Großbritannien: The Lancet warnt vor neuer heftiger Corona-Welle nach Wiedereröffnung der Schulen

Von Thomas Scripps
6. August 2020

Die Fachzeitschrift The Lancet warnt in einer Modellstudie mit dem Titel „Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ davor, wie geplant im nächsten Monat die Schulen in Großbritannien zu öffnen. Die Verfasser der Studie erklären, die Testkapazitäten und Kontaktverfolgung würden nicht ausreichen, um ein Wiederaufflammen der Pandemie zu verhindern.

Chris Bonnell, Mitverfasser der Studie und Professor für Soziologie der öffentlichen Gesundheit an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, warnt: „Die vollständige Wiedereröffnung der Schulen im September, genauso wie die Wiedereröffnung der Arbeitsstätten insgesamt, ohne eine effektive Strategie für Tests, Kontaktverfolgung und Isolation (TTI) könnte zu einer zweiten Infektionswelle führen. Diese wäre zwischen doppelt und 2,3-mal so groß wie die ursprüngliche Welle.“ [Hervorhebung hinzugefügt]

Die Studie entwarf ein „optimistisches“ Szenario, in dem 68 Prozent der Kontakte aller positiv getesteten Personen verfolgt werden können. In diesem Fall könne sich ein Wiederaufflammen der Pandemie verhindern lassen. Doch die derzeitigen Kapazitäten zur Kontaktverfolgung machen das „Worst Case“-Szenario der Studie wahrscheinlicher, in dem nur 40 Prozent aller Kontakte nachverfolgt werden. Bonell erklärt: „Wenn man die Berichte des NHS [des öffentlichen Gesundheitswesens] über das TTI-System anschaut, ist eine Abdeckung von 50 Prozent wahrscheinlich.“

Ohne eine Verbesserung der Situation wird die Regierung vermutlich „eine zweite Welle auslösen, deren Höhepunkt im Dezember 2020 liegen wird, falls die Schulen im September wieder vollständig öffnen“.

Als diese Warnung ausgesprochen wurde, war die erneut verstärkte Verbreitung des Coronavirus bereits im Gange. Laut dem britischen Statistikamt infizieren sich momentan täglich 4.200 Menschen mit dem Coronavirus. Letzte Woche waren es nur 3.200, in der Woche davor 2.500.

Doch die Reaktion der Regierung auf die Lancet-Studie hat deutlich gemacht, dass sie entschlossen ist, die Wirtschaft im Interesse des Großkapitals ohne Rücksicht auf die Bevölkerung wieder in Gang zu setzen. Der Minister für Gemeinden und Kommunalverwaltung, Simon Clarke, erklärte gegenüber Sky News: „Eins ist klar: Die Schulen werden im Herbst vollständig geöffnet, das steht nicht zur Debatte.“ Das Test- und Kontaktverfolgungssystem des NHS bezeichnete er als „massiven Erfolg“.

Am Samstag erklärte der Corona-Berater der Regierung und Experte für Infektionskrankheiten, Professor Graham Medley, Pubs und Restaurants müssen vielleicht geschlossen werden, damit „im Gegenzug“ die Schulen wieder öffnen können. Er sagte: „Die Schließung einiger anderer Knotenpunkte und Aktivitäten könnte durchaus notwendig sein, damit wir die Schulen wieder öffnen können. Es könnte auf die Frage hinauslaufen, was man gegeneinander aufrechnet, und dann ist es eine Frage der Prioritäten: Halten wir Pubs für wichtiger als Schulen?“

Doch selbst diese völlig irrige „Abwägung“ wurde zurückgewiesen. Der Guardian berichtete: „Englische Pubs werden vermutlich von neuen Einschränkungen verschont bleiben.“ Premierminister Boris Johnson spielte Medleys Vorschlag herunter und erklärte: „Wir setzen uns für die Gastronomiebranche ein, die eine sehr schwere Zeit hatte.“

Letzte Woche diskutierte Johnson mit Finanzminister Rishi Sunak über Möglichkeiten, im Fall einer verstärkten Verbreitung des Virus Ende des Jahres einen zweiten Lockdown zu verhindern. Ihre Hauptsorge ist es, sprudelnde Unternehmensprofite zu gewährleisten. Dies schließt jedoch alle ernsthaften Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit aus, sodass nur bruchstückhafte Interventionen möglich sind. Das wird die Arbeiterklasse ins Elend stoßen und zugleich kaum etwas im Kampf gegen das Virus bewirken.

Diese menschenfeindliche Prioritätensetzung hat letzte Woche zu der absurden Situation geführt, dass im Nordwesten Englands und in Leicester für mehrere Millionen Menschen mit nur einer Stunde Vorwarnung zusätzliche Einschränkungen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit eingeführt wurden, u.a. eine Ausweitung der Maskenpflicht. Nur einen Tag zuvor war zwei Millionen medizinisch gefährdeten Personen mitgeteilt worden, sie sollten aufhören, sich abzuschotten und wieder an die Arbeit zurückkehren, wenn sie dazu aufgefordert werden.

Während Millionen Menschen nicht ihre Verwandten besuchen durften, wurden sie und der Rest der Bevölkerung aufgerufen, in Pubs und Restaurants zu gehen, um die Konjunktur anzukurbeln. Hierfür wurde die Parole „Eat Out to Help Out“ geprägt, die sich auf staatliche Subventionen bezieht, bei denen 50 Prozent der Kosten von Lebensmitteln und bis zu zehn Pfund pro Gast in allen teilnehmenden Cafés und Restaurants für drei Tage die Woche übernommen werden. Mehrere Pubs überall im Land sind bereits verantwortlich für neue Infektionsherde.

