Konferenz auf Kuba strickt Trotzki für die Politik des bürgerlichen Nationalismus zurecht

Von Bill Van Auken
11. Juli 2019

Vom 6. bis 8. Mai fand in der kubanischen Hauptstadt Havanna eine Konferenz unter dem Titel „International Academic Event Leon Trotsky“ statt.

Leo Trotzki

Gerade in Kuba ist eine Konferenz zu diesem Thema zweifellos ein wichtiges Ereignis, schließlich haben die regierende Kommunistische Partei Kubas, die die bürgerlich-nationalistische Regierung des Landes stellt, und an deren Spitze lange Zeit Fidel Castro und sein Bruder Raul standen, den Trotzkismus unterdrückt und die Verbrechen der Moskauer stalinistischen Bürokratie gegen den Mitführer der russischen Revolution und Gründer der Vierten Internationale gerechtfertigt.

Die kubanischen Trotzkisten wurden von der Castro-Führung gnadenlos verfolgt. Ihre Mitglieder landeten im Gefängnis, und ihre Presse wurde verboten.

Ramon Mercader, Trotzkis Mörder, mit Ramon Castro, Fidels älterem Bruder, in Kuba

Als der Mörder Leo Trotzkis, Ramon Mercader, ein Agent der sowjetischen Geheimpolizei GPU, 1960 nach seiner Haft in Mexiko auf freien Fuß kam, flog er umgehend nach Kuba, wo ihn Che Guevara am Flughafen empfing und Fidel Castro ihn herzlich willkommen hieß. Regelmäßig verkehrte er zwischen Moskau und Havanna, wo er 1978 starb.

In den 1960er Jahren war seine Mutter Caridad Mercader, die bei der Organisierung des Mordes an Trotzki eine wichtige Rolle spielte, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit an der kubanischen Botschaft in Paris.

Mercader in Havanna

1966 hielt Fidel Castro eine Rede vor dem Tricontinental Congress in Havanna, in der er den Trotzkismus in der Sprache der Moskauer Prozesse auf bösartige Weise als „abstoßend“ und „ekelerregend“ und als „gemeines Instrument des Imperialismus und der Reaktion“ angriff.

Trotz oder vielleicht gerade wegen des offiziellen Feldzugs des Castro-Regimes gegen den Trotzkismus ist die kubanische Bevölkerung am Leben und Vermächtnis von Leo Trotzki sehr interessiert. Das zeigte sich an der Popularität des 2009 erschienenen Romans Der Mann, der Hunde liebte des kubanischen Autors Leonardo Padura, der von der Ermordung Trotzkis handelt. Ein Besuch im Trotzki-Museum in Mexiko-Stadt, bei dem er auch den Raum besichtigte, in dem Trotzki ermordet wurde, hatte Padura zu seinem Buch inspiriert. Zurück in Kuba, habe er in der Staatsbibliothek nur zwei Bücher über den revolutionären Führer gefunden: Der Renegat Trotzki und Der Verräter Trotzki, berichtete der Autor.

Bei der Tricontinental Conference 1966 verurteilt Castro den Trotzkismus

Die Wahrheit über die Rolle Trotzkis und des Trotzkismus bei der Wahrung der Kontinuität des Kampfes für den sozialistischen Internationalismus wäre in Kuba natürlich von gewaltiger politischer Bedeutung. Die kubanische Arbeiterklasse steht einer sich verschärfenden sozialen und wirtschaftlichen Krise gegenüber, hervorgerufen vom unnachgiebigen Druck des Imperialismus auf den Inselstaat, und wachsender sozialer Ungleichheit, erzeugt von dem Versuch der kubanischen Regierung, ihre Herrschaft durch Geschäfte mit dem ausländischen Kapital zu festigen.

