Streik in Großmarkt in New York City abgewürgt

Von Daniel de Vries
25. Januar 2021

Die Gewerkschaft Teamsters hat am Samstag den Streik von 1.400 Arbeitern des Obst- und Gemüse-Großmarkts „Hunts Point Produce Market“ in New York City beendet. Der von ihr ausgehandelte neue Tarifvertrag mit dreijähriger Laufzeit ist ein übler Ausverkauf. Vereinbart wurde eine erbärmliche Lohnerhöhung von 62 Cent bei kürzerer und 40 Cent bei längerer Betriebszugehörigkeit. Das liegt weit unter der Hauptforderung des Streiks, nämlich einer Erhöhung um 1 Dollar pro Stunde.

Die Abstimmung darüber wurde auf einer kurzfristig einberufenen Versammlung der Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb erzwungen, ohne den Arbeitern Gelegenheit zu geben, die neuen Vereinbarungen zu lesen, geschweige denn darüber zu diskutieren. Die Gewerkschaftsfunktionäre verteilten lediglich eine Zusammenfassung der neuen Vereinbarungen. Das einseitig bedruckte Blatt wurde anschließend wieder eingesammelt. Dann musste innerhalb weniger Minuten abgestimmt werden. Viele Arbeiter sagten, sie hätten noch nicht einmal die Zusammenfassung vor der Abstimmung zu Gesicht bekommen.

Streikposten am Hunts Point Market am 19. Januar 2021 (WSWS Photo)

Die Lagerhaus- und LKW-Fahrer des weltgrößten Obst- und Gemüse-Großmarkts verdienen im Durchschnitt 18,75 Dollar pro Stunde. Das sind rund 37.000 Dollar im Jahr, also knapp über der Armutsgrenze in einer der teuersten Städte Amerikas, die sich durch eine extreme soziale Ungleichheit auszeichnet. Der Deal behält die verhasste Lohnspaltung nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit bei, die von den Teamsters 2009 akzeptiert wurde. Demnach liegt der Stundenlohn für neu Eingestellte bei 16,75 Dollar und damit nur 1,75 Dollar über dem Mindestlohn in New York City. Das Unternehmen setzt auf eine hohe Fluktuation, um die Arbeitskosten niedrig zu halten. Die Pandemie verschärft dieses Problem.

„Wir liegen ein paar Dollar über dem Mindestlohn. Das kann nicht angehen“, sagte Ronald, ein streikender Arbeiter, gegenüber der WSWS kurz vor Beginn der Versammlung. „Wir sollten bei 25-28 Dollar pro Stunde liegen, das wäre nicht überzogen. Es könnte gut und gern auch etwas mehr sein.“

Er verwies auf die Rettungsaktion der Regierung für die Banken und Großunternehmen. Auch für den Lebensmittelgroßhandel wurden im Rahmen des sogenannten Paycheck Protection Program (PPP) 15 Millionen Dollar bereitgestellt. „Die Regierung hat ihnen Millionen gegeben, und wir haben keinen einzigen Penny davon gesehen“, so Ronald.

Augie, der gegen den Abschluss stimmte, sagte der WSWS: „Wir haben die ganze Zeit Streikposten gestanden, weil wir 1 Dollar mehr wollten. Wir haben die ganze bisherige Pandemie durchgehalten. Es ist nur fair, es ist nur richtig. Was ist schon ein Dollar für dieses Unternehmen hier? Aber wir brauchen das Geld. Mit weniger will ich mich nicht zufriedengeben.“

Jason, der ebenfalls mit „Nein“ gestimmt hat, sagte: „Dafür habe ich nicht gestreikt. Unter diesem Vertrag kommen wir pro Jahr Laufzeit nicht einmal auf 1 Dollar mehr.“ Langjährige Beschäftigte wie Jason werden im dritten Vertragsjahr überhaupt keine Gehaltserhöhung erhalten. Stattdessen bekommen sie einen einmaligen Urlaubszuschlag von 1.300 Dollar, wie er berichtet.

Ein weiteres wichtiges Anliegen für die Streikenden waren die Kosten für die Gesundheitsversorgung. (In den USA sind die Leistungen der Krankenversicherung im Arbeitsvertrag geregelt.) Die Tarifeinigung bedeutet, dass das bisherige unterdurchschnittliche Leistungsniveau beibehalten wird, ebenso die hohe Eigenbeteiligung.

