Paul Hanebrinks Buch: „A Specter Haunting Europe“. Über den „jüdisch-bolschewistischen“ Mythos

Teil 1: Konterrevolution und Antisemitismus

Von Clara Weiss
20. Juli 2019

Paul Hanebrink, „A Specter Haunting Europe. The Myth of Judeo-Bolshevism“ (Ein Gespenst geht um in Europa. Der Mythos des Judäo-Bolschewismus), Harvard University Press 2018. (Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus diesem Buch.)

Das neue Buch des Historikers Paul Hanebrink (Rutgers University) beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen der Angst vor dem „Gespenst des Kommunismus“, das in Europa umgeht (eine Anspielung auf das Kommunistische Manifest von Marx und Engels) und dem Antisemitismus.

In einem Großteil des Buches analysiert Hanebrink die Rolle, die der „jüdisch-bolschewistische“ Mythos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Ideologie und die Verbrechen der europäischen Rechtsextremen spielte, die im Zweiten Weltkrieg im nationalsozialistischen Völkermord an 6 Millionen europäischen Juden gipfelten.

Er beginnt seine Darstellung mit der Revolution in Bayern 1918–1919. Er schildert, wie die katholische Kirche, internationale Politiker wie Winston Churchill und die noch junge Nazi-Bewegung auf die Russische Revolution von 1917 und die Deutsche Revolution von 1918–1919, insbesondere die kurzlebige Bayerische Räterepublik, reagierten: Sie begegneten ihnen mit wüstem Antisemitismus.

Bischof Eugenio Pacelli, der während der Revolution in München residierte, bezeichnete die bayerischen Revolutionäre als „Bande junger Frauen von zweifelhaftem Äußeren, jüdisch wie alle andern“. Max Levien, in Wirklichkeit kein Jude, war für Pacelli „ein junger Mann von etwa dreißig oder fünfunddreißig Jahren, auch Russe und Jude. Blass, schmutzig, mit trüben Augen, rauer Stimme, vulgär und abstoßend, mit einem Gesicht, das sowohl intelligent als auch durchtrieben war“. Etwa 15 Jahre später unterzeichnete er als Papst Pius XII ein Konkordat mit Hitler.

Erklärung der Bayerischen Räterepublik vom 6. April 1919, Münchner Neuste Nachrichten

Solche Ansichten teilten rechte Intellektuelle und Politiker in ganz Europa. Es war ihre Reaktion auf die Welle von Revolutionen, die sich zum Ende des Ersten Weltkriegs auf ganz Europa ausdehnte. Nach der Revolution in Ungarn 1919 unter Führung von Béla Kun besuchten zwei rechtsextreme französische Intellektuelle, Jean und Jérôme Tharaud, das Land. In ihrem Buch „Quand Israël est roi“ (Wenn Israel der König ist) schrieben sie: „Am Ufer der Donau entstand ein neues Jerusalem, entsprungen aus dem Kopf von Karl Marx und errichtet von jüdischen Händen auf uralten [messianischen] Vorstellungen.“ Die darauffolgende blutige Konterrevolution forderte das Leben von mindestens 3.000 Menschen, etwa die Hälfte davon jüdischer Herkunft.

Rechtsextreme Publikationen „entlarvten“ führende Persönlichkeiten der revolutionären Bewegung als „Juden“. Bezeichnenderweise wurde Leo Trotzki, der zusammen mit Wladimir Lenin die Russische Revolution angeführt hatte, „Bronstein“ genannt, einen Namen, den er längst nicht mehr benutzte. Der polnische Revolutionär Karl Radek wurde „Sobelsohn“ genannt. In ihrer verblendeten antisemitischen Raserei bezeichneten die Rechtsextremen viele Revolutionäre als „Juden“, die überhaupt nicht jüdisch waren, darunter Lenin, Karl Liebknecht oder den bereits erwähnten Max Levien. Diese Kreise verwendeten die Bezeichnungen „asiatischer“ und „jüdischer“ Bolschewismus als beinahe identische Begriffe. Hanebrink erklärt: „Der Bolschewik war gleichzeitig ein wurzelloser Migrantenjude, Teil einer aus dem Osten einfallenden Horde und ein asiatisches Tier.“

Antisemitische Propaganda während der NS-Besetzung Polens. Auf dem Plakat steht: „Tod! der jüdisch-bolschewistischen Mordpestilenz!“

Während des Bürgerkriegs von 1918–1922 und der Invasion von 19 ausländischen Armeen gegen das noch junge bolschewistische Regime wurden allein in der Ukraine 50.000 bis 200.000 Juden getötet, hauptsächlich von konterrevolutionären Weißen und ukrainischen Nationalisten. Auch die polnischen Streitkräfte, die gegen die Rote Armee kämpften, begingen antijüdische Massaker. So wurden bei dem berüchtigten Pogrom von Pinsk 35 Juden ermordet. Polens Premierminister und Außenminister Ignacy Paderewski rechtfertigte dieses Massaker damit, dass es sich um eine „Angelegenheit des reinen Bolschewismus“ gehandelt habe. „Wir haben die für das Verbrechen Verantwortlichen hingerichtet; zufällig waren sie Juden.“

Die nationalsozialistische Bewegung im Zwischenkriegsdeutschland entstand als direkte Folge dieser Gegenrevolutionen. Sowohl Deutschland als auch Österreich wurden zu Zentren der extremen Rechten, denn nach der bolschewistischen Revolution in Russland und der Revolution in Ungarn strömten nationalistische Emigranten nach Wien und Berlin. In ihrer antisemitischen Propaganda verwiesen sie sowohl in der bayerischen Räterepublik als auch in der Sowjetunion immer wieder auf die „jüdischen Revolutionäre“.

