BVG-Straßenbahnfahrer an Corona gestorben

Von Andy Niklaus
7. Januar 2021

Am Dienstag wurde bekannt, dass bereits vor einer Woche, am 30. Dezember, ein Mitarbeiter der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) an Corona gestorben ist. Die Berliner Zeitung berichtete über die Todesnachricht, die über Facebook bekannt geworden war.

Die BVG-Unternehmensleitung hatte den Tod des langjährigen Mitarbeiters nicht offiziell bekannt gegeben und reagierte erst auf Mediennachfrage. Gegenüber der Berliner Zeitung bestätigte dann die BVG-Sprecherin Petra Nelken den Todesfall und gab an, es handle sich um den 49 Jahre alten Mitarbeiter Sven B., der als Straßenbahnfahrer im Betriebshof Marzahn im Osten Berlins tätig war.

Berliner Busfahrer im Streik, April 2019

Die Unternehmenssprecherin bemühte sich, jede Verantwortung der BVG für die Corona-Infektion und den Tod des Mitarbeiters in Abrede zu stellen. „Nach dem, was wir wissen, hat sich der Mitarbeiter im häuslichen Bereich, außerhalb der Arbeit, angesteckt“, sagte sie. Das lasse sich auch daran ablesen, dass das zuständige Gesundheitsamt für die Kollegen des Mannes keine Quarantänepflichten festgelegt habe. Sie machte keine Angaben dazu, wann Sven B. positiv getestet wurde und warum eine Ansteckung von Kollegen und Kontaktpersonen auszuschließen sei.

Im BZ-Bericht heißt es nur: „Am 17. Dezember soll er zu Hause in Quarantäne gegangen sein. Anlass war offenbar, dass sich ein Familienmitglied mit dem Virus angesteckt hatte, wie ein Corona-Test zeigte. Danach ging es dem BVG-Mitarbeiter immer schlechter. Berichten zufolge wurde er schließlich in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort starb er am 30. Dezember.“

Der Nahverkehr sei kein Hotspot der Ansteckung, nicht für das Personal und auch nicht für die Fahrgäste, bekräftigte die BVG-Sprecherin. Der landeseigene Verkehrs-Konzern beschäftige rund 15.500 Mitarbeiter. „Daran gemessen ist die Zahl der Corona-Ansteckungen bei uns gering“, so Nelken.

Auf Nachfrage musste sie allerdings einräumen, dass sich von März 2020, als die Pandemie auf ihren ersten Höhepunkt zusteuerte, bis heute 245 BVG-Mitarbeiter mit dem Virus infiziert haben. Weitere 335 Beschäftigte hätten sich in Quarantäne begeben. „Derzeit gibt es bei uns 21 Ansteckungsfälle und weitere 33 BVGer sind in Quarantäne“, sagte die Sprecherin. Darunter seien fünf Busfahrer, drei U-Bahn-Fahrer und zwei Straßenbahner die sich mit Corona infiziert hätten.

Es ist zum ersten Mal, dass diese Zahlen bekannt gegeben werden. Bisher wurden alle Informationen über die Infektionen im Betrieb von der Unternehmensleitung, dem Betriebs- bzw. Personalrat und der Gewerkschaft Verdi geheim gehalten. Auch der Sicherheitsbeauftragte des Unternehmens gab keine Informationen an die Beschäftigten weiter. Angesichts dieser systematischen Vertuschung bestehen berechtigte Zweifel, dass die gegenwärtigen Informationen korrekt sind.

Die Behauptung der BVG-Sprecherin, das Unternehmen habe viel dafür getan, das Ansteckungsrisiko zu verringern, ist eine glatte Lüge, die durch ihre eigenen Angaben widerlegt wird. So erklärt Nelken, die Fahrzeuge würden jetzt häufiger gereinigt als früher. „Reinigungsmittel wurden an das Personal verteilt.“ Fakt ist, dass eine regelmäßige Grundreinigung aller Fahrzeuge durch eine kompetente Spezialfirma nicht stattfindet. Und das Reinigungsmittel, mit dem die Beschäftigten selbst die Fahrzeuge reinigen müssen, ist in hohem Maße gesundheitsgefährdend.

Nelken erklärt, Dienstwege seien neu markiert worden, um Begegnungen zu vermeiden. Auch das ändert nichts daran, dass in den Kantinen und Aufenthaltsräumen die notwendigen Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Veränderte Schichtpläne, die auf die Sicherheit der Fahrer und Beschäftigten ausgerichtet sind, werden nach wie vor verweigert.

