Erneut hunderte Covid-19-Infektionen in der Fleischindustrie

Von Marianne Arens
19. Juni 2020

Der neuste Corona-Ausbruch im Schlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh ist der bisher größte seit Beginn der Pandemie. Bis Donnerstag erwies sich dort, dass mehr als zwei Drittel der Fleischpacker an Covid-19 erkrankt sind: Von 1050 ersten Testergebnissen waren 730 positiv.

Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück

Dieser neue Hotspot auf einem Schlachthof zeigt nun erstmals deutlich, dass die wichtigsten Faktoren, welche die Pandemie immer weiter antreiben, die kapitalistischen Ausbeutungsbedingungen sind. In der Fleischindustrie stehen die Arbeiter zu hunderten an den Fließbändern, in denen die Luft herabgekühlt und ständig umgewälzt wird. Sie leisten zehn, zwölf oder noch mehr Stunden Knochenarbeit bis zur Erschöpfung. Sie können weder den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten, noch ausreichend die Hände waschen oder ihre Masken auswechseln. Hinzu kommt der finanzielle Aspekt: Die Werksvertragsarbeiter erhalten weder Urlaubsgeld noch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und verdienen so wenig, dass sie fast gezwungen sind, auch mit Symptomen weiterzuarbeiten.

Das sind Bedingungen, unter denen sich das Coronavirus wie ein Lauffeuer ausbreiten kann. Und solche Bedingungen herrschen nicht nur bei einzelnen schwarzen Schafen der Branche, sondern es ist der Normalfall. So erklärte NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): „Wir haben den Schlachthof Tönnies noch Ende Mai mit dem Arbeitsschutz kontrolliert: Bei der damaligen Kontrolle war bei Tönnies alles in Ordnung.“

Tönnies ist mit 6800 Arbeitern und jährlich über 20 Millionen geschlachteten Schweinen zwar der größte Schlachthof Deutschlands und einer der größten Fleischproduzenten Europas. Er ist aber keineswegs der einzige mit einem Corona-Massenausbruch. Seit Wochen häufen sich die Hotspots in den Schlachthöfen, wo sich seit Ende März schon weit über 1500 Arbeiter mit Sars-CoV-2 angesteckt haben.

In NRW erkrankten bisher schon mindestens 265 Arbeiter bei Westfleisch in Coesfeld, 40 in Oer-Erkenschwick und 34 bei Boeser Frischfleisch in Schöppingen (Borken). Bei Vion in Schleswig-Holstein hatten sich mindestens 110 Arbeiter und bei Müller-Fleisch in Baden-Württemberg 412 Arbeiter angesteckt. Auch in anderen Ländern und besonders in den Vereinigten Staaten schlug die Pandemie unter Schlachtereiarbeitern verheerend zu, wie die World Socialist Web Site mehrfach berichtet hat.

Am Mittwochabend weitete der Kreis Gütersloh die Testreihe auf alle Arbeiter bei Tönnies aus. Landrat Sven-Georg Adenauer, ein Enkel von Konrad Adenauer, bat die Bundeswehr um Amtshilfe bei den Corona-Reihentests. Auch verordnete der Landkreis die Schließung der Tönnies-Produktion und ließ gleichzeitig alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien wieder schließen. Sie hatten erst zwei Tage zuvor, am 15. Juni, den Lockdown beendet. Gegen die Schließung protestierten am Donnerstagnachmittag Dutzende Eltern und Kinder vor der Fleischfabrik.

Die Manager und Politiker und viele Medienjournalisten versuchen jetzt, die Verantwortung für den neuerlichen Ausbruch den Arbeitern selbst in die Schuhe zu schieben. Auf die Frage, was der Ausbruch bei Tönnies über die Pandemie-Lockerungen aussage, antwortete Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von NRW: „Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren.“

Auch Gereon Schulze-Althoff, Leiter des Tönnies-Pandemie-Krisenstabs, versuchte den Ausbruch damit zu erklären, dass viele osteuropäische Arbeiter am langen Fronleichnams-Wochenende zu ihrer Familie nachhause gefahren seien. Das habe „wahrscheinlich zu einem Infektionsherd bei uns im Betrieb geführt“, so der Tönnies-Sprecher. Auch Landrat Adenauer stieß ins selbe Horn und behauptete, das Unternehmen sei „professionell aufgestellt“, da seien „vermutlich andere Arbeiter von außen dazu gekommen“.

