Deutsche Kliniken werden zu Covid-19-Hotspots

Von Markus Salzmann
9. April 2020

Nachdem in Deutschland mittlerweile über 110.000 Menschen mit dem Covid-19-Erreger infiziert sind, entwickeln sich immer mehr Kliniken zu Zentren der Corona-Epidemie. Inzwischen haben sich laut Robert-Koch-Institut (RKI) mehr als 2300 Ärzte und Pflegekräfte allein in Krankenhäusern infiziert. Dies verschärft den dramatischen Personalmangel in den Kliniken weiter.

Die Lage wird in zahlreichen Kliniken immer ernster. Nachdem in der Helios-Klinik in München-Pasing vermehrt Fälle von Corona-Infektionen aufgetreten waren, ist der Betrieb mittlerweile wieder angelaufen. Betroffen waren dort neben Patienten auch Teile des Personals. Rund 250 Patienten und etwa 1000 Beschäftigte wurden nach Auskunft der Stadt seit dem 31. März getestet, 97 davon positiv.

Auch im Klinikum im bayrischen Ansbach wurden Teile geschlossen. Ende letzter Woche ging ein Sprecher des Klinikums von 21 infizierten Mitarbeitern aus dem medizinischen und pflegerischen Bereich aus. Diese Zahl ist inzwischen auf über das Doppelte angestiegen, wie die Klinik der Abendzeitung am letzten Freitag mitteilte.

Im Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum verstarben innerhalb von 24 Stunden fünf Menschen an den Folgen der Corona-Infektion, wie die Stadt Potsdam am Dienstag mitteilte. Schon in der letzten Woche wurden in dem Klinikum eine Häufung von Coronavirus-Infektionen nachgewiesen und ein Aufnahmestopp verhängt. Derzeit dürfen nur akute Notfälle aufgenommen werden.

In dem Krankenhaus sind derzeit 88 mit dem Coronavirus infizierte Patienten in stationärer Behandlung, 14 davon auf einer Intensivstation, elf von ihnen werden beatmet. Alleine bis Dienstag sind dort 21 Covid-19-Patienten verstorben.

Mindestens 80 Mitarbeiter haben sich in der Klinik mit dem Virus infiziert. Experten des RKIs inspizierten daraufhin die Klinik und verfassten einen Bericht an das zuständige Gesundheitsamt. Offiziell wurde daraus noch nichts bekannt, jedoch sind unmittelbar danach mehrere Verfahren eingeleitet worden. Das erste richtet sich laut Berliner Zeitung gegen drei leitende Mitarbeiter. „Am Dienstagabend wurden dann auch Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen zwei Geschäftsführer der Klinik eingeleitet. Auch hier lautet der Vorwurf, dass Corona-Fälle möglicherweise zu spät oder gar nicht dem Potsdamer Gesundheitsamt gemeldet wurden“, schreibt die Zeitung.

Unabhängig davon, ob sich einzelne Personen unter diesen Bedingungen immer korrekt verhalten haben, liegt die Ursache der weitreichenden Infektionen in den katastrophalen Bedingungen in den Kliniken. Ärzte und Pflegepersonal sind völlig überarbeitet. Noch immer herrscht Mangel an Schutzmaterialien wie Mundschutz, Schutzkittel und Desinfektionsmittel.

Streikende Krankenschwestern des Klinikums Frankfurt-Höchst, September 2017

Wie dramatisch die Situation ist, macht ein offener Brief von Ärzten und Pflegepersonal aus mehr als 20 Krankenhäusern in Brandenburg deutlich. Sie fordern von der SPD-geführten Landesregierung Taten, damit die Versorgung aufrechterhalten werden kann. „Das Land Brandenburg muss einen Weg finden, Masken, Schutzkittel, Schutzbrillen, Handschuhe und Desinfektionsmittel zu produzieren – sofort!!“, heißt es in dem Brief, der an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Gesundheitsministerin Ursula Nonnenmacher (Grüne) gerichtet ist.

Wie rbb24 berichtet, fordern die Beschäftigten mehr Personal für alle an der Krankenversorgung beteiligten Bereiche „durch schnelle und unbürokratische Einstellungen“. Bereits vor der Krise sei die Situation in den Krankenhäusern prekär gewesen, nun stehe das Gesundheitssystem vor einer Zerreißprobe, heißt es in dem Brief.

