Britischer Premierminister Johnson: Ein Opfer seiner eigenen Politik der „Herdenimmunität“

Von Robert Stevens
9. April 2020

Der britische Premierminister Boris Johnson liegt weiterhin auf der Intensivstation und ist in Lebensgefahr. Zuvor hatte er sich zehn Tage in Selbstisolation befunden, nachdem er sich mit dem Coronavirus angesteckt hatte.

Als Johnsons Gesundheitszustand sich verschlechterte und er Atemprobleme bekam, wurde er am Sonntagabend aus der Downing Street ins Londoner St.-Thomas-Krankenhaus eingeliefert. Am Montagabend kam er auf die Intensivstation.

Am 27. März kündigte der Premierminister auf Twitter an, bei ihm sei Covid-19 diagnostiziert worden, erklärte aber optimistisch: „Ich habe milde Symptome des Coronavirus entwickelt, das heißt: Fieber und hartnäckigen Husten … Zweifellos kann ich weiterarbeiten … Mit meinem Top-Team bespreche ich den nationalen Kampf gegen das Coronavirus.“

Johnson, seine Regierung und die Medien versuchen, die Schwere seiner Krankheit herunterzuspielen. Allerdings habe die kurzen Twitter-Videobotschaften aus der Downing Street und sein Auftritt vor der Tür am letzten Donnerstag, als es um das „Klatschen für den National Health Service“ ging, deutlich gezeigt, dass es ihm da schon schlecht ging.

Der britische Premierminister Boris Johnson erklärt am 12. März bei einer Pressekonferenz in der Londoner Downing Street die Reaktion seiner Regierung auf den Ausbruch des neuartigen COVID-19. (Simon Dawson/Pool über AP)

Ein Regierungssprecher versuchte am Dienstag, Johnsons Lage zu beschönigen. Er erklärte, der Premier „erhält die übliche Sauerstoffbehandlung. Er kann ohne zusätzliche Hilfe atmen und hat keine Lungenentzündung.“ Daraufhin schrieben die Zeitungen, Johnson brauche keine Beatmung, und sein Zustand sei „stabil“.

Johnson braucht zwar noch kein Beatmungsgerät, ist aber nur noch einen Schritt davon entfernt. Dr. Simon Clarke von der Universität Reading erklärte: „Der NHS vergibt keine Intensivpflegeplätze, wenn Leute nur beobachtet werden sollen, vor allem nicht zum jetzigen Zeitpunkt. So funktioniert das nicht, nicht einmal für einen Premierminister.“

Medizinprofessor Paul Hunter von der University of East Anglia erklärte: „Leider sterben weiterhin etwa die Hälfte (50,1 Prozent) aller Fälle, bei denen der Zustand [mit Covid-19] kritisch wird. Bei anderen viralen Lungenentzündungen liegt dieser Wert nur bei 22,4 Prozent.“

Außenminister Dominic Raab erklärte am Montag auf einer Pressekonferenz, er übernehme jetzt Johnsons Verpflichtungen. Später wurde bekannt, dass sich auch der Kabinettsminister Michael Gove in Selbstisolation befindet. Aus der Downing Street wurde erklärt, falls Raab seine Pflichten nicht erfüllen könne, würde Schatzkanzler Rishi Sunak einspringen.

Wie mittlerweile bekannt geworden ist, hat das britische Establishment erst aufgehört, Johnsons Lage zu verharmlosen, als sich die US-Regierung direkt nach seinem Gesundheitszustand erkundigte. Die Daily Mail schrieb am Dienstag: „Unser ältester Verbündeter von der anderen Seite des Atlantiks musste erst fragen, wie schwerwiegend Johnsons Krankheit ist. Als Donald Trump erklärte: ,Alle Amerikaner beten‘ für den Premierminister, kam schnell heraus, dass es sich nicht nur um eine der üblichen Übertreibungen des Präsidenten handelte.“

Trotz endloser Berichte wird kaum etwas über die offensichtlichste Tatsache erwähnt: Johnson hat sich mit Covid-19 angesteckt und braucht intensivmedizinische Behandlung. Er ist ein Opfer der Politik seiner eigenen Regierung geworden, das Virus durch die Schaffung von „Herdenimmunität“ zu bekämpfen. Das bedeutet im Klartext, dass eine massenhafte Infektion der Bevölkerung herbeigeführt wird. Hätte er diese Politik wie geplant durchgesetzt, wären Tausende Todesopfer die Folge gewesen.

