Coronavirus in Europa: Überlastete Kliniken werden zu Todesfallen

Von Gregor Link
27. März 2020

Die Coronavirus-Pandemie forderte bisher weltweit über 23.000 Todesopfer. In Deutschland beträgt die Zahl der bestätigten Corona-Infizierten laut den Daten der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität mittlerweile knapp 44.000. Sie übersteigt damit die Fallzahlen von Südkorea (9240) und dem Iran (29.400) und nähert sich rasch den Größenordnungen von Spanien (über 56.000), den Vereinigten Staaten (knapp 76.500) und Italien (knapp 81.000), wo das hochansteckende Virus bereits über 8200 Menschen dahingerafft hat und trotz einer allgemeinen Ausgangssperre weiter wütet.

Die Lokalzeitung Eco di Bergamo veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 17. März 2020 in Mediglia, Italien, mehrere Seiten mit Nachrufen. (AP Photo/Luca Bruno)

Während die Armee im Norden Italiens nach wie vor Särge abtransportiert, weil sie von den völlig überlasteten Krematorien nicht mehr beigesetzt werden können, sind in den letzten 24 Stunden erneut über 700 Menschen dem Virus zum Opfer gefallen.

Darüber hinaus hat die kriminelle Untätigkeit der europäischen Regierungen in den vergangenen Tagen dazu geführt, dass sich in Kliniken auf dem gesamten Kontinent ein mörderischer Teufelskreis aus Überlastung, Ansteckungsgefahr und Arbeitsausfällen entwickelt. Erste bedrohliche Hinweise darauf gaben italienische Forschungsinstitute am Dienstag bekannt. Demnach handele es sich bei 5760 der Infektionsfälle um Beschäftigte des Gesundheitswesens.

Ein Bericht der New York Times gibt einen Einblick in die katastrophalen Zustände, die bereits heute in europäischen Kliniken herrschen: „In der Provinz Brescia, dem Zentrum des Ausbruchs in Italien, wurden nach Angaben eines dortigen Arztes zehn bis 15 Prozent der Ärzte und Krankenschwestern infiziert und außer Gefecht gesetzt“, schreibt das amerikanische Blatt. „Doch das Problem ist in ganz Europa weit verbreitet. In Italien, Frankreich und Spanien sind mehr als dreißig Mediziner und Pfleger an dem Coronavirus gestorben, und Tausende andere mussten sich selbst isolieren.“

In Frankreich seien 490 Beschäftigte des Gesundheitswesens aufgrund einer Infektion mit dem Virus isoliert worden. In Spanien, wo sich die Fallzahlen alle vier Tage verdoppeln, sind Behördenangaben zufolge sogar 5400 Mediziner infiziert – das sind nahezu 14 Prozent aller Erkrankten.

Auf dem Land, so die Times, hätten manche spanische Gemeinden im Verlauf der letzten Woche bis zu dreißig Prozent ihrer Krankenpfleger aus gesundheitlichen Gründen nach Hause schicken müssen. In der Hauptstadt Madrid hingegen sei man wegen des Massensterbens mittlerweile dazu übergegangen, Leichen im olympischen Schlittschuhstadion zwischenzulagern, bevor sie beigesetzt werden können.

In allen drei Ländern „lichten sich die Reihen der Ärzte und Pfleger“, schließt die Zeitung. Zugleich bleibe unklar, wie hoch der Prozentsatz der Infizierten unter denjenigen sei, die derzeit noch keine Symptome zeigen. Da sie bei ihren täglichen lebensrettenden Einsätzen nicht ausreichend geschützt seien und Schutzausstattung an allen Ecken und Enden fehle, würden „infizierte Arbeiter mitsamt ihren Kliniken zunehmend zu aktiven Krankheitsüberträgern“.

„Selbst als wir bereits wussten, dass das Virus in Krankenhäusern zirkuliert, wurde uns noch gesagt, dass wir die Verwendung von Schutzausrüstung auf bestimmte Umstände beschränken sollen“, sagte ein Sprecher der spanischen Krankenpfleger-Gewerkschaft SATSE der Times. Durch den Ausfall ihrer Kollegen erhöht sich wiederum der Druck auf das verbleibende, ohnehin bis ans Äußerste belastete Klinikpersonal zusätzlich. Schon heute zählen in Spanien Krankenhäuser zu den schlimmsten Infektionsherden des Landes.

Die Einschätzungen von führenden Epidemiologen und Ärzten lassen keinen Zweifel daran, dass diese Katastrophe in den kommenden Wochen auch in Deutschland bittere Realität werden könnte, wenn das Ruder nicht rechtzeitig durch geeignete Maßnahmen herumgeworfen wird.

Bereits letzten Freitag hatte Lothar Wieler, der Leiter des Robert-Koch-Instituts, gegenüber der Presse gewarnt, die pandemische Krise besitze ein „Ausmaß, das ich mir selbst nie hätte vorstellen können“. Seitdem haben sich die Infektionszahlen in Deutschland nahezu verdoppelt und die Todesopfer auf 239 vervierfacht. Ernstzunehmende Epidemiologen gehen zudem von einer Dunkelziffer aus, die das Zehnfache der offiziellen Zahlen betragen könnte.