Doch darüber wollten die Organisatoren der Konferenz nicht sprechen. Die von den kubanischen Behörden genehmigte Gästeliste und das Thema der Konferenz zeugten davon, dass sie die Klärung von politischen Fragen um jeden Preis verhindern wollten. Im Interesse der Regierung verbargen sie den beständigen Rechtsruck der herrschenden Schicht unter einem harmlosen links-akademischen Deckmäntelchen.

Der Charakter der Konferenz war bestimmt davon, wer eingeladen war und wem die Teilnahme verwehrt wurde.

Die Pseudolinken und pablistischen Revisionisten, die nach Havanna gekarrt wurden, um Vorträge zu halten, wollten vor allem eines: Den revolutionären Gehalt des Trotzkismus unterdrücken und Trotzkis historische Rolle im Sinne der Interessen der herrschenden Elite Kubas darzustellen.

Die Anwesenden stellten sich als Wissenschaftler vor, indem sie entweder ihre Positionen an ihren Fakultäten nannten oder sich als unabhängige Forschende gaben. Praktisch alle von ihnen gründen sich politisch auf jene, die 1963 von der trotzkistischen Bewegung brachen, um vor dem kleinbürgerlichen Nationalismus und dem Stalinismus zu kapitulieren, während sie gleichzeitig alles daran setzten, die Vierte Internationale auf der ganzen Welt zu liquidieren.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale wird ausgeschlossen

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale, das den Kampf gegen den Pablismus angeführt hat, wurde aus fadenscheinigen Gründen von der Konferenz ausgeschlossen. Man teilte uns mit, wir dürften weder ein Referat halten noch überhaupt an der Konferenz teilnehmen. Die Zulassung des IK würde bedeuten, dass „weniger Kubaner teilnehmen [könnten], für die die Veranstaltung gedacht ist.“

Gegen Ende der Konferenz mussten die Organisatoren schließlich einräumen, dass nur eine Handvoll Kubaner die Konferenz besuchten, unter ihnen auch von der Regierung beauftragte „Aufpasser“, um sicherzustellen, dass die Konferenz sich nicht mit unerwünschten Themen beschäftige.

Die kubanische Regierung entschied sehr bewusst, wen sie einlud und wen sie ausschloss. Sie war sich völlig im Klaren darüber, dass Vertreter des IKVI, wären sie eingeladen worden, die grundlegenden Fragen thematisiert hätten, die durch die Spaltung in der trotzkistischen Bewegung 1963 und die scharfen Differenzen über die Bedeutung der kubanischen Revolution aufgeworfen worden waren.

Eine wichtige Rolle bei der Organisation der Konferenz spielte das „Centro de Estudios Socialistas Carlos Marx“, eine Frontorganisation der International Marxist Tendency (IMT), angeführt von Alan Woods. Der kubanische Organisator hob das „Centro“ lobend hervor, und Woods sandte der Konferenz ein Schlusswort per Videobotschaft aus London.

Im Referat der IMT auf der Konferenz gab es eine aufschlussreiche Passage: „Die Ideen Leo Trotzkis haben nichts von ihrem Glanz eingebüßt. Das kann man von vielen, die sich als Trotzkisten bezeichnen, nicht gerade behaupten. Bei ihnen handelt es sich um Gruppen, die eine beschränkte und sektiererische Mentalität an den Tag legen […] Es gab eine reale Gefahr, dass das Seminar aus dem Ruder laufen würde, doch die Organisatoren haben diese Hürde zum Glück erfolgreich gemeistert.“

Die größte Hürde war natürlich der Ausschluss des IKVI, das den Kampf Trotzkis fortführt. Die Entscheidung, das IKVI zu verbannen, wurde bewusst, in unredlicher Weise und mit unlauteren Absichten getroffen. Zugang zur Konferenz wurde nur denen gewährt, die für die Kapitulation des pablistischen Revisionismus vor dem Castroismus und Stalinismus stehen.

