Elternverbände protestieren gegen gefährlichen Regelbetrieb an den Schulen

Von Gregor Link
17. Oktober 2020

Zwanzig der größten Elternverbände in Deutschland haben einen gemeinsamen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere Bundespolitiker verfasst, in dem sie bezüglich des Präsenzunterrichts an den Schulen „größte Bedenken gegen die aktuellen Entscheidungen“ äußern.

Der derzeitige Betrieb gefährde „unsere Kinder und damit auch die Gesamtbevölkerung“ und sei „unverantwortlich“, schreiben sie. „Die für die Schulöffnungen erarbeiteten Hygienemaßnahmen der Bundesländer sind – dies zeigen die vergangenen Wochen – nicht ausreichend geeignet, einen Infektionsschutz für die Schulgemeinschaft zu sichern.“

Der Brief ist Ausdruck der Wut und Empörung, die unter Eltern, Lehrern und Schülern nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa wachsen. Immer mehr Arbeiter und Jugendliche wenden sich offen gegen die von oben verordnete Politik der Herdenimmunität, die den Tod von hunderttausenden Menschen bedeutet. Doch die Medien berichten darüber nicht. Mit Ausnahme des Lehrerportals news4teachers brachte keine einzige größere Publikation eine Nachricht über den Brief der Elternvertreter.

Der Brief beginnt mit einer Bestandsaufnahme. „Die Zahl der mit SARS-CoV-2-Infizierten in Deutschland nimmt dramatisch zu. Dies trifft vor allem auch unsere Schulen. Viele tausend Lernende haben sich mit SARs-CoV-2 infiziert – ebenso eine größere Anzahl an Lehrenden und andere pädagogische Fachkräfte und weiteres Schulpersonal. Aktuell gehen wir von mindestens 50.000 Lernenden und einer zusätzlichen großen Anzahl von Lehrenden aus, die in Quarantäne sind.“

Die Elternverbände kritisieren die Gleichgültigkeit der Schul- und Gesundheitsbehörden. Zunehmend zeige sich, „dass die jeweilige Schulklasse oder Jahrgangstufe nicht vollständig in Quarantäne gehen muss, sondern oftmals nur die jeweiligen Sitznachbarn der infizierten Person“. Und weiter: „Die Ministerien lassen die Ansteckungswege jedoch nicht durch wissenschaftliche Sequenzanalysen untersuchen. Weil es in vielen Fällen nicht zur Testung der gesamten Kohorten kommt, können symptomfreie Ansteckungen überhaupt nicht verfolgt bzw. nachgewiesen werden.“

Auf Landesebene, erklären die Elternverbände, seien diverse ähnliche Appelle auf völlig taube Ohren gestoßen und hätten keine „erkennbare Reaktion“ hervorgerufen. Besonders schwer wiege „die beharrliche Ausblendungshaltung der BildungsministerInnen bezüglich der Erkenntnisse, wie denen von Prof. Dr. Christian Drosten, zur Ansteckung und Erkrankung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an SARS-CoV-2“.

Vor diesem Hintergrund sei die derzeitige Infektionsgefahr an den Schulen bedrohlich: „Die AHA-Regeln müssen konsequent in Schulen angewandt werden können, insbesondere mit Rücksicht auf die besonders Schutzbedürftigen.“

Die Elternvertretungen fordern unter anderem einen „ländereinheitlichen verbindlichen Stufenplan“ für Hygienemaßnahmen, eine „Ausdehnung der Maskenpflicht“, die „Verkleinerung der Lerngruppen“ und die „Möglichkeit des Hybridunterrichts im Schichtbetrieb“ mit „größtmöglicher digitaler Unterstützung“ unter „Berücksichtigung von Minderheiten“.

Unabdingbar sei zudem der „Einbau von Raumluftfilteranlagen“, die „Bereitstellung hochwertiger Masken (FFP2) für alle Personen mit einem erhöhten Risiko“ und die vollständige Transparenz der Infektionszahlen an Schulen „sowie eine dann erfolgende Testung der gesamten betroffenen Kohorte“.

Der öffentliche Aufschrei der Elternschaft ist ein Ausdruck des Widerstandes, der sich unter Arbeitern und Jugendlichen in ganz Europa gegen die kriminelle Politik der jeweiligen Regierungen entwickelt. Wie die World Socialist Web Site inmitten eines medialen Blackouts berichtete, haben Schüler in Polen und Griechenland in den vergangenen Wochen umfassende Protestaktionen, Schulboykotts und -besetzungen organisiert. In Tschechien, wo die Infektionszahlen ebenfalls exponentiell steigen, wurden die Schulen zuletzt landesweit wieder geschlossen.

Millionen Schüler, Lehrer und Eltern in Deutschland und Europa werden sich zunehmend bewusst, dass ihre Anliegen und Forderungen sie in direkten Konflikt mit den Kultusministern und den Regierungen bringen, die immer offener die menschenverachtende Politik der Herdenimmunität verfolgen.