„Wer heute noch meint, das deutsche Gesundheitssystem könne eine Lage wie in Italien locker bewältigen, hat nichts begriffen“, zitiert der Spiegel Gerald Gaß, den Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Ärzte und Klinikleiter warnen gegenüber dem Nachrichtenmagazin vor einer „drohenden Katastrophe“ und „massiven Auswirkungen“ der Pandemie.

Der Spiegel selbst spricht von einem „Ausnahmezustand“ und einer „drohenden Knappheit bei den Beatmungsgeräten“. Schon jetzt befinden sich unzählige Krankenhäuser und Pflegekräfte an der absoluten Belastungsgrenze. Mindestens 17.000 Pflegestellen sind nicht besetzt.

„Patienten [werden] einfach direkt in die Intensivstation geschoben, ohne dass einer mal schaut, ob sie ansteckend sein könnten“, erklärt ein Pfleger gegenüber dem Spiegel. „Bis eine Diagnose da ist, hatten wir alle längst Kontakt mit ihm – und das ohne Schutzkleidung.“ Die ganze Station sei dadurch anschließend verseucht.

„Rücksicht darauf, dass ein Arzt oder Pfleger sich bereits infiziert haben und so zum Risiko für Patienten und Kollegen geworden sein könnte, wird mancherorts nicht mehr genommen“, heißt es im Titelbericht des Spiegels weiter. „Ein Ausfall des Personals ist nicht zu kompensieren, trotz aller Bemühungen, Studenten und pensionierte Ärzte für den Krisenmodus zu rekrutieren.“

Dabei steigt bundesweit die Infektionsrate des ärztlichen Personals – ähnlich wie in Frankreich, Spanien und Italien – rasch an. Zugleich werden Schutzbekleidung und Desinfektionsmittel in immer mehr deutschen Krankenhäusern knapp, so dass manche Kliniken behelfsmäßig Alkohol von Industrielackierern und Fleischfabrikanten beziehen müssen, berichtet der Spiegel. Die Oberärztin einer Privatklinik aus Bayern spricht die unmenschliche Situation offen aus, die den Pflegekräften unter diesen Bedingungen droht: „Jeder arbeitet, bis er Symptome hat. Anders ist es nicht mehr zu stemmen.“

Der kapitalistische Druck sorgt überdies dafür, dass viele Kliniken „auf die Einnahmen aus Knieprothesen, Hüftoperationen oder Herzkatheter-Untersuchungen angewiesen sind“. Diese lukrativen Eingriffe würden oft weiterhin durchgeführt, obwohl Experten sie „oft für überflüssig halten“.

Ein offener Brief von Pflegekräften an das Bundesgesundheitsministerium, der im Internet innerhalb weniger Tage von 300.000 Menschen unterschrieben wurde, zitiert aus einer Mitteilung der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft, die offenbar mit den Landesministerien abgestimmt wurde: „Man bemühe sich, Schutzmaterial zu besorgen, aber (…) man wisse nicht, wann es überhaupt vorhanden ist. Falls keines mehr organisierbar ist, sollen wir einfach ohne Schutz weiterarbeiten.“

In den Medien häufen sich inzwischen Berichte von Erkrankten, die sich auf der Suche nach Covid-19-Tests vor geschlossenen Arztpraxen wiederfinden und anschließend gezwungen sind, stundenlang in der Kälte auszuharren und unzählige Dokumente auszufüllen, bevor ihnen der Zutritt zu einer Containerklinik gewährt wird.

Überall dort, wo die Infektionsraten rasch ansteigen, mangelt es in Europa an dem Nötigsten, um der Pandemie wirksam entgegenzutreten. So sind Krankenpfleger der französischen Region Grand-Est beispielsweise gezwungen, ihre Schuhe notdürftig mit Plastiktüten und Klebeband zu umhüllen, weil medizinisch abgedichtete Stiefel nirgendwo mehr aufzutreiben sind.

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der deutschen Bundesärztekammer, richtete kürzlich einen vertraulichen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, in welchem er einige der wichtigsten Mängel auflistete. Gegenüber dem ehemaligen Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart erklärte er am Mittwoch dazu: „Seit Wochen arbeiten die ambulant tätigen Kolleginnen und Kollegen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne angemessenen Schutz. Die Pflegekräfte besuchen zu pflegende ältere Menschen im Wesentlichen zu Hause und bewegen sich damit ungeschützt unter der am stärksten vom Risiko eines tödlichen Verlaufs behafteten Patientengruppe. Hausärzte, die in ihrer Praxis täglich mit unter Umständen infizierten Patienten gezwungenermaßen ohne Schutzmasken Kontakt haben, müssen gleichwohl die normale Versorgung von zahlreichen Altenheim-Patienten gewährleisten. Der Fall einer Ketteninfektion in einem Altenheim in Würzburg mit neun Toten ist ein warnendes Beispiel.“

Auch Jean-Paul Hamon, der Vorsitzende der größten französischen Ärztevereinigung, hatte sich gegenüber dem französischen Fernsehen „besonders besorgt“ über den mangelnden Schutz von Altenpflegern und niedergelassenen Ärzten gezeigt. Letztere bildeten in Frankreich die Mehrheit der am Coronavirus gestorbenen Mediziner.