Als sich das Virus am 3. März rapide ausbreitete, weltweit 100.000 Fälle gemeldet wurden und die Weltgesundheitsorganisation begann, von einer potenziellen Pandemie zu sprechen, da erklärte Johnson auf einer Pressekonferenz: „Ich schüttle weiterhin Hände.“ Er erklärte, er habe gerade eine Krankenstation besucht, dabei auch Covid-19-Patienten getroffen und allen die Hände geschüttelt.

Zwei Tage später wurde der erste Tote durch das Coronavirus in Großbritannien gemeldet. Johnson gab den Moderatoren der ITV-Sendung This Morning unverdrossen die Hand. Sie fragten ihn, warum keine öffentlichen Veranstaltungen abgesagt und die Schulen nicht geschlossen würden. Darauf antwortete der Premier: „Eine Theorie lautet, dass man es vielleicht mit Fassung tragen könnte, alles auf einmal durchmachen und es der Krankheit erlauben sollte, sich ohne so viele drakonische Maßnahmen in der Bevölkerung auszubreiten.“ Später am gleichen Tag erklärte er: „Im Grunde sagen wir: ,Wascht euch die Hände und macht weiter wie gehabt‘.“

Wenige Tage später, am 12. März, verkündeten Johnson und seine wichtigsten medizinischen und wissenschaftlichen Berater die Politik der Herdenimmunität. Nur einen Tag darauf erklärte seine Gesundheitsministerin Nadine Dorries, sie habe sich mit dem Virus angesteckt. Sie hatte Kontakt zu Hunderten von Menschen, u.a. auch zu Johnson.

Erst als die Zahl der Toten anstieg, war Johnson gezwungen, erste Maßnahmen zur sozialen Distanzierung anzukündigen, und ab dem 23. März galten auch im Vereinigten Königreich Ausgangsbeschränkungen.

Johnson und die Regierung glaubten offensichtlich an ihre eigene PR und ignorierten wissenschaftlich begründete Warnungen von Gesundheitsexperten davor, wie infektiös und gefährlich Covid-19 ist. Er nahm weiterhin an Sitzungen des Parlaments teil, bis dieses am 25. März auseinanderging. Einen Tag zuvor traf er sich in der Downing Street mit drei weiteren Kabinettsmitgliedern. Drei der vier persönlich Anwesenden – Johnson, Gesundheitsminister Matt Hancock und Chief Medical Officer Chris Whitty sind seither an dem Virus erkrankt.

Am 27. März räumte Johnson endlich ein, dass er sich mit Covid-19 angesteckt und „milde Symptome“ habe.

Die Überheblichkeit, mit der Johnson mit dem Coronavirus umging, wirkte sich auch auf seine Partnerin Carrie Symonds aus, die im sechsten Monat schwanger ist. Sie blieb mit Johnson in der Downing Street, bis er bekanntgab, dass er positiv getestet wurde. Am 3. April erklärte Symonds, sie habe die letzte Woche über mit Coronavirus-Symptomen im Bett gelegen.

Am 30. März wurde Johnsons wichtigster Berater, Dominic Cummings, dabei beobachtet, wie er aus der Downing Street rannte, nachdem er am vorherigen Tag Symptome entwickelt hatte. Seither wurde er nicht mehr gesehen.

Johnson wurde erst in letzter Minute im Krankenhaus behandelt. Er ist ernsthaft krank, weil er aus politischen Gründen so tat, als ginge es ihm gut. Andernfalls hätte er zugeben müssen, wie kriminell seine Politik der „Herdenimmunität“ in Wirklichkeit war. Zudem betonten Johnson und seine Kollegen eifrig, die Covid-19-Pandemie würde schnell ihren Höhepunkt erreichen und dann abflachen. Danach könne die britische Wirtschaft wieder zur Normalität übergehen – d.h. die Arbeiter müssten unverzüglich an die Arbeit zurückkehren, damit die Konzerne und Banken weiter Profite scheffeln könnten.

 

Siehe auch:

Johnson-Regierung wegen ihrer Politik der „Herdenimmunität“ gegen COVID-19 in der Kritik
[17. März 2020]