William, der seit 1995 im Großmarkt arbeitet, d. h. seit seinem 14. Lebensjahr, berichtet, dass seine Frau vor sechs Monaten operiert wurde und er die Hälfte der 35.000-Dollar-Rechnung selbst bezahlen muss. „35.000 – stellt euch das vor! Das ein Jahresverdienst“, sagte er. „Uns steht mehr zu, für all die harte Arbeit im Hunts Point Market, immerhin haben Leute hier zu Beginn der Pandemie ihr Leben verloren.“

Als das Virus zuschlug, wurden die Arbeiter in Hunts Point als „systemrelevant“ eingestuft. Seither arbeiten sie unter gefährlichen Bedingungen. Nach Angaben der Teamsters haben sich in der riesigen Anlage mindestens 400 Arbeiter mit Covid-19 infiziert. In dem Obst- und Gemüsemarkt sowie dem angrenzenden Fisch- und Fleischmarkt sind insgesamt 2.400 Arbeiter beschäftigt. Während die Gewerkschaft angibt, dass sechs Beschäftigte an der Krankheit gestorben sind, sagten Arbeiter gegenüber der WSWS, dass die tatsächliche Zahl näher bei 20 liegen dürfte.

Fila Herrara, der seit mehr als 20 Jahren im Großmarkt arbeitet, erklärte, dass entgegen den Behauptungen seiner Unternehmensleitung die Arbeiter sich während der gesamten Pandemie Masken und andere Schutzausrüstung selbst beschaffen mussten. „Einer meiner Freunde starb im Laden. Er hat etwa 16 Jahre lang hier gearbeitet. Er war ein sehr guter Mann.“

Der Tarifabschluss sieht weder einen effektiveren Schutz der Arbeiter vor der Pandemie noch Verbesserungen der schlechten Arbeitsbedingungen vor, die zu häufigen Verletzungen und Krankheiten führen.

Der Ausverkauf erfolgte am siebten Tag des Streiks und damit einen Tag, bevor die Gewerkschaft Streikgeld hätte bezahlen müssen. Dieses Timing ist sicherlich kein Zufall. Doch für die Gewerkschaften, die von den Demokraten geführte Stadtregierung und die New Yorker Wirtschafts- und Finanzelite war es auch unter politischen Aspekten dringend geboten, den Streik schnell zu beenden.

Je länger er andauerte und je mehr Unterstützung er erhielt, desto größer wurde das Risiko, dass der Kampf in Hunts Point zum Auslöser für eine breitere Mobilisierung von Arbeitern wurde – gegen das Massensterben und die soziale Ungleichheit, die sich durch die Pandemie noch verschlimmert hat.

Nur wenige Meilen von Hunts Point entfernt (der Großmarkt befindet sich in der Bronx, dem ärmsten Stadtbezirk Amerikas) liegt Manhattan, Sitz der New Yorker Börse in der Wall Street. Seit der Verabschiedung des CARES-Gesetzes Ende März 2020, mit dem Billionen Dollar von der Zentralbank in die Finanzmärkte gepumpt wurden, ist der der Aktienindex S&P 500, der die größten US-Unternehmen erfasst, um nahezu 70 Prozent gestiegen. Auf der anderen Seite haben Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, mehr als 420.000 Amerikaner sind dem Virus erlegen. Und jetzt erzählt man den „systemrelevanten“ Arbeitern, die eben erst von den Medien als „Helden“ gepriesen wurden, es sei kein Geld da, um ihre Hungerlöhne ernsthaft zu erhöhen.

In New York brodelt es. Mehr als 26.000 Einwohner sind bereits an Covid-19 gestorben. In dieser Situation erzwingt Bürgermeister Bill de Blasio mit Unterstützung der Lehrergewerkschaft die Öffnung der Schulen, obwohl Tausende von Neuinfektionen unter Lehrern und Schülern verzeichnet werden. Den Arbeitern der New Yorker Verkehrsbetriebe, die mindestens 150 ihrer Kollegen durch die Pandemie verloren haben, drohen Massenentlassungen und Lohnkürzungen.