Woods selbst hob in seiner Videoansprache hervor, wie sehr Trotzki in den Jahren vor seiner Ermordung isoliert war, „einer gegen den Rest der Welt“, wie er sich ausdrückte. „Die großen Ideen Leo Trotzkis sind uns in unserem Denken und Fühlen immer gewärtig“, erklärte Woods. Kein Wort darüber, dass Trotzki im Kampf gegen den Stalinismus die Vierte Internationale als Weltpartei der Revolution gründete.

Weitere Referate folgten im Wesentlichen dieser Linie. Susan Weissman, eine ehemalige Pablistin, die sich den Democratic Socialists of America angeschlossen hat, sprach über Victor Serge. Sie verglich ihn positiv mit Trotzki, den sie als hoffnungslos isoliert porträtierte; bei seinem Kampf zum Aufbau der Vierten Internationale sei er von den „grundlegenden Ideen“ des Bolschewismus abgeschnitten gewesen.

Andere Redner behaupteten, Trotzki habe politisch geirrt, als er sich nicht mit der rechten Opposition um Bucharin gegen Stalin zusammengetan habe. Die rechte Opposition war eine nationalistische Tendenz, die den Einfluss der Bauernschaft und die Gefahr der kapitalistischen Restauration in der Sowjetunion widerspiegelte.

Die Rolle von Ernest Tate

Besonders abstoßend und reaktionär war der Vortrag von Ernest Tate, ein altgedienter kanadischer Pablist. Tates Bekanntheit geht zurück auf eine Provokation, die er 1966 gegen das Internationale Komitee und gegen Gerry Healy, den damaligen Führer seiner britischen Sektion, der Socialist Labour League (SLL), inszenierte.

Die SLL hatte damals eine Veranstaltung zum zehnten Jahrestag der ungarischen Revolution durchgeführt. Tate inszenierte bei dieser Gelegenheit als Vertreter des pablistischen Vereinigten Sekretariats und der amerikanischen Socialist Workers Party in England gezielt eine Auseinandersetzung. Als er und andere vor der Veranstaltung politisches Material verkauften, wurden sie gebeten, den Eingang zur Veranstaltung freizuhalten. Während die anderen zur Seite traten, weigerte sich Tate als einziger, der Aufforderung Folge zu leisten und provozierte eine physische Auseinandersetzung mit Ordnern der SLL.

Gerry Healy

Tate versorgte die kleinbürgerliche linke Presse in England umgehend mit einer verlogenen Darstellung der Ereignisse. Er warf der SLL vor, „Gewalt“ anzuwenden, und verglich Healy mit dem englischen Faschisten Oswald Mosley. Außerdem behauptete er, Healy und die SLL würden die freie Meinungsäußerung unterdrücken.

Die Provokation fand in enger Abstimmung mit der SWP und dem Internationalen Sekretariat statt, um das IKVI zu verleumden und jede Diskussion über die Differenzen zu Kuba und das pablistische Liquidatorentum zu verhindern.

Diejenigen Medien, die Tates Verleumdung publizierten, mussten unter Androhung rechtlicher Schritte Gegendarstellungen veröffentlichen und sich dafür entschuldigen, dass sie Healy und die SLL beschuldigt hatten, „Gewalt anzuwenden oder die freie Meinungsäußerung zu beschneiden.“

In Havanna gab Tate vor, zu Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zu sprechen. Doch er entstellte diese Theorie, bei der die unabhängige revolutionäre Mobilisierung der Arbeiterklasse unter der Führung einer internationalen marxistischen Partei im Zentrum steht, zu einer Anleitung für Solidaritätskampagnen zugunsten bürgerlich-nationalistischer Bewegungen, insbesondere des Castroismus in Kuba.