Die geostrategischen Ziele und militärischen und wirtschaftlichen Mechanismen des deutschen Imperialismus verschmolzen mit dem Mythos des Judäo-Bolschewismus. Daraus entstand die entscheidende ideologische Grundlage für den Krieg gegen die Sowjetunion, der als tödlichster und gewalttätigster Krieg der Menschheitsgeschichte 27 bis 40 Millionen sowjetische Opfer forderte, wie auch für den Völkermord an den europäischen Juden. Diese Ideologie war die Grundlage, auf der die Nazis in ganz Osteuropa faschistische Regime und rechtsextreme Kräfte mobilisieren konnten, einschließlich der Regierungen Rumäniens und Ungarns und der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B), was sie als „antibolschewistischen und antijüdischen Kreuzzug“ darstellten.

Antisemitische Propaganda während der NS-Besetzung Polens. Auf dem Plakat steht: „Tod! der jüdisch-bolschewistischen Mordpestilenz!“

In der Ukraine verübte die OUN-B schreckliche Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, und ganz besonders in Lemberg (auch Lviv oder Lwów). Unter der Diktatur von Ion Antonescu und seiner faschistischen Eisernen Garde organisierte Rumänien die größten staatlich geförderten antijüdischen Massaker und Pogrome außerhalb der von den Nazis besetzten Länder. In Polen nahmen die Nazis zwar auch die polnische extreme Rechte aufs Korn, aber sie machten aus Polen den Hauptstandort der industriellen Vernichtung des europäischen Judentums. Das Land erlebte mehrere entsetzliche Pogrome, verübt von Nationalisten und aufgehetzten Bauern. Große Teile der polnischen Bourgeoisie und der Exilregierung in London waren extrem antisemitisch. Hanebrink weist darauf hin, dass die Exilregierung Berichte erhielt, die „ausführlich auf das Problem der jüdischen Beteiligung am neuen kommunistischen Regime eingingen … [und] Juden kollektiv als Verräter bezeichneten“.

Nach Kriegsende wurde der „jüdisch-bolschewistische Mythos“ in Westdeutschland an den Kontext des Kalten Krieges angepasst. Wie Hanebrink erklärt, mussten ehemalige Nazis, die in Westdeutschland wieder in die Justiz, die Medien, das diplomatische Corps und das Militär eintraten, statt „jüdischen Bolschewismus“ nur „asiatischen Bolschewismus“ sagen, um respektabel zu erscheinen. „Während veränderte politische Umstände denjenigen, die den sowjetischen Feind offen als jüdische Macht bezeichneten, schwerwiegende berufliche Konsequenzen auferlegten, ließ sich der von den USA geleitete ‚Kreuzzug zur Verteidigung der westlichen Zivilisation‘ leicht an andere Aspekte der antisowjetischen Nazi-Ideologie anpassen.“

Hanebrink erwähnt den bekannten Fall von Eberhard Taubert, dem Leiter und Gründer der Nazi-Büros „Institut zum Studium der Judenfrage“. Taubert war ein enger Mitarbeiter des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. Er schrieb das Drehbuch für den berüchtigten nationalsozialistischen Propagandafilm „Der ewige Jude“, und er verfasste auch das Gesetz, das jüdischen Menschen das Tragen des Judensterns aufzwang. Nach dem Krieg leitete er eine von der CIA finanzierte antikommunistische Organisation, die sich „stark an Themen orientierte, die während der Nazizeit weit verbreitet waren, einschließlich der Darstellung von ‚Volksfeinden‘ als ‚Ratten und Schmeißfliegen‘ … Nach 1945 ließ Taubert alle Verweise auf den Judäo-Bolschewismus fallen, behielt aber alle anderen ideologischen und symbolischen Merkmale seines früheren Wirkens bei.“ Taubert blieb bis in die 1970er Jahre hinein eine einflussreiche Figur in der deutschen Politik und arbeitete als Berater des führenden bayerischen Politikers und einmaligen Kanzlerkandidaten Franz-Josef Strauß.

Eberhart Taubert

Hanebrink liefert eine Fülle von empirischen Nachweisen, die den engen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Konterrevolution in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts belegen. Obwohl er so den Fokus auf den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Antikommunismus legt, verzichtet er jedoch bewusst darauf, Antisemitismus als die Ideologie der Konterrevolution zu definieren. Stattdessen besteht er darauf, Antisemitismus als „kulturellen Code“ zu betrachten, der in verschiedenen kulturellen und politischen Zusammenhängen unterschiedliche Formen annimmt. Für Hanebrink ist der Judäo-Bolschewismus nur eine spezifische, zeitgenössische Variation früherer antisemitischer Tropen der „jüdischen Verschwörung“ und des „jüdischen Teufels“.

Es stimmt zwar, dass die letztgenannten Sprachbilder zum Teil Einfluss hatten und oft mit dem Mythos des Judäo-Bolschewismus in Verbindung gebracht wurden. Aber ein solches Verständnis des modernen politischen Antisemitismus entzieht ihm letztlich den konkreten historischen und politischen Inhalt: Der moderne Antisemitismus war vor allem eine Reaktion und ein ideologisches Brecheisen gegen die sozialistische und marxistische Arbeiterbewegung.

Fortsetzung folgt