zu halten, sei es mit militärischer Gewalt oder anderen Mitteln.“

Der genannte bewaffnete Kampf soll von der Irish Republican Army geführt werden. Brugha wird in diesem Monat auch zum Chef der IRA ernannt.

Sinn Fein und irische nationalistische Gruppen erleben in dieser Zeit einen großen Aufschwung. Gleichzeitig nehmen auch die Kämpfe der Arbeiterklasse zu. Immer wieder finden Massenstreiks statt, und irische Arbeiter verfolgen intensiv die Entwicklung in Russland. Als die Nachrichten über die Machteroberung der Bolschewiki eintreffen, werden sie in Dublin von einer Massenversammlung von 10.000 Menschen begrüßt.

Die führende Rolle der Nationalisten ist in erster Linie dem Versagen der Labour Party und anderer Arbeiterorganisationen geschuldet, dem irischen Nationalismus eine klare Alternative entgegenzustellen. In Irland haben James Conolly und seine Verbündeten in den Gewerkschaften die Labour Party vor dem Krieg gegründet. Labour passt sich an den irischen Nationalismus an und erlaubt es Sinn Fein, nach 1916 die Massenopposition gegen die britische Herrschaft zu dominieren. Durch den Verrat der Zweiten Internationale isoliert, hat Connolly den Nationalisten vor dem Aufstand Zugeständnisse gemacht. Nach seiner Hinrichtung durch die Briten nach dem Aufstand haben seine Nachfolger diese Politik noch verstärkt. Das findet seinen Höhepunkt in der katastrophalen Entscheidung, für die Parlamentswahl von 1918 keine Labour-Kandidaten aufzustellen. Dadurch ist der Weg frei für die Nationalisten der Sinn Fein, ihre Unterstützung in der Bevölkerung auszubauen.

29. (16.) Oktober: Erweitertes Zentralkomitee bestätigt Resolution über bewaffneten Aufstand

Kamenew (links) und Sinowjew, alte Bolschewiki und enge Mitarbeiter Lenins, jetzt Gegner des Aufstands

Das Zentralkomitee trifft sich mit Vertretern der bolschewistischen Militärorganisation und dem Petersburger Komitee, um die letzten Differenzen über den bewaffneten Aufstand auszuräumen, der in der ZK-Resolution vom 23. (10.) Oktober beschlossen wurde, und um konkrete Pläne für die Erhebung zu schmieden.

Gegen den Widerstand, den Lew Kamenew und Grigori Sinowjew dem Plan eines bewaffneten Aufstands der Arbeiterklasse unter Führung der Bolschewiki immer noch entgegensetzen, insistiert Lenin in seinem Eröffnungsbericht:

Von Stimmungen der Massen auszugehen ist unmöglich, denn diese Stimmungen sind veränderlich und unberechenbar; wir müssen ausgehen von der objektiven Analyse und Einschätzung der Revolution. Die Massen haben den Bolschewiki ihr Vertrauen geschenkt und fordern von ihnen nicht Worte, sondern Taten, eine entschiedene Politik, sowohl im Kampfe gegen den Krieg wie im Kampfe gegen die wirtschaftliche Zerrüttung. Nimmt man die politische Analyse der Revolution zum Ausgangspunkt, so wird vollkommen klar, dass heute sogar die anarchischen Aktionen das bestätigen.

Jakob Swerdlow berichtet über ein enormes Anwachsen der Partei auf jetzt etwa 400.000 Mitglieder. Weiter berichtet Swerdlow über die Mobilisierung der konterrevolutionären Kräfte in der Donezker Region, in Minsk und an der Nordfront.

Bokii und Krylenko, die Vertreter des Petersburger Komitees und der Militärorganisation, schätzen die Stimmung der Arbeiter und Soldaten in den Schlüsselbezirken und Garnisonen Petrograds unterschiedlich ein. Krylenko bringt die ultralinken Tendenzen zum Ausdruck, die in der Bolschewistischen Militärorganisation immer noch vorherrschen. Er argumentiert, die Soldaten seien „wie ein Mann mit uns“, und schätzt die technischen Aspekte der Aufstandsvorbereitung als unbedeutend ein.

Kamenew und Sinowjew argumentieren erneut gegen eine bewaffnete Erhebung und drängen das Zentralkomitee, die Resolution vom 23. Oktober zurückzuziehen.