Tate zitiert aus Trotzkis „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale“, auch bekannt als Übergangsprogramm. Damitwill er beweisen, dass die Theorie der permanenten Revolution den Fokus auf die „Solidarität“ mit dem Befreiungskampf der kolonialen Völker legt:

„Aber nicht alle Länder der Welt sind imperialistisch. Im Gegenteil, die Mehrzahl der Länder sind Opfer des Imperialismus. Bestimmte koloniale oder halbkoloniale Länder werden ohne Zweifel versuchen, den Krieg auszunützen, um das Sklavenjoch abzuwerfen. Auf ihrer Seite wird der Krieg kein imperialistischer, sondern ein Befreiungskrieg sein. Es ist die Pflicht des internationalen Proletariats, unterdrückten Ländern im Krieg gegen die Unterdrücker zu helfen.“

Dabei lässt er bewusst die im Anschluss genannte Forderung unter den Tisch fallen: „Wenn das Proletariat ein Kolonialland […] im Krieg unterstützt, solidarisiert es sich nicht im geringsten mit der bürgerlichen Regierung des Koloniallandes […] Indem das revolutionäre Proletariat einen gerechten und fortschrittlichen Krieg unterstützt, erobert es sich die Sympathien der Werktätigen der Kolonien […], festigt so die Autorität und den Einfluss der Vierten Internationale und kann umso besser den Sturz der bürgerlichen Regierung im Kolonialland […] fördern.“

Im weiteren Verlauf stellte Tate auf unwahre Weise die Bedeutung der kubanischen Revolution im Kampf innerhalb der Vierten Internationale dar. Vor allem lobt er die Rolle von Joseph Hansen, der FBI-Agent und Informant war und die Verteidigung Kubas gegen den US-Imperialismus zur „zentralen politischen Priorität“ der Socialist Workers Party erhob, die damals die trotzkistische Partei in den USA war.

Joseph Hansen

Tate sprach auch über die Beteiligung der SWP am Fair Play for Cuba Committee (FPCC), einer berüchtigten CIA-Frontorganisation. Das Komitee habe „ganz dem Geist von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution“ entsprochen und „später, in den 1960er und 1970er Jahren, als Vorbild für Unterstützungsaktionen zugunsten der Völker der Dritten Welt“ gedient.

Mit dieser Darstellung wollte Tate vor eventuellen kubanischen Besuchern den Kampf innerhalb der Vierten Internationale über die kubanische Revolution totschweigen. Die Machteroberung Fidel Castros als Ergebnis eines Guerillakriegs einer kleinbürgerlich-nationalistischen Bewegung diente der SWP-Führung unter Hansen als Grundlage, sich mit den Pablisten, mit denen man ein Jahrzehnt zuvor gebrochen hatte, wieder zu vereinen.

Ziel dieser Wiedervereinigung war die Auflösung der Vierten Internationale in den Sumpf linker kleinbürgerlicher Politik. Alle Bemühungen, auf Grundlage der marxistischen Theorie eine internationale sozialistische Bewegung der Arbeiterklasse aufzubauen, die politisch vom Vermächtnis des Kampfs Trotzkis gegen den Verrat an der Oktoberrevolution angeleitet ist, sollten eingestellt werden. Das Schicksal der sozialistischen Revolution sollte bürgerlichen Nationalisten und kleinbürgerlich-radikalen Organisationen anvertraut werden, die auf diese oder jene Weise mit der Sowjetbürokratie verbunden oder von ihr abhängig waren.

Die Pablisten behaupteten, die Machtergreifung Castros an der Spitze einer nationalistischen Guerillabewegung habe einen neuen Weg zum Sozialismus eröffnet, der ohne den Aufbau revolutionärer marxistischer Parteien auskomme, und ohne das bewusste und unabhängige Eingreifen der Arbeiterklasse.

Das IKVI führte einen prinzipiellen Kampf zur Verteidigung Kubas gegen imperialistische Aggression, verortete seine Analyse des Castroismus aber in einer umfassenderen Einschätzung der Rolle des bürgerlichen Nationalismus in der Epoche des Imperialismus.