Dann erklärt Petra Nelken, die BVG habe zudem damit begonnen, in den rund 1500 Bussen der BVG Glasscheiben einzubauen, die den Fahrerbereich zusätzlich schützen. „Damit wollen wir Ende Februar fertig sein“. Laut Pressestelle war der Einbau der Glasscheibe allerdings schon lange geplant und hatte ursprünglich gar nichts mit Corona zu tun.

Nun wird diese Maßnahme fast ein Jahr nach Ausbruch der gefährlichen Corona-Pandemie als Schutz für die Fahrer verkauft und erfordert weitere zwei Monate Zeit. Tatsächlich dienen die Schutzscheiben vor allem dazu, so schnell wie möglich die Fronttüre der Fahrzeuge wieder zu öffnen, um wieder mit dem Verkauf von Fahrkarten zu beginnen.

Dass die „Leiterin des Vorstandsstabs Medien“, wie Petra Nelken sich offiziell bezeichnet, diesen verspäteten Einbau von Schutzscheiben als Gesundheitsschutz feiert, ist typisch für die Arroganz einer kommunalen Unternehmensleitung, die sich seit Jahr und Tag die Taschen vollstopft, während sie an der Gesundheitsvorsorge und dem Wohlergehen der Beschäftigten und der Fahrgäste nicht das geringste Interesse hat.

Unterstützt wird dieses Vorgehen, das das Leben und die Gesundheit der Beschäftigten gefährdet, vom Berliner Senat aus SPD, Grünen und Linkspartei. Diese rot-rot-grüne Landesregierung zeigt eine besonders arrogante und verachtende Haltung gegenüber den Sorgen der Arbeiterklasse. Sie ließ Schulen und Kitas besonders lange offen und hat bis heute keine umfassenden Maßnahmen zum Schutz der öffentlich Beschäftigten getroffen.

Der Tod von Sven B. ist ein Ergebnis dieser inhumanen und verantwortungslosen Politik, die die Wirtschaftsinteressen und den Profit höher stellt als die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung.

Ein Blick auf die bisherige Entwicklung bei der BVG macht das sehr deutlich. Ich schreibe das als jemand, der seit fast drei Jahrzehnten als Bus- und S-Bahn-Fahrer bei der BVG tätig ist. Selbst während sich das Coronavirus in Deutschland und Berlin rasant ausbreitete, waren wir gezwungen, ohne ernsthafte Schutzmaßnahmen überfüllte Busse und Bahnen durch die Straßen zu fahren. Wir mussten Arbeiter in Betriebe bringen, die längst hätten geschlossen werden müssen, weil sie nicht für die Aufrechterhaltung der Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung notwendig sind.

Das hat sich bis heute nicht grundlegend geändert. Sogar im öffentlichen Dienst müssen viele Arbeiter in die Büros, Schulen und Betriebe kommen, obwohl Heimarbeit möglich wäre oder nicht notwendige Arbeiten verrichtet werden. Rudimentäre Schutzmaßnahmen für die Fahrer und Fahrgäste wurden erst nach massivem Protest und einer wachsenden Zahl von Krankmeldungen umgesetzt und sind bis heute völlig ungenügend.

Der rot-rot-grüne Senat und die BVG-Geschäftsleitung können diese verantwortungslose Politik der massenhaften Ansteckung nur durchführen, weil sie von den Gewerkschaften unterstützt werden. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi setzt alles daran, die Wut der Kollegen zu unterdrücken und sie auch unter den gefährlichen Bedingungen zur Arbeit zu zwingen.

Das unterstreicht die Notwendigkeit, unabhängige Aktionskomitees aufzubauen, die den Kampf für sichere Arbeitsbedingungen und gegen Senat und Betriebsleitung selbst in die Hand nehmen. Ich rufe deshalb alle Kollegen der BVG und anderer Betriebe auf, sich an diesem Kampf zu beteiligen. Schreibt mir, wenn Ihr den Aufbau von den Gewerkschaften unabhängiger Arbeiterkomitees unterstützen wollt, und berichtet uns über Eure eigenen Erfahrungen. Registriert Euch noch heute als aktive Unterstützer der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP), der deutschen Sektion der Vierten Internationale.

 

Siehe auch:

Kein Schutz, keine Arbeit! Für unabhängige Arbeiterkomitees im Nahverkehr!
[26. März 2020]

„Wir gefährden unsere Fahrgäste und uns selbst“
[18. März 2020]

Coronagipfel: Betriebe bleiben trotz hoher Todeszahlen offen
[6. Januar 2021]