US-Aktienmärkte: Angst vor globaler Rezession sorgt für Kursverluste

Von Nick Beams
16. August 2019

Am Mittwoch verzeichneten die amerikanischen Aktienmärkte den bisher größten Kursverlust des Jahres. Gleichzeitig gibt es klare Anzeichen für eine wachsende Finanzkrise und einen deutlichen globalen Wirtschaftsabschwung mit zunehmenden Aussichten auf eine Rezession.

Die Marktindizes an der Wall Street begannen mit starken Verlusten und sanken im Laufe des Tages weiter. Der Dow Jones schloss mit einem Verlust von 800 Punkten bzw. drei Prozent, der S&P 500 sank um 2,9 Prozent, der Technologieindex Nasdaq um mehr als drei Prozent.

Der Absturz der Märkte ging auf eine Reihe von Faktoren zurück: Klare Anzeichen für einen globalen Abschwung; den anhaltenden Rückgang der Zinsen auf Anleihen; die wachsende Erkenntnis, dass die geldpolitischen Maßnahmen der weltweiten Zentralbanken keinen globalen Wirtschaftsaufschwung herbeiführen werden; eine Finanzkrise in Argentinien; der anhaltende Handelskrieg zwischen den USA und China; politische Instabilität in Europa wie die Brexit-Krise und der Zusammenbruch der italienischen Regierung; dazu das Anwachsen des sozialen Widerstands der Arbeiterklasse. Beispielhaft für letzteres sind die seit zehn Wochen andauernden Proteste und Demonstrationen in Hongkong.

Zu Beginn des Börsentags wurde bekannt, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft ist. Darauf folgte eine ähnliche konjunkturelle Abkühlung in Großbritannien, sodass beiden Ländern nach zwei Quartalen Negativwachstum in Folge eine Rezession bevorsteht. Der Rückgang in Deutschland stand im scharfen Gegensatz zum ersten Quartal, in dem dessen Wirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen war.

Hauptgrund für die Kursverluste war der Rückgang der Exporte. Darin wirken sich die Unsicherheiten in Folge des amerikanisch-chinesischen Handelskriegs und der zunehmende Kampf um Märkte in der Autoindustrie aus, von der die deutsche Wirtschaft stark abhängig ist. Es gibt kein Anzeichen für eine Erholung und eine Umfrage unter Finanzanalysten vom Dienstag zeigt, dass die Stimmung in der Wirtschaft auf das niedrigste Niveau seit der Finanzkrise in der Eurozone 2011 gesunken ist.

Der Arbeitsmarkt liegt am Boden. Im Juni wurden nur 1.000 neue Arbeitsplätze geschaffen; in den letzten fünf Jahren waren es durchschnittlich 44.000. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Einführung von Kurzarbeit bei mehreren großen Unternehmen.

Auch Daten aus China zeigen die Auswirkungen der Handelskonflikte auf die Produktion. Demnach ist die wertschöpfende Industrieproduktion im Juli nur um 4,8 Prozent gestiegen und lag damit sowohl unter der vom Juni (6,3 Prozent) und den Markterwartungen (5,9 Prozent).

Eine der bedeutendsten Entwicklungen bei den Turbulenzen am Mittwoch war die Entstehung einer inversen Zinskurve auf den Anleihemärkten. Damit ist eine Situation gemeint, in der die Rendite auf langfristige Staatsanleihen unter die von kurzfristigen Anleihen sinkt. Dieses Phänomen gilt als eines der zuverlässigsten Anzeichen für eine Rezession und bedeutet, dass Investoren einen „sicheren Hafen“ in langfristigen Anleihen suchen, was deren Preis in die Höhe und die Zinsen nach unten treibt.

Am Mittwoch geriet die Differenz zwischen den Zinsen auf zwei- und zehnjährige Staatsanleihen in den USA und Großbritannien in den negativen Bereich. In den USA war dies zum letzten Mal im Vorfeld der globalen Finanzkrise und Rezession im Jahr 2007 der Fall.

Überall auf der Welt verstärken die Zentralbanken ihre geldpolitischen Impulse oder bereiten sich darauf vor. Die amerikanische Federal Reserve (Fed) hat ihren Leitzins letzten Monat um 0,25 Prozentpunkte gesenkt und wird es im September erneut tun. Auf den Finanzmärkten wächst die Erwartung, dass sie die Zinsen möglicherweise um 0,5 Prozent senken wird. Auch die Europäische Zentralbank hat angedeutet, dass sie nächsten Monat neue Impulse einführen will, entweder durch weitere Zinssenkungen oder eine Ausweitung ihrer Kaufprogramme für Anleihen.

Allerdings wird auch klar erkannt, dass die diversen Formen geldpolitischer Impulse, die die internationalen Zentralbanken seit der Finanzkrise von 2008 unter der Behauptung praktiziert haben, sie würden letztlich das Wirtschaftswachstum ankurbeln, nahezu keine Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben. Stattdessen laufen sie ins Leere („pushing on a string”, wie das Versagen der Geldpolitik erstmals während der Großen Depression in den 1930ern bezeichnet wurde).

