Hamburg: Fünf Obdachlose sterben in der ersten Woche des Jahres

Von Elisabeth Zimmermann
22. Januar 2021

Obdachlose leiden besonders unter Armut und sind oft schwer krank. Die coronabedingten Einschränkungen in Verbindung mit mangelnder Hilfe von Bund, Ländern und Kommunen bedeuten jetzt im Winter für viele von ihnen ein Todesurteil. Allein Hamburg sind in den ersten acht Tagen des Jahres fünf Obdachlose gestorben. In den letzten sechs Wochen waren es sogar acht Todesopfer

Nachtlager eines Obdachlosen

Das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt berichtet, dass in der Neujahrsnacht ein 48-jähriger Obdachloser nahe den Landungsbrücken gestorben ist. Am nächsten Tag fanden Spaziergänger einen 59-Jährigen tot auf seiner Isomatte im Schanzenpark. Wenig später starb ein 65-Jähriger infolge der schwierigen Lebensbedingungen auf der Straße. In der Nacht zum 4. Januar wurde ein 45-Jähriger tot aufgefunden, der unter der Überdachung eines Mehrfamilienhauses Schutz gesucht hatte.

Am Vormittag des 8. Januar fand ein Passant das fünfte Opfer, einen 66-Jährigen, leblos auf der Reeperbahn. „Das Sterben auf Hamburgs Straßen geht weiter. Es ist ein weiterer vermeidbarer Todesfall, der sprachlos macht,“ kommentierte Hinz&Kunzt.

Unterstützer der Obdachlosen fordern vom Senat, einer Koalition von SPD und Grünen, die wegen der Coronakrise geschlossenen Hotels für Obdachlose zu öffnen und eine sichere Unterbringung in Einzelzimmern zu gewährleisten. Dies hat der Senat abgelehnt und auf die drei Notunterkünfte der Stadt verwiesen.

In diesen Notunterkünften fühlen sich viele Obdachlose nicht sicher. In Zimmern mit bis zu sechs Betten ist weder ein Schutz vor Ansteckung mit Covid-19 noch ein Schutz der Privatsphäre möglich. Viele Obdachlose meiden sie deshalb und versuchen, sich auf eigene Faust durchzuschlagen, unter den jetzigen, erschwerten Bedingungen oft mit tödlichen Konsequenzen.

Hamburg zählt zu den deutschen Städten mit den meisten Reichen und Superreichen. 2017 lebten hier 42.000 Millionäre. 2000 verdienten mehr als eine Million Euro im Jahr. Laut Statistischem Bundesamt ist es die Stadt mit den meisten Millionären.

Auf der anderen Seite leben mindestens 50.000 Kinder von Hartz IV und sterben Obdachlose auf den Straßen. Im März 2018 wurden bei einer Zählung 2.000 Menschen ohne Wohnung angetroffen, fast doppelt so viele wie zehn Jahre davor. Inzwischen dürften es angesichts hoher Mieten und zunehmender Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit hunderte mehr sein.

Auch in vielen anderen Städten sind in diesem Winter Obdachlose an Schwäche und Unterkühlung gestorben. So starb in der Augsburger Innenstadt in der ersten Januarwoche ein 54-jähriger Wohnungsloser. Ein Mann erfror auf einer Parkbank in Wolfsburg. Im Dezember wurde eine 72-jährige obdachlose Frau in der Nähe der Universitätsklinik in Mainz tot aufgefunden. Laut Polizeibericht war sie erfroren. Im November starb eine 58-jährige Frau an Unterkühlung im Stadtgarten von Freiburg.

Am vergangenen Wochenende wurde am Mauritiuswall in Köln ein obdachloser Mann von einem Passanten tot aufgefunden. Auch er ist wahrscheinlich Opfer der winterlichen Kälte geworden. Der Mann soll aus der Ukraine kommen und war 2019 in den Systemen der Stadt erfasst worden. Im Jahr 2020 war dies nicht mehr der Fall. Es könnte sein, dass der Mann aus Angst vor Abschiebung keinen weiteren Kontakt mehr mit der Stadt aufgenommen hat. Dies sei häufig ein Grund, warum obdachlose Menschen jeglichen Kontakt mit der Stadt und selbst mit Streetworkern meiden.

Bereits im letzten Frühjahr und Sommer hatte sich die Lage der rund 678.000 Menschen, die in Deutschland offiziell als wohnungslos gelten, stark verschlechtert, insbesondere die der bundesweit 41.000 Obdachlosen. Viele bundesweite Hilfseinrichtungen, Notübernachtungen, Suppenküchen sowie der Zugang zu medizinischer Grundversorgung waren coronabedingt geschlossen oder befanden sich im Notbetrieb. An den wenigen noch geöffneten Essensausgaben bildeten sich lange Schlangen, oftmals konnten nicht alle Hilfesuchenden versorgt werden, wie die World Socialist Website berichtete.

Mit der zweiten Coronawelle und der winterlichen Kälte hat sich die Lage der Obdachlosen nochmals verschlimmert. Während die Regierung Großbetriebe und Banken mit Milliarden unterstützt, gibt es keine Hilfen, um die Ärmsten der Armen vor der Pandemie zu schützen und ihr nacktes Überleben zu sichern.

Viele Initiativen zur Unterstützung von Obdachlosen sorgen sich um deren Leben und Gesundheit. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) dokumentiert die Kältetoten bundesweit anhand systematischer Presseauswertungen. Dabei werden viele Todesfälle öffentlich nicht bekannt und daher auch nicht erfasst, weil es kein bundeseinheitliches Erfassungssystem gibt. Das heißt, dass man mit einer hohen Dunkelziffer rechnen muss.

Nach der Statistik der BAG W sind seit 1991 unter den Obdachlosen in Deutschland mindestens 320 Kältetote zu beklagen. Dabei sind die Opfer aus den letzten Wochen noch nicht erfasst und eingerechnet. Die Arbeitsgemeinschaft fürchtet, dass die Opferzahl in diesem Winter noch steigen und das Vorjahr übertreffen wird.

 

Siehe auch:

Corona-Pandemie verschärft soziale Ungleichheit
[18. Dezember 2020]

Armut in Deutschland: Stromsperre für 289.000 Haushalte
[10. Oktober 2020]

Massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit während der Corona-Pandemie
[9. Januar 2021]