„Die Entwicklungen der nächsten Tage, Wochen und Monate können eine ungeahnte Dynamik aufweisen. Schauen wir auf China, Iran, Italien und Spanien, können wir nur erahnen, was demnächst auf uns im Gesundheitswesen zukommt“, mahnen die Verfasser.

Darüber hinaus müssten die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden. So müsse es neben der Versorgung mit Obst und Säften die Möglichkeiten für kostenlose Rehabilitation und Physiotherapie geben, um die psychisch und physisch belastende Tätigkeit weiter ausführen zu können. Beschäftigte, die selbst Risikogruppen angehören, müssten besonders geschützt werden.

Entscheidungen der vergangenen 20 Jahre seien auf Kosten der Beschäftigten und der Patienten getroffen worden. Damit kritisieren die Unterzeichner die Kürzungen und Privatisierungen im Klinikbereich wie im gesamten Gesundheitswesen. Die Verfasser fordern ein Neudenken der Finanzierung des Gesundheitssystems. Die Marktlogik habe dort nichts zu suchen.

Die Landesregierung in Potsdam reagierte auf die Kritik mit der gewohnten Gleichgültigkeit und Arroganz. So erklärte Nonnenmacher am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtages ungeachtet des Hilferufs, dass die Kliniken auch auf steigende Fallzahlen gut vorbereitet seien. „Insgesamt sind wir da gut gerüstet und haben viele Kapazitäten.“

Bereits Mitte März war deutlich geworden, wo die Prioritäten der Brandenburger Regierung liegen. Während quasi über Nacht ein Rettungsschirm für Unternehmen in Höhe von 500 Millionen Euro angekündigt wurde, ergriff die Regierung keine Maßnahmen, um die Verhältnisse in den Kliniken zu verbessern.

Welche Verachtung die Regierungen in Bund und Ländern gerade gegenüber den Pflegekräften an den Tag legen, zeigt sich an der Diskussion über Prämien für den Einsatz während der Krisenzeit. Es gibt immer noch keine einheitlichen Prämien für die Beschäftigten in Kliniken, Pflege- oder Behinderteneinrichtungen, die ohnehin schlecht bezahlt werden. Während heuchlerische Kampagnen für die „Helden des Alltags“ geführt werden, unterbieten sich Bund und Länder mit Vorschlägen für Almosen.

Ärzte und Pfleger der landeseigenen Charité und der Vivantes-Kliniken in Berlin sollen beispielsweise drei Monate lang 150 Euro mehr erhalten. Bayern will einmalig 500 Euro an Pflegekräfte auszahlen. Die Gewerkschaft Verdi hat mit der Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) für Vollzeitbeschäftigte eine Einmalzahlung von 1500 Euro vereinbart. Hier sind allerdings große Arbeitergeber, wie die kirchlichen Träger und die privaten Anbieter nicht vertreten.

Obwohl RKI-Chef Lothar Wieler wiederholt erklärte „dass die Kapazitäten nicht ausreichen werden“, wurden inmitten der Krise bereits Kliniken geschlossen und damit die Kapazitäten weiter geschmälert. Es könnten nicht die letzten sein. Wie die Zeit berichtete, sind allein in Süddeutschland laut einer Studie sechs von zehn Krankenhäuser chronisch unterfinanziert, 78 Prozent der öffentlichen Krankenhäuser sind verschuldet.

Im letzten Jahr veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, nach der die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland um die Hälfte auf nur noch 600 reduziert werden müsste. Noch Ende Februar hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) laut Ärzteblatt „mehr Mut“ bei Krankenhausschließungen gefordert.

Auch in Pflegeheimen steigen die Infektionen. Deutschlandweit ist das Coronavirus inzwischen in über 300 Heimen aufgetreten, bislang sind mindestens 226 Covid-19-Kranke gestorben, 118 davon in Nordrhein-Westfalen. Das ergab eine Umfrage des Magazins FAKT bei den zuständigen Ministerien aller Bundesländer. Das Saarland und Sachsen-Anhalt machten dazu keine Angaben. Aufgrund unzureichender Tests dürften diese Zahlen allerdings weit höher liegen.