Kuba und die Theorie der permanenten Revolution

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigten die Ereignisse in vielen unterdrückten Ländern und auch in Kuba die Theorie der permanenten Revolution, allerdings auf negative Weise. Der Arbeiterklasse fehlte eine revolutionäre Partei, weshalb sie den unterdrückten Massen keine Führung geben konnte; so waren Vertreter der nationalen Bourgeoisie und des Kleinbürgertums in der Lage, dieses Vakuum zu füllen und ihre Lösung durchzusetzen. Nasser, Nehru, Peron, Ben Bella, Sukarno, die Baathisten und später die islamischen Fundamentalisten im Iran und die Sandinistas in Nicaragua stehen beispielhaft für diese Entwicklung.

Die britischen Trotzkisten kritisierten Hansens Anbetung der kleinbürgerlich-nationalistischen Führungen in deutlichen Worten. In einem Brief von 1961 an die amerikanische SWP verteidigten sie Trotzkis Theorie der permanenten Revolution:

„Es ist nicht die Aufgabe von Trotzkisten, die Rolle solcher nationalistischer Führer größer darzustellen, als sie ist. Sie verfügen nur wegen des Verrats der Führung, der Sozialdemokratie und insbesondere des Stalinismus, über die Unterstützung der Massen, und dadurch werden sie zu Stoßdämpfern zwischen dem Imperialismus und der Masse der Arbeiter und Bauern. Dank der Wirtschaftshilfe der Sowjetunion sind sie oft in der Lage, bessere Bedingungen mit den Imperialisten auszuhandeln, und radikalere Elemente unter den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Führern attackieren sogar imperialistische Unternehmen und gewinnen so größere Unterstützung unter den Massen. Für uns ist in jedem Fall die Hauptfrage in diesen Ländern, dass die Arbeiterklasse durch eine marxistische Partei die politische Unabhängigkeit gewinnt, dabei die arme Bauernschaft zum Aufbau von Sowjets führt und die notwendigen Beziehungen zur internationalen sozialistischen Revolution anerkennt. Unserer Meinung nach sollten Trotzkisten in keinem Fall an ihre Stelle die Hoffnung setzen, dass die nationalistische Führung sozialistisch werden sollte. Die Befreiung der Arbeiterklasse ist die Aufgabe der Arbeiter selbst“.

Castro und Chrustschow 1963

Im Übergangsprogramm hatte Trotzki die Möglichkeit vorhergesehen, „dass unter dem Einfluss eines außergewöhnlichen Zusammentreffens bestimmter Umstände […] kleinbürgerliche Parteien [...] auf dem Weg des Bruchs mit der Bourgeoisie weiter gehen können, als ihnen selbst lieb ist.“

Weiter heißt es im Gründungsdokument der Vierten Internationale, ihre Sektionen „müssen sich in jedem neuen Stadium kritisch orientieren und diejenigen Losungen ausgeben, welche die Hinwendung der Arbeiter zu einer unabhängigen Politik fördern, den Klassencharakter dieser Politik vertiefen, die reformistischen und pazifistischen Illusionen zerstören, die Verbindung der Vorhut mit den Massen festigen und die revolutionäre Machtergreifung vorbereiten.“

In Bezug auf Kuba verfolgten die Pablisten einen genau entgegengesetzten Kurs. Sie verbreiteten Illusionen über Castros kleinbürgerlich-nationalistische Führung und versuchten, die Arbeiter dem Castro-Regime unterzuordnen.

Das IKVI bestand darauf, dass der Castroismus kein neuer Weg zum Sozialismus sei, sondern nur eine der radikalsten Varianten des bürgerlichen Nationalismus, dessen Vertreter in den 1960er Jahren in vielen ehemaligen Kolonien die Regierungsgeschäfte übernehmen konnten. Viele dieser Regime führten weitgehende Verstaatlichungen durch.

Der Standpunkt der Pablisten, Kuba sei ein „Arbeiterstaat“, weil die Castro-Regierung Verstaatlichungen durchführte, stand mit dem Marxismus auf Kriegsfuß, weil diese Maßnahmen ohne unabhängige Mobilisierung der Arbeiterklasse und ohne Organe der Arbeiterkontrolle über die verstaatlichten Industrien erfolgten.

