Die Boeing-Katastrophen: 346 weitere Opfer des Kapitalismus

22. März 2019

Nach zwei tödlichen Flugzeugabstürzen, bei denen 346 Menschen ums Leben kamen, ist klar geworden, dass die Führungskräfte des Luft- und Raumfahrtkonzerns Boeing mit Duldung der amerikanischen Bundesregierung immer wieder grundlegende Sicherheitsaspekte dem Profit untergeordnet haben.

Die erste Katastrophe ereignete sich am 29. Oktober 2018, als eine von der indonesischen Billigfluglinie Lion Air betriebene Boeing 737 Max 8 nur dreizehn Minuten nach dem Start in Jakarta abstürzte und 189 Menschen in den Tod riss. Bloomberg berichtete diese Woche, dass das gleiche Flugzeug schon einen Tag vorher nur knapp einer Katastrophe entgangen war. Das geschah unter ganz ähnlichen Bedingungen im Flugzeug. Zum Glück war zufällig ein dritter Pilot in der Maschine, dessen Eingreifen letztlich einen Unfall vermeiden konnte.

Weniger als fünf Monate später, am 10. März 2019, stürzte Flug 302 der Ethiopian Airlines etwa sechs Minuten nach dem Start in Addis Abeba ab und tötete weitere 157 Männer, Frauen und Kinder.

Ab dem 11. März wurde weltweit ein Startverbot für die 737 Max 8 mit dem Hinweis auf starke Sicherheitsbedenken verhängt. Die Vereinigten Staaten waren der letzte Verweigerer, aber auch sie mussten das Flugzeug am 13. März stilllegen.

„Boeing stand bei der Entwicklung der 737 Max 8 offensichtlich unter einem starken Wettbewerbsdruck, das neue Flugzeug so schnell wie möglich auf den Markt zu bringen“, schrieb Kapitän 'Sully' Sullenberger diese Woche in einer Kolumne in MarketWatch. Sullenberger ist der Pilot, der 2009 einen Airbus A320 sicher auf dem Hudson River gelandet hatte. Er ist auch ein führender Flugsicherheitsexperte.

„Als die Testflüge ergaben, das die Maschine ein Problem mit der Erfüllung der Zertifizierungsstandards hatte, entwickelte das Unternehmen eine Lösung … die jedoch den Piloten nicht mitgeteilt wurde. Durch die Minderung eines Risikos scheint Boeing ein anderes, größeres Risiko geschaffen zu haben“, schrieb Sullenberger.

Er fügte hinzu: „Nach dem Absturz von Lion Air 610 im vergangenen Oktober war es offensichtlich, dass dieses neue Risiko wirksam angegangen werden musste.“ Aber anstatt das Flugzeug zu stoppen und das Problem sofort zu beheben, tat Boeing alles, was in seiner Macht stand, um das tödliche Manko zu kaschieren und die Maschine fliegen zu lassen.

Mit anderen Worten, die Führungskräfte von Boeing haben offensichtlich leichtsinnig und fahrlässig gehandelt und zum Tod von 346 Menschen beigetragen.

Sullenberger schloss: „Wie berichtet wurde, versuchte Boeing in den Gesprächen mit der FAA (Federal Aviation Administration) das Ausmaß der erforderlichen Änderungen kleinzureden. Nach dem Absturz von Ethiopian 302 wandte sich der Vorstandschef von Boeing sogar an den US-Präsidenten, um zu verhindern, dass die 737 Max 8 in den USA am Boden bleiben musste.“

Die FAA und auch die Trump-Administration waren mehr als bereit, sich für das Unternehmen einzusetzen.

Die enge Verzahnung zwischen der Luftfahrtindustrie und der Behörde, die sie überwachen muss, ist gut dokumentiert. 2005 führte die FAA ein neues Programm ein, bei dem die Flugzeughersteller ihre eigenen Mitarbeiter als „Entwickler“ in der FAA platzieren konnten, die für die Zertifizierung der Sicherheit ihrer Verkehrsflugzeuge zuständig ist. Seitdem gibt es praktisch keine unabhängige Aufsicht mehr über die Sicherheit neuer Zivilflugzeuge, die bei Boeing oder anderswo gebaut werden.

