New York Times und Nikole Hannah-Jones lassen Kernaussagen des „1619 Project“ fallen

Von Tom Mackaman und David North
28. September 2020

Die New York Times hat die Kernaussage ihres „1619 Project", dass die „wahre Gründung“ der Vereinigten Staaten mit der Ankunft der ersten Sklaven in Virginia im Jahr 1619 – und nicht mit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 – stattgefunden hätte, ohne irgendeine öffentliche Ankündigung oder Erklärung fallengelassen.

Im ursprünglichen Einleitungstext des Projekts, das im August 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, hieß es:

Das 1619 Project ist eine umfangreiche Initiative der New York Times, um den 400. Jahrestag des Beginns der Sklaverei in Amerika zu begehen. Das Ziel des Projekts besteht darin, einen neuen Rahmen für die Interpretation der Geschichte des Landes [USA] vorzugeben, in dem das Jahr 1619 als unser wahres Gründungsjahr verstanden wird und die Auswirkungen der Sklaverei sowie die Verdienste der schwarzen Amerikaner in den Mittelpunkt der Erzählungen darüber, wer wir sind, gestellt werden.

Der mittlerweile abgeänderte Text lautet wie folgt:

Das 1619 Projekt ist eine fortlaufende Initiative des New York Times Magazine, die im August 2019 zum 400. Jahrestag des Beginns der Sklaverei in Amerika angefangen wurde. Das Ziel des Projekts besteht darin, einen neuen Rahmen für die Interpretation der Geschichte des Landes vorzugeben, indem die Auswirkungen der Sklaverei und die Verdienste der schwarzen Amerikaner in den Mittelpunkt unseres Nationalerzählung gestellt werden.

Die Printversion des 1619 Project, die an Millionen von Schülern in allen 50 Bundesstaaten verteilt wurde, ist in ähnlicher Weise verändert worden. Im Original hieß es:

Im August 1619 erschien nahe Point Comfort, einem Seehafen an der Küste der britischen Kolonie Virginia, ein Schiff am Horizont. An Bord befanden sich mehr als 20 versklavte Afrikaner, die an die Kolonisten verkauft wurden. Damals war Amerika noch nicht Amerika, doch dies war der Augenblick an dem es begann. Es gibt keinen Bereich des Landes, das danach aufgebaut wurde, der von den folgenden 250 Jahren Sklaverei unberührt geblieben wäre.

In der Online-Version wurde die Kernaussage gelöscht. Darin ist nun zu lesen:

Im August 1619 erschien nahe Point Comfort, einem Seehafen an der Küste der britischen Kolonie Virginia, ein Schiff am Horizont. An Bord befanden sich mehr als 20 versklavte Afrikaner, die an die Kolonisten verkauft wurden. Es gibt keinen Bereich des Landes, das danach aufgebaut wurde, der von den Jahren der Sklaverei unberührt geblieben wäre.

Es ist nicht ganz klar, wann die Times ihre Aussage über die „wahre Gründung“ aus dem Text genommen hat. Allerdings liefert eine Untersuchung älterer, im Internet gespeicherter Versionen des 1619 Projekts Indizien dafür, dass dies wahrscheinlich am 18. Dezember 2019 geschah.

Bei diesen Veränderungen geht es nicht um einfache Formulierungen. Die Aussagen zur „wahren Gründung“ waren das Kernelement der Behauptung des Projekts, dass die gesamte Geschichte der USA im rassistischen Hass von Weißen gegenüber Schwarzen verwurzelt ist und davon definiert wird. Laut diesem Narrativ, das von der Urheberin des Projekts, Nikole Hannah-Jones, in die Welt hinausposaunt wurde, handelt es sich bei der Amerikanischen Revolution um eine präventive Konterrevolution, bei der die Frage der Hautfarbe im Zentrum stand und die von Weißen in Nordamerika geführt wurde, um die Sklaverei gegen Pläne der Briten zu deren Abschaffung zu verteidigen. Die Tatsache, dass es keinerlei Beweise aus der Geschichte gibt, die diese Behauptung stützen würde, konnte die Times und Hannah-Jones nicht von der Aussage abhalten, dass es sich bei der historischen Verbindung des Jahres 1776 mit der Gründung der neuen Nation um einen Mythos handelt. Das gleiche gelte für die Behauptung, dass der amerikanische Bürgerkrieg ein fortschrittlicher Kampf zur Vernichtung der Sklaverei gewesen sei. Laut der New York Times und Hannah-Jones habe es sich bei den Kämpfen gegen die Sklaverei sowie alle anderen Formen der Unterdrückung um Schlachten gehandelt, bei denen schwarze Amerikaner stets allein gekämpft hätten.

