Als Hitler das rosa Kaninchen stahl – Der Nationalsozialismus aus Sicht eines Kindes

Von Stefan Steinberg
25. Januar 2020

Regie Caroline Link
Drehbuch Caroline Link und Anna Brüggemann
Aufgrund des gleichnamigen Buchs von Judith Kerr.

Einigen Generationen von Kindern in Deutschland und in der englischsprachigen Welt konnte die Trilogie von Judth Kerr eine erste und lebensnahe Empfindung über die Verbrechen der Nationalsozialisten vermitteln. Die Trilogie beginnt mit dem Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Kerrs Buch erschien zunächst 1971 auf Englisch und zwei Jahre später in einer deutschen Übersetzung von Annemarie Böll, der Ehefrau des deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Heinrich Böll.

Oliver Masucci, Riva Krymalowski und Carla Juri in "Als Hitler das rosa Kaninschen stahl"

Jetzt kam eine hervorragende Filmfassung des Buchs in Deutschland in die Kinos.

Buch und Film basieren auf den Erlebnissen der Autorin, die als Kind aus Deutschland fliehen musste, nachdem der Reichspräsident Paul von Hindenburg zu Beginn des Jahres 1933 Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt hatte.

Judiths Vater war der bekannte Theaterkritiker, Journalist und Drehbuchautor Alfred Kerr (1867–1948), der jüdischer Abstammung war. Alfred Kerr war einer der ersten deutschen Publizisten, die die Bedrohung des Nationalsozialismus ernst nahmen. In Berlin verfasste er eine Reihe von Artikeln, in denen er vor den Gefahren warnte, die durch Hitler und die Nazis drohten. Hitlers Reaktion war, Alfred Kerr ganz oben auf die Liste der Feinde zu setzen, mit denen nach der Machtübernahme abgerechnet werden sollte. Zu den im Mai 1933 im Zentrum Berlins von einem Mob nationalsozialistischer Studenten und Professoren verbrannten Büchern gehörten Kerrs Schriften.

Alfred Kerr hatte eine Warnung erhalten, dass er sich auf der Liste der von Hitler verfolgten Dissidenten befände. Er verließ 1933 Berlin, um in die Schweiz zu flüchten. Seine Familie, mit der neun Jahre alten Judith (im Buch und im Film heißt sie Anna), ihrem Bruder Michael (im Buch und im Film Max genannt) und ihrer Mutter Julia brach zwei Monate später auf. Das war nur wenige Tage vor den Reichstagswahlen im März, als Hitlers Nationalsozialisten den größten Anteil an Wählerstimmen erreichen konnten. Die Wahlen fanden kurz nach dem Reichstagsbrand statt. Die Nazis hatten die Kommunistische Partei als Urheber des Brands beschuldigt und eine Terrorkampagne gegen die KPD und die Sozialdemokratische Partei (SPD) entfesselt.

Im Buch beschreibt Kerr die Szene mit den Augen von Anna:

"Als sie aus dem Fenster schauten, war der Himmel über der Innenstadt Berlins leuchtend orangerot. Am nächsten Morgen redete jeder von dem Feuer, das den Reichstag zerstört hatte, das Gebäude, in dem das deutsche Parlament zusammentrat. Die Nazis sagten, das Feuer sei von Revolutionären gelegt worden und die Nazis seien die Einzigen, die solche Vorkommnisse verhindern könnten – daher müsse ihnen jeder bei den Wahlen seine Stimme geben. Aber Mama hörte, dass die Nazis selber das Feuer gelegt hatten." (1)

Der neue Film der erfahrenen deutschen Regisseurin Caroline Link (Jenseits der Stille, 1966 Nirgendwo in Afrika, 2001, Der Junge muss an die frische Luft, 2018) beginnt wie das Buch mit einer Kindergeburtstagsfeier, an der Max und Anna teilnehmen, wie auch eine Gruppe von Jungen in Uniformen der Hitlerjugend. Während einer Rauferei reißt Max einem seiner Gegner ein HJ-Abzeichen ab. Zu Hause zeigt Anna ihrem Vater die Trophäe. Er macht ihr klar, weshalb er so gegen die Nazis ist, und fordert sie auf, das Abzeichen wegzuwerfen. So machen die Kinder ihre eigenen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten, die ihrem Vater nach dem Leben trachten.

Marinus Hohmann und Riva Krymalowski

Links Film bleibt der Erzählung treu und berichtet anschaulich von den Erfahrungen der Familie Kerr, immer aus der Sicht von Anna. Sie sind gezwungen, ihr Haus und ihr Land in großer Eile mit nur einem Koffer zu verlassen. Anna muss auswählen, was sie von ihren Spielsachen mitnehmen soll. Sie entscheidet sich, ihr ältestes Lieblingsspielzeug, ein etwas schäbiges rosa Stoffkaninchen, zurückzulassen – eine Entscheidung, die sie später bereut, als die Nazis den gesamten Besitz der Familie beschlagnahmen.