In den deutschen Krankenhäusern, so Bundesärztechef Reinhardt, drohe die „normale” Versorgung von lebensbedrohlich gefährdeten Menschen zusammenzubrechen – denn „Schlaganfall, Herzinfarkt, Hirnblutungen, Darmverschluss finden ja unverändert statt“. Bei den Hausärzten, so Reinhardt weiter, sei unterdessen „keinerlei Schutzmaterial mehr vorhanden“ und es sei „auch nicht kaufbar, von niemandem, weil es einfach vom Markt verschwunden ist.“

Die von der Regierung in Aussicht gestellten zwanzig Masken je Tag und Praxis würden in dieser Situation „nichts helfen“, und die tatsächlich zur Verfügung stehenden Masken seien erst recht „in keiner Weise ausreichend“. Wie der Spiegel berichtet, müssen Kliniken für Atemschutzmasken derzeit teilweise das 25-Fache des Normalpreises zahlen.

Die unmittelbare Ursache für den akuten Mangel an Atemschutzmasken ist, dass eine Lieferung von sechs Millionen Atemschutzmasken, die eigentlich am 20. März in Deutschland hätte eintreffen sollen, überraschend „spurlos verschwunden“ ist. Zuständig für die „zentrale Beschaffung“ von Corona-Hilfsgütern ist das Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr (BAAINBw). Wie der Spiegel unter Berufung auf einen internen Bericht des Wehrressorts berichtete, seien die dringend benötigten Masken unter den Augen der Bundeswehrbehörde in Kenia „abhandengekommen“. Die Hintergründe des Vorfalls sind derzeit noch unklar.

Attilio Fontana, der Präsident der italienischen Krisenregion Lombardei, erklärte unterdessen gegenüber dem Nachrichtenmagazin, man sei „in Kürze nicht mehr in der Lage, den Kranken eine Behandlung zu bieten“, weil es nicht mehr genügend Beatmungsgeräte gebe.

„Überall herrscht Mangel an Schutzausrüstung, Improvisationen sind weit verbreitet“, berichtet Antonio Antela vom Universitätsklinikum der spanischen Stadt Santiago de Compostela der Times von seinem Krankenbett aus. Der Arzt war mit Lungenentzündung und positivem Corona-Test auf die Intensivstation eingeliefert worden. Der ebenfalls infizierte Mediziner Hamon urteilt: „Der Staat ist absolut unvorbereitet. Er schuldet uns eine Erklärung.“

Die Erklärung lautet, dass hinter dem scheinbaren „Chaos“ und der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft eine Klassenpolitik steht, die in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und unzähligen anderen Ländern von aufeinanderfolgenden Regierungen seit der Auflösung der Sowjetunion bewusst verfolgt wurde. Allein in Deutschland wurden zwischen 1990 und 2010 ungefähr 180.000 Krankenhausbetten (-26 Prozent) abgebaut, 360 Krankenhäuser (-15 Prozent) abgewickelt und damit einhergehend auch die Anzahl der Krankenhausbetten für die akut-stationäre Versorgung drastisch reduziert.

„Diese Pandemie rollt seit Wochen absehbar auf uns zu“, stellt der offene Brief der Krankenpfleger an das Gesundheitsministerium fest und erklärt: „Wir erwarten von Ihnen ganz konkret (…) eine sofortige Organisation der Beschaffung wirksamer Schutzmaterialien unter Einbezug aller Möglichkeiten. Im Notfall auch durch die Verstaatlichung von Herstellern und deren Zulieferern, um uns Pflegekräfte zu schützen.“ Außerdem fordert der Brief deutliche Lohnerhöhungen.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) tritt dafür ein, Arbeiter in ganz Europa und darüber hinaus im Kampf gegen das Virus und die kriminelle Gleichgültigkeit der Regierungen zu vereinen. Die Auswirkungen der globalen Pandemie sind in den Augen von Millionen von Menschen ein Beweis für die Skrupellosigkeit sowie den moralischen, wirtschaftlichen und politischen Bankrott der herrschenden Klasse.

Die Arbeiterklasse muss dieser Politik ihr eigenes Programm entgegensetzen. In einer Erklärung des IKVI vom 29. Februar heißt es, der Kampf gegen die Pandemie erfordere global koordinierte Notfallmaßnahmen und die sofortige Bereitstellung von Billionen. Diese Forderungen sind Bestandteil einer weltweiten sozialistischen Perspektive und müssen gegen den Widerstand aller bürgerlichen Parteien und der Gewerkschaften durchgesetzt werden. Wir rufen alle, die mit diesen Forderungen übereinstimmen, dazu auf, noch heute mit uns Kontakt aufzunehmen.