Die britische Bevölkerung wird auch weiterhin angehalten, in den Urlaub zu fahren. Am Dienstag erklärte die Fluggesellschaft EasyJet, sie erhöhe die Zahl ihrer Flüge über das erwartete Niveau, um auf die gesteigerte Nachfrage zu reagieren. Gleichzeitig gelten für Länder wie Spanien und Luxemburg plötzlich keine Ausnahmen von den Quarantäneauflagen mehr, Flüge nach Griechenland werden abgesagt, und in Deutschland und Frankreich warnen die Behörden vor einer zweiten Welle.

Bevor die neue gesetzliche Maskenpflicht eingeführt wurde, die nicht angemessen durchgesetzt werden wird, hatte die Regierung monatelang die Effektivität von Masken in Frage gestellt. Laut einer Umfrage des Londoner University College mit 70.000 Teilnehmern meinen nur 45 Prozent der Erwachsenen in England, sie würden die aktuellen Richtlinien der Regierung verstehen. Während des strengeren Lockdowns im März waren es noch 90 Prozent. Es besteht die Gefahr, dass diese Verwirrung zusammen mit der Stimmungsmache und der verlogenen Selbstgefälligkeit der Regierung und der Medien das Bewusstsein der Bevölkerung für die Gefahren der Pandemie trüben und damit die Ausbreitung der Krankheit begünstigen werden.

Dr. Bharat Pankhania, ein hochrangiger Berater für die Eindämmung übertragbarer Krankheiten an der Universität Exeter, erklärte letzte Woche gegenüber dem Independent: „Als der Premierminister den Lockdown aufgehoben hat, habe ich ihm gesagt, das sei unglaublich vorschnell. Es gab uneinheitliche Botschaften... Die Botschaft ,Seid vorsichtig‘ im Interesse der öffentlichen Gesundheit ist einfach nicht vorhanden.“

Dr. Gabriel Scally, Präsident der Abteilung für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit an der Royal Society of Medicine und Mitglied der unabhängigen Wissenschaftlergruppe Independent Sage, erklärte: „Wenn das Virus an zu vielen Orten aufflackert, wird die lokale Ebene nicht in der Lage sein, damit fertig zu werden. Dann wird es sich zu einer Welle entwickeln.“

Ein starkes Wiederaufflammen der Pandemie wird zu Zehn- oder möglicherweise Hunderttausenden zusätzlichen Todesopfern führen. Je länger das Virus unkontrolliert bleibt, desto größer wird der Schaden sein, der durch die Beeinträchtigung des Lebens der Menschen angerichtet wird. Obwohl die Tory-Regierung zynisch das Wohl der Kinder als Rechtfertigung benutzt, hat die chaotische Reaktion des Weltkapitalismus auf die Pandemie – die u.a. die langfristige Schließung von Schulen und anderer Bereiche notwendig gemacht hat – laut der Weltgesundheitsorganisation eine „Generationenkatastrophe“ für Kinder ausgelöst.

Die herrschende Klasse weiß, dass sie auf einer tickenden Zeitbombe sitzt. Sie fürchtet Unruhen und bereitet sich mit Polizei und Militär darauf vor. In Manchester wurde ein „Großschadensereignis“ ausgerufen, wodurch die Polizei zusätzliche Befugnisse hat, nationale Kräfte einzusetzen.

Anfang Juli hat die Beratergruppe der Regierung (SAGE) einen Bericht mit dem Titel „Öffentliche Unruhe und öffentliche Gesundheit: Aktuelle Bedrohungen und Risiken“ berücksichtigt. Der Bericht nutzt die Gefahr von „Unruhe..., die die Ausbreitung der Krankheit begünstigt,“ als Code für massiven sozialen Widerstand und erklärt: „Seit der letzten längeren Phase ernsthafter Unruhen in Großbritannien im Jahr 2011 hat sich die Bedrohungslage deutlich erhöht.“ Weiter heißt es: „Die Polizei ist, was ihre Kapazität angeht, in einer deutlich schwächeren Position“ und „würde vermutlich Unterstützung durch das Militär brauchen“.

Dem Paper zufolge sei in den kommenden Monaten mit folgenden Risiken zu rechnen: „Der Beginn von Protesten, die während des Lockdowns geplant wurden, d.h. anarchistische oder antikapitalistische Gruppen, die eine ,Rückkehr zur Normalität‘ verhindern wollen,“ und „steigende Arbeitslosigkeit oder Sorge um die Arbeitsplätze, wenn die Beurlaubungen eingestellt werden“.

Am 22. Juli erklärte der Stellvertretende Generalstabschef (Militärstrategie und Operationen), Generalleutnant Douglas Chalmers, dem Public Services Committee des Oberhauses, das Militär spiele Szenarien für eine vierfache Krise im Winter durch: ein Wiederaufleben des Coronavirus, eine starke Wintergrippe, die Auswirkungen des Brexit und landesweite Überschwemmungen.

Hierbei handelt es sich um eine Weiterführung der Strategie „Operation Yellowhammer“, die letztes Jahr entwickelt wurde, um nach einem harten Brexit den Unmut zu unterdrücken. Auch diesmal stehen Labour und andere „Oppositionsparteien“ voll und ganz hinter der Strategie.

Die britische herrschende Klasse befindet sich in einer beispiellosen Krise und hofft darauf, ihr durch eine ebenso beispiellose Ausbeutung und Gefährdung der Arbeiterklasse zu entkommen. Dieser Kurs soll durch Militär und Polizei gewaltsam durchgesetzt werden. Die Arbeiterklasse muss darauf mit ihrer eigenen Perspektive und ihrem eigenen Programm auf der Grundlage eines internationalen Kampfs für Sozialismus, für die Ausrottung des Virus und den Schutz aller Arbeitsplätze, Löhne und Sozialleistungen reagieren.

 

Siehe auch:

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