Brief eines Arbeiters von Caterpillar

„Das ist biologische Kriegsführung im Klassenkrieg“

7. April 2020

Den folgenden Brief erhielt die World Socialist Web Site von einem Caterpillar-Arbeiter in Illinois. Vor drei Jahren hatte die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) diesen Arbeitern trotz immensen Widerstands einen sechsjährigen Knebelvertrag aufgenötigt. Caterpillar hat seither wegen des Niedergangs der Bergbau- und Rohstoffmärkte Zehntausende von Arbeitern entlassen. Der Konzern legte weltweit viele Werke still, und die UAW rührte keinen Finger, um die Caterpillar-Beschäftigten zu verteidigen.

Wir möchten andere Caterpillar-Beschäftigte und Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt einladen, uns zu schreiben und über die Bedingungen zu berichten, denen sie während der Covid-19-Pandemie ausgesetzt sind.

Der folgende Brief des Caterpillar-Arbeiters veranschaulicht die gefährlichen Bedingungen, denen die Industriearbeiter in ihren Betrieben ausgesetzt sind, wobei die Gewerkschaft das Unternehmen deckt. Um die Identität des Verfassers zu schützen, wurden unwichtige Angaben leicht verändert.

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Ich arbeite in einem Caterpillar-Werk in der Region Peoria. Obwohl mehrere Fabriken und Abteilungen des Konzerns ihre Beschäftigten seit einer Woche in Kurzarbeit zuhause lassen, geschieht das nur aus wirtschaftlichen Gründen, und alle anderen machen weiter wie bisher.

In unserem Betrieb wurden mindestens 3 Arbeiter mit Fieber von der Arbeit weg heimgeschickt. Eine Person aus meiner Abteilung steht unter vierzehntägiger „Covid-19-Beobachtung“. Ich nehme an, mit den anderen ist es dasselbe. Woraus diese „Beobachtung“ genau besteht, ist unklar. Ich bin mir sicher, dass sie nicht auf Covid-19 untersucht werden. Das Letzte, was die Firma will, ist ein „offiziell“ positives Ergebnis. Sie wären dann verpflichtet, mehr zu tun, als nur Behälter mit Handdesinfektion, Sprühflaschen mit Bleichmitteln und Clorox-Tücher in der Fabrik zu verteilen.

Ich bin mir sicher, „Beobachtung“ ist wörtlich gemeint. Die Leitung der Fabrik will sehen, ob es ihnen besser oder schlechter geht. Offenbar heißt das nicht, dass sie getestet werden, nicht einmal, wenn sie ins Krankenhaus kommen. Und wenn sie – was hoffentlich nicht passiert! – an den Komplikationen einer Lungenentzündung sterben, wird keiner die Wahrheit erfahren.

Vor zwei Wochen reichte die ganze Tagschicht Urlaub für die folgende Woche ein, um dagegen zu protestieren, dass sie unnötigerweise während der Krise zur Arbeit gezwungen werden, obwohl der Gouverneur häusliche Isolation angeordnet hatte. Ich muss dazu sagen, dass alle außer unserm gewerkschaftlichen Vertrauensmann die Zettel ausfüllten. Er rief bei der Gewerkschaft an und erzählte, was vorging. Weil der Protest vor allem von den Teamleitern organisiert worden war, waren diese von den Disziplinarmaßnahmen am stärksten betroffen. Wäre ein Vertrauensmann oder Betriebsrat betroffen gewesen, hätte die Gewerkschaft laut eigener Angabe interveniert und dafür gesorgt, dass das aufhört.

Ganz mysteriös war, dass jemand bei der Geschäftsleitung von Caterpillar anrief und dort erzählte, was passierte, und die Teamleiter als Anstifter bezeichnete. Beide sind mit ernsten Ermahnungen davongekommen, aber meinen Beitrag hat die Gewerkschaftsführung erst einmal gesehen.

Die Sache ist die, dass sowohl Unternehmen als auch Gewerkschaft ganz genau wussten, dass 100 Prozent der Tagschicht solidarisch handeln wollten, um gegen die Unternehmenspolitik und die nutzlosen Vermittlungsversuche zu protestierten.

Eine Person, die „unter Beobachtung“ steht, hielt sich noch in der Cafeteria auf und kam in die Werkshalle, bevor sie endlich nach Hause ging. Die Werksleitung sah das genau und unternahm nichts. Danach besuchten die Menschen die Cafeteria noch wie gewöhnlich, und geputzt wurde sie erst nach Betriebsschluss. Ich muss dazu sagen, dass die Cafeteria klein ist und nur wenige Tische zum Sitzen hat. Viele gehen hin, um sich auf dem Weg in die Werkshalle einen Kaffee, ein Getränk oder Snacks zu holen. Das war ein großer Fehler.

Was die Regierung und die Kapitalisten machen oder nicht machen, passt jedenfalls zu ihrer ausdrücklichen und häufig geäußerten Verachtung für die Arbeiterklasse. Wie ich bei der Arbeit zu einem Freund sagte: „Das ist biologische Kriegsführung im Klassenkrieg. Auch wenn sie es vielleicht nicht angezettelt haben, so ergreift die herrschende Klasse doch jede Gelegenheit beim Schopf. Wie die britische Regierung es (in ihrer gewohnt erschreckenden Offenheit) formulierte, ist es ihre Chance, die ‚Herde‘ zu keulen.“

Wenn sie Menschen zur Weiterarbeit zwingen und die Schulen wieder öffnen, ist es das Todesurteil für weiß Gott wie viele. Hat es je zuvor eine Zeit wie diese gegeben, in der so gut wie jede Regierung auf dem Planeten beabsichtigt, einen großen Teil ihrer eigenen Bevölkerung durch Vernachlässigung umzubringen? Und gleichzeitig planen sie, weiterhin wirtschaftlich wie militärisch Krieg gegeneinander zu führen?

Wir leben schon lange im Imperialismus, aber diese globale Psychose ist meines Wissens ohne Präzedenzfall in der Geschichte.