Dass die Times ihr zentrales Argument nun klammheimlich mit ein paar Handgriffen und ohne irgendeine Erklärung oder Ankündigung „verschwinden“ lässt, ist ein atemberaubender Akt der intellektuellen Unredlichkeit und des offenen Betrugs. Als die Times das 1619 Project im August 2019 veröffentlichte, ließ die Zeitung verlauten, ihr Ziel bestehe darin, die Inhalte und die Art, wie Schüler über die amerikanische Geschichte lernen, radikal zu verändern. Um einen neuen Lehrplan zu entwickeln, der auf dem 1619 Project basiert, wurden Hunderttausende Kopien der Originalversion des Narrativs, wie es im New York Times Magazine veröffentlicht wurde, an Schulen, Museen und Bibliotheken in den gesamten Vereinigten Staaten verschickt. Eine sehr große Anzahl von Schulen erklärte daraufhin, sie würden ihre Lehrpläne entlang des Narrativs, das von der Times vorgegeben wurde, neu ausrichten.

Die Streichung der Behauptung, dass 1619 das Jahr der „wahren Gründung“ gewesen sei, kam am Freitag vor zwei Wochen, dem 18. September, ans Licht. Beim Interview mit CNN wurde Frau Hannah-Jones um eine Stellungnahme zu Donald Trumps Angriffen auf das 1619 Project gebeten. Trump hatte das Projekt vom Standpunkt des Faschisten aus angegriffen. Hannah-Jones verkündete dann, dass das Argument bezüglich der „wahren Gründung“ „natürlich“ nicht stimme. Doch sie ging noch weiter. Sie stellte die erstaunliche und nachweislich falsche Behauptung auf, dass die Times ein solches Argument nie vorgebracht hätte.

Hier die Passage aus dem Interview im Wortlaut:

CNN: Trumps Exekutiv-Anordnung lässt auf ein Missverständnis bezüglich des 1619 Project schließen, von dem ich weiß, dass Sie bereits versucht haben, es anzusprechen. Dass es sich bei dem Projekt nicht um Bemühungen handelt, die Geschichte der Gründung dieses Landes, und wann sie erfolgte, umzuschreiben.

Hannah-Jones: Natürlich wissen wir, dass dieses Land im Jahr 1776 gegründet wurde. Das Projekt argumentiert auch nicht, dass 1776 nicht das Gründungsjahr des Landes war.

Das ist natürlich eine unverhohlene Lüge. Hannah-Jones hat die Behauptung über die „wahre Gründung“ in unzähligen Posts auf Twitter, in Interviews und Vorlesungen wiederholt vorgebracht. Zeitungsartikel und Videoclips, die im Internet frei verfügbar sind, bezeugen das. Auf ihrem eigenen Twitter-Account war ihr Bild vor einem Hintergrund zu sehen, der die Jahreszahl 1619 und daneben eine durchgestrichene 1776 trug.

Übersetzung des Twitter-Posts von Hannah-Jones vom 21. August 2019: „Ich bin der Ansicht, dass 1619 unser wahres Gründungsjahr ist. Schaut euch außerdem das Banner auf meinem Profil an.“ (Twitter/@nhannahjones)

Bei einer Lüge bereits erwischt, verdoppelt Frau Hannah-Jones ihre Bemühungen mit neuen, noch größeren Lügen. Die Star-Journalistin der Times leugnet nicht nur das zentrale Argument ihres Projekts. In einer Weise, bei der sie sich selbst widerspricht, erklärt sie, dass die Behauptung hinsichtlich der „wahren Gründung“ bloß ein wenig rhetorische Zierde gewesen sei. Gegenüber CNN sagte sie, dass es sich beim 1619 Project lediglich um die Bemühung handelt, die Erforschung der Sklaverei in der amerikanischen Geschichtsschreibung auf einen vorderen Platz zu rücken. Wenn das Anliegen der Times, wie Hannah-Jones nun behauptet, lediglich darin bestanden hätte, der Geschichte der Sklaverei, wie sie in Britisch-Nordamerika (1619-1776) und in den Vereinigten Staaten (1776-1865) bestanden hat, mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, dann hätte es um das Projekt nie eine Kontroverse gegeben. Weder die World Socialist Web Site noch die Historiker, die von der WSWS interviewt wurden (Interviews mit James McPherson, Gordon Wood, Victoria Bynum, James Oakes, Clayborne Carson, Richard Carwardine, Dolores Janiewski und Adolph Reed, Jr. in der englischen Ausgabe der WSWS), haben die Bedeutung der Sklaverei in der geschichtlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten zu irgendeinem Zeitpunkt bestritten. Zehntausende Bücher und wissenschaftliche Aufsätze sind der Erforschung der Sklaverei und ihrer Auswirkungen auf die historische Entwicklung der Vereinigten Staaten gewidmet.