Sinowjew warnt vor einer Haltung, „die uns komplett isoliert“. Kamenew unterstützt ihn und argumentiert: „Wir haben keinen Apparat für einen Aufstand; unsere Feinde haben einen ziemlich starken Apparat, und er ist wahrscheinlich in diesen Wochen noch stärker geworden … Die Resolution hat einzig und allein bewirkt, dass man der Regierung erlaubte, sich zu organisieren … Unsere Kräfte sind nicht ausreichend, um siegreich aus einem Aufstand hervorzugehen, sie reichen aber aus, um eine extreme Reaktion zu verhindern. Es gibt hier zwei widerstreitende Taktiken: die Taktik der Verschwörung und die Taktik des Vertrauens in die Triebkräfte der russischen Revolution.“

Gegen ihre Argumente treten mehrere Zentralkomiteemitglieder auf, darunter der ukrainische Bolschewik Mikola Skrypnik, der laut Protokoll erklärt: „Wenn wir jetzt keine ausreichende Stärke haben, dann werden wir sie auch später nicht haben. Wenn wir die Macht nicht halten können, wird es später noch viel schlimmer sein.“ Es gebe keine Garantie für einen Sieg, fährt Skrypnik fort, aber Kamenew und Sinowjew „wiederholen, was die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sagten, als man ihnen die Macht anbot. Wir reden zu viel, wenn Handeln nötig wäre. Die Massen erwarten es von uns. Wenn wir ihnen nichts geben, werden sie das als ein Verbrechen betrachten. Es ist jetzt nötig, sich auf einen Aufstand vorzubereiten und an die Massen zu appellieren.“

Gegen Ende der Versammlung argumentiert Lenin laut Mitschrift: „Wenn der Aufstand politisch unausweichlich ist, so muss man den Aufstand als eine Kunst betrachten. Und politisch ist er schon herangereift. Gerade weil das Brot nur für den Tag reicht, können wir nicht auf die Konstituierende Versammlung warten. Lenin beantragt, die Resolution zu bestätigen, sich entschieden an die Vorbereitungen zu machen und die Bestimmung des Zeitpunkts dem ZK und dem Sowjet zu überlassen.“

Zum Ende der Versammlung nimmt das Zentralkomitee Lenins Resolution mit 20 Stimmen an und bestätigt die Notwendigkeit, sich auf einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten. Kamenew und Sinowjew stimmen gegen die Resolution, und drei weitere Mitglieder enthalten sich.

Das Komitee wählt dann ein „Militär-Revolutionäres Zentrum“, bestehend aus Swerdlow, Stalin, Bubnow, Urizki und Dserschinski. Dieses Zentrum ist dazu bestimmt, „Teil des Revolutionären Sowjetkomitees“ zu werden, das der Petrograder Sowjet gegründet hat. Dabei geht das Zentralkomitee zum ersten Mal davon aus, dass das Militärische Revolutionskomitee das wichtigste Instrument zur Machteroberung sein wird – was auch tatsächlich zutrifft.

(Protokoll zitiert nach Michael C. Hickey: „Competing Voices from the Russian Revolution“ von 2010 (S. 427–439, aus dem Englischen), sowie aus: Lenin Werke, Bd. 26, S. 179, 181)

Petrograd, 29. Oktober–1. November (16.–19. Oktober): Arbeiterbildungs- und Kulturorganisationen gründen später als Proletkult bekanntgewordene Bewegung

Anatoli Lunatscharski

Alle proletarischen Bildungsorganisationen in Petrograd nehmen an einer Konferenz teil, um erst in der Stadt, später in ganz Russland eine zentralisierte Kulturorganisation für Arbeiter zu gründen.

Der Bolschewist Anatoli Lunatscharski arbeitet seit einiger Zeit daran, eine solche Konferenz zu organisieren. Im August hat er vor einer Versammlung von Fabrikkomitees zu kulturellen Fragen gesprochen. Der Historikerin Lynn Mally zufolge hat er sich „gegen Standpunkte gewandt, die Kultur als ein Dessert, als eine Leckerei betrachten, an der man sich erfreut, wenn die politische Lage stabil ist“.

Auf der Konferenz, die in Petrograd in der Stadtduma stattfindet, kommen über 200 Arbeiter und Intellektuelle zusammen, um über die Rolle der Künste und der Bildung in der Arbeiterbewegung zu diskutieren. Lunatscharski führt den Vorsitz. Ihm zur Seite stehen Fedor Kalinin (der jüngere Bruder von Michail Kalinin, ein ehemaliger Weber, der die Gewerkschaften vertritt) sowie zwei bolschewistische Organisatoren: das langjährige Parteimitglied Konkordija Samoilowa und der alte Bolschewik, Journalist und Historiker Juri Steklow.

Das Publikum ist über die Frage der „vergangenen Kultur“ gespalten und diskutiert, ob sie dem Proletariat nützlich sein könne. Lunatscharski unterstützt die Idee einer „proletarischen Kultur“, aber er weist Arbeiter darauf hin, dass sie von der Kultur der Vergangenheit viel lernen können.

In der Resolution, die verabschiedet wird, heißt es: „In Wissenschaft und Kunst wird das Proletariat seine eigenen, unabhängigen Formen entwickeln, aber es muss dabei alle kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit und der Gegenwart nutzen.“

Alexander Bogdanow, Begründer der utopisch–idealistischen Konzeptionen der „proletarischen Kultur“ und damit verbundener Ideen und langjähriger Mentor Lunatscharskis, ist nicht anwesend. Er wird im Februar 1918 eine vergleichbare Versammlung in Moskau organisieren.