Beispielhaft für die Stimmung unter Lehrern ist ein anonymer Kommentar auf dem Lehrerportal news4teachers. Der User bedankt sich bei den Elternverbänden und fordert, dass die Kontrolle über „Gruppengröße, Teilung, Organisation, Unterrichtsform“ nicht mehr von den Kultusministern und den Schulbehörden ausgeübt werden soll. Stattdessen „sollte der jeweilige Kollege zusammen mit der Schulleitung und auch den Eltern Ideen einbringen und Entscheidungen treffen dürfen“.

„Wir fordern, dass geltende Arbeitsschutzbestimmungen in Schulen umgesetzt werden“, schreibt die Lehrerin Marie auf Facebook. „Das käme im Übrigen auch Ihren Kindern zugute, da sich für diese das Infektionsrisiko auch minimieren würde. Wenn Sie sehen wollen, wohin die Reise geht, brauchen Sie gar nicht so weit schauen: Frankreich, Holland, Tschechien, Österreich – rund um uns herum explodieren die Zahlen gerade.“

Am Dienstag publizierte das Robert-Koch-Institut (RKI) eine unverbindliche „Handlungsempfehlung“ für Schulen, die explizit feststellt, dass in Schulen nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen in zunehmendem Ausmaß Ausbrüche beobachtet werden.

Das Papier schlägt vor, abhängig von der 7-Tage-Inzidenz auf Landkreisebene weitere Präventionsmaßnahmen – wie etwa die Einführung einer Maskenpflicht im Unterricht – zu ergreifen. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Stefanie Hubig (SPD) wandte sich gestern gegenüber der Presse vehement gegen einen solchen „Automatismus“, der aus Sicht der versammelten Minister „keinen Sinn“ mache.

Auf News4Teachers schreibt Lehrer Georg: „Die Schulen offen zu halten hat für die Politik höchste Priorität, anscheinend um jeden Preis! Schwer erkrankte Schüler und Lehrer sind dann eben bedauerliche Kollateralschäden, die man billigend in Kauf nimmt. Man windet sich wie ein Wurm mit allen Mitteln um Maßnahmen herum, die Geld kosten würden.“

Er schlägt vor, die „Lehrpläne auf Hauptfächer zu kürzen“, die „Klassen eins bis sieben zu halbieren“ und als Betreuung dieser Klassen „die Lehrer der Nebenfächer einzusetzen“. Ab der achten Klasse, so Georg, solle der Unterricht in den Hauptfächern möglichst online stattfinden.

Ein anderer Lehrer fügt hinzu: „Die (weiterführenden) Schulen sind in allen anderen europäischen Ländern mit entscheidend für die Verbreitung von Corona. Bei steigenden Infektionszahlen und ansteigenden Sterberaten kann man nun wirklich nicht mehr davon sprechen, dass der Infektionsschutz wirkt. Diese verantwortungslose Bildungspolitik wird der Treiber der Pandemie.“

Ein Elternteil erklärt: „Die Wirtschaft steht an erster Stelle, deshalb soll an den Schulen alles so bleiben, wie es ist. Unser Kind geht in die erste Klasse, alle ohne Maske und ohne 1,5 m Abstand. Es sitzen 2 Kinder an einem Tisch. Nach den Ferien soll alle 20 Minuten gelüftet werden – aber es wird immer kälter! Dann liegen die Kinder und Lehrer bald mit einer dicken Erkältung oder sogar einer Lungenentzündung flach. Hier wird mit dem Leben gespielt!“

„Offenbar geht es hier weder um Bildung noch um Kinder oder Arbeitsschutz, sondern allein um die Gewährleistung der Arbeitskraft der Eltern“, schreibt Palim, eine weitere Lehrerin. Es müsse nun darum gehen, die „Anmietung von Räumen“ einzufordern und „Turnhallen, Mensen und andere Räume unter Aussetzung aller sonst dort stattfindenden Aktionen“ konsequent für die Betreuung von Kleingruppen einzusetzen. Angesichts der „schimmeligen Räume und einsturzgefährdeten Decken“, so Palim, werde gegenwärtig „sichtbar, wie viele Klassenzimmer nicht einmal den Standards für das Lüften entsprechen“.

Weder die Kultusminister noch die Bundeskanzlerin werden solche Maßnahmen ergreifen. Um Kleingruppen, Tests und Quarantäne durchzusetzen, müssen sich Eltern, Lehrer und Schüler in unabhängigen Aktionskomitees für sichere Bildung organisieren, die sich international zusammenschließen und einen Generalstreik vorbereiten. Registriere Dich hier, um Dich am Aufbau solcher Komitees zu beteiligen.

 

Siehe auch:

Höchstzahl seit Pandemiebeginn: Über 7000 Neuinfektionen in 24 Stunden
[16. Oktober 2020]

Für einen Generalstreik! Stoppt die zweite Corona-Welle in Europa!
[26. September 2020]

Polnische Schüler streiken für Stopp des Präsenzunterrichts
[15. Oktober 2020]