Venedig erneut unter Wasser

Von Allison Smith
19. November 2019

Die Stadt Venedig wurde vergangene Woche durch eine neue verheerende Überschwemmung getroffen. Am Dienstag, den 12. November, stieg das Wasser auf einen Pegelstand von 187 Zentimeter, den zweithöchsten Stand in der gesamten Stadtgeschichte. Nach kurzem Abflauen wurden am Freitag erneut 154 Zentimeter erreicht. Den Rekord hält bisher die „große Flut“ im Jahr 1966 mit 194 Zentimetern.

Beim ersten Hochwasseralarm am Dienstagabend stieg das Wasser weit über Straßenniveau und überflutete Häuser, Geschäfte, Restaurants, Hotels und historische Stätten. Touristen und Einheimische waren gezwungen, durch die Brühe zu waten. Nach Schätzungen der lokalen Behörden stehen seither mehr als 85 % der Stadt unter Wasser. Dramatische Videofilme zeigen das Ausmaß der Schäden.

Am 14. November ließ Giuseppe Conte, Ministerpräsident der Regierung von Demokraten und Fünf-Sterne-Bewegung, den Ausnahmezustand erklären. Am nächsten Tag schloss der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, den Markusplatz und die Basilika San Marco. Das reichte nicht aus, um die historische Kirche zu schützen, denn das Hochwasser setzte die Krypta unter mehr als einen Meter Wasser. Das historische Hotel Gritti Palace wurde ebenfalls überflutet. Möbel schwammen durch die Lobby, und Arbeiter versuchten, die Kostbarkeiten schnellstmöglich in höhere Stockwerke zu bringen. Die Hotelbetreiber hatten gerade die Schäden aus dem Sturm des vergangenen Jahres reparieren lassen.

Wassertaxis, das einzige effiziente Transportmittel zwischen den Inseln, wurden still gelegt. Schulen und städtische Behörden blieben die ganze Woche über geschlossen. Viele Hotels waren gezwungen, Reservierungen bis Dezember zu stornieren, da der Wetterbericht anhaltend schlechtes Wetter voraussagt. Nicht einmal die Buchhandlung Libreria Acqua Alta in Venedig konnte der Flut standhalten, obwohl Ladenbesitzer und Gäste alles versuchten, den beliebten Laden zu retten, der den Stürmen schon seit vielen Jahren trotzt.

Mindestens zwei Todesfälle wurden gemeldet. Ein Siebzigjähriger starb an einem Stromschlag, als er die Flutpumpe in seinem Haus einschaltete. Die Feuerwehr von Venedig entsandte 150 Feuerwehrleute, um Menschen zu retten, die an Stegen gestrandet waren, und um Boote zu bergen, die sich von ihren Liegeplätzen losgerissen hatten; auch muss sie ständig mit Wasserambulanzen auf den Kanälen präsent sein.

Der mexikanische Tourist Oscar Calzada (19) sagte am Freitag zu AFP: „Es ist schockierend, das alles mitanzusehen, während man bis zu den Knien im Wasser steht.“

Obwohl die Kosten für die diesjährigen Sturmschäden jetzt schon auf Hunderte von Millionen Euro geschätzt werden, hat die Regierung bisher den Bewohnern nur knappe 5.000 Euro für hochwassergeschädigte Häuser und 20.000 Euro für hochwassergeschädigte Unternehmen zugesagt. Viele erholen sich immer noch von den Rekordfluten des vergangenen Jahres, und diese Summe wird kaum ausreichen, um irgendjemanden anständig zu entschädigen.

Venedig, auch bekannt als La Serenissima, besteht aus einem ökologisch sensiblem Gebiet mit 118 kleinen Inseln in einer Lagune vor der Nordostküste Italiens. Außergewöhnliche Gezeitenspitzen, bekannt als acqua alta (Hochwasser), treten regelmäßig zwischen Herbst und Frühjahr auf, wenn bei besonders starker Flut und niedrigem Luftdruck die Gezeiten das Wasser landeinwärts treiben. Der Klimawandel hat die Schwere und Häufigkeit von Überschwemmungen erhöht, wenn die Gletscherschmelze den Meeresspiegel steigen lässt. Von allen Hochwasserereignissen seit 1923 sind mehr als die Hälfte allein in den letzten zwanzig Jahren eingetreten. Im Jahr 2018 gab es 121 Hochwassertage, fast doppelt so viele wie im Jahr 2017.