Die führende Marktstrategin des globalen Investmentkonzerns Invesco, Kristina Hopper, erklärte gegenüber dem Wall Street Journal: „Die Fed hat kein Heilmittel für einen Wirtschaftsabschwung oder eine Rezession. ... Aber ich glaube, die Fed hat das Gegenmittel für die Abverkäufe am Aktienmarkt“. Sie brachte damit die Forderung der Finanzeliten zum Ausdruck, trotz aller Konsequenzen noch mehr Geld ins Finanzsystem zu pumpen.

Dies wäre zwar eine kurzfristige Geldspritze für die Finanzoligarchie, würde aber die Instabilität des globalen Finanzsystems verschärfen. Diese äußert sich in der Tatsache, dass ein Viertel aller weltweit gehandelten Wertpapiere im Wert von etwa fünfzehn Billionen Dollar Negativzinsen einbringen, d.h. ein Investor würde Verluste machen, wenn er sie bis zu ihrer Fälligkeit behalten würde.

Die Konsequenzen dieser Instabilität und die Folgen der politischen Faktoren zeigten sich am Montag in Argentinien. Nachdem Präsident Mauricio Macri, der als „marktfreundlich“ gilt, am Wochenende eine schwere Niederlage in der Vorwahl erlitt, kam es zu einem massiven Abverkauf an den Aktienmärkten. Der wichtigste Aktienindex sank aufgrund des Wertverlustes der Währung um 37 Prozent in Peso und um 48 Prozent in US-Dollar. Dieser Rückgang war der größte an einem Tag in den 94 Märkten, die Bloomberg seit 1950 beobachtet.

Die Financial Times berichtete, laut ihren Berechnungen hätten die Anleihefonds von Michael Hasenstab bei dem US-Unternehmen Franklin Templeton, das stark in argentinische Staatsanleihen investiert hatte, an einem einzigen Tag etwa 1,8 Milliarden Dollar an Wert verloren.

Anfang der Woche versuchte die Trump-Regierung, den Absturz der Märkte durch eine Lockerung bei der Einführung neuer Zölle auf weitere chinesische Waren im Wert von 300 Milliarden Dollar aufzuhalten.

Laut dem US-Handelsbeauftragten Robert Lightizer, der allgemein als Gegner der neuen Zöllen gilt, wird deren Einführung bei einigen Produkten wie Handys, Laptops und Videospielen vom 1. September auf den 15. Dezember verschoben. Andere Produkte sollen gänzlich von der Liste „Gesundheit und Sicherheit, nationale Sicherheit und andere Faktoren“ gestrichen werden. Insgesamt sind Waren im Wert von 156 Milliarden Dollar von dem Aufschub betroffen.

Die Verzögerung der Zollmaßnahmen nach einem, wie Präsident Trump es formulierte, „produktiven“ Telefonat zwischen amerikanischen und chinesischen Handelsvertretern stimulierte die Märkte. Der Dow Jones stieg am Dienstag um 1,44 Prozent.

Doch kaum vierundzwanzig Stunden später stürzten die Märkte aufgrund der zunehmend schlechteren Prognosen der Weltwirtschaft erneut ab. Zudem wurde erkannt, dass die Verzögerung an den wichtigsten Hindernisse für ein Handelsabkommen zwischen Washington und Peking nichts verändert hat. Weitere persönliche Verhandlungen wurden, zumindest vorläufig, auf nächsten Monat verschoben. Es ist jedoch keineswegs sicher, dass sie tatsächlich stattfinden werden.

Zusätzlich zur wachsenden Erkenntnis, dass sich die finanzpolitischen Maßnahmen in den zehn Jahren seit Beginn der globalen Finanzkrise erschöpft haben und darüber hinaus die Bedingungen für einen noch größeren Zusammenbruch schaffen, breitet sich in herrschenden Kreisen eine tiefe Angst vor dem sich entwickelnden Widerstand der Arbeiterklasse aus.

Die unerwartete Niederlage des argentinischen Präsidenten Macri löste Unruhe auf den Märkten aus, weil sie auf den massiven Widerstand gegen das Spardiktat des globalen Finanzkapitals zurückzuführen ist.

Auch die anhaltenden Demonstrationen in Hongkong und die zunehmende Beteiligung der Arbeiterklasse, die von wachsendem Widerstand gegen soziale Ungleichheit getrieben wird, werden mit zunehmender Beunruhigung betrachtet. Zusammen mit den Massendemonstrationen in Puerto Rico und Nordafrika sowie der zunehmenden sozialen Wut in den USA, Europa und dem Rest der Welt deuten die Proteste in Hongkong darauf hin, dass in der Arbeiterklasse eine Bewegung gegen das gesamte System der kapitalistischen Herrschaft entsteht.