Weltweit fast eine halbe Million Beschäftigte im Gesundheitswesen mit Covid-19 infiziert

Von Patrick Martin
5. Juni 2020

Der International Council of Nurses (Weltbund der Krankenschwestern und Krankenpfleger, ICN) veröffentlichte am Mittwoch einen Bericht, laut dem während der Corona-Epidemie weltweit mehr als 600 Pflegekräfte gestorben sind und sich etwa 450.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen infiziert haben.

Die Zahl der Todesopfer unter Pflegekräften hat sich damit mehr als verdoppelt, seit die ICN am 6. Mai in ihrem letzten Bericht 260 Todesopfer angab. Dies geht teilweise darauf zurück, dass weitere Länder Berichte schicken, hauptsächlich jedoch auf die anhaltenden Auswirkungen der Pandemie. Mittlerweile sind weltweit mehr als 6,5 Millionen Menschen infiziert und fast 390.000 gestorben.

Der in Genf ansässige Berufsverband erklärte, es gebe keine Gesamtzählung aller infizierten Pflegekräfte, weil die Gesundheitsbehörden in vielen Ländern bei der Verfolgung der Todesfälle und Infektionen nicht nach Berufen unterscheiden. Der ICN hat aus Statistiken aus einigen Ländern und Einzelberichten aus anderen berechnet, dass mindestens 230.000 Beschäftigte des Gesundheitswesens infiziert sind. Die höhere Schätzung von 450.000 geht davon aus, dass sieben Prozent der insgesamt 6,5 Millionen Covid-19-Infizierten im Gesundheitswesen arbeiten.

Ärzte und Pflegekräfte knien am 28. Mai vor dem Amtssitz des britischen Premierministers in der Downing Street (AP Photo/Frank Augstein)

In Lateinamerika sind die Infektionsraten unter Beschäftigten im Gesundheitswesen besonders hoch, in Irland machen sie 30 Prozent aller Fälle aus. In anderen Ländern, u.a. in Spanien und Deutschland, sind die Infektions- und Sterblichkeitsraten im Gesundheitswesen deutlich niedriger. Die USA scheinen zu den Ländern mit der höchsten Infektionsrate zu gehören: Laut ersten Schätzungen sind dort zehn bis zwanzig Prozent aller Infizierten Beschäftigte im Gesundheitswesen, allerdings liegen nicht für alle 50 Bundesstaaten Zahlen vor.

Der ICN erneuerte seinen Appell an die nationalen Regierungen, umfassende Aufzeichnungen zu führen und die Bereitstellung von Schutzausrüstung und anderen Maßnahmen zu forcieren, um Pflegekräfte an der Front im Kampf gegen die Pandemie zu schützen.

In der Erklärung des ICN heißt es: „Seit Wochen fordern wir dazu auf, Daten über Infektionen und Todesfälle unter Pflegekräften zu erheben. Wir brauchen eine zentrale Datenbank mit zuverlässigen, standardisierten, vergleichbaren Daten über alle Infektionen, Quarantäneperioden und Todesfälle, die direkt oder indirekt im Zusammenhang mit Covid-19 stehen … Ohne diese Daten können wir die tatsächlichen Kosten von Covid-19 nicht feststellen, was unsere Fähigkeit beeinträchtigt, künftige Pandemien zu bekämpfen.“

Der Bericht weist außerdem auf „unverhältnismäßig viele Todesfälle unter Schwarzen, Asiaten und Angehörigen anderer Minderheiten“ hin, die im Gesundheitswesen tätig sind. Besonders erwähnte er philippinische Gesundheitsbeschäftigte in Großbritannien.

Der besorgniserregende Bericht des Berufsverbandes kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Gesamtzahl der Infizierten seit fünf Tagen um 100.000 täglich ansteigt. Dieser beispiellose Anstieg konzentriert sich auf die westliche Hemisphäre: Brasilien, Chile, Peru und Mexiko sowie die USA. Der Direktor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte: „Die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf dem amerikanischen Doppelkontinent steigt seit mehreren Wochen stärker an als im gesamten Rest der Welt.“

Er hob vor allem Brasilien und Peru hervor. Der Direktor des WHO-Notfallprogramms Dr. Mike Ryan äußerte Bedenken wegen eines zunehmenden Ausbruchs in Haiti, der sich noch im Frühstadium befindet. Mexiko meldete den größten täglichen Anstieg der Corona-Fälle um 3.891; in Brasilien stieg die Zahl der Todesopfer um 1.350 auf 32.548. Brasilien ist damit das am drittstärksten betroffene Land der Welt; bei den bestätigten Fällen (584.000) liegt es an zweiter Stelle hinter den USA.

Ein weiterer globaler Hotspot ist Indien, wo die Zahl der Neuinfektionen um fast 10.000 auf über 226.000 stieg.

Gleichzeitig verschärfen sich die Auswirkungen des Coronavirus in den USA in massivem Ausmaß, obwohl die Medien angesichts der politischen Unruhen nach dem Polizeimord an George Floyd in Minneapolis kaum darüber berichten. In den ursprünglichen Epizentren New York, New Jersey und Michigan steigt die Zahl der Toten zwar nicht mehr ganz so stark an, allerdings sterben im ganzen Land weiterhin täglich mehr als 1.000 Menschen an Covid-19.

Das größte Wachstum findet in den südlichen und westlichen US-Bundesstaaten statt, die am frühesten und weitreichendsten ihre Wirtschaft wieder eröffneten und bis Mitte Mai fast alle den Lockdown beendeten.

Laut den aktuellen Meldungen der Johns Hopkins University steigt die Zahl der Neuinfektionen in zwanzig Bundesstaaten, u.a. im bevölkerungsreichsten Staat Kalifornien. Dort stieg die Zahl der Neuinfektionen letzte Woche um 17.000 an, was der größte wöchentliche Wert seit Beginn der Pandemie war. Allein in der Metropolregion Los Angeles gibt es 10.000 Fälle.

Im mittleren Westen meldete Wisconsin den höchsten Anstieg der Neuinfektionen an einem Tag. Die Zahl der Infizierten stieg um 483 auf 19.400, die Zahl der Todesopfer beträgt 616.