Zwei Jahrzehnte vor der kubanischen Revolution hatte Trotzki die oberflächliche Gleichsetzung von Verstaatlichungen unter kleinbürgerlicher Führung mit der sozialistischen Revolution in klaren Worten zurückgewiesen. Zu den Enteignungen, die die stalinistische Kreml-Bürokratie nach ihrer Invasion in Polen 1939 (die im Bündnis mit Hitler erfolgte) durchführte, schrieb Trotzki: „Das politische Hauptkriterium für uns ist nicht die Umwandlung der Eigentumsverhältnisse in diesem oder jenem Gebiet, wie wichtig sie an sich auch sein mag, sondern vielmehr die Veränderung im Bewusstsein und in der Organisation des Weltproletariats, das Wachsen seiner Fähigkeit, frühere Errungenschaften zu verteidigen und neue zu erreichen.“

Das IKVI warnte bei seinem Kampf gegen die Perspektive der Pablisten, dass die ihr innewohnende Zurückweisung der führenden Rolle der Arbeiterklasse in der sozialistischen Revolution und der Notwendigkeit, eine trotzkistische Partei aufzubauen, um in der Arbeiterklasse das für die Machteroberung notwendige Bewusstsein zu entwickeln, nur zu neuen Verrätereien führen konnte. Wenn eine trotzkistische Partei in Kuba überflüssig sei, wie die Pablisten sagten, weshalb sollte sie irgendwo anders auf der Welt gebraucht werden?

Das IK stützte sich auf Trotzkis Theorie der permanenten Revolution und beharrte darauf, dass der Kampf für die Befreiung von imperialistischer Unterdrückung in den kolonialen und ehemals kolonialen Ländern nur unter Führung der Arbeiterklasse erfolgreich sein könne, durch ihre Eroberung der Macht und die Ausdehnung der Revolution auf Weltebene. Die Hauptaufgabe, die aus dieser Perspektive resultiert, ist der Aufbau unabhängiger revolutionärer Parteien der Arbeiterklasse in einem unablässigen Kampf, den Würgegriff all jener Tendenzen zu durchbrechen, die die Arbeiterklasse dem bürgerlichen Nationalismus unterordnen wollen.

Der Castroismus als „neuer Weg zum Sozialismus“: eine Bilanz

Der Castroismus als neues Modell für die sozialistische Revolution hatte in ganz Lateinamerika katastrophale Auswirkungen, was die Warnungen des Internationalen Komitees auf tragische Weise bestätigte. Die Pablisten wiesen ihre eigenen Anhänger in der Region an, den Kampf für eine revolutionäre Führung in der Arbeiterklasse einzustellen und stattdessen „technische Vorbereitungen“ für den „bewaffneten Kampf“ auf dem Land zu treffen.

Welche Ergebnisse zeitigte diese Perspektive? Die Jugendlichen und junge Arbeiter, die am stärksten radikalisiert waren, wurden vom Kampf für revolutionäre Führung in der Arbeiterklasse abgelenkt, was den konterrevolutionären Griff der Stalinisten, Sozialdemokraten und bürgerlich-nationalistischen Bürokratien festigte. Die Jugendlichen schickte man in selbstmörderische Gefechte mit dem Militär der kapitalistischen Staaten Lateinamerikas, in denen Tausende ihr Leben verloren. Die gescheiterten Guerilla-Abenteuer wurden in einem Land nach dem anderen von den Militärs als Vorwand für die Etablierung faschistischer Militärdiktaturen und die rücksichtslose Unterdrückung der Arbeiterklasse benutzt.

Das Schicksal von Che Guevara, der sich in Bolivien in das tödliche Abenteuer stürzte, das im Oktober 1967 zu seiner Gefangennahme und Ermordung führte, nahm auf tragische Weise die verheerenden Konsequenzen des Castroismus und des pablistischen Revisionismus vorweg.

