Oxfam-Bericht: Auch in Deutschland profitieren die Reichsten von der Pandemie

Von Elisabeth Zimmermann
28. Januar 2021

Pünktlich zum Davoser Weltwirtschafsforum, das in diesem Jahr online stattfindet, hat die Hilfsorganisation Oxfam ihren jährlichen Bericht zur Entwicklung der weltweiten sozialen Ungleichheit veröffentlicht.

Der Bericht weist nach, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich in der Coronavirus-Pandemie dramatisch verschärft hat – und dies zum ersten Mal seit 100 Jahren in fast allen Ländern gleichzeitig. Dies ist in erster Linie eine Folge der Politik der Regierungen und Zentralbanken, die die Finanzmärkte und großen Konzerne mit Billionen überschwemmen, während Arbeiter und kleine Selbständige die Lasten der Krise tragen.

Während Millionen von Arbeitern auf der ganzen Welt ihre Arbeit, ihr Einkommen und nahe Angehörige verloren haben, wuchs der kollektive Reichtum der Milliardäre zwischen dem 18. März und dem 31. Dezember 2020 um 3,9 Billionen Dollar. Die zehn reichsten „Pandemieprofiteure“, einschließlich Tesla-Chef Elon Musk und Amazon-Chef Jeff Bezos, konnten ihren Reichtum in diesem Zeitraum um 540 Milliarden Dollar vermehren.

Oxfam schätzt, dass es ein Jahrzehnt dauern könnte, bis sich die Ärmsten von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie erholt haben, während die 1000 Reichsten ihre anfänglichen Verluste in nur neun Monaten wieder wettgemacht haben.

Die WSWS hat bereits über den Oxfam-Bericht geschrieben, der ein nahezu unvorstellbares Ausmaß der sozialen Ungleichheit dokumentiert. So hat sich die Gesamtzahl der Milliardäre seit der Finanzkrise 2008 fast verdoppelt. Mit einem Gesamtvermögen von 11,95 Billionen Dollar besitzen die 2300 Milliardäre gleich viel, wie alle G20-Staten zusammen für die Corona-Pandemie ausgegeben haben.

56 Prozent der Weltbevölkerung sind dagegen gezwungen, mit 2 bis 10 Dollar am Tag zu überleben. Sie haben keinerlei Rücklagen, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie abzufedern. Über drei Milliarden haben keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, drei Viertel der Arbeiter haben keine soziale Absicherung bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit und gehörten schon vor Ausbruch der Pandemie zu den arbeitenden Armen.

Dieser Artikel konzentriert sich auf die Zahlen, die Oxfam zur sozialen Lage in Deutschland gesammelt hat.

Obdachloser Straßenmusiker in Deutschland (Bild: Sciencia58 / CC BY-SA 4.0)

Auch hier hat sich die Zahl der Milliardäre trotz Corona-Pandemie erhöht – von 114 im Februar 2019 auf 116 Ende 2020. Sie verfügen zusammen über ein Vermögen von fast 607 Milliarden Dollar. Die zehn reichsten Deutschen konnten ihr Vermögen im Verlauf der Pandemie um rund 35 Prozent steigern. Ihr Gesamtvermögen beläuft sich auf 242 Milliarden US-Dollar, 62,7 Milliarden mehr als im Februar 2019.

Reichster Deutscher ist laut Oxfam Dieter Schwarz, der Besitzer von Lidl und Kaufland. Er erzielte mit 14 Milliarden den höchsten Zugewinn und besitzt jetzt 36,8 Milliarden Dollar. Die Beschäftigten von Lidl und Kaufland erhalten relativ niedrige Löhne und arbeiten unter unsicheren Bedingungen. Verkäuferinnen und Verkäufer in den Lebensmittelläden sind jeden Tag einer hohen Infektionsgefahr durch Covid-19 ausgesetzt.

Ähnliches trifft auf die Besitzer von Aldi zu. Die Eigentümer Beate Heister und Karl Albrecht jr. konnten ihr Vermögen um 6,4 Milliarden Dollar steigern. Der Schrauben- und Teile-Fabrikant Reinhold Würth erhöhte sein Vermögen von 11,2 auf 20,6 Milliarden Dollar, während gleichzeitig Teile der Belegschaft in Kurzarbeit waren.