Hinzu kommt, dass Venedig seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts stärker absinkt, weil zu den natürlichen Ursachen wie der Verschiebung tektonischer Platten noch das Abpumpen von Wasser für industrielle Zwecke hinzukommt. Von 1950 bis 1970 sank die Stadt um fast 25 Zentimeter. Sie sinkt jedes Jahr um weitere ein bis zwei Zentimeter.

Aber der eigentlich Schuldige ist der Kapitalismus. Das so wichtige Hochwasserschutzsystem MOSE (Modulo Sperimentale Elettromeccanico), dessen Konzept schon 1988 genehmigt wurde, und das sich seit 2003 im Bau befindet, ist trotz horrender Kosten von fast sechs Milliarden Euro noch immer nicht vollständig fertiggestellt. Es wird voraussichtlich 2021 oder 2022 in Betrieb genommen, und die geschätzten jährlichen Betriebskosten werden sich auf 110 Millionen Euro jährlich belaufen. Eine ordentliche Summe, während das BIP Italiens seit der globalen Finanzkrise 2008 immer weiter schrumpft.

Im Jahr 2014 wurden 35 Personen, darunter der damalige Bürgermeister von Venedig, Giorgio Orsoni (PD), und Giancarlo Galan (Forza Italia), ex-Minister und Regionalpräsident, verhaftet. Vorangegangen war ein dreijähriges Strafverfahren wegen Korruption, illegaler Parteienfinanzierung und Steuerbetrug in Höhe von insgesamt 5,3 Milliarden Euro im Zusammenhang mit dem MOSE-Projekt.

Orsoni wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er 500.000 Euro an illegalen Geldern vom Consorzio Venezia Nuova angenommen hatte. Das ist die Stelle, die das MOSE-Projekt leitet. Infolge einer Absprache musste er jedoch keinen einzigen Tag im Gefängnis verbringen und kehrte sogar auf seinen Posten als Juraprofessor an der Ca' Foscari-Universität zurück. Galan erhielt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten und eine Geldstrafe von 2,6 Millionen Euro wegen Bestechung, Erpressung und Geldwäsche. Seine „Gefängnisstrafe“ verbrachte er bequem in seinem eigenen Haus in der Nähe von Padua.

Am MOSE-Projekt wurde vergangenen Juli festgestellt, dass alle 156 Scharniere – jedes mit einem Gewicht von 36 Tonnen – an den Unterwasserbarrieren, die mindestens hundert Jahre halten sollten, schon nach nur zehn Jahren unter Wasser weitgehend verrostet sind. Der Auftrag über 200 Millionen Euro für die Scharniere war ohne offizielle Ausschreibung an die Gruppe Mantovani vergeben worden. Gegen das Unternehmen läuft derzeit eine Untersuchung wegen der Verwendung von minderwertigem Stahl. Der Zeitraum für den Austausch der Scharniere wird auf zehn Jahre veranschlagt und wird dreißig Millionen Euro kosten.

Letzte Woche zitierte AFT-News den in Venedig lebenden Dino Perzolla (62), der die ganze Empörung der Venezianer über MOSE aus den Punkt brachte: „Sie haben nichts getan, aber alles verdorben: das Ganze funktioniert nicht. Sie haben sechs Milliarden Euro gestohlen. Man müsste alle Politiker ins Gefängnis stecken.“

Eine Ironie des Schicksals besteht darin, dass gerade während der Sitzung, als der Regionalrat von Venetien über den Haushalt 2020 debattierte, der auch Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels umfasst, das Wasser in den Versammlungssaal eindrang und den ganzen Raum überschwemmte.