Che Guevara nach seiner Ermordung durch die CIA und das bolivianische Militär

Die Castro-Regierung bot nicht im Entferntesten einen neuen Weg zum Sozialismus an. Sie konnte nur durch ihre enge Beziehung zur Sowjetunion und den Ostblockstaaten überleben. Parallel ging sie in pragmatischer Weise Beziehungen zu genau den bürgerlichen Regierungen in Lateinamerika ein, die die Befürworter von Guevaras Guerillakampf stürzen wollten. Den chilenischen Arbeitern empfahl Castro den „parlamentarischen Weg zum Sozialismus“ und die Unterordnung unter die Allende-Regierung, als das Militär schon seine Vorbereitungen auf den Putsch traf. Castro hieß Militärregime in Ecuador und Peru willkommen und knüpfte enge Beziehungen zum korrupten Apparat der mexikanischen Regierungspartei PRI, nachdem diese 1968 ein Massaker an protestierenden Studenten angerichtet hatte.

Castro und General Augusto Pinochet in Chile 1971

Ohne das Wissen über diese entscheidenden strategischen Erfahrungen und über den Kampf, der innerhalb der Vierten Internationale entbrannte, kann man die heutige Krise in Kuba und ganz Lateinamerika nicht verstehen.

Doch Tate schweigt sich über diese Fragen aus und behandelt Kuba und die Vierte Internationale, als ginge es nur um kleinbürgerlich-radikale Solidaritätskampagnen.

Tates Vorbild für solche Kampagnen – Hansen und das Fair Play for Cuba Committee – ist selbst sehr aufschlussreich.

Die Untersuchung des Internationalen Komitees der Vierten Internationale über die Umstände der Ermordung Leo Trotzkis im Jahr 1940, Sicherheit und die Vierte Internationale, zeigte auf, wie die imperialistischen und stalinistischen Geheimdienste jahrzehntelang versuchten, Agenten in die Vierte Internationale einzuschleusen und sie zu unterminieren. Unsere Nachforschungen ergaben stichhaltige Beweise, dass Joseph Hansen als staatlicher Agent in der trotzkistischen Bewegung gearbeitet hatte.

Was das Fair Play for Cuba Committee angeht, so verschweigt Tate die üble Rolle, die es im Rahmen der politischen Entwicklung der SWP spielte. Zu den Gründern des Komitees gehörte Alan Sagner, ein Vertreter des Establishments, der später zum Treuhänder des Nationalkomitees der US-Demokraten wurde, Vorsitzender der Port Authority von New York und New Jersey und Vorsitzender der Corporation for Public Broadcasting, sowie Vorstandsmitglied der Business Executives for National Security.

Alan Sagner (r.), Mitbegründer des Fair Play for Cuba Committee, mit dem israelischen General Moshe Dayan 1961

Im FPCC tummelten sich FBI-Agenten, die das FPCC manipulierten. Es diente einer Gruppe von zwölf Studenten des Carleton College, einer kleinen Hochschule für Geisteswissenschaften in Minnesota, als Eintrittstor in die SWP. Die Partei hatte dort noch nie politische Arbeit geleistet. Unter der Führung von Jack Barnes (ein Republikaner, der mit einem Stipendium der Ford Foundation nach Kuba gereist war) übernahm diese Gruppe die Parteiführung. Sie stellte die Mehrheit des Politischen Komitees und schloss Hunderte langjährige Mitglieder aus der Partei aus.

Tate präsentiert diese Geschichte von Verrätereien der pablistischen Revisionisten als Verwirklichung der Theorie der permanenten Revolution, um möglichen kubanischen Konferenzteilnehmern bewusst den Zugang zum revolutionären Vermächtnis Trotzkis und seiner Fortführung im Kampf der Vierten Internationale zu verbauen.