In ihrer ersten Antwort auf das 1619 Project von September 2019 erklärte die WSWS:

Die Geschichte der Sklaverei in Amerika ist ein Thema von anhaltender historischer und politischer Bedeutung. Die Ereignisse von 1619 sind Teil dieser Geschichte. Jedoch muss das, was sich in Point Comfort ereignete, als eine Episode der globalen Geschichte der Sklaverei verstanden werden.

Die Artikel, in denen die WSWS die Behauptungen der Times widerlegte, enthielten eine Darstellung der Ursprünge der Sklaverei in der westlichen Hemisphäre, der zentralen Rolle, die sie bei der Entstehung des Kapitalismus spielte, sowie ihrer revolutionären Zerstörung im Verlauf des Bürgerkriegs. Hannah-Jones antwortete auf das Eingreifen der WSWS, indem sie deren Autoren auf Twitter als „Rassisten“ verleumdete.

Als die Historiker Wood, McPherson, Bynum und Oakes, zusammen mit Sean Wilentz von der Princeton University, im vergangenen Dezember einen offenen Brief an die Times veröffentlichten, in dem sie genau umrissene Korrekturen anmahnten, um faktische Fehler zu beseitigen, betonten sie, dass sich ihre Einwände nicht auf die Frage beziehen, ob die Sklaverei von Bedeutung sei oder nicht. Die fünf Historiker brachten ihre Bestürzung über „einige der faktischen Fehler des Projekts und den nicht-offenen Prozess, in dem es zustande kam“, zum Ausdruck.

Der Herausgeber des New York Times Magazine, Jake Silverstein, veröffentlichte eine arrogante und abweisende Antwort, in der er die Kritik der Unterzeichner des offenen Briefs rundheraus zurückwies:

Auch wenn wir die Arbeiten der Unterzeichner respektieren, anerkennen, dass ihre Kritik von wissenschaftlichen Bedenken motiviert ist, und ihre Bemühungen, die Geschichte der Nation in ihren eigenen Schriften zu beleuchten, hoch schätzen, sind wir mit ihrer Behauptung, dass unser Projekt bedeutende faktische Fehler enthält und von ideologischen Fragen anstelle der Bemühung um ein Verständnis der Geschichte motiviert ist, nicht einverstanden. Kritik ist uns natürlich willkommen, doch sind wir nicht der Ansicht, dass die Aufforderung, das 1619 Project zu korrigieren, gerechtfertigt ist.

Silversteins schändlicher Brief erschien am 20. Dezember. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass das 1619 Project der Times fatale Fehler enthielt und dass die Zeitung an dem online erschienenen Text, dem die renommierten Historiker widersprochen hatten, in aller Stille eine grundlegende Veränderung vorgenommen hatte. In Silversteins Verhalten zeigt sich eine vollkommener Mangel an professionellen ethischen Grundsätzen und intellektueller Integrität.

Es ist jetzt die Pflicht der Times, eine öffentliche Erklärung herauszugeben, in der sie ihre Verfälschung der Geschichte und ihren unredlichen Versuch, die Fehler zu vertuschen, einräumt. Die Zeitung sollte sich bei den Professoren Gordon Wood, James McPherson, Sean Wilentz, Victoria Bynum, James Oakes und allen anderen Wissenschaftlern, die sie wegen deren Kritik am 1619 Projekt zu diskreditieren versuchte, öffentlich entschuldigen. Um es ganz direkt zu sagen: Herr Silverstein und seine Helfershelfer in der Redaktion der Times sollten von ihren Posten entfernt werden.

Darüber hinaus sollte Hannah-Jones der Pulitzer Prize in der Rubrik „Kommentar“, den sie dieses Frühjahr für ihren tonangebenden Essay erhielt, in dem sie die falschen Behauptungen über die „wahre Gründung“ und die amerikanische Revolution verbreitete, aberkannt werden.