Auch die Hauptanteilseigner von BMW, die Geschwister Susanne Klatten und Stefan Quandt, haben von der Krise enorm profitiert. BMW hat trotz der Corona-Pandemie 1,6 Milliarden Euro Dividende an seine Aktionäre ausbezahlt. Die Hälfte davon ging an Klatten und Quandt. Ihre Vermögen erhöhten sich von 21 auf 26,4 Milliarden und von 17,5 auf 20,3 Milliarden Euro.

Diese ungeheure Bereicherung fand statt, während sich auch bei BMW Tausende in Kurzarbeit befanden, um ihre Arbeitsplätze fürchteten und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten, wenn sie trotz der Pandemie arbeiten mussten.

Die Liste der Profiteure der Pandemie ist noch wesentlich länger. Wie der Oxfam-Bericht aufzeigt, haben die hunderte Milliarden schweren „Rettungspakete“ für Konzerne und Banken dafür gesorgt, dass die Aktienkurse nach einem Einbruch im März 2020 auf neue Rekordwerte stiegen, was maßgeblich zur Bereicherung der Reichen beitrug.

Sie hatten dabei die volle Unterstützung der Gewerkschaften, die dafür sorgten, dass Betriebe, Büros, öffentliche Verkehrsmittel und Schulen trotz mehrerer Lockdowns offen blieben. Das hat allein in Deutschland über 50.000 Todesopfer gekostet. Weltweit sind bereits über zwei Millionen Menschen dem Virus zum Opfer gefallen, und die Zahl der Toten steigt täglich weiter an.

Der Oxfam-Bericht geht auch auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie ein: „Die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Schäden haben dazu geführt, dass Hunderte Millionen Menschen ihre Arbeit verloren und Not und Hunger ins Auge blicken mussten. In fast allen Ländern hatten die finanziell am schlechtesten gestellten Menschen aufgrund der Pandemie noch weniger Einkünfte.“

In Bezug auf Deutschland verweist Oxfam auf den WSI-Verteilungsbericht, laut dem 40 Prozent der Beschäftigten Einkommensverluste hinnehmen mussten. Menschen mit vorher schon niedrigen Einkommen und unsicheren Arbeitsplätzen waren und sind besonders stark betroffen.

Ärmere Menschen sterben auch häufiger an Corona als Reiche. So ist in Großbritannien die Todesrate von Covid-19-Erkrankten in einkommensschwachen Regionen doppelt so hoch wie in wohlhabenderen Gebieten. Das gilt ähnlich auch für Frankreich, Spanien, Indien und Deutschland. Arme Menschen haben aufgrund von Vorerkrankungen und von schlechteren Lebensverhältnissen oftmals einen schwereren Krankheitsverlauf. Hinzu kommen enge Wohnverhältnisse, wo Maßnahmen zur sozialen Distanzierung im Krankheitsfall oft nicht möglich sind.

Der Oxfam-Bericht richtet wie bereits in den Vorjahren nutzlose Appelle an die Herrschenden, ihre Politik zu ändern. Das werden sie nicht tun. Arbeiter müssen ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen. Die Sozialistische Gleichheitspartei ruft zur Bildung von unabhängigen Aktionskomitees in Betrieben und Schulen auf, um sich vor den Gefahren der Pandemie zu schützen.

Diese Komitees müssen einen europaweiten Generalstreik vorbereiten, mit dem Ziel, Arbeiterregierungen zu errichten, die das Leben über die Profite stellen. Die Milliarden Euros und Dollars, die sich die Reichen dieser Welt widerrechtlich angeeignet haben, müssen genutzt werden, um die Corona-Pandemie und die weitverbreitete Armut und Not effektiv zu bekämpfen.

 

Siehe auch:

Corona-Pandemie verschärft soziale Ungleichheit
[18. Dezember 2020]

Globales Milliardärs-Vermögen in der Pandemie um 3,9 Billionen Dollar gestiegen
[27. Januar 2021]

Der DAX mästet sich am Massensterben
[30. Dezember 2020]