Während des Rollouts der 737 Max 8 empfahl Boeing den Piloten, alles Wissenswerte über das Fliegen des neuen Flugzeugtyps aus einer 56-minütigen Präsentation auf einem iPad und einem 13-seitigen Handbuch zu entnehmen. Die FAA und die Pilotengewerkschaft genehmigten beide Texte, obwohl die Materialien keine Informationen über das System enthielten, das wahrscheinlich für die Abstürze verantwortlich ist, nämlich das System für die Stärkung der Manövriercharakteristika (MCAS).

Mehrere US-Beamte sind eng mit der Luftfahrtindustrie verbunden. FAA-Vizechef Dan Elwell war früher eine Führungskraft von American Airlines. Der neue Kandidat von US-Präsident Donald Trump für den Chef-Posten bei der FAA, Stephen Dickson, ist ein ehemaliger Delta-Vorstand.

Boeing ist auch eine führende Waffenschmiede mit weitverzweigten Verbindungen zum militärischen Nachrichtendienst. Patrick Shanahan, der stellvertretende Verteidigungsminister, arbeitete dreißig Jahre lang für Boeing. Darüber hinaus ist die derzeitige Verkehrsministerin, Elaine Chao, die Frau von Mitch McConnell, der von Boeing Hunderttausende Dollar an Wahlkampfspenden erhalten hat.

Auch ist Boeing ein wichtiger Player im Handelskrieg der US-Finanzelite um die Kontrolle der globalen Märkte. Seit dem Beginn der Vermarktung der 737 Max 8er Serie im Jahr 2017 hat der Verkauf von nur 350 Exemplaren (von über 5.000 Bestellungen, die Boeing erhalten hat) 50 Prozent zum Gewinn des Unternehmens beigetragen. Boeing selbst behauptet seinen Status als fünftgrößter Waffenproduzent der Welt und ist derzeit der größte US-Exporteur.

Der Aktienkurs von Boeing hat sich seit der Wahl von Donald Trump und seit seiner Ankündigung weiterer Deregulierungen mehr als verdreifacht und ist damit die am höchsten eingepreiste Aktie im Dow Jones Industrial Average. Das Unternehmen ist für mehr als 30 Prozent des Anstiegs des Dow seit November 2016 verantwortlich.

Die vermeidbaren tragischen Todesfälle von fast 350 Menschen zeigen bestimmte Realitäten des heutigen sozialen und politischen Lebens. Das kapitalistische System basiert auf der Maximierung des Gewinns der Aktionäre, nicht auf der Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft. Wenn die Gefährdung des Lebens von Hunderten von Menschen zu höheren Gewinnen führt, gilt ein solches Risiko offenbar als zumutbar.

Die Regierungen ihrerseits dienen dem Schutz der Unternehmensinteressen. Das zeigt sich schon in den Bemühungen von Trumps Weißem Haus um den größten US-Exporteur, wie auch im wiederholten Einschreiten der FAA zur Vertuschung mehrerer katastrophaler Abstürze von Boeing.

Diese Katastrophen verdeutlichen die Notwendigkeit, die Luftfahrtindustrie zu enteignen und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse zu stellen, damit der Flugverkehr in Einklang mit den menschlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen gebracht werden kann.

Die jüngsten technologischen Fortschritte im Luftverkehr sind unbestreitbar. Diese Technologie muss von den Fesseln der Riesenunternehmen und des kapitalistischen Systems als Ganzem befreit werden. Das erfordert die Verstaatlichung der großen Fluggesellschaften und Luft- und Raumfahrtunternehmen und ihre Umwandlung in öffentliche und demokratisch kontrollierte Versorgungsunternehmen, um soziale Bedürfnisse, und nicht private Profitinteressen, zu befriedigen.

Bryan Dyne