Tate verriet seinen Zuhörern nicht, was aus der International Marxist Group (IMG) wurde, mit der er in Verbindung stand und deren Politik in England er in seinem Bericht positiv würdigte. Die IMG war für zahlreiche Polizeiprovokationen verantwortlich, löste sich 1991 auf und versuchte, sich der nach rechts rückenden Labour Party anzuschließen.

Erwähnt werden muss auch die Teilnahme der türkischen Revolutionären Arbeiterpartei (Devrimci İşçi Partisi, DİP). In ihrem Bericht schwärmte ihr Vertreter davon, einen „Arbeiterstaat“ betreten zu haben und pries Che Guevara als herausragendsten Vertreter von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution.

Die DİP gehört zusammen mit der argentinischen Arbeiterpartei (PO) von Jorge Altamira und der griechischen Revolutionären Arbeiterpartei (EEK) von Savas Michael dem Coordinating Committee for the Refoundation of the Fourth International (CRFI, Koordinierungsausschuss für den Wiederaufbau der Vierten Internationale) an, das zusammen mit Stalinisten den „Wiederaufbau“ der Vierten Internationale betreibt. Man hat den Eindruck, auch die Castro-Regierung soll jetzt an diesem reaktionären Projekt beteiligt werden.

Keine dieser Tendenzen oder ihre Vertreter, die in Havanna das historische Vermächtnis des Führers der russischen Revolution und Gründers der Vierten Internationale herabwürdigten und den Kampf der trotzkistischen Bewegung begruben, wollen eine Bilanz der kubanischen Revolution ziehen – schon gar nicht ein Fazit ihrer Bemühungen, Castro als „natürlichen Marxisten“, Kuba als „Arbeiterstaat“ und den kleinbürgerlichen Guerillakampf als neuen Weg zum Sozialismus zu verkünden.

Die Kritik des Internationalen Komitees der Vierten Internationale an diesen Formen der Anpassung an den Castroismus ist auf ganzer Linie bestätigt worden.

Der Castroismus ist kein neuer Weg zum Sozialismus, sondern erwies sich als unfähig, die großen historischen Probleme der kubanischen Gesellschaft zu lösen. Sechs Jahrzehnte nach Castros Machtantritt ist die Wirtschaft des Inselstaats immer noch stark vom Tourismus und Geldsendungen von Emigranten abhängig. Das Ende von sowjetischen Zahlungen nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 und der scharfe Rückgang an billigen Ölimporten aus dem krisengeschüttelten Venezuela haben die Rückständigkeit und Abhängigkeit der Wirtschaft deutlich werden lassen. Millionen kubanischer Arbeiter fristen ihr Leben in Armut.

Sechzig Jahre nach dem Aufstieg Castros gibt es in Kuba keine unabhängigen Organisationen der Arbeiterklasse, geschweige denn Organe ihrer Herrschaft. Fidel Castro starb 2016, doch sein 88-jähriger Bruder Raul steht immer noch an der Spitze der regierenden Partei.

Zweifellos wird das Interesse der kubanischen Bevölkerung an Leo Trotzki wachsen, da die arbeitenden Massen sich mit der Gefahr von Krieg und zunehmenden Angriffen auf ihren Lebensstandard und mit wachsender sozialer Ungleichheit konfrontiert sehen, weil die herrschende Schicht ihre Privilegien durch immer engere Beziehungen zum ausländischen Kapital zu retten sucht. Der ständig wachsende Einfluss des Kapitalismus auf die Wirtschaft des Landes hat die Versuche der Pablisten, Kuba als „Arbeiterstaat“ darzustellen, gründlich entlarvt.

Kubanische Arbeiter werden den Kampf, den Trotzki geführt hat, nur dann wirklich verstehen können, wenn sie sich mit dessen Kontinuität vertraut machen, die im Kampf des Internationalen Komitees der Vierten Internationale besteht, das Programm und die Perspektive des sozialistischen Internationalismus gegen alle seine revisionistischen Gegner zu verteidigen.