Das ist ein durchsichtiger Versuch, das Unternehmen aus der Schusslinie zu nehmen. Nach AfD-Manier soll der Zorn der Bevölkerung auf rumänische, bulgarische und polnische Arbeiter abgelenkt werden.

Dieser Versuch scheiterte jedoch schon nach wenigen Stunden, als eine prominente Wissenschaftlerin die Behauptungen sachlich widerlegte. Isabella Eckerle, Forschungsleiterin einer Abteilung für Infektionskrankheiten an der Universität Genf, erklärte, dass ein Wochenendbesuch keinesfalls eine derart große Anzahl an Neuansteckungen in so kurzer Zeit erklären könne. Die Inkubationszeit dauere viel länger. Der Massenausbruch weise auf ein „unbemerktes, schon länger vor sich gehendes Superspreading Event“ in der Fleischfabrik hin. „Bei engem Kontakt und unter ungünstigen Arbeits- sowie Wohnbedingungen können ein Einzelner oder nur sehr wenig initial Infizierte zu einer sehr hohen Anzahl an Sekundärinfektionen führen“, erklärte Eckerle.

Mehrere Medien zitierten am Donnerstag den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Freddy Adjan, mit der Forderung: „Diesem kranken System muss nun endlich ein Ende gemacht werden.“ Die Bundesregierung müsse das beschlossene Verbot von Werksverträgen „ohne Abstriche im Gesetzgebungsverfahren umsetzen“, denn die Ausbrüche hingen ganz offensichtlich „mit den katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen für die meist osteuropäischen Werkvertrags-Beschäftigten“ zusammen, so Adjan gegenüber der Funke-Mediengruppe.

Dabei fällt auf, dass der Gewerkschaftschef kein Wort darüber verlor, wie die „meist osteuropäischen Werksvertrags-Beschäftigten“ jetzt verteidigt, unterstützt und geschützt werden könnten. Kein Wort dazu, dass sie vernünftig bezahlt und für den Arbeitsausfall entschädigt werden müssten, oder dass den Erkrankten unter ihnen jetzt die bestmögliche Behandlung zustehe. Geschweige denn, dass es notwendig sei, deutsche Arbeiter zu ihrer Verteidigung zu mobilisieren. Stattdessen wandte sich Adjan ausschließlich an die Regierung – welche die katastrophalen Zustände ja seit Jahren kennt und verantwortet.

Die NGG verfolgt eine durch und durch nationalistische Politik, die es sorgfältig vermeidet, alle Arbeiter gemeinsam anzusprechen. Sie versucht so zu verhindern, dass ein wirksamer Arbeitskampf gegen solche Ausbeuterbedingungen geführt wird. Weder die NGG noch eine andere DGB-Gewerkschaft hat jemals den Versuch unternommen, die vielen tausenden Billiglohnarbeiter, die über Subunternehmen in der deutschen Industrie schuften, ebenfalls zu „vertreten“. Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück existiert ein Betriebsrat, doch dieser ist nur für etwa 500 Festangestellte von insgesamt 4000 Beschäftigten und nicht für die Werksvertragsarbeiter zuständig.

Das Geschäftsmodell mit den Werksverträgen, bei dem vier Fünftel der Beschäftigten praktisch rechtlose Arbeitssklaven sind, stützt sich auf Regeln und Gesetze, welche die SPD und die Grünen gemeinsam mit den DGB-Gewerkschaften vor zwanzig Jahren mit den Hartz- und Markt-Reformen mit eingeführt haben. Sie alle haben die kapitalistische Restauration in Osteuropa und die europäische Osterweiterung aktiv unterstützt. Dies hat zur völligen Verarmung der dortigen Arbeiterklasse geführt, und erst dadurch wurden tausende gezwungen, sich von halbseidenen Subunternehmern für die Ausbeuterjobs in Deutschland anheuern zu lassen.

Wenn der einstige Metzgersohn Clemens Tönnies heute als Multimilliardär auf der Forbes-Liste der reichsten Personen der Welt stehen kann und als Großkapitalist wörtlich über Leichen geht, dann ist das nicht zuletzt dieser grenzenlosen Kooperationsbereitschaft der Gewerkschaften zu verdanken.

 

Siehe auch:

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[23. Mai 2020]