Beim 1619 Project ging es zu keinem Zeitpunkt um die Klärung historischer Fragen. Wie die WSWS im September 2019 warnte, ist das 1619 Projekt „Bestandteil gezielter Bemühungen, eine Politik, die sich an der Kategorie der Hautfarbe orientiert, in den Mittelpunkt der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 zu stellen und die Arbeiterklasse zu spalten.“ Durch Leaks wurde enthüllt, dass der Chefredakteur der Times, Dean Baquet, gegenüber seinen Mitarbeitern erklärte, er sei der Ansicht, dass es für die Demokratische Partei hilfreich sei, den Fokus nach der gescheiterten Anti-Russland-Kampagne zu verschieben. Baquet sagte:

Rasse und die Konzeption von Rasse sollte Teil unserer Berichterstattung über die amerikanische Erzählung sein … Einer der Gründe dafür, dass wir alle das 1619 Project abgesegnet und es zu einem so ambitionierten und umfangreichen Projekt gemacht haben, war der, unseren Lesern beizubringen, ein bisschen mehr in diese Richtung zu denken. Im nächsten Jahr wird Rasse – und um ganz ehrlich zu sein, will ich hoffen, dass sie das aus dieser Besprechung mitnehmen – im nächsten Jahr wird Rasse einen enormen Teil der amerikanischen Erzählung ausmachen.

Der Betrug, der von der Times begangen wurde, hat schon jetzt ernste politische Folgen gehabt. Wie die WSWS gewarnt hat, hat sich das 1619 Project als ein riesiges Geschenk für Donald Trump entpuppt. Am 17. September, dem Tag zur Feier der Verfassung, hielt Trump eine Rede im National Archives Museum, in der er sich auf obszöne Weise als Verteidiger der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung gegen „Linksradikale“ inszenierte. Er bezog sich dabei insbesondere auf das 1619 Project. In seinem typisch drohenden Gebaren, erklärte Trump, dass er die „patriotische Erziehung wiederherstellen“ werde. „Unsere Jugend wird gelehrt werden, Amerika zu lieben“, so Trump.

Hannah-Jones‘ Auftritt bei CNN war eine Antwort auf diese Angriffe Trumps. Sie erklärte, dass Trump bemüht sei, „das 1619 Project beim Kulturkampf ins Spiel zu bringen“. Weiter sagte sie: „Er führt ganz klar einen nationalistischen Wahlkampf, mit dem er versucht, Spannungen zwischen den Ethnien zu schüren, und er sieht es als Werkzeug in diesem Arsenal.“

Ganz richtig. Doch Hannah-Jones tritt beim Schüren von Spannungen zwischen den Ethnien selbst als eine der Hauptfiguren auf. Und es war die New York Times, die „das 1619 Project beim Kulturkampf ins Spiel gebracht“ hat, indem sie sich in wütenden Angriffen gegen all jene erging, die einem historisches Narrativ, das den Rassenhass zur treibenden Kraft der amerikanischen Geschichte erklärt, kritisch entgegentraten.

Geschichtsfälschung dient ausnahmslos den Interessen reaktionärer politischer Kräfte. Indem sie sich von der Amerikanische Revolution und vom Bürgerkrieg distanzierte und diese verteufelte, verschaffte die Times Trump eine Gelegenheit, sich auf betrügerische Weise und zum Nutzen seiner neofaschistischen Politik als Verteidiger des großen demokratischen Erbes der amerikanischen Revolutionen aufzuspielen.

 

Siehe auch:

„The 1619 Project“: New York Times veröffentlicht rassistische Geschichtsfälschung
[2. Oktober 2019]

„The 1619 Project“: New York Times veröffentlicht rassistische Geschichtsfälschung
[3. Oktober 2019]

Die Stellung der beiden amerikanischen Revolutionen in der Weltgeschichte
[6. Juli 2020]

Die Bedeutung der Online-Diskussion vom 4. Juli über „ Die Stellung der beiden amerikanischen Revolutionen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“
[7. Juli 2020]

Nikole Hannah-Jones, der Mythos der Rasse und der Holocaust
[28. November 2019]

Hannah-Jones gewinnt Pulitzer-Preis für persönlichen „Kommentar“ – nicht für Geschichtsschreibung
[13. Mai 2020]