Wir folgen den Abenteuern von Anna (wundervoll gespielt von Riva Krymalowski) und ihrem Bruder Max, zunächst in das Schweizer Exil und dann nach Frankreich, nach Paris. Ihr Vater versucht, Arbeit zu bekommen, aber es fällt ihm schwer, jemanden zu finden, der bereit ist, den verfolgten jüdischen Journalisten zu beschäftigen. Die Schweizer Behörden sind darauf bedacht, ihre neutrale Haltung im Krieg zu wahren, und sie wollen Hitler auf keinen Fall zu nahe treten. In Frankreich muss die Familie Kerr sich mit den antisemitischen Vorurteilen ihrer Vermieterin auseinandersetzen.

Der einzige Unternehmer in Frankreich, der bereit ist, Kerrs Artikel zu drucken, kann dafür nur ein minimales Entgelt zahlen. Trotz beträchtlicher finanzieller Einschränkungen beweisen Anna und Max die erstaunliche Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit der Kinder beim Überwinden aller Hindernisse, während sie sich völlig auf den Rückhalt ihrer kleinen Familie verlassen können.

Riva Krymalowski

Der Film folgt getreu dem Buch und schildert die Schlüsselepisoden, an denen die Brutalität der Nazis sichtbar wird. Wir erfahren unter anderem, dass die Nazis ein Kopfgeld auf Alfred Kerr von 1.000 Reichsmark ausgesetzt haben. Kerr drückt seine Überraschung über diesen Preis aus und erklärt seinen Kindern, dass er eigentlich dachte, er sei viel mehr wert.

In der Schweiz hört Anna, wie ihre Mutter über das Schicksal von denen spricht, die in Deutschland zurückbleiben mussten. Zu ihnen gehört ein Professor, der in ein Konzentrationslager geschickt wurde.

Im Buch ist die Szene wie folgt beschrieben:

"Die Nazis hatten ihn an eine Hundehütte gekettet … Der Hundezwinger stand am Eingang des Konzentrationslagers, und jedes Mal, wenn jemand hinein- oder hinausging, musste der berühmte Professor bellen. Er bekam etwas Essen in einer Hundeschüssel und durfte es nicht mit den Händen berühren. Anna wurde plötzlich ganz übel." (2)

In einer anderen Szene erfahren wir vom Schicksal des Lieblingsonkels Julius, einem Zoodirektor, ebenfalls ein Jude. Die Nazis verbieten ihm zu arbeiten, und er darf nicht einmal seine frühere Arbeitsstätte besuchen. Zunehmend isoliert, nimmt er sich das Leben.

Beide Episoden kommen auch in dem Film vor, und dazu gibt es drastische Beispiele, die den Antisemitismus illustrieren, wie er für bestimmte kleinbürgerliche Schichten sowohl in Deutschland als auch in Frankreich typisch war.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Wie jede normale Familie versuchte auch Judith Kerrs Familie, ihre Kinder in dieser Situation vor dem Schlimmsten zu bewahren. Judith Kerr, die eine erfolgreiche Schriftstellerin und Künstlerin wurde (sie starb im letzten Jahr mit 95 Jahren) berichtete, was sie für einen Schock erhielt, als sie lange nach der Veröffentlichung ihrer Trilogie einen Brief ihres Vaters las, den er in Paris geschrieben hatte. In dem Brief enthüllt Alfred Kerr, dass seine Frau so verzweifelt über ihre Notlage war, dass sie darüber nachdachte, sich selbst und die beiden Kinder umzubringen.

Links Film wird in Deutschland weitgehend positiv beurteilt. Viele Familien haben die Aufführungen über die Feiertage besucht. Einige Kritiker bringen jedoch den Einwand gegen den Film vor, Aufnahmen der Schweizer Alpen und der Einsatz romantischer Musik seien mit der brutalen historischen Realität des Holocaust nicht vereinbar und hätten eher in einen traditionellen Weihnachtsfilm gepasst.

In Wirklichkeit zeigen der Film wie das Buch die Tragödie der Juden aus der Perspektive eines Kindes und seiner Familie, die wie Millionen andere den Verlust ihres Heims und ihrer Verwandten und Bekannten erleben mussten. Indem er dies darstellt, verweist er zugleich auf die heutige Situation: Erneut werden Migranten und Minderheiten grausam verfolgt, und faschistische Banden erhalten wieder Oberwasser.

In einem Interview mit der Deutschen Welle erklärt Caroline Link, sie sehe deutliche Parallelen mit der Not der heutigen Flüchtlinge. Sie räumte ein, dass die Situation für Flüchtlinge aus Syrien oder Afrika heute sogar noch existentiell bedrohlicher und schlimmer sei, als die der Familie Kerr 1933, die immerhin noch ein Dach über dem Kopf und zu Essen hatte. Sie bemerkt jedoch: „ Aber was sie alle gemeinsam haben, ist natürlich, das Gefühl, in einem Land zu sein, in dem du die Spielregeln nicht kennst, die Sprache nicht verstehst und vollkommen neu anfangen musst. Vielleicht kann der Film ein Gefühl dafür hervorrufen, wie es sich anfühlt, wenn Menschen in einem vollkommen fremden Land Fuß fassen müssen.“

Unter Bedingungen, wo die deutschen Eliten erneut Stimmung gegen Flüchtlinge machen und das Anwachsen faschistischer Strömungen begünstigen, kommt der Film zur rechten Zeit.

1. Kerr, Judith, Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Ravensburg 199, S. 32

2. Ebd. S. 100f