Während des Hunts-Point-Streiks erhielt die Socialist Equality Party (SEP) wachsende Unterstützung für ihren Aufruf, den Teamsters die Führung des Streiks aus den Händen zu nehmen. Die SEP rief zur Gründung eines Aktions- und Streikkomitees auf. Dieses Komitee sollte für die Ausdehnung der Arbeitsniederlegungen bis hin zu einem Generalstreik kämpfen, um eine ausreichende Bezahlung und sichere Arbeitsbedingungen in allen lebensnotwendigen Bereichen durchzusetzen. Weitere Forderungen waren die Schließung der Schulen und aller nicht lebensnotwendiger Betriebe bei voller Lohnfortzahlung, bis die Pandemie unter Kontrolle ist.

Die Teamsters-Funktionäre dagegen wollten die Ausbreitung des Streiks um jeden Preis blockieren, um zu verhindern, dass er sich zu einer politischen Konfrontation nicht nur mit der Stadt, sondern auch mit der neuen Biden-Administration entwickelt. Sie luden daher Dutzende von lokalen und nationalen Politikern der Demokratischen Partei ein, darunter die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, die auch Mitglied der Demokratischen Sozialisten von Amerika (DSA) ist.

Ocasio-Cortez forderte die Arbeiter auf, ihr Vertrauen in die Gewerkschaften und die Demokraten zu setzen. Sie besuchte die Streikposten zwei Mal. Am Freitag unterstützte sie die korrupten Teamsters-Bürokraten, als diese eine baldige Einigung ankündigten, ohne den Arbeitern irgendwelche Details mitzuteilen.

Zuvor hatte der angeblich „progressive“ Bürgermeister von New York City, der Demokrat Bill de Blasio, Hunderte von städtischen Polizisten in voller Kampfmontur eingesetzt, um Streikbrecher in den Großmarkt zu eskortieren und Arbeiter zu verhaften. Damit war sonnenklar, dass die Demokraten nicht weniger als die Republikaner ein Werkzeug der Großunternehmen sind.

Durch dieses brachiale staatliche Vorgehen am Tag der Wiedereröffnung des Markts nach dem Martin Luther King Day (18. Januar) konnte der Betrieb mit Streikbrechern aufrechterhalten werden. Die örtliche Gewerkschaft (Local 202) deckte nicht nur das Vorgehen der Demokraten in der New Yorker Stadtregierung ab, sondern weigerte sich auch, Streikposten am Hintereingang des Markts aufzustellen.

Der Streik erhielt enorme Unterstützung von den Arbeitern in New York und im ganzen Land, wurde jedoch von den Teamsters und anderen Gewerkschaften gezielt isoliert. Unter diesen Bedingungen und im vollen Bewusstsein, dass die Teamsters-Gewerkschaft, die seit Jahrzehnten Zugeständnisse an die Unternehmer macht, keinen Finger für ein besseres Ergebnis rühren würde, stimmten die Arbeiter schließlich widerwillig der Beendigung des Streiks und der Annahme der Tarifeinigung zu.

Wie nicht anders zu erwarten, veröffentlichte die Zeitschrift Jacobin, die halboffizielle Publikation der DSA, eine Erklärung, in der sie für die Teamsters und die Demokraten warb. Darin heißt es, der Ausverkauf sei „ein Sieg, der es wert ist, gefeiert zu werden, und ein Beweis dafür, dass Streiks wirken“.

Der Streik in Hunts Point ist nur der erste einer Welle von Kämpfen in den USA und auf der ganzen Welt, zu denen die Arbeiterklasse gezwungen sein wird. Das zweite Jahr der globalen Pandemie ist angebrochen, und alle kapitalistischen Politiker, einschließlich der neuen Biden-Regierung, hören nicht auf, das Leben der Arbeiter dem Profit der Konzerne zu opfern.

Dieser Streik hat erneut gezeigt, dass die prokapitalistischen und nationalistischen Gewerkschaften das größte Hindernis dafür sind, dass die Arbeiterklasse dem Massensterben in der Pandemie ein Ende setzen kann. Um ihre Kämpfe voranzutreiben, brauchen die Arbeiter bei Hunts Point und anderswo neue Kampforganisationen, Aktionskomitees, und eine internationale sozialistische Strategie. Nur so können sie für die Umverteilung der gesellschaftlichen Ressourcen kämpfen, um das Leben und den Lebensunterhalt ihrer Familien zu retten.

Wir rufen Arbeiter dringend dazu auf, sich mit uns in Verbindung zu setzen, um weitere Informationen zu erhalten und sich dem wachsenden Netzwerk von Aktionskomitees in den USA und international anzuschließen.